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# Salzburg, Festspiele, Felsenreitschule, CASTOR ET POLLUX - Jean-Philippe Rameau, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/salzburg-festspiele-felsenreitschule-castor-et-pollux-jean-philippe-rameau-ioco/
- Published: 2025-08-31T16:42:57.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:55:45.000Z
- Description: Rameaus „Castor et Pollux“ als kosmisches Opernereignis in Salzburg: Teodor Currentzis und Utopia entfalten mit Peter Sellars’ Inszenierung ein berührendes Klang- und Bilderfest über Liebe, Opfer und Versöhnung – ein Abend von überwältigender Schönheit und Intensität.
- Author: Marcel Bub
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Salzburg

Castor et Pollux von Jean-Philippe Rameau, Felsenreitschule, Salzburg.

von Marcel Bub

Es ist die „Feier des Universums“, ein Geschenk an die Sinne, ein ästhetisch-körperliches Erleben von Tragik und Erlösung. Mit der Aufführung **Jean-Philippe Rameaus** „tragédie en musique“ ***Castor et Pollux*** ermöglichten **Teodor Currentzis** und sein Ensemble Utopia ein Musik-theatrales Ereignis überbordender Schönheit und tief berührender Intensität. Liebevoll eingebettet in **Peter Sellars** Inszenierung, beschenkten Orchester, Chor und Sänger Innenensemble, in dessen Mitte die Sopranistin **Jeanine De Bique** brillierte, das Salzburger Publikum an zwei denkwürdigen Opernabenden mit einer bereits im Januar dieses Jahres an der **Opéra national de Paris** in ähnlicher Form auf die Bühne gebrachten Produktion. Am Ende dieser tragisch-schönen Erzählung von Liebe und Verlust, von Leid und Versöhnung konnte im spannungsvoll-stillen Raum der Felsenreitschule der ergreifende Schlusschor an die Möglichkeit von Frieden und Utopie erinnern:

*Que les Cieux, que la Terre, et l’Onde* 
*Brillent de mille feux divers;* 
*C’est l’ordre du Maître du Monde;* 
*C’est la Fête de l’Univers.*

**Rameaus** 1737 uraufgeführtes Werk kennzeichnete einen kompositorischen Paradigmenwechsel hin zum Musikalisch-Klanglichen. Abstraktion und musikalische Dichte entfalteten sich auf der Grundlage einer mythologisch durchwebten Handlung. So wird ***Castor*** von seinem Rivalen ***Lynceus*** erschlagen und in einer düsteren Zeremonie bestattet. Während ***Pollux***, sein unsterblicher Bruder, vom Sieg heimkehrt und den Körper des Gegners zu Füßen von ***Castors*** Verlobter ***Télaïre*** niederlegt, feiert das Volk die Rache und ruft zu weiteren Kämpfen auf. Doch ***Télaïre*** verweigert sich dem Blutrausch und versinkt in tiefer Trauer. Als ***Pollux*** ihr seine Liebe gesteht, weist sie ihn zurück. Ihr Verlangen nach ***Castors*** Rückkehr ins Leben führt ***Pollux*** in einen schier unauflöslichen Konflikt: ***Castor*** darf zurückkehren, wenn ***Pollux*** selbst an seiner Stelle ins Reich der Toten geht. In einem schmerzhaften Prozess kritischer Selbstreflexion blickt ***Pollux*** auf sein Leben zurück. Für ihn eröffnet sich die Hölle eigener Schuld und großen Bedauerns. Auf seinem Weg begegnet ***Pollux*** der ihn liebenden ***Phébé***, doch ist er allein auf ***Castor*** fixiert. Indes revoltieren die Schatten und Unterdrückten, über die die Götter herrschen, zerreißen ihre Ketten und erschüttern die bestehende Ordnung.

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****Jeanine De Bique** (Télaïre), Utopia Chor © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Schließlich begegnen sich die beiden Brüder, ***Castor*** rastlos und voller Sehnsucht nach ***Télaïre***, ***Pollux*** ruhig und entschlossen, sein eigenes Leben zu opfern. Aufrichtig offenbart ***Pollux*** seine Liebe zu ***Télaïre*** und bietet ***Castor*** zugleich die Rückkehr an und sein Opfer. Tief bewegt formuliert dieser jedoch, ***Télaïre*** noch ein letztes Mal wiedersehen zu wollen, um dann wieder ins Schattenreich zurückzukehren.

Das ersehnte Wiedersehen mit ***Télaïre*** ist von ergreifender Intensität und Endgültigkeit geprägt. Scharen von Menschen strömen herbei, um das Paar zu feiern, doch ***Castor*** ist an seinen Eid gebunden, ***Pollux*** nicht im Schattenreich zurückzulassen. Schließlich appelliert ***Télaïre*** an ***Jupiter*** und bittet um Gerechtigkeit für die Liebenden. Ihr leidenschaftlicher Ruf erschüttert den Himmel, ***Jupiter*** hält die Sonne an und fordert neues Licht. ***Pollux*** und ***Phébé*** treten hinzu, aus der Hölle errettet. Der Himmel öffnet sich, Gestirne und Planeten leuchten, und ***Jupiter*** verkündet ein Gesetz universaler Geschwisterlichkeit. Die Geschichte endet nicht im persönlichen Glück, sondern in der Vision einer neuen Ordnung: Liebe und Gleichheit werden zum Fundament einer kosmischen Harmonie, die mit strahlendem Licht die Welt erfüllt.

Für die Aufführung dieser Reise durch Schönheit und Tragik der Liebenden Empfindungen und Streben in einer konflikthaften Welt kamen mit **Currentzis** und **Sellars** zwei Künstler zusammen, deren unermüdlicher Anspruch, die Tiefenstrukturen eines Stoffs freizulegen und auf innovativ-öffnende Weise zugänglich zu machen, einzigartig ist. In **Sellars** spirituell-einfühlender Lesart wurde die Handlung **Rameaus** Oper in den industriellen Vororten, den Banlieues, den Randgebieten von Stadt und Gesellschaft verortet. Wechsel und Übernahme der jeweils anderen Perspektive, das Weiten des Blicks und die kritische Neuausrichtung der eigenen Position waren dabei Kernelemente dieses Zugangs. Den bildästhetischen Rahmen setzten den Bühnenhintergrund ausfüllende Videoprojektionen von **Alex MacInnis**. Neben urbanen Szenerien in der Dämmerung oder Nacht erschienen dort mal einzelne Erdteile oder Kontinente aus der Satellitenperspektive, mal Planeten oder das sternenreiche Universum. Der Rest der Bühne stellte die schlichte Einrichtung einer Einzimmerwohnung dar, mit Bett, Sofa und Küchenzeile. Entgegen klassizistisch-bourgeoiser Vereinnahmung wurden hier Kunst und Musik in weltlicher Lebensrealität gezeigt. Klug und feinfühlig schuf **Sellars** damit eine erfrischend neue Perspektive. Während jene in Paris noch auf äußerst treffliche Weise durch Tänzerinnen und Tänzer um den Choreografen **Cal Hunt** ergänzt wurde, ließen sich in dieser Salzburger Version Solistinnen und Solisten Chor auf eine gemeinschaftliche Choreografie und theatrale Gestaltung ein. Unter der Leitung von **Vitaly Polonsky** überzeugte der **Chor von Utopia** auf ganzer Linie. Höchste Präzision, beeindruckende Wandelbarkeit und exzellente Stimmgestaltung machten die Darbietung dieses faszinierenden Klangkörpers aus. Sich stetig in verschiedenen Formationen im Bühnenraum bewegend, fein aufeinander abgestimmt und äußerst präsent, prägte diese chorische Ebene des Bühnengeschehens die Aufführung maßgeblich.

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****Jeanine De Bique** (Télaïre), ****Nicholas Newton** (Mars/Jupiter/Ein Athlet), ****Marc Mauillon** (Pollux), ****Laurence Kilsby** (L´Amour/Der Oberpriester Jupiters/Ein Athlet) © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

All diese so treffend interpretierten und dargebotenen Aspekte bildeten Grundlage und Rahmung für das durchgehend exzellente Solistinnen- und Solistenensemble. Von herausragender Brillanz war dabei in ihrer gesanglichen und darstellerischen Gestaltung die Sopranistin **Jeanine De Bique** als ***Télaïre***. Mit einem Moment zarter Zerbrechlichkeit und im nächsten eindringlicher Stimmgewalt präsentierte sie jede einzelne Note dieser anspruchsvollen Partie. Bereits im ersten Akt traf sie mit **Télaïres** Arie *„Tristes apprêts, pâles flambeaux“* auf fast unbeschreiblich ergreifende Weise direkt ins Herz. Eingeleitet durch ein aus 12 Takten bestehendes Vorspiel kulminierte für ein paar wunderbare Momente alles in dieser „süßesten, ergreifendsten Klage, die je einem liebenden Herzen entströmte“ (**Claude Debussy**). In stetig zugewandter Kommunikation mit dem Dirigenten modulierte sie die atemberaubendsten Passagen mit einer scheinbaren Leichtigkeit und Freude, die sich selten erleben lässt. **Currentzis** ermöglichte ihr dabei jene Offenheit, den Raum auf diesem Niveau in Gänze zu erstrahlen. Es war klar zu erkennen, welch tiefes Vertrauen zwischen diesen bereits in einigen gemeinsamen Projekten vereinten Menschen besteht. Gerade diese Form der kreativen Zusammenarbeit macht es möglich, immer wieder volles Risiko gehen zu können, über sich hinauszuwachsen und dabei um die Sicherheit durch alle anderen im Ensemble zu wissen.

Neben **De Bique** schufen auch **Yulia Vakula** als ***Phébé*** und **Natalia Smirnova** als ***Vénus***/***Ein seliger Schatten*** Klangwelten überbordender Schönheit und packender Dramatik. Filigran phrasierend und virtuos modulierend bot **Smirnova** die Göttin der Schönheit dar und bewegte sich dabei mit souveräner Leichtigkeit hin zu schwindelerregenden Klangspitzen und meisterte jedes noch so zerbrechliche Pianissimo. Erstrahlend-kraftvoll und pointiert-düster interpretiert **Vakula** ferner ihre Mezzosopranpartie. Der tiefe Schmerz unerwiderter Liebe in all seiner Tragik kam in ihrer Darstellung der ***Phébé*** treffend zur Geltung. Des Weiteren überzeugten im Zentrum des Geschehens **Marc Mauillon** als innerlich zerrissener und existenziell zu zerbrechen drohender ***Pollux*** und **Reinoud Van Mechelen** als ***Castor***. Erst im vierten Akt ins Geschehen eintretend, fügte sich der zart nuancierte Tenor dieses sehnsuchtsvoll Liebenden, dem sich zum Ende hin dann doch die Freude der Unsterblichkeit eröffnete, auf höchstem Niveau gestaltend in den Ensembleklang ein. Weitere Höhepunkte des Abends stellten der Bassbariton **Nicholas Newton** (***Mars***/***Jupiter***/***Ein Athlet***), der Tenor **Laurence Kilsby** (***L’Amour***/***Der Oberpriester Jupiters***/***Ein Athlet***) und die Sopranistin **Claire Antoine** (***Minerve***/***Eine Dienerin der Hébé***) dar. Mit wunderbar einnehmendem Timbre und prägnanter Gravitas brachte **Newton** die gestalterische Macht des Göttlichen zum Erklingen, während **Kilsbys** Esprit und kristallklare Klangschönheit nicht zuletzt in der lyrischen Arie *„Séjour de l’éternelle paix“* ihren Höhepunkt fand.

All dieser Exzellenz Raum gebend und sie voller Hingabe gestaltend, bewegte sich mit jeder Nuance seiner Präsenz, Klang und Darstellung modulierend der Dirigent **Teodor Currentzis**. Was sich hier dem Publikum an klanglicher Präzision, musikalischem Können und kommunikativer Kompetenz in der Aufführung bot, sucht derzeit weltweit seinesgleichen. Bühne und Orchester verschmolzen zu einer energiegeladenen Einheit existenziellen, künstlerischen Ausdrucks und kompromissloser Intensität. Das **Utopia-Ensemble** agierte, als sich unter **Currentzis**’ Dirigat virtuos windender Organismus brillanter Individuen, die sich hier in höchster Aufmerksamkeit aufeinander bezogen, versammelten, um Großes zu schaffen. Zu erleben war ein kristallklarer Klang, zugleich voll Schärfe und Schönheit. Von dem wohl zartesten Pianissimo, das man dieser Zeit erleben kann, bis hin zu atemberaubenden Tempi kaum zu fassender Präzision, setzte dieses Ensemble erneut Maßstäbe. Mit jeder Instrumentengruppe, mit jeder Person im stetigen Austausch sich haltend, ist diese Art, wie **Currentzis** seine Musikerinnen und Musiker im einen Moment in spannungsgeladener Aufmerksamkeit hält und sie im nächsten zu extremer Intensität treibt, ein beispielloses Ereignis gelingender Kommunikation und dem unbedingten Streben nach dem perfekten Klang. Insbesondere kam dies im seit Jahren bewährten Zusammenspiel mit **Maria Shabashova** am Continuo Cembalo zum Ausdruck. Ihr virtuoses und souverän gestaltendes Spiel zog sich als strukturgebende Größe durch jede Faser der Aufführung. Diese Fähigkeit, individuelle Meisterschaft in den komplexen Strukturen und Dynamiken eines orchestralen Organismus dialogisch zur Geltung zu bringen, zeichnete jede einzelne Person dieses Klangkörpers aus.

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****Natalia Smirnova** (Vénus/Ein seliger Schatten), ****Reinoud van Mechelen** (Castor) © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Seit seiner Gründung im Jahr 2022 ist **Utopia** auf den großen Bühnen der Welt präsent und regelmäßig, insbesondere auch bei den **Salzburger Festspielen,** zu Gast. Sich projektspezifisch immer neu international zusammensetzend, deckt das von **Currentzis** geschaffen und geleitete Ensemble eine große Bandbreite in Bezug auf Repertoire und Aufführungsformat ab. Neben Konzerttouren mit Werken von unter anderem **Gustav Mahler**, **Anton Bruckner, Johannes Brahms** und **P. I. Tschaikowsky**, arbeitete **Utopia** bereits mit Solistinnen und Solisten wie **Alexandre Kantorow**, **Regula Mühlemann** und **Aphrodite Patoulidou** zusammen und brachte auch im letzten Jahr **W. A. Mozarts** ***Don Giovanni*** in der Inszenierung von **Romeo Castellucci** bei den **Salzburger Festspielen** auf die Bühne. In der diesjährigen Festivalausgabe waren die Musikerinnen und Musiker zudem mit dem ***Klavierkonzert Nr. 2 F-Dur op. 102*** von **Dmitri Schostakowitsch** – solistisch interpretiert durch **Alexander Melnikov** – und **Mahlers** ***Sinfonie Nr. 4 G-Dur*** zu erleben. Kommende Touren werden das Ensemble insbesondere nach Berlin, Hamburg, Athen, Rom, Genf und Zürich führen. Ebenfalls angekündigt ist die Veröffentlichung einer Einspielung **Bruckners** ***Sinfonie Nr. 9 d-Moll*** bei dem neu gegründeten Label Theta.

Bei den beiden Aufführungen von ***Castor et Pollux*** in der **Salzburger Felsenreitschule** ließen **Utopia** und **Currentzis** Musik zum Ereignis werden. Hier wurde Großes geschaffen, etwas von Relevanz. Als zugewandte Erinnerung daran, was möglich ist, was Kunst kann, welche Tiefe menschliches Empfinden hat, ließ schließlich der im Licht der Sonne erstrahlende Schlusschoral, die *„Fête de l’Univers“*, die *„Feier des Universums“* den Blick auf eine kurz wirklich gewordene Utopie weiten.

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.salzburgerfestspiele.at/?ref=ioco.de)

### Mehr bei IOCO

[„Castor et Pollux“ in Wien](https://www.ioco.de/wien-theater-an-der-wien-ioco-besucht-im-olymp-des-barock-castor-et-pollux-von-jp-rameau-am-2812011/) · [„Platée“, Dresden](https://www.ioco.de/dresden-semperoper-platee-jean-philippe-rameau-ioco-kritik-10-04-2019/) · [„Samson“, Provence](https://www.ioco.de/provence-festival-daix-en-provence-2024-samson-jean-philippe-rameau-ioco/)

## Wie hat Jeanine De Bique als Télaïre in dieser Salzburger Produktion abgeschnitten?

Sie brillierte von herausragender Brillanz inmitten eines exzellenten Solistenensembles und ragte aus dieser durchweg überzeugenden Aufführung besonders heraus.