> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Sofia, Nationaloper, Richard-Wagner-Festival - LOHENGRIN,  IOCO
- URL: https://www.ioco.de/sofia-nationaloper-richard-wagner-festival-lohengrin-ioco/
- Published: 2024-06-30T09:55:40.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:56:15.000Z
- Description: NATIONALOPER SOFIA - Lohengrin: Die vom Team Hans Kudlich / Nela Stoyanova gekonnt konzipierte Bühne, die von Zach Blane in stimmungsvolles Licht in Blau, Rot und Violett getaucht wird, hätte ....... Mario Dice fand für Richard Wagners romantisches Werk aus dem deutschen Mittelalter ......
- Author: Astrid Petersmann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken

LOHENGRIN von Richard Wagner, Nationaloper (Sofia Opera and Ballet), Sofia, 23.6.2024.

 von **Astrid Petersmann**

Das bulgarische Opernhaus **Sofia Opera and Ballet**, die **Nationaloper,** richtet 2024 wieder, wie in den vergangenen Jahren, ein **Richard-Wagner-Festival** aus, bei dem neben dem ***Ring des Nibelungen*** eine Neuinszenierung von ***Lohengrin*** zu sehen ist.

Im Zentrum der Bühne, die hier besprochene Vorstellung vom 23.6.2024, dominiert ein übergroßer, blätterloser Baum zu dessen beiden Seiten nach griechischer Manier Treppen für die des Öfteren überlauten Chöre errichtet wurden. Die Chöre bleiben in aller Regel statisch, ihre Bewegungen sind auf ein Auf- und Abtreten reduziert.

Die vom Team **Hans Kudlich** / **Nela Stoyanova** gekonnt konzipierte Bühne, die von **Zach Blane** in stimmungsvolles Licht in Blau, Rot und Violett getaucht wird, hätte nicht nur für den Chor, sondern auch für die Hauptpersonen mehr Möglichkeiten geboten. **Mario Dice** fand für **Richard Wagners** romantisches Werk aus dem deutschen Mittelalter nicht wirklich die passenden Kostüme. Dass etwa **Telramund** unter seinem Umhang im 1\. Akt einen Herrenanzug der Gegenwart und der *Schwanenritter* überlange, wie Schwanenflügel anmutende Ärmel zu tragen hat, verzerrt die optische Illusion vom Mittelalter. Das unangenehm ins Auge stechende blaue Kostüm des Königs und seine völlig unpassende Schärpe und Krone ist ebenfalls nicht gelungen. 

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/thumbnail2.jpg)

LOHENGRIN Szenefoto ©   *Sofia Opera and Ballet / Svetoslav Nikolov-Chapi*

Wollen Wagnerianer\*Innen eine werkgetreue Inszenierung anstatt der teils höchst seltsamen Ideen aus München (**Kornél Mundruczó**) oder Wien/Salzburg (**Jossi Wieler** / **Sergio Morabito**), erleben, müssen sie sich auf die Reise nach dem von **Wagner** im **Lohengrin** noch als *„öden Osten*“ bezeichneten Gebiet machen. Auf der Opernbühne von Sofia inszeniert der Generaldirektor der Oper, **Plamen Kartaloff**, immerhin ohne eigene krude, das Werk verfremdende Ideen einfließen zu lassen.

In seiner Personenregie allerdings ist er weniger glücklich, denn er degradiert die meisten Darsteller zu statischen Puppen, an deren Fäden er zu ziehen scheint. Dürfen sie sich bewegen, dann irren sie oft – ohne in ihrem Text dafür einen ersichtlichen Grund zu haben – von links nach rechts oder ziehen wieder und wieder Kreise im Halbrund der arenenhaften Bühne. Dies anscheinend nur, um in Bewegung zu bleiben und so wenigstens einen Anschein von Lebendigkeit zu erwecken.

Gefangen in dieser leblosen Personenregie gibt **Bjarni Thor Kristinsson** den ***König Heinrich den Vogler***, der trotz mächtigem Bass erkennbar mit der Intonation und der Höhe kämpft. Der ***Heerrufer*** von **Atanas Mladenov** fällt mit imponierendem Bariton positiv auf, wobei auch seine schauspielerischen Leistungen auf ein Minimum, nämlich das erwähnte Kreisen, reduziert sind. Ebenso verhält es sich bei **Radostina Nikolaeva** als ***Elsa,*** der die Regie zusätzlich mehrere Zusammenbrüche erlaubt. Ihr dröhnender Sopran macht die brabantische Adelige aber nicht eben attraktiv. Ihre bulgarische Kollegin **Gabriela Georgieva** als ***Ortrud*** nimmt sich erfreulicherweise dann und wann die Freiheit, dämonische Emotionen zu zeigen und beeindruckt durch ihre stimmliche Präsenz und Strahlkraft.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/thumbnail3.jpg)

LOHENGRIN Szenefoto ©   *Sofia Opera and Ballet / Svetoslav Nikolov-Chapi*

Bedauerlicherweise lässt sich auch der weltweit tätige, imponierende Sänger der Titelpartie des ***Lohengrin,*** der Neuseeländer **Simon O'Neill**, durch die einengende, rigide Personenregie einschränken, obwohl man von ihm weiß, wie berührend sein darstellerisches Können gerade in dieser Rolle – wie etwa bei seinem Debüt in Bayreuth – sein kann. In Sofia ist der *Gralsritter* durch die Regie darauf reduziert, mit seinem leuchtenden Tenor bei jeder Phrasierung ein ums andere Mal zu bestechen. **O'Neill** erfüllt durch Klangfarbe, Klangfülle und erfreuliche Sicherheit in Artikulation und Stimmführung ohne jede Anstrengung, was sich Wagner von einem Heldentenor erwartet. Abgesehen von einer wunderbaren Verabschiedung des Schwans im 1\. Akt und dem gelungenen, innig süßen Bitten um **Elsas** Verständnis im Brautgemach zählt die *Gralserzählung* zu seinen überirdisch schönen Glanzleistungen. Als er von **Elsa** Abschied nimmt, gelingt es ihm sogar, diesen stimmlichen Zenit bei *„O Elsa! Nur ein Jahr an deiner Seite“* noch zu toppen.

Wären nur die genannten dramatis personae zu *hören*, weil kaum wirklich zu *erleben* gewesen, wäre die Inszenierung von **Wagners** Werk zu einer verstaubten Oper verkommen.

Dass dies dem Publikum erspart blieb, ist dem Österreicher **Thomas Weinhappel** zu danken, zumal nur er sich offenkundig der eigenen Rolle und kaum den Regieanweisungen verpflichtet fühlt. Damit beweist er, der hier im Wagnerfach debütiert, dass Oper heutzutage anders funktionieren kann. In puncto schauspielerischer Ausstrahlung, in Anziehungskraft, rollengerecht in Gestik und Mimik und schon allein dadurch überzeugend gibt der Bariton den brabantischen ***Grafen Telramund.***

Möglicherweise verhalfen **Weinhappel** seine filmischen Erfahrungen in **Michael Hanekes** „*Die Klavierspielerin“* und **Mira Nairs** *„A suitable boy“* zu derart echtem – auch als ***Telramund*** – filmreifen Auftreten. Letzteres wird mit ziemlicher Sicherheit im Genre Oper angesichts der großen Konkurrenz, die der Film für die Oper zunehmend ist, immer mehr gefragt sein.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/thumbnail5.jpg)

Dazu beherrscht **Weinhappel** meisterhaft die Symbiose von mitreißend in aller Ehrlichkeit zur Schau gestellten Gefühlen und technisch einwandfreiem Gesang. Man gewinnt den Eindruck, dass er letzteren aus seinen Emotionen heraus entwickelt, diese durch die Musik gewissermaßen krönt.

Mit gestählter Stimme verklagt er, dem Ehre und Ruhm über alles gehen, selbstbewusst mit „*Dank König Dir“* ***Elsa*** und stellt **Lohengrin** bei *„Den dort im Glanz“* höchst aggressiv zur Rede.

Den ganzen Umfang seiner voluminösen Stimme von sicheren tenoralen Höhen bis zu profunden Tiefen setzt **Weinhappel** gepaart mit enormer Bühnenpräsenz und größter Wortdeutlichkeit im 2\. Akt ein. Seine wütenden Vorwürfe an Ortrud lassen nicht nur sie erzittern. Schauerlich schön personifiziert er mit fast schon ersterbendem Piano bis hin zum furchterregenden Forte den zutiefst deprimierten *„von Gott Geschlagenen*“ wie es gewaltiger nicht sein könnte!

Kein Wunder, dass diese Leistung Zuschauer\*Innen spätestens nach der großen Szene mit **Ortrud** in der Pause danach offen die Ansicht äußern lässt, dass der heutige Abend viel eher den Titel *„Telramund“* anstatt „*Lohengrin“* tragen müsse. Sie danken ihm seinen tatsächlich fulminanten Einsatz mit Szenenapplaus bereits nach „*mein Ehr' ist hin“.* Man bedauert, dass **Wagner** ihm im 3\. Akt keinen größeren Auftritt als den des stummen Attentäters zugedacht hat! 

Dank der außerordentlich präzisen, teils kontemplativen, dann wieder besonders temperamentvollen Orchesterführung durch den amerikanischen Maestro **Evan-Alexis Christ** kann das nun schon 14 Jahre an **Wagner** erprobte **Staatsopernorchester** von Sofia zeigen, dass es den deutschen Komponisten beherrscht. Mit echten Wagner-Qualitäten geht **Christ** mit größter Einfühlsamkeit auf die SängerInnen ein, scheint deren künftige Gesangslinien bereits zu erahnen, lässt das Orchester die Protagonisten niemals unangemessen dominieren und leitet ebenso perfekt die beiden Chöre dieser Produktion, den Chor der **Nationaloper Sofia** und den Männerchor des Bulgarischen Nationalen Rundfunkchors. So schafft er aus dem Orchestergraben heraus eine von ihm mit behutsamer und dennoch konsequenter Hand vorbereitete musikalische Landschaft, in der sich das Wunder **Wagner** ereignen kann. Dass nicht nur, aber auch Bayreuth **Christ** demnächst ein Dirigat und **Weinhappel** einige Baritonrollen anbietet, wird dem Vernehmen nach vom internationalen Publikum dieser Premiere, das heftig Beifall spendete, ganz deutlich gewünscht.

## [**NATIONALOPER SOFIA - alle Termine, Karten - link HIER!**](https://www.operasofia.bg/en/?ref=ioco.de)

### Mehr bei IOCO

[„Osterfestspiele 2022“, Salzburg](https://www.ioco.de/salzburg-groses-festspielhaus-osterfestspiele-2022-lohengrin-ioco-kritik-10-04-2022/)

## Wer rettet die ansonsten von rigider Personenregie geprägte Sofioter Lohengrin-Aufführung darstellerisch?

Vor allem Thomas Weinhappel als Telramund überzeugt durch filmreifes Spiel und technisch einwandfreien Gesang, während Simon O'Neill stimmlich als Lohengrin besticht.