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# SALOME - oder die PRINZESSIN VON BABEL - IOCO Serie - Teil 5, 13.03.2021
- URL: https://www.ioco.de/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-5-13-03-2021/
- Published: 2021-03-13T09:00:13.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:06:25.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Pressemeldungen & Nachrichten

![Die Erscheinung - der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/02/gustave_moreau-_-lapparition-neu.jpg)

Die Erscheinung - der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz

# ***SALOMÉ* \- oder die *PRINZESSIN VON BABEL***

**IOCO Serie in sechs Teilen - von Peter M. Peters**

**bereits erschienen:** 

[**Teil 1 - Das Kultbild der Décadence**](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/2021/02/13/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-1-13-02-2021/?ref=ioco.de) [***Teil 2 - SALOMÉ: Jungfrau und Frau***](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/2021/02/20/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-2-20-02-2021/?ref=ioco.de) [***Teil 3 - Eine SALOMÉ versteckt die andere ...***](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/2021/02/27/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-3-27-2-2021/?ref=ioco.de) [**Teil 4 - Die namenlose SALOMÉ der Bibel**](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/2021/03/06/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-4-06-03-2021/?ref=ioco.de)

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# ***Teil 5 - SALOMÉ - Die Wandlung zur Kultfigur*** 

*„Nur im ehebrecherischen Bette konnte ein solches Scheusal erzeugt werden… Eine Schlange war in diesem Weib verborgen, die ihr unheilvolles Gift in den ganzen Körper vergoss, und von hier aus teilte es sich den Gästen mit, so dass deren Leib und Seele Raserei packte, sie zu Bestien verwandelte, dass sie menschliches Fleisch zu essen und menschliches Blut zu trinken verlangten* *und erst zufrieden waren, als ihnen die Prinzessin das Haupt mit dampfendem Blut brachte*.“ So der Kirchenvater **Petrus Chrysologus** (406-450 n. J.C.) über die ***Herodias*** *\-*Tochter, die als Lohn für ihren Tanz vor ***Herodes*** den Kopf ***Johannes des Täufers*** forderte. Die Evangelien des ***Markus*** und des ***Matthäus*** beschreiben als erste den Vorgang (fußend dabei aber vermutlich auf einem Bericht der ***Ab Urbe condita*** (1.Jahrhundert v. J.C. / *Römische Geschichte*) des **Titus Livius** (59 v. J.C. - 17 n. J.C.), nach dem ein **Titus Quinctius Flaminius** (229-174 v. J.C.) einem Lustknaben zuliebe einen Gefangenen enthaupten ließ). Obwohl die ***Herodias*** *\-*Tochter den Tod des **Täufers** bewirkt, bleibt sie bei den Evangelisten nur eine Nebenperson, das Werkzeug ihrer Mutter, handelt sie ohne eigenen Antrieb. Nicht einmal der Name wird genannt. Den spricht als erster der Kirchenvater **Isidor von Pelusium** (370-449 n. J.C.) aus: ***Salome!*** Als Mitwirkende an der Leidensgeschichte des ***Johannes*** wandert die Gestalt der ***Salome*** von den Auslassungen der Kirchenväter, die die biblische Erzählung ausschmücken, weiter über das altsächsische ***Heliand-Epos*** (um 830 n. J.C.) in die kirchlichen Schaustellungen der Mysterien-, Passions- und Prophetenspiele, in denen sie, wiewohl angestiftet von ihrer Mutter, als die Schuldige am Tode des Vorläufers ***Christi*** vorgeführt wurde. Im ***Alsfelder Spiel*** (Anfang des 16\. Jahrhunderts) taucht der Teufel in Gestalt eines alten Weibes auf und suggeriert der ***Herodias*** die Enthauptung des ***Täufers.*** Nach der Ausführung des Mordes gibt er sich zu erkennen und nimmt Mutter samt Tochter mit sich in die Hölle.

![ SALOME mit dem Kopf von Johannes von Lucas Cranach © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/03/salome-mit-dem-kopf-von-johannes-lucas-cranachneu.jpg)

SALOME mit dem Kopf von Johannes von Lucas Cranach © Wikimedia Commons

Ein anderes Bild von ***Salome*** vermittelt das lateinische ***Tierepos*** ***Reinhardus Vulpes***, verfasst von dem flandrischen **Magister Nivardus** (1123?-1174?) in der Mitte des 12\. Jahrhunderts. Hier taucht – lange vor **Wilde** – die Liebe der ***Salome*** zu ***Johannes dem Täufer*** auf. Entgegen der üblichen Darstellung trägt nicht ***Salome***, sondern allein ***Herodes*** die Schuld am Tode des Propheten:

*Glühend vor Verlangen,* *Des Täufers Weib zu werden, hatte sie* *Gelobt, nie einem Mann zu gehören,* *Wenn sie nicht diesen zum Gemahl erhielte,* *Doch als dem Vater ihre Lieb kund ward,* *Ließ er den unschuldigen Heiligen* *In grauser Wut enthaupten. Trostlos fordert* *Die Maid, dass man das abgeschlagene* *Haupt ihr bringe, und der königliche Diener* *Trägt es herein auf einer Schüssel. Sanft* *Mit ihren weichen Armen es liebkosend,* *Benetzt mit Tränen sie das teure Haupt,* *Und will mit glühenden Küssen es bedecken.* *Doch wie ihr Mund es zu berühren sucht,* *Weicht es zurück von ihr und bläst sie fort.* *Emporgewirbelt von des Hauches Wehen</em Fliegt sie von dannen. Des Johannes Zorn Treibt durch die luft'ge Bahn des weiten Himmels Sie rächend fort. Der Tote peinigt noch Die Arme, die er lebend nicht geliebt. Doch das Geschick lässt sie nicht ganz verderben. Der Ruhm und die Verehrung, welche ihr Zuteil wird, lindert ihres Jammers Qual.*

Ruhm und Verehrung, von denen hier die Rede ist, beziehen sich auf einen ***Salome***\- bzw. ***Herodias***\-Kult (Mutter und Tochter verschmelzen zu einer Person), der im Mittelalter neben dem der heidnischen Mondgöttin ***Diana*** weitverbreitet gewesen sein muss. Jedenfalls wendet sich im 10\. Jahrhundert ein Veroneser Bischof ganz energisch gegen eine derartige, von den christlichen Vorstellungen abweichende ***Herodias***\-Verehrung, die nach seinen Worten auf einem Drittel der christlichen Welt zu finden war. In Frankreich, wo ***Herodias*** / ***Salome*** mit der Fee ***Abunde*** eine Personalunion eingegangen war, besuchte sie die Häuser und segnete sie mit Überfluss, fand sie die Häuser aber verschlossen, verfluchte sie sie. **Heine** muss die heidnische Überlieferung gekannt haben. Neben ***Diana*** und der Fee ***Abunde*** versetzt er ***Herodias*** / ***Salome*** in seinem Epos ***Atta Troll*** ins wilde Heer:

*Wirklich eine Fürstin war sie,*   *War Judäas Königin,*   *Des Herodess schönes Weib,* *Die des Täufers Haupt begehrt hat.* *Dieser Blutschuld halber ward sie* *Auch vermaledeit; als Nachtspuk* *Muss sie bis zum jüngsten Tage* *Reiten mit der wilden Jagd.* *In den Händen trägt sie immer* *Jene Schüssel mit dem Haupte* *Des Johannes, und sie küsst es;* *Ja, sie küsst das Haupt mit Inbrunst,* *Denn sie liebte einsten Johannem -* *In der Bibel steht es nicht,* *Doch im Volke lebt die Sage* *Von Herodias' blut'ger Liebe.*

Die moralisierende Tendenz der kirchlichen Darstellungen setzten die weltlichen ***Johannes***\-Schauspiele fort. Als bedeutendstes gilt **Johannes Aals** (etwa 1500-1553) ***Tragoedia Joannis des Heiligen Vorläufers*** ***und Taeuffers Christi warhaffte Histori von anfang seines Laebens biss in das end siner enthauptung*** (1549). Bei **Aal** und auch in **Hans Sachs**' (1494-1576) ***Täufertragödie*** aus dem Jahre 1550 heckt nicht – wie in bisherigen Darstellungen – ***Herodias***, sondern **Salome** den Plan zur Ermordung des ***Täufers*** aus. Mehr als hundert Jahre später, im Zeitalter des Barock, ist es **Abraham a Santa Clar**a (1644-1709), der noch einmal in der Art der Kirchenväter gegen ***Salome*** (bei ihm: **Herodias**) zu Felde zieht:

 **Salomé von Richard Strauss in Baden-Baden**youtube Trailer   **Cinema Le Balzac \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

*Herodias / was ist das für ein saubere Princessin gewest / der Apffl fallt nit weit vom Stamm / der* *Fluss arth nach seinem Ursprung / Raben haben noch keinen Schwanen erzeigt / aus sauren Weinbeer kommt kein guter Most / aus bösen Eltern nit gute Kinder / aus dieser kupplerischen Ehe Herodis / die er hatte mit Philippi seines Bruders Weib / kunte ja kein andere Blumen hervor wachsen / als die Sau-Blumen Herodias ein Tochter / die zwar an der äusserlichen Leibs-Gestalt sehr schön und angenehm / aber wann sich nit liesse auch ein schändlicher Bech-Knollen vergolten… mit einem Wort / Herodias böss / wie ihre Frau Mutter...*

Das 18\. Jahrhundert wusste man wenig mit der Täufertragödie anzufangen. Der vom Rumpf getrennte Kopf eines Mannes war nicht nach dem Geschmack der Zeit. In **Christian Fürchtegott Gellert**'s (1715-1769) Gedicht ***Herodes und Herodias*** aus seinen ***Fabeln und Erzählungen*** (1746) wirkt manche Passage eher unfreiwillig komisch. Nach der Schilderung des Tanzes heißt es:

*Die Tochter eilt mit frohen Schritten* *Zu der Herodias, und fragt: was soll ich bitten?* *BITT UM DES TÄUFERS TROTZIG HAUPT:* *O Gott! Wer hätte das geglaubt?*

In der zweiten Hälfte des 19\. Jahrhunderts wird Salome zur Kultfigur. **Mallarmé** schildert in seinem Fragment ***Hérodiade*** keinen äußeren Vorgang, sondern gibt Reflexionen eines Zustandes, lässt ***Salomé*** / **Hérodias** zu einer Rätselgestalt werden, in der sich Lust und Grauen auf seltsame Weise mischen:

*Ich lieb der jungfrau grauen – will*< *Im schrecken leben den mein haar mir macht und still* *Des abends auf dem bett unnahbar wie die schlange* *Auf bracher brust die lust geniessen ohne bange.* *Die kalte klarheit die sie deiner bleiche dankt* *Du die erstirbt – du die an keuschen gluten krankt -* *Du weisse nacht aus eis und schnee voll grausamkeit!*

Anders **Flaubert**. In seiner Novelle ***Hérodias*** zeichnet er in realistischen Bildern die Ereignisse um die Enthauptung des ***Täufers.*** **Wilde** erhielt durch **Flauberts** Novelle die Anregung für sein Drama. Vermutlich hat er auch **Mallarmés** Fragment gekannt. Bei ihm wurde **Salomé** endgültig zur Hauptperson, deren Handeln allein von ihrer tödlichen Liebe zu dem Propheten bestimmt wird. Durch ihn wird die Prinzessin von Judäa zur Gestalt der Weltliteratur.

![Hans Sachs © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/03/488px-hans_sachsneu.jpg)

Hans Sachs © Wikimedia Commons

Hundertfach lebt **Salome** in Werken der bildenden Kunst. Angefangen von der Miniaturmalerei des 6\. Jahrhunderts ist ihr Weg auf Reliefs, Mosaiken, Fresken, Teppichen, Holzschnitten, Gemälden und Graphiken bis in unser Jahrhundert zu verfolgen. **Hugo Daffner** (1882-1936) hat in seinem Buch ***Salome – Ihre Gestalt in Geschichte und Kunst*** (1912) den Wandel des ***Salome***\-Bildes durch die Jahrhunderte mit großer Akribie dokumentiert. Die Häufigkeit der Abbildung im Mittelalter und der Renaissance verdankt die ***Herodias***\-Tochter der Vorzugsstellung, die ***Johannes der Täufer*** in der christlichen Hierarchie einnimmt. Die Darstellungen von seinem Ende vermitteln ein getreues Bild von Sitten, Gebräuchen und Kleidermoden der jeweiligen Zeit. ***Salome*** erscheint dabei eher als sittsames Bürgermädchen und folgsame Tochter denn als die Bestie, als die sie die Kirchenväter beschrieben. Seit dem *Cinquecento* gewinnt ihr Bild zunehmend an Individualität, wird sie meist als schöne Frau von eigenem Reiz gezeigt. Eine einheitliche Auffassung ihres Wesens verraten die zahlreichen Porträts freilich nicht. Bald sinnlich, bald spöttisch oder teilnahmslos tritt sie uns entgegen. Zu einer Schlüsselfigur – wie in der Literatur – wird sie erst im *fin de siècle.* Um die Jahrhundertwende greifen Dutzende von Malern das Sujet auf. Die Pariser Akademie der Schönen Künste wählte 1904 das **Salome**\-Thema sogar als Preisarbeit für den *Grand* *Prix de Rome.* Ein Vergleich der **Salome**\-Darstellungen etwa **Franz von Stuck** (1863-1928) **Lovis Corinth** (1858-1925), **Aubrey Beardsley** (1872-1898) und **Max Klinger** (1857-1920) zeigt die unterschiedliche Sicht der Künstler auf den Gegenstand – als lüsterne *femme fatale,* als Sphinx, als unnahbar keusche Jungfrau. Zum Mysterium wird **Salome** bei **Moreau**, der dem Rätselhaften ihres Wesens die faszinierendste Gestalt verlieh.

Auch in den musikalischen Gattungen hinterließ **Salome** schon lange vor **Strauss** ihre Spuren. Vor allem in einer Vielzahl von Täufer-Oratorien. Von **Alessandro Stradella**'s (1639-1682) ***San*** ***Giovanni Battista*** (1678) bis ins 19\. Jahrhundert, verbunden mit Namen wie **Antonio Bononcini** (1677-1726): ***La Decollazione di San Giovanni Battista*** (1709), **Maria Margherita Grimani** (1680-1720?): ***La Decollazione di San Giovanni Battista*** (1715), **Adolf Bernhard Marx** (1795-1866): ***Johannes der Täufer*** (1834) und **Carl Loewe** (1796-1869): ***Die Zerstörung von Jerusalem*** (1830). Auch die Oper nahm sich der Täufertragödie an, in Werken von **Antonio Caldara** (1670-1736): ***Amalasunta*** (1726), **Saverio Mercadante** (1795-1870): ***Erode*** (1826), **Massenet:** ***Hérodiade***, **Giocondo Fino** (1867-1950): ***Il Battista*** (1906). Nicht zu vergessen die schon oben genannte **Salomé** von **Mariotte**. Hinzu kommen noch **Salome*\-*Ballette, Bühnenmusiken zu dem Drama von **Wilde** und auch **Salome**\-Parodien.

**Salome*'s* Aufstieg zur Kultfigur wird verständlich, wenn man den Wandel des Frauenbildes im 19\. Jahrhundert verfolgt. **Ivan Nagel** (1931-2012) nennt in seinem Buch ***Autonomie und Gnade*** die drei Frauenbilder der deutschen Klassik prägenden Retterinnen-Gestalten: ***Iphigenie*** – ***Pamina*** – ***Leonore***. Aufschlussreich ist es die Reihe der Retterinnen auf der Bühne weiterzuverfolgen. Auch die ***Agathe*** des ***Freischütz*** (1821) von **Carl Maria von Weber** (1786-1826) ist eine Retterin, aber für ihr Rettungswerk hat sie nicht mehr die Tat, sondern allein ihre moralische Integrität einzusetzen. Mit ***Senta*** wandelt sich die Retterin zur Erlöserin. Durch ihre bedingungslose Treue bewirkt sie die Erlösung des ***Fliegenden Holländers*** (1843). Eine Erlösung zum Tode! ***Elisabeth*** erlöst den sterbenden ***Tannhäuser*** (1845) kraft ihres Glaubens. ***Elsa*** in ***Lohengrin*** (1850) dagegen bedarf der Rettung durch den Mann und geht zugrunde, weil es ihr an fraglosem Glauben an ihren Erretter gebricht. ***Brünnhilde*** begegnet uns in einer merkwürdigen Doppelrolle: als Retterin, aber auch als Verräterin ***Siegfrieds*** (1876). Nur die ***Kaiserin*** in ***Die*** ***Frau ohne*** ***Schatten*** (1919) ist noch einmal eine Retterin. Im Rückgriff auf Vorbilder der deutschen Klassik ***(Die*** ***Zauberflöte*** \-1791), ***Faust I & II*** (1808/1832) ***von* Johann Wolfgang von Goethe** (1749-1832) gelingt es **Hofmannsthal** eine Figur zu schaffen, die, indem sie ihr eigenes Glück nicht durch das Unglück anderer verkauft, den Gatten vor der Versteinerung bewahrt.

Widerpart der Retterinnen ist eine gegenläufige Bewegung: die Frau als Verderberin des Mannes. ***Eglantine*** in ***Euryanthe*** (1823) und ***Ortrud*** in ***Lohengrin*** mag man noch im Nachtrab der Intrigantinnen der Barockoper sehen. Aber mit ***Carmen*** (1875) von **Georges Bizet** (1838-1875) nach der gleichnamigen Novelle (1845) von **Prosper Mérimée** (1803-1870) erlangt die weibliche Verderberinnen-Rolle eine neue Qualität: Verderbnis durch weibliche Verführung, Zerstörung durch die Essenz des Weiblichen. Die Reihe der Verderberinnen lässt sich weiter verfolgen von **Friedrich** **Hebbel**s (1813-1863) ***Judith*** (1840) über ***Dalila*** aus ***Samson et Dalila*** (1877), ***Kundry*** aus ***Parsifal*** (1882), ***Mélisande*** aus ***Pelléas et Mélisande*** (1893) und ***Lulu*** (1937) von **Alban Berg** (1885-1935) bis zu ***Salome*** und ***Elektra*** (1909). „*Unerreichbar und unerklärlich sind alle, mag der Rahmen der dramatischen Aktion (denn solche* femmes fatales *sind wesentlich Kunstfiguren der Bühne) durch antiken oder biblischen Mythos, Märchenwelt oder die Interieurs eines bürgerlichen Salons bestimmt sein. Darin gleichen sich *Lulu* und* **Wildes** **Salomé*,* **Maeterlincks** **Mélisande* und* **Hofmannsthals** **Elektra*. Die scheinbare Äußerlichkeit, dass* **Strauss** *und* **Debussy** *und* **Alban** **Berg** *sich gerade durch diese ferne Nähe solcher Undinen als Tonsetzer inspirieren ließen, hat mit der Sache zu tun. Unerreichbare Weiblichkeit gehörte in der Tat nicht zur diskursiven Sphäre des Schauspiels, wo durch Gespräch und vernünftige Erörterung ein Fall besprochen werden kann. (…) Besprechen kann man die* femme fatale *bloss, wie man Zauberei bespricht.“* (**Hans Mayer** (1907-2001) *in *Außenseiter** / 1975)

![© Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/03/heine-grabneu.jpg)

Heinrich Heine Büste auf Montmartre © Wikimedia Commons

Das Frauenbild, das sich in den verführerischen Verderberinnen kundtut, hat mit der Rücknahme bürgerlicher Ideale zu tun. Zurückgenommen wird das Ideal der emanzipierten Frau. An seine Stelle tritt das Bild der Frau als gefährliches und unerklärliches Wesen. Freilich sollte man sich auch der Ambivalenz dieser Frauengestalten bewusst werden. Die meisten von ihnen sind nicht nur Verderberinnen, sondern gleichzeitig Opfer der Männerwelt. Unübersehbar haftet an ihnen auch ein Element des Provokativen. Nur allzu deutlich offenbarten sie Abgründe der menschlichen Psyche und im Verborgenen gehaltene Nachtseiten einer als gesichert geltenden Bürgerwelt. Die Skandale die **Oscar Wildes** ***Salomé*** auslöste sind bekannt. Auch die Oper von **Strauss** durfte an vielen Bühnen nicht gespielt werden. Die Kritik reagierte vorwiegend mit Unverständnis. Der Rezensent der ***Berliner Post*** bezeichnete sie anlässlich der Berliner Erstaufführung als „*das perverse Stück eines perversen Dichters, von* **Richard Strauss** *in eine perverse Musik gesetzt“.* Und wie sah der Dichter selbst seine Bühnenfigur? Der spanische Diplomat und Kritiker **Enrique Gomez Carillo** (1873-1927) hat überliefert dass **Wilde,** als er sein Stück schrieb, vor den Auslagen der Juweliere nach Edelsteinen suchte, die seine ***Salomé*** schmücken sollten. Eines Abends äußerste er: „*Meinen Sie nicht, sie wäre besser ganz nackt. Aber mit Juwelen, vielen Juwelen. Ineinandergeflochtene Strähnen von glitzernden Steinen an ihren Gelenken klingend, an den Armen, um den Hals, um die Taille, mit ihrem Glanz die äußerte Schamlosigkeit dieses warmen Fleisches enthüllend. Denn ich kann mir keine *Salomé* vorstellen, die sich nicht dessen bewusst ist, was sie tut … Ihre Gier muss ein Abgrund sein, ihre Verworfenheit ein Ozean.“*

*SALOMÉ* \- oder die PRINZESSIN VON BABEL

**Teil 6 \- *Zur Musik von Salomé* \- am 20.03.2021 - HIER!**

**Hinweis:** Die Eigennamen (z.B. Salome/é) wurden jeweils in der Original-Schreibweise genannt. **PMP-31/12/20-5/6**

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