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# Rouen, Opéra Orchestre Normandie, Sasha Waltz & Guests - Beethoven 7, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/rouen-opera-orchestre-normandie-sasha-waltz-guests-beethoven-7-ioco/
- Published: 2026-03-29T12:55:37.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:55:30.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Ballett, Tanz & Bewegungskunst, Rouen

Beethoven 7 von Ludwig van Beethoven, Opéra Orchestre Normandie, Rouen, 20.03.2026.

  
**20.03.2026**

***DIE SUCHE NACH LICHT IN DER DUNKELHEIT…***

***O Ihr freien Völker der Welt…***

O ihr freien Völker der Welt  
Ihr die ihr eine Freiheitsstatue geschaffen habt

Einen Stein  
Einen Stein der in einen Brunnen fällt  
Und der an seinem eigenen Echo stirbt  
Hört den Klang seines Falls  
Den Klang seines Todes

Dreht eure Uhren ein Jahrhundert zurück  
Während ihr euren bitteren Kaffee am Morgen hinunterstürzt  
Mit der Nachricht von der Freiheit  
Um zu vergessen

Da wir auf der Seite der Zeit  
Auf dieser Seite der Welt  
Wir sind Tod in unserer eigenen Zeit  
(***Das Blut der Morgendämmerung*** von **Somaia Ramish** (\*1986) Auszug)

Für **Ludwig van Beethovens** (1770-1827) ***7.Sinfonie in A-Dur, Op. 92*** (1813), gesellt sich das Orchester in den Orchestergraben und schafft so einen lebendigen Dialog zwischen **Beethovens** Musik und **Sasha Waltz‘** (\*1963) Tanz. Die deutsche Choreografin greift diese Sinfonie auf, die der Komponist am Ende seines Lebens, als er bereits taub war, komponierte und konfrontiert sie mit den Wirren unserer Zeit: Dem Scheitern einer Revolution, der – erzwungenen – Rückkehr zu alten Traditionen, dem Konflikt zwischen dem Wunsch nach sozialem Wandel und Wiederherstellung und dem daraus resultierenden Verlust von Freiheit und Zukunftsperspektiven. Im ersten Teil der Aufführung, untermalt von den elektronischen Klängen des chilenischen Komponisten **Diego Noguera** (\*1982) mit ***Freedom/ Extasis*** (2020), setzt **Waltz** ihre Auseinandersetzung mit Utopien fort und untersucht Themen wie Desillusionierung, Widerstand und das Streben nach Freiheit. Wie in einem Dialog mit **Beethoven** hinterfragt die Choreografin die zerbrochenen Ideale des Komponisten angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit.

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Edivaldo Ernesto, Clementine Delu (c) Sebastian Bolesch

***Die Gleichschaltung der Massen…***

In **Beethoven 7** (2023) *„orchestriert“* **Waltz** ein kraftvolles choreografisches Werk, in dem die Musik von **Beethoven** und **Noguera** einen intensiven Dialog zwischen choreografischem Erbe und Moderne entstehen lässt. Das Stück beginnt mit einer Dystopie von düsterer Schönheit: Der erste Teil mit dem Titel ***Freedom / Extasis*** evoziert dämmrige Nebel, fragmentierte Gesten und Körper in seltsamen Formen verschlungen, vollführen einen langsamen, bedächtigen Tanz. **Nogueras** himmelhohe, synkopierte Musik erzeugt eine gedämpfte Spannung und spiegelt eine Welt in der Krise wider. Die Tänzer bewegen sich in Trios vorwärts, spannen sich an, brechen zusammen in einer Dynamik, in der die Gruppe das Individuum einengt. Die Grenze zwischen der Körperlichkeit und den ätherischen Schatten verschwimmt in dieser Klanglandschaft. Dann folgt der Bruch! Die Körper werden befreit, getragen von der rhythmischen Vitalität dieser **7\. Sinfonie**. Barfuß, in leichten Tuniken, gleiten, springen und schwingen die vierzehn Tänzer ihre Arme wie imaginäre Gewichte in einer fließenden und jubelnden Choreografie, einer wirbelnden Gestensprache spiralförmiger Drehungen. Das *Poco sostenuto* – *Vivace* wird zu freudiger Turbulenz, das *Allegretto* für einen Moment schwerelos, oder eine durchsichtige Fahne flattert, ein zerbrechlicher Hoffnungs-Schimmer.

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Beethoven7, Anna Paolaleso, Ensemble (c) Sebastian Bolesch

**Waltz** evoziert hier die wogenden Bewegungen des antiken Griechenlands, Volkstänze und Chor-Tanz. Jede Geste scheint von der anderen beeinflusst, in einem ständigen Zustand des Zuhörens. Die Symphonie wird zu einem Marsch in eine bessere Zukunft, unterbrochen von Zuckungen, Stürzen und Trauerbildern. Als Erbin des expressionistischen deutschen Ausdruckstanz verleiht **Waltz**: **Beethovens** Werk eine dramatische Intensität, eine ungestüme Energie: ***Eine Suche nach Licht in der Dunkelheit…***

***Die Tanz-Aufführung im Théâtre des Arts / Opéra Orchestre Normandie Rouen am 20\. März 2026:***

***Beethoven 7 – Sasha Waltz & Guests präsentieren einen Abend der großen Kontraste…***

**Waltz**, oft als Deutschlands bedeutendste Choreografin seit **Pina Bausch** (1940-2009) bezeichnet, ist bekannt für ihr vielseitiges Schaffen, das ortsspezifische Choreografien, Opernregie und Leitung des **Staatsballetts Berlin** für eine Spielzeit umfasst. Der Tanzabend ***Beethoven 7***, choreografiert für ihre eigene Kompanie **Sasha Waltz & Guests**, begann ebenfalls als ortsspezifisches Projekt, fand aber schließlich seinen Platz in den Theatern. Doch bevor sie uns **Beethovens** weltberühmten Klassiker präsentierte, konfrontierte die Choreografin ihr Publikum mit einem zeitgenössischen Musikstück, das – dem Titel nach zu urteilen – ähnliche Werte wie das große Meisterwerk feiert und doch kaum unterschiedlicher sein könnte: **Diego Nogueras**: ***Freedom/Extasis***.

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Beethoven7, Anna Paolaleso, Ensemble (c) Sebastian Bolesch

Der in Chile geborene und in Berlin lebende **Noguera** komponierte elektronische Klänge für das Stück, die von Anfang an an beunruhigenden Industrielärm erinnerten. Die Atmosphäre wurde immer überwältigender, als die Lautstärke langsam, aber sicher den gesamten Saal erfüllte. Die vor der Aufführung verteilten Ohrstöpsel halfen kaum, denn nicht nur der Boden und die Stühle, sondern auch unsere Körper begannen unter der Wucht der Klanglandschaft zu zittern und zu vibrieren. Wenn man sich unwohl fühlt, regieren die Sinne gedämpft, und man kann sich nur noch auf dieses quälende Gefühl konzentrieren. Obwohl wir die Tänzer – eingehüllt in schweren Nebel und mit seltsamen Kopfbedeckungen – auf der Bühne sahen und beobachteten, wie ihre langsamen, unbeholfenen Bewegungen mit der immer heftiger werdenden Musik an Dringlichkeit zunahmen, konnte wir sie nicht *wirklich* sehen und uns definitiv nicht auf sie konzentrieren. Viele verließen den Saal während der Aufführung! Wir hingegen verspürten einmal mehr das Bedürfnis, als guter *„Tanzkritiker“* \[sic\] zu bleiben. Dass **Nogueras** Komposition Raum braucht, ist klar! Ob sie Tanz oder gar ein Publikum braucht – da sind wir nicht so sicher.

Nach der Pause kehrten wir zu Melodien zurück, die dem Publikum leichter zugänglich sind, aber für die Choreografin nicht weniger herausfordernd. Eine der ersten Choreografinnen, die Konzertmusik – anstatt eigens für Tanzstücke komponierter Musk – verwendete, war die berühmte amerikanische Pionierin des Modern Dance, **Isadora Duncan** (1877-1927). Sie war sicherlich nicht die Einzige, die um die Jahrhundertwende dieses Tabu brach, aber sie ist wohl zweifellos die bekannteste und zugleich umstrittenste. Und während das Publikum sie verehrte, wurde sie von Kritikern oft hart verurteilt, weil sie das Werk großer Komponisten missbrauchte – Tanz galt eher damals als eine minderwertige Kunstform. Die Empörung war besonders groß, als **Duncan** nach Deutschland kam. Ihre Gegner konnten ihr verzeihen, dass sie zu **Frédéric Chopin** (1810-1849) tanzte – immerhin hatte er auch Tanzmusik komponiert -, aber nicht zu **Beethoven**. Der Prostest in der Presse war so laut und heftig, dass **Duncan** beschloss, ihr Programm in einer deutschen Stadt zu ändern und **Beethoven** wegzulassen.

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Hwanhee Hwang, Rosa Dicuonzo, Ensemble (c) Sebastian Bolesch

Heutzutage ist es natürlich nicht ungewöhnlich – und auch nicht verpönt -, Choreografin zu Konzertmusik zu entwickeln. Könnten wir uns beispielsweise **Jiři Kyliáns** (\*1947) Werk ohne all die fantastischen **Wolfgang Amadeus Mozart** (1756-1791) – Stücke vorstellen? Doch nicht jeder ist so begabt wie **Kylián**, und es braucht nach wie vor einen sehr guten Choreografen, um bei den größten klassischen Kompositionen mehr als nur eine bedürftige musikalische Umsetzung zu schaffen. Viele versuchten es, manche scheiterten, manche hatten Erfolg, manche übertrafen sich selbst.

**Waltz** gehört zu den herausragenden Künstlerinnen – ihre Interpretation von **Beethovens**: ***7\. Sinfonie*** ist ein mitreißendes, oft geistreiches und aufregendes Werk, das der Komplexität der Musik über alle vier Sätze hinweg gerecht wird. Zwei dieser vier Sätze wurden ursprünglich für eine Live-Übertragung des Fernsehsenders **ARTE** aus Delphi in Griechenland, während der Pandemie choreografiert. Später entschied sich **Waltz**, das Werk im Theater fertigzustellen. Obwohl **Waltz** ihr Ensemble auf vielfältige und kreative Weise über die Bühne bewegt und den gesamten Raum optimal nutzt, kann man sich gut vorstellen, dass der Anblick vor der antiken Kulisse noch majestätischer gewesen sein muss. Im verspielten ersten Satz sind die Tänzer in lockere, tunikartigen Gewänder gehüllt und rennen, springen und wirbeln wie Kinder auf einem Schulhof über die Bühne. Dies erinnert uns erneut an **Duncan** und ihre Intention, den Körper zu befreien und den Tanz zu erheben. **Waltz‘** Herangehensweise an diesen festlichen Satz hat eine ähnliche Wirkung auf uns. Die Choreografin füllt auch die Pausen zwischen den Bewegungen, wodurch noch deutlicher wird, dass der Tanz nicht nur dazu da ist: Der Musik zu dienen! Der getragene zweite Satz beginnt mit einem Marsch, der an einen Trauermarsch erinnert, bis sich Paare und kleinere Gruppen im Einklang mit der Musik absetzen. Auch die Choreografie wird farbenfroher! Einmal erscheint eine Frau mit einer riesigen Fahne auf die Bühne, die sie sanft über dem Publikum schwenkt – ein faszinierender Tanz für sich selbst. Die ***7\. Sinfonie*** entstand in der Zeit der europäischen Revolutionen gegen **Kaiser** **Napoléon Bonapartes I.** (1769-1821) Herrschaft und ist daher reich an politischen und ideologischen Inhalten. Auf **Waltz‘** Bühne ist die Fahne aus glitzerndem transparentem Stoff gefertigt, was Raum für eine universellere Interpretation lässt. Im letzten, kraftvollen Satz wirken die Tänzer wie Athleten oder Kämpfer, die die ***7.*** ***Sinfonie*** energisch zu Ende führen. **Beethovens** Musik mag keinen Tanz benötigen, doch **Waltz** beweist, dass sie dadurch bereichert werden kann.

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Hwanhee Hwang (c) Sebastian Bolesch

Der schweizerische Dirigent **Titus Engel** (\*1795) dirigierte wie immer das extraordinäre **Orchestre de l’Opéra** **Normandie Rouen** mit leichter aber auch sehr inspirierter Dimension. Bravo an alle Mitwerkenden vom Tänzer bis zum Musiker!

Siehe auch **IOCO-Kritik** vom 04.11.2024: **Johann Sebastian Bach** (1685-1750): ***Johannes Passion, BWV 245*** (1723/24). **Sasha Waltz** und **Leonardo Garcia-Alarcón** / **Théâtre des Champs-Élysées / Paris**.

***Rouen***: Auskunft und Karten [www.operaorchestrenormandierouen.fr](http://www.operaorchestrenormandierouen.fr/?ref=ioco.de) 

Telefon + 33 / (0)2 35 98 74 78

## Wie wirkte der zeitgenössische erste Teil mit Diego Nogueras Freedom/Extasis auf das Publikum?

Nogueras ohrenbetäubende, körperlich vibrierende Klanglandschaft überforderte das Publikum derart, dass viele den Saal verließen und der Tanz kaum wahrnehmbar blieb.