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# St. Gallen, St. Galler Festspiele, Edgar - Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 03.07.2018
- URL: https://www.ioco.de/st-gallen-st-galler-festspiele-edgar-giacomo-puccini-ioco-kritik-03-07-2018/
- Published: 2018-07-04T07:00:16.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:46:43.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Oper & Operette, Mozart, Premieren, richard wagner, tristan und isolde, Premiere, Carmen, Puccini, Turandot, Richard Strauss, staatsoper hannover, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, giacomo puccini, St. Gallen

![St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Solisten, Statisterie und Chor © Tanja Dorendorf](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/edgar_aufmacher-neu1-1.jpg)

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Solisten, Statisterie und Chor © Tanja Dorendorf

[St. Galler Festspiele](http://www.stgaller-festspiele.ch/de/?ref=ioco.de)

# EDGAR - Giacomo Puccini

***„ E Dio ti GuARdi da quest’opera “!***

Von **Julian Führer**

*„Gott, hüte dich vor dieser Oper!“,* so äußerte sich **Giacomo Puccini** gegenüber **Sybil Seligman** einmal über seine zweite Oper, die er mit knapp dreißig Jahren vollendet hatte, und versteckte noch deren Titel in dem Fluch. Nach dem Achtungserfolg seines Opernerstlings ***Le Villi*** von 1884 ließ er sich abermals von **Ferdinando Fontana** ein Libretto liefern, das letztlich aber mitverantwortlich für das schnelle Scheitern des 1889 uraufgeführten ***Edgar*** war. Das auf **Alfred de Mussets** ***La coupe et les lèvres*** zurückgehende Textbuch zeigt einen negativen Helden, vermag aber keine Entwicklung der Charaktere zu zeichnen. Auch mehrere Überarbeitungen, vor allem die Straffung von vier auf drei Akte und die Streichung etlicher Nummern, konnten das Stück nicht im Repertoire halten. Und so ist es möglich, dass im Jahr 2018 eine **Puccini**\-Oper ihre Schweizer Erstaufführung erlebte.

# ***\- St. Galler Festspiele - 29\. Juni bis 13\. Juli 2018 -***

Die 2006 begründeten St. Galler Festspiele bringen in jeder Saison neben Konzerten und Tanz auch eine Oper heraus, üblicherweise ein Stück, das nicht zum Kern des üblichen Repertoires zählt. Die Freilichtbühne wird im Klosterhof errichtet, so dass die Zuschauer auf die barocken Türme der St. Galler Klosterkirche blicken. Werke wie ***Cavalleria rusticana*** (1890, kurz nach ***Edgar***, uraufgeführt), die auf dem Vorplatz einer Kirche spielen, bieten sich natürlich besonders an. Auch **Puccinis** ***Edgar*** bedient sich etlicher Versatzstücke aus Grand opéra und Melodramma und enthält eine Szene auf dem Dorfplatz, einen Kirchenchor, ein (später gestrichenes) Trinklied, ein Duell und weitere Elemente, die aus anderen Stücken der Zeit bekannt sind. Die Personen sind eher Typen als Charaktere: ***Edgar*** (Tenor) kann sich nicht zwischen der lieben, frommen und reichlich blassen ***Fidelia*** (Sopran) und der lüsternen und leicht verkommenen ***Tigrana*** (Mezzosopran) entscheiden. Nebenfiguren sind ***Frank*** (Bariton), ein Verehrer ***Tigranas***, und dessen Vater ***Gualtiero*** (Bass), der als eine Art moralisch vermittelnder Autorität auftritt. ***Tigrana*** weist als Figur Parallelen zu ***Carmen*** und zu ***Mimì*** in ***La Bohème*** auf, in ***Fidelia*** kann man ähnliche Wesenszüge wie bei ***Elisabeth*** in **Wagners** ***Tannhäuser*** sehen, nur machen die Figuren keinerlei Entwicklungen durch.

![St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Michail Ryssov als Gualtiero © Tanja Dorendorf](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/edgar_person-edgar-neu-1.jpg)

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Michail Ryssov als Gualtiero © Tanja Dorendorf

Der erste Akt spielt in einem flämischen Dorf. Die genretypischen Szenen (Chor der Dorfleute) werden gezeigt. ***Fidelia*** überreicht ***Edgar*** einen Mandelzweig als Zeichen ihrer Liebe. ***Tigrana*** mokiert sich über diese Liebesszene und macht ***Edgar*** Avancen; ***Frank*** macht ihr Vorwürfe, die Dorfbevölkerung wendet sich gegen sie, ***Edgar*** nimmt sie in Schutz, duelliert sich mit ***Frank*** und zündet spontan sein eigenes Haus an. – Wie nähert man sich dieser nicht sehr originellen und an Inkonsistenzen reichen Handlung? Die Inszenierung wurde dem inzwischen auch international bekannten **Tobias Kratzer** übertragen, das Bühnenbild entwarf **Rainer Sellmaier**. Das flämische Dorf wird auf raffinierte Weise wiedergegeben. Die Vorlage siedelte das Stück ursprünglich in Tirol an, doch **Puccinis** Erstling ***Le Villi*** spielt im Schwarzwald, und der Komponist wollte wohl im Hinblick auf den Erfolg seines Stückes nicht schon wieder eine Oper in einer deutschsprachigen Bergregion zeigen. Ist Flandern also pures Beiwerk? Hier nicht ganz: Das Bühnenbild gibt sehr detailfreudig und präzise die Anbetung des Lammes aus dem Genter Altar des **Jan van Eyck** (und vielleicht seines Bruders **Hubert**) aus den 1430er Jahren wieder. Der Quell des Lebens im Vordergrund sprudelt mit echtem Wasser, das Lamm auf dem Altar steht wie in der Vorlage auf einer Erhöhung, das Volk trägt Kostüme (ebenfalls **Rainer Sellmaier**) wie auf dem Gemälde und ist ebenfalls in vier Gruppen, die von allen Seiten auftreten, arrangiert. Selbst das Gebüsch, das Altarbild wie Bühne gliedert, ist der Vorlage getreu nachgestellt, und im Hintergrund sehen wir eine Sonne und eine spätmittelalterliche Stadtlandschaft. Zusammen mit dem Licht (**Michael Bauer**), das das leuchtende Grün des Genter Altars aufnimmt, ein ungemein beeindruckender Effekt. Zu ***Tigranas*** „*Tu voluttà di fuoco*“, ihren eindeutig sexuellen Angeboten in Edgars Richtung, ertönt (Andante religioso sostenuto) aus der Ferne ein Orgelpräludium – als Theatereffekt ein von **Puccini** sicher gesetzter Kontrast, zumal ***Tigrana*** (**Alžbeta Vomácková**) sich ihres Kleids entledigt (und alles… bis auf eine Art hautfarbenen Ganzkörperbodysuit zeigt, immerhin befinden wir uns im Klosterhof und in einem lebendigen Altarbild). ***Tigranas*** Vorwürfe gegenüber ***Edgar*** bemühen die Metapher von einem vom Geier lebendig zerrissenen Lamm. Tatsächlich sehen wir dazu einen großen Geier (verkörpert von **David Schwindling**), der seinen Riesenschnabel im Lamm auf dem Altar versenkt und es ausweidet. Ein weiteres sehr starkes Bild!

![St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und Alzbeta Vomackova als Tigrana © Tanja Dorendorf](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/edgar_giordanoneu-1-1.jpg)

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und Alzbeta Vomackova als Tigrana © Tanja Dorendorf

Am Übergang zum zweiten Akt wurde vom Leitungsteam ein Stück eingefügt, das eigentlich nicht aus ***Edgar*** stammt, nämlich der „Hexensabbat“ (*La tregenda*) aus ***Le Villi***. Diese vier Minuten Musik sind kompositorisch packend (packender als weite Teile von ***Edgar***) und werden optisch beeindruckend umgesetzt: Der erhöhte Platz mit dem Altar und dem nunmehr ausgeweideten und umgeworfenen Lamm wird hochgehoben, von unten tut sich buchstäblich die Hölle auf, und ihr entsteigen Figuren aus den Gemälden des **Hieronymus Bosch**, nicht viel später entstanden als der Genter Altar, zwar nicht direkt in Flandern, aber doch in 's-Hertogenbosch in den Niederlanden, vor allem aber von bezwingender optischer Wirkung. Eigentlich werden diese vier Minuten nur für einen Umbau der Bühne benötigt (den übernehmen wesentlich mehrere kostümierte Geier), aber welch eine Wirkung! Die monströsen Figuren bleiben über weite Strecken des zweiten Aktes präsent.

Im zweiten Akt sehen wir ***Edgar***, der mit ***Tigrana*** durchgebrannt ist, sich aber in der Ferne nicht wohlfühlt und von ***Tigranas*** Leidenschaft gelangweilt ist. Er will sich einem zufällig vorbeiziehenden Heerhaufen anschließen, dessen Hauptmann – so ein Zufall! – kein anderer als ***Frank*** ist. Beide versöhnen sich, die sitzengelassene ***Tigrana*** schwört Rache. So weit, so opernhaft. Die weiterhin gespenstisch-monströs gehaltene Szenerie unterstreicht den Überdruss ***Edgars***, der hier etwas an ***Tannhäuser*** im Venusberg erinnert, aber eben nur schwach: Was auch immer ***Edgar*** in den drei Akten tut, ist selten logisch, eigentlich nie aus der Handlung konsequent entwickelt und psychologisch nicht herausgearbeitet.

![St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und das Volk © Tanja Dorendorf](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/edgar_edgar-und-volk-neu-1.jpg)

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und das Volk © Tanja Dorendorf

Der dritte und in dieser Fassung letzte Akt spielt kurz nach der sogenannten Goldsporenschlacht bei Courtrai/Kortrijk 1302\. Wir sehen eine große Trauerfeier der Dorfgemeinschaft des ersten Aktes für den in der Schlacht umgekommenen ***Edgar***, der eine ehrenvolle Bestattung erhalten soll. Ein Mönch tritt auf und erinnert die Trauergemeinde an ***Edgars*** Verfehlungen. ***Frank*** nimmt ihn in Schutz, ***Fidelia*** ist entsetzt. ***Tigrana*** tritt auf und trauert um Edgar, den sie als einzigen geliebt habe. Der Mönch und ***Frank*** bieten ihr insgeheim Schmuck dafür, dass sie ***Edgar*** vor der Dorfgemeinschaft diverser Sünden bezichtigt, was sie auch tut. Die Bevölkerung will nun ***Edgar*** das christliche Begräbnis verweigern und seinen Leichnam den Raben vorwerfen. Der Sarg wird vom Katafalk gestürzt und – ist abgesehen von ein paar Steinen leer. Der Mönch gibt sich spontan als verkleideter ***Edgar*** zu erkennen, und das Volk wendet sich gegen ***Tigrana***. Ende der Oper. Dies ist der Schluss der vieraktigen Fassung; in der gestrafften dreiaktigen Version ersticht **Tigrana** eigentlich **Fidelia**, allerdings ohne daß es dafür andere Musik gäbe – es handelt sich um Pantomime, und **Puccini** hielt damals wohl seine Musik (noch) für austauschbar. Hier haben sich **Tobias Kratzer** und **Rainer Sellmaier** für den ursprünglichen Schluss und für große Ausstattungsoper entschieden. Es ist nicht klar, ob wir uns noch in Flandern befinden, aber die trauernde Dorfgemeinschaft singt ein von **Puccini** weit ausholend komponiertes *Requiem*, als der Katafalk von einem echten Pferd auf die Bühne gezogen wird. Der falsche Mönch ist für einen Mönch viel zu prächtig kostümiert, aber hebt sich so optisch am besten von der Masse ab. Als sich die leicht manipulierbare Masse in der Schlussszene gegen ***Tigrana*** wendet, nimmt sie Steine aus dem Sarg und macht sich daran, die Ausgestoßene zu steinigen. In dieser Lesart des Endes wird die Sympathie des Publikums eher auf die ebenfalls manipulierte ***Tigrana*** gelenkt, während ***Fidelia*** und ***Gualtiero*** abermals und wie sonst auch blasse Stichwortgeber bleiben.

![St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini © Tanja Dorendor](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/edgar_0415neu-1.jpg)

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini © Tanja Dorendor

Die Musik, die **Puccini** hier geschrieben hat, weist bei einigen Klangbildern und kompositorischen Kniffen wie Nonenketten auf seinen charakteristischen Stil, zu dem er mit seiner nächsten Oper **Manon Lescaut** finden sollte. In diesem Stadium hingegen bewegt sich die Musik zwischen **Verdi**, **Mascagni** und **Leoncavallo**, aber ohne die Dramatik und den Sinn für musikalischen Spannungsaufbau, die diesen Komponisten zu Eigen waren. Aus ***Edgar*** haben es auch keine einzelnen Stücke zu Berühmtheit gebracht. Der groß besetzte Chor hat viel zu tun. Die Freilichtbühne bringt es allerdings mit sich, dass die Solisten über Microports verstärkt werden; selbst ein mächtiger Chor verliert sich akustisch hingegen. Die Solisten haben es nicht einfach; **Tigrana** ist die eindeutig interessantere weibliche Figur, und **Alžbeta Vomácková** kann auch schauspielerisch überzeugen (einiges von ***Tigrana*** findet sich bei ***Musetta*** in **La Bohème** wieder, nur dass diese Figur eine charakterliche Entwicklung durchmacht). ***Fidelia*** auf der Bühne zu Leben erwecken, ist eine schwierige Aufgabe; **Elena Rossi** hat von der Regie große Theatergesten zugedacht bekommen, sie ringt mit den Händen und kauert über dem Sarg. Ihr Sopran schien in der Höhe und bei Registerwechseln manchmal etwas scharf und gepresst zu sein. Dies gilt ebenfalls für ***Edgar*** selbst (**Mickael Spadaccini**), während **Stefano Palatchi** und **Domenico Balzani** als ***Gualtiero*** und ***Frank*** mit ihren tieferen Stimmlagen wohl mehr Glück mit der Übertragungstechnik hatten. Auch zum Orchester (Sinfonieorchester St. Gallen) unter **Leo Hussain** lässt sich kaum etwas Verlässliches sagen, da die Übertragung des unsichtbar irgendwo in der Nähe in einem geschlossenen Raum spielenden Orchesters die Tonanlage hörbar an ihre Grenzen brachte. Viele Frequenzen und Grade der Dynamik sind so nicht wiederzugeben; **Puccini** scheint mächtige Fortissimi komponiert zu haben. Dennoch ist eine Vorstellung unter freiem Himmel mit opulenter Ausstattung wohl die beste Möglichkeit, das Werk zu präsentieren. Eine konzertante Aufführung würde die Schwächen der Komposition noch mehr zutage treten lassen, und einen Stammplatz im Repertoire wird es für ***Edgar*** wohl tatsächlich nicht mehr geben.

Am Ende der Aufführung ist es dunkel geworden, die anfangs sehr lebhaften und lauten Schwalben sind den düsteren Geiern auf der Bühne gewichen. Eine interessante Begegnung mit einem Frühwerk, die vor allem durch die üppige und vor allem sinnhafte Bebilderung seitens des Regieteams im Gedächtnis haften bleibt.

\---| IOCO Kritik St. Galler Festspiele |---