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# Solothurn, Theater Biel Solothurn,  Šárka - Oper von Leos Janácek, IOCO Kritik, 13.05.2021
- URL: https://www.ioco.de/solothurn-theater-biel-solothurn-sarka-oper-von-leos-janacek-ioco-kritik-13-05-2021/
- Published: 2021-05-13T07:00:31.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:06:51.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Oper & Operette

![Stadttheater Solothurn © Johannes Iff](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/theater-solothurn-foto-johannes-iff-neu.jpg)

Stadttheater Solothurn © Johannes Iff

[Stadttheater Biel Solothurn](https://www.tobs.ch/?ref=ioco.de)

# ***Šárka -*** ***Oper v***on **Leoš Janácek**

**Glücksgriff in Solothurn: Die Ausgrabung eines recycelten Librettos**

von **Julian Führer**

Solothurn ist ein Schweizer Kanton, gleichzeitig eine Stadt an der ***Aare,*** und diese Stadt hat ein **Stadttheater,** Foto oben, das von außen kaum als solches zu erkennen ist. 2013/2014 fand eine Generalsanierung statt; bei Ausgrabungen kam eine Ufermauer aus dem 13\. Jahrhundert zum Vorschein, im 17\. Jahrhundert wurde weitergebaut, seit 1779 bestehen Bühne und Zuschauerraum. Bei der Restaurierung kamen barocke Brüstungsmalereien zum Vorschein. Inzwischen hat das Stadttheater einen eher nüchtern-elegant gehaltenen Foyerbereich und einen nun wieder wunderschönen Zuschauerraum mit nicht einmal 300 Sitzplätzen (verteilt auf Parkett, Balkon und Galerie). Das **Theater Orchester Biel Solothurn, TOBS,** präsentiert seine Produktionen jeweils an beiden Standorten, wobei die vergangene Premiere von [**Rameaus** ***Zaïs*** (***IOCO***  berichtete, link HIER!)](https://ioco.de/2021/05/04/biel-theater-biel-solothurn-zais-barockoper-von-jean-philippe-rameau-ioco-kritik-04-05-2021/?ref=ioco.de) in Biel stattfand, für die jetzige Neuproduktion jedoch Solothurn die ersten Vorstellungen zeigen konnte.

 **Šárka - Leos Janacek**Youtube Trailer des Theater Orchester Biel Solothurn \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

Mehrere Schweizer Opernbühnen haben in der jüngsten Zeit Werke von **Leoš Janácek** präsentiert: Es gab [***Das schlaue Füchslein*** in Luzern ***IOCO*** berichtete, link HIER)](https://ioco.de/2021/05/06/luzern-stadttheater-luzern-das-schlaue-fuechslein-leos-janacek-ioco-kritik-06-05-2021/?ref=ioco.de)), [***Katja Kabanowa i***n Bern; **IOCO** berichtete, link HIER!)](https://ioco.de/2018/06/19/bern-theater-bern-katja-kabanowa-leos-janacek-ioco-kritik-18-06-2018/?ref=ioco.de) und ***Die Sache Makropulos*** (Zürich) zu sehen. Seinen Opernerstling ***Šárka***  kann man nun am **Stadttheater Solothurn** entdecken. Dieses selbst für **Janáceks** Verhältnisse kurze Werk mit einer Spieldauer von 60 Minuten entstand über eine Zeitspanne von über drei Jahrzehnten – die ersten beiden Akte waren 1887 vollendet, 1919 nahm der Komponist sein Werk wieder hervor, sein Schüler **Oswald Chlubna** instrumentierte schließlich noch den dritten Akt, und erst 1925 kam es in Brno/Brünn zur Uraufführung.

Diese Ausgrabung erlaubt einen Blick auf einen gänzlich anderen **Janácek**, der 1887 zwar bereits wie auch später noch sehr patriotisch eingestellt war, aber einen noch völlig anderen Kompositionsstil pflegte als in seinen anderen, meist erst kurz vor seinem Lebensende entstandenen Opern und obendrein ein mythisch-historisches Sujet wählte, wie es so gar nicht zu seinen späteren Opernthemen zu passen scheint. Das Libretto ging auf **Julius Zeyer** zurück, der es zunächst **Antonín Dvorák** anbot, dann auch noch **Bedrich Smetana** vorschlug. **Smetana** hatte bereits eine Oper ***Libuše*** geschrieben und mit ***Vyšehrad***, dem ersten Teil des Zyklus ***Mein Vaterland***, zu dem auch ***Die Moldau*** gehört, ein weiteres Mal Libuše und ihren Gemahl thematisiert; es hätte sich damit die Gelegenheit zu einer Fortsetzung geboten. Beide aber, **Smetana** und **Dvorák**, schrieben dann keine Oper zu diesem Text.

**Janácek** seinerseits komponierte buchstäblich drauflos, und erst nachdem er den Klavierauszug der ersten beiden Akte an **Dvorák** geschickt hatte, der sich recht angetan äußerte, wandte sich **Janácek** endlich auch an **Zeyer**, ob dieser mit der Verwendung der Vorlage durch ihn denn überhaupt einverstanden wäre – er war es nicht und antwortete in erbostem Tonfall. Als **Janácek** am Ende des Ersten Weltkrieges das Werk dann wieder vornahm, war **Zeyer** längst tot, und so war es einfacher, die Rechte an dem Libretto zu erwerben.

![ Theater Biel Solothurn / SARKA von Leos Janacek © Suzanne Schwiertz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/sarka_1_-foto-suzanne-schwiertzneu.jpg)

Theater Biel Solothurn / SARKA von Leos Janacek © Suzanne Schwiertz

Das Thema ist also der tschechischen Nationalmythologie entnommen, das Grab der Libuše (die bereits im 12\. Jahrhundert beim Chronisten **Cosmas von Prag** gefeiert wird) steht räumlich im Zentrum der Handlung. Das Stück beginnt mit einer angesichts der Gesamtdauer der Oper recht langen, aber unbedingt hörenswerten Ouvertüre. Das von Chefdirigent **Kaspar Zehnder** geleitete Orchester schlug einen zunächst ganz romantischen Tonfall an; das Blech ist angesichts des eher kleinen Grabens links schon unter dem Balkon etwas eingeklemmt (mit punktuellen Folgen für die Klangbalance). Es ist erstaunlich, welche Vielfalt von Farben in diesem eher kleinen Raum und mit einem nicht sehr üppig besetzten Klangkörper erreicht werden – Orchester und Dirigent gebührt großes Lob.

Der Vorhang ist bereits geöffnet. Zu sehen ist im Bühnenbild von **Francis O’Connor** der vergitterte Eingang zum Libušegrab, links und rechts von je zwei Wachen flankiert. **Premysl** (**Javid Samadov**) trauert dort und beklagt den seit ihrem Tod geführten Krieg zwischen seinen Männern und den Amazonen unter ***Šárka.*** Da erscheint Ctirad (**Irakli Murjikneli**) und sucht nach den im Grab angeblich verborgenen magischen Waffen gegen die Amazonen. Doch während er **Premysl** das mitteilt, zeigt sich der Mond (wie schon bei der Bieler ***Zaïs*** wieder herrliches Licht von **Mario Bösemann**!), und **Ctirad** singt gleichzeitig auch von Liebe, ins Orchester mischen sich ätherische Harfenklänge…

Die Waffen sind gefunden, das Grabmal sieht zunächst aus wie ein großer Eisblock mit einer goldenen Krone, dennoch wirkt es wie Marmor. Ctirad bemerkt das Herannahen der šarka, die sich dort mit ihren Gefährtinnen zu verbergen pflegt – **Serenad Uyar** verkörpert die Titelrolle in höchst beeindruckender Weise. Ihre Gesangslinien könnten an **Wagner** orientiert sein, sie hat das Furienhafte der Isolde (im ersten Akt von ***Tristan und Isolde***) oder sogar ***Ortrud*** (***Lohengrin***), aber auch eine verletzliche Seite einer gleichwohl starken Persönlichkeit wie **Brünnhilde** im dritten Akt der ***Walküre***. Der Chor wird coronabedingt vom Band eingespielt, auf der Bühne hat ***Šárka*** zwei Begleiterinnen (**Tereza Kotlanova** und **Leonora Gaitanou**, die sich viel in Bodennähe bewegen müssen – sicherlich ein anstrengender Auftritt).

Im folgenden zweiten Akt steht links und rechts je ein käfigartiges Modul auf der Bühne, so dass die Spielfläche geschickt verkleinert wird.***Šárkas*** Gefolge sortiert einerseits Geschirr, andererseits eine Art Knochensammlung, wohl die Überreste der Kämpfe der Amazonen. ***Šárka*** weiß, dass **Ctirad** ihr Feind ist, aber sie macht ihn nicht einfach nieder (abermals wie in ***Tristan und Isolde***). Blutrünstig ist sie in dieser Inszenierung allemal, ritzt sich und übergießt sich mit einem Eimer Theaterblut, sie ist aber auch verliebt und lässt sich von ihren Begleiterinnen an einen Baum anketten. Natürlich findet ***Ctirad*** sie so, und šarka verlangt mehrfach von ihm, dass er sie töte. Da ***Ctirad*** seinerseits verliebt ist, wird aus šarkas Todessehnsucht zunehmend Liebestrunkenheit auf beiden Seiten. **Ctirad** löst ihre Fesseln. Ein drittes Mal ähnlich wie in **Wagners** ***Tristan*** geschieht das Unglück auf dem Höhepunkt der Liebesszene: **Ctirad** wird von ***Šárkas*** Gefolge niedergestochen, er beklagt noch den Verrat und stirbt. Im Libretto überwiegt im zweiten Akt das Kalkül der ***Šárka,***  um **Ctirad** zu überwältigen, die Musik und die Inszenierung betonen eher ihre Liebe und dass sie allein nicht in der Lage wäre, **Ctirad** zu überwältigen.

![ Theater Biel Solothurn / SARKA von Leos Janacek © Suzanne Schwiertz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/sarka_-11-suzanne-schwiertzneu.jpg)

Theater Biel Solothurn / SARKA von Leos Janacek © Suzanne Schwiertz

Der dritte und letzte Akt beginnt mit einer **Ctirad** gewidmeten, sehr effektvollen Trauermusik. Dazu ist zu sehen, wie die vier Wächter der Eingangsszene (**Konstantin Nazlamov**, **Valentin Vassilev** – gleichzeitig Chorleiter in Biel und Solothurn –, **Giovanni Baraglia** und **Yurii Strakhov**) den erschlagenen **Ctirad** in einen Leichensack stecken und so zurück zu **Premysl** bringen, der den Tod des Helden beklagt und von der Todesgöttin Morana singt, ein Verweis auf vorchristliche Zeiten). Für **Ctirad** wird ein Scheiterhaufen errichtet. ***Šárka*** erscheint und stürzt sich (als hätte **Janácek** die ***Brünnhilde*** der ***Götterdämmerung*** als Modell genommen) in den Scheiterhaufen des Helden, den sie geliebt und dessen Tod sie dennoch betrieben hat. Das kleine Theater Solothurn macht aus dieser Schlussszene einen beachtlichen Feuerzauber – die Lichtregie ist abermals beeindruckend. Am Ende der Oper steht eine Art Apotheose, die durch einen Schlusschor zelebriert wird; **Irakli Murjikneli** und **Serenad Uyar** nehmen neben den anderen Solisten Aufstellung und können so den Chorstimmen zu großem Klang verhelfen.

Die Inszenierung von **Dieter Kaegi**, der gleichzeitig Intendant des Hauses ist, stellt vor jeden Akt sowie ans Ende Gedichttexte aus Aserbaidschan, Georgien, der Türkei und Deutschland (**Paul Celan**), die von einzelnen Solisten sehr konzentriert in der Originalsprache vorgetragen werden. Sie rahmen das Geschehen und verleihen dem Gezeigten eine Art Relevanz über den tschechischen Nationalmythos hinaus. Zwischen den Akten erlauben sie natürlich auch diskrete Umbaupausen, am Ende jedoch hat **Janácek** einen so effektvollen Schluss komponiert, dass es vielleicht eindrucksvoller gewesen wäre, hier die Musik sprechen zu lassen.

![ Theater Biel Solothurn / SARKA von Leos Janacek © Suzanne Schwiertz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/sarka_5-foto-suzanne-schwiertzneu.jpg)

Theater Biel Solothurn / SARKA von Leos Janacek © Suzanne Schwiertz

Die Solisten überzeugten restlos. Die Bühnenpräsenz und Wandlungsfähigkeit der **Serenad Uyar**, auch die Durchschlagskraft ihres mit breiter Mezzogrundierung ausgestatteten Soprans machten ihre šarka zu einer veritablen Erscheinung. **Irakli Murjikneli** erschien hier als flexibler und klangschöner Heldentenor, Javid Samadov als sonorer Bariton in der Partie des P?emysl, die ihn rollenbedingt etwas in den Hintergrund treten ließ.

Die Kürze des Stückes erlaubt tägliche Vorstellungen. Nach der Aufführungsserie in Solothurn wird ***šarka*** auch am Theater in Biel zu sehen sein. Gerade wegen des gänzlich anders komponierenden jungen **Janácek** ist ***Šárka*** eine geglückte Ausgrabung. Leider waren wegen der aktuellen Situation nur 50 Zuschauer zugelassen, die ersten beiden Parkettreihen und die Ränge mussten ganz freibleiben. Dieses Werk sollte unbedingt auch an anderen Häusern gezeigt werden.

\---| IOCO Kritik Theater Biel Solothurn |---