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# Rosie Aldridge, Interview, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/rosie-aldridge-interview-ioco/
- Published: 2026-09-14T13:24:51.000Z
- Updated: 2026-09-14T13:25:38.000Z
- Author: Team
- Tags: Interview

**„Ich möchte keine Figur spielen, die sich in einem Satz erklären lässt“ - Rosie Aldridge: im Gespräch mit IOCO** 

Mit ihrem Rollendebüt als Goneril in Aribert Reimanns „Lear“ eröffnet Rosie Aldridge am 16\. September die neue Spielzeit der Komischen Oper Berlin. Barrie Koskys Neuinszenierung im Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Tempelhof markiert zugleich den Auftakt zu einer außergewöhnlichen Spielzeit für die britische Sängerin, die sie in gleich vier Produktionen nach Deutschland führt.

Die interpretierten Rollen sind voller Kontraste. Nach „Lear" folgt an der Staatsoper Stuttgart ihr Debüt in der Titelrolle von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Darauf folgt die Küsterin in Janáčeks „Jenůfa“ in der sie an die Deutsche Oper am Rhein zurückkehrt. Im Juni ist sie schließlich wieder an der Komischen Oper Berlin zu erleben – als Mrs Lovett in Koskys Inszenierung von Sondheims „Sweeney Todd“.

Im Interview spricht Rosie Aldridge unter anderem über ihren ungewöhnlichen Karriereweg, die Verletzlichkeit Gonerils, ihre Faszination für komplexe Frauenfiguren und die Herausforderung, zwei große Partien gleichzeitig vorzubereiten.

**IOCO: Wie haben Sie zur Oper gefunden? Gab es einen bestimmten Moment, eine Sängerin oder einen Sänger oder eine Aufführung, durch die Ihnen klar wurde, dass Sie selbst Sängerin werden wollten?**

Ich wollte schon immer auf der Bühne stehen. Bereits als ganz kleines Kind war das alles, was ich wollte. Die Oper kam etwas später, als ich ein Teenager war. Ich erinnere mich noch daran, Olga Borodina als Marina in „Boris Godunow“ gesehen zu haben – und das war es: Plötzlich drehte sich die Welt um eine neue Achse. Auch Dame Janet Baker und Shirley Verrett waren riesige Inspirationen für mich.

Vor allem aber wollte ich, glaube ich, immer eine singende Schauspielerin sein. Für mich muss eine Aufführung ein Ganzes bilden. Ich hasse das Gefühl, dass das Drama stoppt, weil nun Zeit zum Singen ist. Die Stimme, die Worte, der Körper und die Figur müssen alle aus demselben Inneren kommen. Diese Verbindung hat mich damals begeistert, und genau diese Art von Künstlerin versuche ich noch heute jeden Tag zu sein.

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Rosie Aldridge copyright Jacobus Snyman 

**IOCO: Ihr Karriereweg ist eher ungewöhnlich: Sie haben vergleichsweise früh Figuren wie die Küsterin und Kabanicha gesungen, obwohl diese Partien häufig erst später in einer Sängerkarriere an der Reihe sind. Mit Rollen wie Goneril und Katerina Ismailova bewegen Sie sich nun zunehmend in Richtung Zwischenfach und dramatisches Sopranrepertoire. Haben Sie manchmal das Gefühl, den üblichen Weg gewissermaßen in umgekehrter Richtung zu gehen? Und wie bewusst steuern Sie diese Entwicklung?**

Ich erinnere mich, dass ein Casting-Direktor meinem Agenten einmal sagte, ich sei „alterslos“ – vielleicht ist das hängen geblieben! Als ich Kabanicha zum ersten Mal am Liceu sang, war ich, glaube ich, erst 33\. Ich habe einen Weg gefunden, damit es funktioniert, und David Alden hat mir dabei enorm geholfen. Von da an ging es weiter.

Die Oper verlangt dem Publikum schließlich von dem Moment an, in dem wir den Mund öffnen und zu singen beginnen, einiges an Bereitschaft ab, die Realität außer Acht zu lassen. Vielleicht ist mein Alter also das am wenigsten Ungewöhnliche daran! Mich hat nie besonders beschäftigt, ob ich für irgendetwas das „richtige“ Alter habe. Ich wollte immer außergewöhnliche Musik singen und faszinierende Frauen verkörpern, und ich bin unglaublich glücklich, genau das tun zu dürfen.

Sehr bewusst achte ich allerdings auf meine Stimme. Ich denke dabei nicht unbedingt in Kategorien wie dem Wechsel von einem Stimmfach in ein anderes oder einem konventionellen Weg, dem man vorwärts oder rückwärts folgt. Wenn die Musik zu mir passt und ich das Gefühl habe, durch eine Figur etwas sagen zu können, dann ist das meistens der Ort, an dem ich sein möchte. Ich folge lieber diesem Instinkt als der Vorstellung anderer davon, wie mein Weg auszusehen hat.

**IOCO: Goneril in Reimanns „Lear“ gilt häufig vor allem als kalt, grausam und machthungrig. Wo finden Sie ihre Verletzlichkeit oder ihre innere Logik? Und was soll das Publikum über sie verstehen?**

Goneril ist, wie alle Frauen, die ich spiele, ein Produkt ihrer Außenwelt. Sie wurde nicht kalt und grausam geboren. Geformt wurde sie durch ein Leben voller emotionaler Vernachlässigung und durch ein tiefes Verlangen danach, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Sie verhält sich wie ein Mann – und dass sie dafür von allen so verabscheut wird, sagt für mich sehr viel aus.

Ihre Kälte und ihre Selbstbeherrschung sind ihre Rüstung. So, wie ich sie sehe, hat das Leben sie gelehrt, dass Zärtlichkeit nur wenig Schutz bietet. Vielleicht wäre es einfacher, sie als kalte, kühl kalkulierende Bösewichtin zu inszenieren, aber das führt uns nicht auf einen besonders interessanten Weg. Barrie Kosky und ich waren uns beide von Anfang an einig, dass Goneril eine weitaus interessantere Figur ist, als man ihr häufig zugesteht.

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Rosie Aldridge, Küsterin copyright Barbara Aumüller/Deutsche Oper am Rhein

**IOCO: Reimanns Musiksprache stellt ganz andere Anforderungen als das traditionellere Opernrepertoire. Was ist für Sie die größte stimmliche und musikalische Herausforderung der Goneril? Und wie prägen Barrie Koskys Arbeitsweise und der ungewöhnliche Aufführungsort im Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Tempelhof Ihre Interpretation?**

Ich glaube, dies ist das anspruchsvollste Engagement meiner bisherigen Karriere – zum Teil, weil Reimann eine außerordentliche Präzision verlangt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, innerhalb dieser Komplexität Freiheit zu finden. Auch diese Musik im Hangar 4 zu singen, bedeutet eine enorme Umstellung. Es hat lange gedauert, sich einen Weg durch all die musikalischen und dramatischen Elemente zu bahnen.

Barries Arbeitsweise ist unglaublich detailliert. Er sucht immer nach dem Menschen, der sich unter der Musik und hinter dem Text verbirgt, und das liebe ich. Man kann sich nirgends verstecken – weder musikalisch noch darstellerisch. Und in dieser Schonungslosigkeit kommt viel Wahrheit zum Vorschein.

**IOCO: Sie haben die kleinere Partie der Aksinya in „Lady Macbeth von Mzensk“ bereits an der Wiener Staatsoper, der English National Opera und am Royal Opera House gesungen. Als Katerina Ismailova rücken Sie nun ins Zentrum des Werkes. Hat Ihnen Ihre bisherige Erfahrung mit der Oper eine besondere Perspektive auf Katerina und Schostakowitschs Partitur vermittelt?**

Auf jeden Fall. Ich kannte bereits die außergewöhnliche Energie, die Brutalität und den satirischen Humor des Werkes. Doch die Oper aus Katerinas Perspektive zu erleben, verändert den Blickwinkel vollkommen. Ich glaube, Schostakowitsch empfindet enormes Mitgefühl für sie. Er hat eine außergewöhnliche, komplexe Frau geschaffen und sie – das ist entscheidend – ohne jedes Urteil gezeichnet.

Man kann ein Leben lang auf eine solche Rolle warten, ohne dass sie jemals kommt. Ich kann daher kaum beschreiben, wie sehr ich mich auf dieses Debüt freue. Besonders interessiert mich, gerade diese Partie in der Inszenierung einer Regisseurin zu entdecken. Wir haben noch nicht mit den Proben begonnen, doch bereits unsere bisherigen Gespräche haben faszinierende Fragen über Katerinas Innenleben aufgeworfen: über ihre Sexualität, ihre Frustrationen, ihre Sehnsüchte und die Welt, in der von ihr erwartet wird zu existieren.

Jede Regisseurin und jeder Regisseur bringt eine eigene Perspektive und eigene Erfahrungen in die Auseinandersetzung mit einer Figur ein. Und zwangsläufig gibt es Aspekte Katerinas, die in uns als Frauen etwas zum Klingen bringen. Ich bin sehr gespannt darauf, wohin uns diese Gespräche führen werden, sobald wir gemeinsam im Probenraum stehen.

**IOCO: Die Vorstellungen von „Lear“ überschneiden sich mit Proben für „Lady Macbeth von Mzensk“, und Nicholas Carter dirigiert beide Produktionen. Wie bereiten Sie zwei derart große und intensive Partien gleichzeitig vor? Können die beiden Projekte einander bereichern, oder müssen Sie beide streng voneinander trennen?**

Vielleicht muss ich diese Frage noch einmal nach der Premiere von „Lady Macbeth“ beantworten! Ich bemühe mich sehr, mich davon nicht überwältigen zu lassen. Ich habe unglaubliches Glück: Das sind zwei außergewöhnliche Frauen, die ich singen und spielen darf. Aber beide gleichzeitig vorzubereiten und irgendwie neben Reimann auch noch Schostakowitsch im Kopf lebendig zu halten … Sagen wir einfach, ich glaube, ich habe gelernt, das Leiden zu genießen! (lacht)

Und dann ist da Nicholas Carter. Es ist ungeheuer beruhigend zu wissen, dass derselbe – unglaublich präzise und wunderbare – Dirigent mich auf dieser verrückten Reise begleitet. Wir begegnen beide diesen beiden gewaltigen Partituren zum ersten Mal, und zwischen uns herrscht großes Vertrauen – sowohl musikalisch als auch szenisch. Ich kann gar nicht genug betonen, wie viel das Wert ist, wenn man sich gleichzeitig zwei Werken dieses Formats stellt.

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Rosie Aldridge copyright Jacobus Snyman 

**IOCO: Sie haben die Küsterin in „Jenůfa“ bereits an mehreren Opernhäusern verkörpert und kehren in dieser Spielzeit in Prag und an der Deutschen Oper am Rhein zu ihr zurück. Wie hat sich Ihr Verständnis dieser Frau im Laufe der Zeit verändert? Offenbaren neue Inszenierungen und andere Bühnenpartnerinnen und -partner immer wieder neue Seiten der Figur?**

Es ist meine Lieblingsrolle – das kann ich ohne jedes Zögern sagen. Ich bin nicht sicher, ob sich mein Verständnis der Küsterin wirklich verändert hat. Es hat sich vielmehr vertieft. Wie Goneril und Katerina ist auch sie eine Frau, die in einer von Männern geschaffenen Welt zu überleben versucht.

In diesem entscheidenden Moment sieht sie Jenůfa an und erkennt eine junge Frau, deren Leben – so, wie sie es versteht – zerstört sein wird, wenn das Kind am Leben bleibt. Natürlich ist ihre Tat entsetzlich. Aber ich glaube nicht, dass sie selbst sie als einen Akt der Grausamkeit betrachtet. In ihrer verzweifelten Logik versucht sie, ihre Tochter zu retten. Genau das macht ihre Tragödie so unerträglich.

Was sich mit jeder Produktion verändert, ist die Beziehung zu Jenůfa selbst. Diese vorletzte Szene, in der Jenůfa ihr vergibt, hängt in hohem Maße vom Vertrauen zwischen den beiden Darstellerinnen ab. Das kann man nicht vortäuschen. Wenn man gemeinsam die absolute Wahrheit dieses Augenblicks findet, ist das, finde ich, atemberaubend – und für jede Mutter und jede Tochter zutiefst nachvollziehbar.

**IOCO: Mrs Lovett in „Sweeney Todd“, die Sie im Juni an der Komischen Oper Berlin wieder singen, bildet dazu einen markanten Kontrast. Was lieben Sie an ihr? Und was verlangt Sondheims Verbindung von Musik, Sprache und schwarzem Humor von Ihnen, im Gegensatz zu Reimann, Schostakowitsch oder Janáček?**

Ach, Mrs Lovett – meine Nellie! Ich liebe sie. Ich wusste, dass ich diese Rolle lieben würde, aber ich war nicht darauf vorbereitet, wie sehr! Natürlich ist sie entsetzlich, aber sie ist auch einfallsreich, witzig, einsam, praktisch veranlagt und vollkommen davon überzeugt, dass alles gut werden wird, wenn Sweeney sie nur endlich wahrnimmt. Darin liegt etwas Unwiderstehliches.

Sondheim verlangt eine ganz andere Art von Virtuosität. Bei Reimann oder Schostakowitsch blickt einem die Komplexität direkt von der Seite entgegen. Bei Sondheim verbirgt sie sich hinter einem scheinbaren Gespräch. Das ist eine ganz andere Art von Schrecken – aber ungeheuer aufregend.

**IOCO: Goneril, Katerina Ismailova, die Küsterin und Mrs Lovett sind sehr unterschiedliche Frauen. Sie alle sind jedoch komplexe Figuren, deren Handlungen sich einer einfachen moralischen Bewertung entziehen. Fühlen Sie sich von solchen ambivalenten Charakteren besonders angezogen? Und wie viel von Ihrer eigenen Persönlichkeit fließt in die Gestaltung einer Rolle ein?**

Ich weiß nicht, ob ich mich bewusst zu ambivalenten Frauen hingezogen fühle. Aber ich will keine Figur spielen, die sich in einem Satz erklären lässt. Ich denke häufig an etwas, das Zoe Caldwell über ihre Darstellung der Schwester Jean in „The Devils“ sagte: Die Figur sehe die Welt durch einen sehr schmalen Lichtspalt. Was sie sah, mochte allen anderen verzerrt erscheinen, doch von ihrem Standpunkt aus war es die Wahrheit.

Meine Aufgabe besteht darin, für jede Figur diesen ganz eigenen Lichtspalt zu finden und von dort aus ihre Geschichte zu erzählen – ohne sie zu verurteilen. Natürlich bringe ich in jede Rolle auch etwas von mir selbst ein: meine Instinkte, meinen Humor, meine Erfahrungen … Aber ehrlich gesagt versuche ich, darüber nicht allzu viel nachzudenken!

**IOCO: Wenn Sie gerade keine Partitur lernen, proben oder reisen: Wie sieht ein wirklich freier Tag für Sie aus? Und welche Seite von Rosie Aldridge würde Menschen wohl am meisten überraschen, die Sie nur aus Ihren oftmals hochintensiven Bühnenrollen kennen?**

Ich weiß nicht, ob das besonders interessant oder überraschend ist! Am glücklichsten bin ich zu Hause mit meinem Mann und meiner Tochter Beatrice: in einem Kaftan in meinem Garten – ich bin eine leidenschaftliche Gärtnerin –, mit einem großzügig eingeschenkten Gin und hoffentlich meinem Mann am Herd. Mein Agent behauptet nämlich, ich könne nur Ratatouille kochen!