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# SALOME - ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL - IOCO Serie - Teil 2, 20.02.2021
- URL: https://www.ioco.de/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-2-20-02-2021/
- Published: 2021-02-20T08:00:49.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:06:12.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: joseph haydn

![Die Erscheinung _ der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/02/gustave_moreau-_-lapparition-neu.jpg)

Die Erscheinung \_ der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz

# ***SALOME* \- oder die *PRINZESSIN VON BABEL***

**IOCO Serie in sechs Teilen - von Peter M. Peters**

[**Teil 1 - Das Kultbild der Décadence**](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/2021/02/13/salome-oder-die-prinzessin-von-babel-ioco-serie-teil-1-13-02-2021/?ref=ioco.de)

von **Peter M. Peters**

# ***Teil 2 - SALOMÉ : Jungfrau und Frau***

Die wichtigste Veränderung in **Oscar Wildes** zu vorangegangenen **Salomé-**Dramen betrifft die Person der ***Salomé***, die hier zu Recht zur gleichnamigen Heldin der Dichtung geworden ist. ***Hérodias*** war bisher, so auch bei **Gusatve Flaubert,** der wesentliche Charakter, weil sie in erster Linie für den Tod des ***Johannes*** verantwortlich war. Bei **Flaubert** (1821-1880) sowie in der Evangeliums-Geschichte provoziert ***Hérodias***  wissentlich den lasziven Tanz ihrer Tochter, um die Sinne des ***Antipas*** zu erregen: ***Salomé*** war nur eine Schachfigur in ihrem Spiel, ein verantwortungsloses Instrument ohne eigenen Willen. Die ***Hérodias*** von **Wilde** hingegen versucht, ihre Tochter vor der Unanständigkeit des Tetrarchen zu schützen; sie befürchtet in ihr auch eine mögliche Rivalin und will absolut nicht, dass ***Salomé*** tanzt. Aber diese Modifikation der ***Hérodias*** hat natürlicherweise schwere Folgen für die Veränderungen bei ihrer Tochter.

Die Originalität von **Wilde** zeichnet sich in der Tat durch die brillante Förderung unserer Heldin aus, die sich in ***Iokanaan*** verliebt hat und den Kopf nicht für ihre Mutter, sondern für sich selbst beansprucht. Eine persönliche Idee von **Wilde**? In seinem Gedicht ***Atta Troll*** hatte **Heinrich Heine** als erster die ***Hérodias*** (und nicht die Tochter!) als Liebende des ***Johannes des Täufers*** beschrieben. Dies gab für **Wilde** eine kapitale Ideenquelle zur Nutzung frei. Ein weiterer Präzedenzfall ist die Oper ***Hérodiade*** von **Massenet**, dessen Libretto nicht zögert, die Fakten des Evangeliums auf verwirrende Weise aufzurütteln: Hier ist es ***Salomé***, die ***Johannes*** mit einer sehr reinen Liebe und Opferbereitschaft ersehnt, natürlich in Erwartung auf seine Gegenliebe. Fügen wir die beiden Quellen zusammen, so haben wir, wenn man so will: ***Salomé*** von **Oscar Wilde!** Und doch hat der Charakter, den er geschaffen hat, eine solche willensstarke Aussagekraft, dass man zögert, von Quellen oder einem Einfluss zu sprechen: In Wahrheit ist die ***Salomé*** nur von **Wilde**!

Sie ist sechzehn, sie ist Jungfrau. Hier trifft sie, ohne es gesucht zu haben, auf eine große sinnliche Leidenschaft und erlebt sofort eine akute Nachfrage nach ihrer Befriedigung. Ihr Wunsch wird sofort zum Ausdruck gebracht, so kraftvoll und so wahr, dass nichts Schamloses daran ist. „*Die Frau* *ist natürlich, d.h. abscheulich“*, so schrieb **Charles Baudelaire** (1821-1867). Wir könnten im Gegenteil sagen, dass ***Salomé*** natürlich und daher grundsätzlich unschuldig ist. Die Stimme von ***Johannes***, der Körper von ***Johannes*** „*gleicht einem dünnen Elfenbeinbild“*, das uns die Sinne (Die melodische Linie von **Strauss** ist besonders in diesem Satz von erhabener Reinheit) berauscht. Sie hat bewundernswerte Schreie der Natur: „*Wer ist das, der Menschensohn?* *Ist er so hübsch wie* *du, *Iokanaan*?“ *Hérode** widerte sie an und auch der Mond, gewissermaßen Prüfstein der unbewussten Charaktere von ***Salomé***. War für sie eine jungfräuliche Frau, kalt und keusch? Nein, sie ist weder nymphoman noch pervers, sondern nur instinktiv! Und vor allem absolut! Die Leidenschaft, die sie nie hatte, die sie niemals haben wird. Sie weiß es, sie fühlt es! ***Johannes*** weigert sich sie lebend zu lieben, so wird sie ihn tot haben und um sich in diesen unerhörten Dingen zu verwirklichen, die sie mit ihrem Kopf und ihrem Mund verbindet. Am Ende dieses intensiven Duos ist sie nicht mehr dieselbe. ***Hérode*** verstand dies, deshalb seine spontane Art den Befehl zum Töten zu erteilen: „*Man töte dieses Weib!“* Diese übermenschliche Leidenschaft einer jungen Frau in einer ersten Liebe ist in ihrer Kraft äußerst ergreifend. In der Zeit einer plötzlichen Erleuchtung und zweier Dialoge fühlt sie alles, ergriff alles und erschöpfte alles von Liebe, Tod und Existenz. **Wieland Wagner** definiert sie mit dieser bemerkenswerten Formel: „*Ein Kind, das sich als* ***Isolde*** *ausdrücken will*!“ Tatsächlich kann Liebe für die Eine wie für die Andere nur im Tod wirklich erreicht werden. Ein Tod, der nach dem von ***Johannes*** notwendig erscheint und der kein Wesen verletzt, dessen Sensualität in einem Gefühl der Weltuntergangspanik aufblüht.

![Oscar Wilde auf Père Lachaise © IOCO Felix](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/03/oscar-wilde-auf-pere-lachaise-foto-ioco-felix-neugut.jpg)

Oscar Wilde auf Père Lachaise © IOCO Felix

## ***Schrecklich oder Barmherzig***

***Salomé*** ist in der Tat die Tochter von **Oscar Wilde,** indem sie einen grundlegenden Aspekt des Letzteren verkörpert und sich ohne Einschränkung den Impulsen hingibt, die sie emporheben. „*Wenn es um* *Vergnügen geht, habe ich mich voll und ganz dem hingegeben, da man alles tun sollte, was man tut“*, schrieb er in ***De Profundis*** (1905/1962). Aber **Wilde** war kein "*Alles-oder-nichts Mensch" und* wusste, dass er eine ungezügelte Hingabe an seine Impulse nicht ohne Vorbehalte gutheißen konnte. Früher oder später muss der Weg vom übermäßigem Leben versperrt werden; denn jedes Übermaß bringt seine eigene Bestrafung mit sich. Vor ***Salomé*** steht ***Johannes*** und dieser verkörpert einen weiteren Aspekt desselben **Wilde**: Hier haben wir eines dieser Paare von Sündern und Heiligen, für die seine Werke viele Beispiele bieten. ***Johannes*** ist in dem Drama sehr genau der Antagonist von ***Salomé*** (Dies ist eine weitere Förderungsfolge unserer Heldin!). Zwischen ihnen ist die Opposition absolut und ohne Abhilfe. ***Johannes*** hat einen Glauben und eine Moral, während ***Salomé*** nur sich selbst kennt und ihre Impulse. Trotzdem ist ***Iokanaan*** komplexer als es zuerst erscheint. **Antoine Goléa** (1906-1980) behauptet, dass er vor ***Salomé*** von einer gewalttätigen Liebe belebt wird, die er aber aufgrund seiner Persönlichkeit nicht offen gestehen kann: Daher seine wütenden steifen Prophezeiungen! Tatsächlich sehen wir im Text, dass er besonders mit plötzlicher Gewalt zu kämpfen hat, als ***Salomé*** sich nähert, denn er verspürt seinen bevorstehenden gewaltsamen Tod. Das tödliche Klima des Dramas wird sehr stark unterstrichen. Seine Worte wechseln zwischen gewalttätigen Anathemen *(„Mögen die Menschen sie steinigen!“)* und der Aufforderung zum Glaubensbekenntnis.

Historisch gesehen ist dies von **Wilde** aus sehr gut gesehen: Wir stehen am sogenannten Scharnier des Alten und Neuen Testaments und daher gibt es in ***Johannes*** sowohl etwas vom schrecklichen ***Jahwe*** als auch vom mitleidigen ***Christus***. Diese doppelte Identität zeigt tiefer die vielen Schwankungen von **Wilde**, dessen moralisches Gewissen zwischen der strengen Verurteilung seiner selbst und der unsicheren Hoffnung auf Erlösung zögert. Eine Vergebung!

![Lord Alfred Douglas und Oscar Wild, 1894 © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/02/450px-oscar_wilde_et_alfred_douglasneu-1.jpg)

Lord Alfred Douglas und Oscar Wild, 1894 © Wikimedia Commons

## ***Das Gewicht des schlechten Gewissen***

Für diejenigen, die solchen Kommentaren skeptisch gegenüberstehen würden, erinnern wir an diesen Satz von **Wilde** in einem Brief an **Lord Alfred Douglas** (1870-1945) vom 2\. Juni 1897: „*Mein Ziel war es, das Drama zu einer Ausdrucksform zu gestalten, die so persönlich ist wie ein lyrisches Gedicht oder eine Sonette.“* Für jeden, der **Wilde** ein wenig näher betrachtet hat, ist kein Zweifel möglich: ***Salomé*** und ***Iokanaan*** verkörpern jeweils eine Dimension ihres Autors, aber auch ***Hérode*** selbst, diese verachtungswürdige Gestalt spiegelt sich in **Wilde** wieder. Obwohl von der Kritik missverstanden, ist diese Figur mit den beiden vorherigen äußerst genau von **Wilde** erforscht worden. In dem Drama bei **Flaubert** ist ***Hérode*** sicherlich der alternde Tetrarch, der luxuriöse Orientale aber gleichzeitig auch sehr abergläubig und es nagt in seinen vielen Angstträumen: Er pendelt zwischen Wollust und Berechnung! Aber bei **Flaubert** hat ***Hérode*** kein schlechtes Gewissen, jedoch bei **Wilde** ist er schwer geistig umnachtet und äußerst menschenfeindlich. Letzterer fürchtet den Propheten in so krankhafter Heftigkeit, dass er im ganzen Stück kein einziges Wort mit ihm austauschen wird.

Da ***Iokanaan*** in derselben Zisterne eingesperrt ist, in der ***Hérode*** seinen älteren Bruder getötet hat, werden die Anathemen die er auslöst, von ihm wie als ein Echo von Vorwürfen wahrgenommen. Die unerbittlichen Gewissensbisse machen ihm das Leben unerträglich sowohl wegen des Mordes als auch seines Inzests. Alles passiert, als wäre ***Johannes*** sein wiedergeborener Bruder, der auf die Erde zurückgekehrt ist, um ihn zu verfolgen. Daher sein Schrecken, als er erfährt, dass ***Jesus*** die Toten auferwecken kann und sein grotesker Protest: *„Ich* *verbiete ihm das zu tun … Es wäre schrecklich, wenn die Toten zurückkehren würden!“* Wenn er den Propheten nicht töten kann, dann vor allem deshalb, weil dieser ihn mit Vorwürfen überwältigt und für ihn die Worte ausspricht, die er selbst nicht artikulieren kann: *„Er schlägt sich den Hintern an seiner Stelle“.* ***Johannes*** ist daher sein Gewissen, aber er sieht ihn auch als einen Abgesandten des göttlichen Zorn. Als den weltlichen Arm Gottes! Der Prophet ***Elias***, sagen die Juden, ist der Letzte der Gott sah. Nun hörte ***Hérode*** dass ***Iokanaan*** dieser Prophet ***Elias*** sein könnte und diese Möglichkeit erschreckte ihn furchtbar. Daher seine Panik, als ***Salomé*** den Kopf des ***Johannes*** verlangt. So fleht er sie inbrünstig an, dass sie eine andere reiche Belohnung dafür akzeptiert. Vergeblich!

***Hérode*** glaubt, dass das unaufhaltsame Schicksal ihn schwer belastet und das aus gutem Grund! Sein Verbrechen verfolgt ihn durch die Person des ***Johannes*** und sein fatales Versprechen an ***Salomé*** *(„Ich werde Dir alles geben was Du verlangst, sogar die Hälfte meines Königsreichs!“)* verzehrt ihn unweigerlich und fördert seinen Verfall. Er wird von seinen Wünschen wie von seinen Ängsten beherrscht: Er sieht den Mond zuerst als hysterische Frau, dann aber sieht er ihn rot wie Blut. Er ist begeistert von den religiösen Diskussionen aus Angst vor einer himmlischen Bestrafung und auch aus unbewusster Suche nach einem Ausweg, einer Erlösung. Aber diese Erlösungen entziehen sich ihm: Es gibt keine Frage um ihn herum, die nicht von toten oder grausamen Göttern oder von einem kommenden zukünftigen Gott spricht, der ihn erschreckt mit auferweckten Toten. Daher seine abscheuliche dunkle Stimmung und die Bitte, die er an ***Salomé*** stellt: Sie solle tanzen, nur tanzen, für ihn nur tanzen! Bis er schwindelig wird und sich selbst entkommen kann! Seine Geilheit und Lüsternheit verflüchtigt sich. ***Hérode*** illustriert einen Prozess der Selbstzerstörung, des Zerfalls der Persönlichkeit infolge von Schuldtaten, die ***Dorian Gray*** bereits beschrieben hatte. Ein wiederkehrendes Thema in **Wildes** Werken, das 1891 ein besessenes Bedürfnis zeigt, sich selbst in Frage zu stellen. Und das einige Jahre vor der entscheidenden Gewissensprüfung, die das Gefängnis von Reading provozieren sollte.

**Salomé der Royal Shakespeare Company in London** youtube Trailer Royal Shakespeare Company **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

## ***Sprache und Stil***

***Salomé*** ist eines der wenigen Werke, die englische Schriftsteller auf Französisch geschrieben haben. **Wildes** Liebe zur französischen Sprache war so groß, dass er darauf bestand: „*Dieses subtile* *Musikinstrument in der Kunst zu verwenden…“*, denn das war sie in seinen Augen! Wir wissen dass sein Text von seinen Pariser Freunden **Stuart Merrill** (1863-1915), **Adolphe Retté** (1863-1930) und **Pierre Louÿs** (1870-1925) überprüft wurde. Die Betonung ist originell, wie es normal ist, wenn ein Schriftsteller in einer Sprache schreibt, die nicht seine Muttersprache ist. Unmerkliche Fehler in der Sprache hier und da zeigen das Genie des Schreibers, verleihen seinen Sätzen eine fremdartige Kraft, die letztendlich dem Text dient und ihm seine eigene Farbe und seine merkwürdige undefinierbare Verführung verleiht.

Im genaueren Bereich des Stils bemerkte man sehr früh den Einfluss von **Maeterlinck**, der gerade seine ersten Stücke gespielt hatte: Ein Stil, der sich in kleinen kurzen Sätzen entwickelt, erstaunte Ausrufe, unglaubhafte Wiederholungen und das ergibt die Charakteren. **Maeterlinck** selbst: *„Das* *Erscheinen von etwas tauben Schlafwandlern, die ständig aus einem schmerzhaften Traum herausgerissen werden“.* Mit dem belgischen Dichter ist es ein ziemlich einfacher Prozess, Unsicherheit, tastendes Denken und ängstliche Kindlichkeit auszudrücken. Jedoch mit **Wilde** ist die Wirkung eines solchen Stils letztendlich sehr zweideutig: Denn er schwafelt weiter mehr oder weniger dumm über dieselben Sätze, über dieselben Charaktere. So kann ***Hérode*** auch etwas kindisch wirken; doch seine wörtlichen Wiederholungen tragen dazu bei, eine Atmosphäre des Unbehagens zu bilden. Seine mürrischen und bissigen Sorgen führen letztendlich zu einer Tragödie der Hexerei, die das Wesen des Stückes ausmachen.

Es wäre nicht weniger treffend zu bemerken, dass **Wilde** sich selbst nachahmt, indem er immer wieder Bilder erzeugt, die ihm persönlich lieb sind: der Flügelschlag des Todesengels aus der Bibel wurde mehrmals im ***Dorian Gray*** verwendet! Oder in dieser Phrase mit raffiniert dekorativem Ausdruck: „*Es sieht aus wie das Spiegelbild einer weißen Rose in einem silbernen Spiegel“.* Dieser Stil mag einigen als Pastiche oder Fälschung des ***Lied der Lieder*** erscheinen, z.B. wenn ***Salomé*** mit der Begeisterung eines jungen Backfisch den Körper oder den Mund von ***Iokanaan*** beschreibt, jedoch ist er typisch für die Schreibweise **Wildes**.

Es wurde auch gesagt, dass die ternären Entwicklungen, die **Wilde** während des gesamten Werkes ins unendliche verdoppelte (**Salomé** besang den Körper, die Haare, den Mund von ***Iokanaan***; ***Hérode*** bot ihr Smaragde, Pfauen und Juwelen usw. an), keine großen Empfindungen verursachte. Leichte und unfaire Kritik: Es gibt hier einen Effekt, den **Wilde** beabsichtigt, um seinem Text eine Einheit und einen Rhythmus des musikalischen Charakters zu verleihen, indem Themen oder Variationen desselben Themas zurückgegeben werden. „*Die wiederholten Sätze von *Salomé*, die es durch wiederholte Motive wie ein Musikstück homogen machen, sind und waren für mich das künstlerische Äquivalent der Refrains unserer Balladen“.* Dies bedeutet, das **Wilde** wissen wollte, dass sein Drama auch den Hörer mit ähnlichen Mitteln wie die der Musik beeinflussen kann. Auch hätte er das Projekt von **Strauss** zweifellos mit beiden Händen applaudiert. Selbst wenn es für ihn bedeuten würde, dass der Komponist sich für eine deutsche Version anstatt des französischen Original für die lyrischen Szenen, entschieden hatte.

![Der Pfauenrock, Illustration von Aubrey Beardsley, für Salomé geschaffen © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/02/430px-beardsley-peacockskirtneu.jpg)

Der Pfauenrock, Illustration von Aubrey Beardsley, für Salomé geschaffen © Wikimedia Commons

## ***Das menschlichste aller Psychodramen***

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, **Wildes** ***Salomé*** zu lesen. Wir können darin einfach die intensivsten dramatischen Werke sehen, die von einem berühmten Thema inspiriert sind, eine Geschichte mit einer legendären Aura, die die christliche Welt seit fast zwanzig Jahrhunderten fasziniert hat. Und das zweifellos wegen der gewalttätigen Farben, die sich meist in abscheulichen Melodramen verschmelzen mit dem reinen Licht der heiligen Tragödie. Oder man kann es auch als Vorahnung der moralischen Entwicklung seines Autors lesen, der nach einer schmerzhaften Passion in englischen Gefängnissen von 1895 bis 1897, folgendes schreiben wird: „*Ich bin überzeugt dass der höchste Moment im Leben eines Menschen ist, wenn er im Staub kniet, auf seine Brust schlägt und alle seine Sünden gesteht“.* Diese Notwendigkeit für Geständnisse quält ab 1890, wenn nicht früher, den Autor von ***Dorian Gray***. Und darum eines schönen Tages diese *„Krise des seltsamen Humors“,* erzählt er uns! Sie drängt ihn dazu, ***Salomé*** zu schreiben und die nichts anderes ist als der Moment der Rückkehr auf sich selbst, die Erforschung ohne Selbstzufriedenheit von sich selbst. Diese Treue von **Wilde** zu sich selbst, von ***Dorian Gray*** bis zum Gefängnis von Reading, sollte uns nicht überraschen: „*In jedem Moment unseres Lebens sind wir das, was wir sein werden und nicht weniger als das, was wir waren“*, schrieb er in demselben ***De profundis***. Bewundernswerter Satz, den **Sigmund Freud** (1856-1939) unterzeichnen hätte können und der die grundlegende Einheit allen Lebens durch die Beständigkeit des tiefen Ichs unter den durch die Dauer hervorgerufenen Veränderungen unterstreicht.

***Salomé*** ist somit ein Zeugnis vollkommener Ehrlichkeit, die Wahrheit eines Menschen, dem seine Lebensintensität moralische Probleme aufwirft. Und der sich allmählich des tragischen Potenzials seiner Existenz bewusst wird und bereits nach einem Ausweg sucht, die er aber bald auf Kosten einer erbärmlichen Erfahrung finden sollte. Das Werk hätte keine sehr starke dramatische Spannung ohne **Wildes** Investition, die sein Stück zu einer Art Psychodrama macht, in dem wir ihn ganz mit seinen gebieterischen Impulsen, seinen inneren Konflikten, seinen dumpfen sorgenvollen Fragen wieder finden. Es ist eine Vorsehung, dass das Thema ***Salomé*** im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Mode war, denn es bot sich bewundernswert für den persönlichen Ausdruck an, den **Wilde** durch sein Drama suchte und den er durch eine begrenzte Retusche erhielt. Obwohl das Wesentliche sein sogenanntes traditionelles Szenario war!

Wir müssen uns freuen, dass ***Salomé*** die Gelegenheit hatte einen genialen Musiker zu inspirieren, der fast zur gleichen Generation gehörte wie sein Autor. Die Partition von **Strauss** erschien nur ein wenig später als **Wildes** Werk und beide sind zeitgemäß mit den Forschungen und frühen Schriften von **Freud** bekannt. Das spezifische Privileg des lyrischen Werkes, das uns durch die magische Kraft des Gesanges wie durch das des Orchesterkommentars das intime Wesen der Charaktere liefern soll: Es werden ihre dunklen Zonen, ihre unbewussten Tiefen erforscht und aufgedeckt. Das Verfahren von **Strauss** ist identisch mit dem von **Wilde**! Mit seinen eigenen Ausdrucksmitteln ist es ebenso wirksam, wobei die Vehemenz der Musik die intime Gewalt des Textes wiederspiegelt. So bleibt ***Salomé*** grundsätzlich bei **Strauss**, was sie bereits bei **Wilde** war, nämlich eine Heldin aus Fleisch und Blut von außergewöhnlicher Kraft und kein einfaches erotisches Medium für dekadente Fantasien.

# ***SALOME* \- oder die *PRINZESSIN VON BABEL*** 

# Teil 3 - *Eine Salomé versteckt die Andere* \- folgt am 27.2.2021

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NB: Eigennamen, z.B. Salome/é, sind jeweils in der Original-Schreibweise genannt.

**PMP-31/12/20-2/6**

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