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# Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag, IOCO Aktuell, 19.10.2019
- URL: https://www.ioco.de/reiner-goldberg-heldentenor-feiert-80-geburtstag-ioco-aktuell-19-10-2019/
- Published: 2019-10-19T07:00:34.000Z
- Updated: 2025-01-28T15:03:20.000Z
- Author: Michael Stange
- Tags: Oper & Operette, Interview

![Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/goldberg-3neu.jpg)

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

# **Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80\. Geburtstag**

## **Meisterliche Technik, Seele, Intensität Von der Oberlausitz in die Welt**

von **Michael Stange**

Vollendung und der Aufstieg in den Sängerolymp sind ein steiler, dorniger Weg und die lebenslange Herausforderung des Opernsängers. Die gesteigerten Anforderungen durch die Werke **Verdis** und **Wagners** im neunzehnten Jahrhundert an die Sänger haben dies noch erschwert. Ihre neue Klang- und Gesangswelten vervielfachten für ihre Interpreten die Anforderungen an Gesangstechnik und Rollengestaltungen. Dies erfordert ein stetes Feilen und Arbeiten an der Stimme, der Interpretation und der Rollengestaltung für die Sänger.

**Am 17.10.2019 feierte Reiner Goldberg den 80\. Geburtstag - IOCO / Michael Stange würdigt einen großen Heldentenor**

**Richard Wagners** Opern erfordern die technische Vereinigung von Belcanto und dramatischem Ausdruck. Nur in dieser Kombination können die vor der Aufführung seiner Werke ungeahnten sprachlichen, phonetischen und gesanglichen Dimensionen ausgefüllt werden. Dafür benötigten und benötigen insbesondere die Tenöre und Soprane eine völlig neue Gesangstechnik und –kultur. Schon zu **Wagners** Zeiten waren rollenerfüllende Heldentenöre kaum zu finden. Die geplante Uraufführung des **Tristan** in **Wien** musste während der Proben abgebrochen werden, weil der Interpret der Titelpartie nicht imstande war, die Rolle zu singen. Deutsche **Wagner-Tenöre** der **Bayreuther Schule**, die vor mehr als hundert Jahren in New York auftraten, entsetzten das Publikum durch deklamatorischen Vortrag und fehlende Belcantotechnik (nachzuhören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Gebhardt).

Im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert besserte sich die Situation bei den Heldentenören zunehmend. **Lauritz Melchior**, **Walter Kirchhoff, Ludwig Suthaus, Max Lorenz, August Seider, Günther Treptow, Set Svanholm, Otto Wolff, Carl Hartmann, Hans Hopf** und viele andere beherrschten Wagnerrollen gesangstechnisch und interpretatorisch meisterhaft.

Auch **Leo Slezak**, der ein hinreißender Belcanto Sänger war, triumphierte in den für hohe Stimmen gut liegenden **Wagnerrollen** wie **Tannhäuser, Stolzing** und **Lohengrin**. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es mit **Wolfgang Windgassen** einen modernen leichten und ergreifenden Darsteller aller Wagnerrollen. Die Zahl seiner ernstzunehmenden Konkurrenten ließ sich aber spätestens ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einer Hand abzählen.

![Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/goldberg-2-neu.jpg)

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Die Nichtexistenz und das Verblassen der Gesangstradition der großen Wagnerhelden lässt sich durch das Hören von vor 1920 und vieler seit 1970 entstandenen Wagneraufnahmen gut nachvollziehen. Die Stimmen waren nicht nur leichter geworden. Auch stimmtechnisch kämpften viele Rollenvertreter gegen die Rollenanforderungen wie Siegfried im 2\. Akt der gleichnamigen Oper gegen den Drachen durch forcieren und Überanstrengen der Stimme.

Diesen Umstand kompensierten viele Musikliebhaber durch das Hören historischer Klangkonserven. Als in den siebziger Jahren in den USA eine obskure Liveaufnahme von **Wagners *Ring des Nibelungen*** aus der **Mailänder Scala** von 1950 unter **Wilhelm Furtwängler** auf Langspielplatten erschien, lag erstmals ein heute noch gültiges Zeitdokument vor, wie der ***Ring des Nibelungen*** mit großen Sängern klingen kann. Mit **Kirsten Flagstad, Ferdinand Frantz** und den Tenören **Max Lorenz, Svet Svanholm und Günther Treptow** offenbarte sich, dass die Bayreuther Rundfunkübertragungen jener Jahre mehr Wünsche offen ließen, als erfüllten.

Im Jubiläumsjahr der hundertjährigen Aufführung des **Parsifal** wendete sich das Blatt. Mit **Reiner Goldberg** betrat 1982 ein Held die Klangbühne, der alle Anforderungen Wagners erfüllte und an die Gesangstradition von **Franz Völker** und **Max Lorenz** anknüpfte. Er vereinte schon auf dieser Aufnahme die Forderungen Wagners nach *„höchster Reinheit des Tons, höchster Präzision und Rundung, höchster Glätte der Passagen und höchster Reinheit der Aussprache, die das Fundament für den Gesangsvortrag bilden.“*

All das brachte **Reiner Goldberg** mit. Stimmlich mühelos, scheinbar ohne Grenzen und mit großer innerlicher Beteiligung und Ausdrucksfähigkeit durchschritt er die Partie. Nach der heldisch gesungenen Antwort im 1\. Akt, ob er den Schwan getötet habe *(„Gewiss, im Fluge treff ich, was fliegt“)* befolgt er die Ausdrucksanweisungen *(Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört)* verändert, verschattet und die Stimme bei „Ich wusste sie nicht und in der Folge mit beachtlicher Feinsinnigkeit. Gleiches gilt für die Gestaltung der Rolle im 2\. und 3\. Akt, wo es ihm gelingt rein gesanglich durch Stimmfärbung und Tongebung die Wandlung und die emotionale Reifung **Parsifal** durch fein abgestimmte Stimmführung und –kolorierung in immenser Dichte und Größe im Ohr des Hörers mitreißend erstehen zu lassen.

Die Aufnahme ist nun bald dreißig Jahre alt. In dieser stimmlichen Vollendung und gestalterischen Wucht hat ihm die Rolle bis heute auf digital aufgenommenen Tonträgern Keiner nachgesungen. Auch den Vergleich mit seinen großen Vorgängern muss er nicht scheuen. Er vereint vollendete Gesangstechnik mit einer sehr seltenen Fähigkeit zur dramatischen Stimmfärbung und einer dadurch erreichten phänomenalen Rolleninterpretation auf der Klangbühne des Tonstudios.

In die Wiege gelegt war ihm dies nicht. Geboren in **Crostau** in der sächsischen Oberlausitz erkämpfte er sich nach einer Schlosserlehre seinen Platz auf den Bühnen der Welt. Einer seiner Leitsterne waren alte Schallplatten seiner Rollenvorgänger wie **Leo Slezak, Peter Anders, Josef Traxel** und **Max Lorenz**. Die an sich hell klingende, perfekt geführte Stimme, sein metallisches Timbre, seine leuchtende Höhe gepaart mit einer unvergleichlichen stimmlichen Gestaltung haben ihm ein riesiges Repertoire ermöglicht. Gleichzeitig war er immer auf der Suche nach Vervollkommnung und Verbesserung seiner Interpretationen und Gesangstechnik.

Zahllose Opernpartien, Oratorien und Lieder hat er in den mehr als fünfzig Jahren seiner Karriere interpretiert. Angefangen vom **Max, Manrico, Cavaradossi, Florestan, Erik, Don Jose, Alfred (La Traviata)** über den **Hoffman* (*Hoffmanns Erzählungen*;* als Gesamtaufnahme im Rundfunk erhalten) bis zu den Werken **Richard Strauss** sang er auf der Bühne und im Konzert zahllose Opernpartien.

Gleiches gilt - bis auf den Tristan - für alle Heldenpartien **Wagners**. International wurde er insbesondere für **Tannhäuser, Stolzing, Siegfried, Erik** und ***Parsifal*** gefeiert. Weitere Höhepunkte waren Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Herausragend war u. a. der **Aron** in **Schönbergs *Moses und Aron***, den er zuletzt 2004 in **Hamburg** mit fulminantem Erfolg verkörperte. Hinzu kommen der ***Tambourmajor,* Bergs *Wozzek*** sowie Partien in Opern von **Zemlinsky, Borodin, Dvorak** und zahlreiche andere Werke.

Schauspielerisch warf sich **Reiner Goldberg** mit immenser Verve und Ausdruckskraft in die Rollen, wie unter anderem die Bildaufzeichnungen als **Max, Siegfried, Tannhäuser, Herodes** und **Pedro** im **Tiefland** belegen.

**Elisabeth Lindermeier**, selbst eine große Sängerin, hat ihn im Jahr 1983 für die Zeitschrift **Orpheus** portraitiert und darauf hingewiesen, dass insbesondere Sänger in besonderem Maß Opfer ihrer Nerven, der seelischen Befindlichkeit, der Tagesform und der Gesundheit sind. Dies galt auch für **Reiner Goldberg**. Anders als an seinem Stammhaus Berlin fehlten andernorts Intendanten und Dirigenten, die ihn tatkräftig unterstützten. Daher kam es nicht zu der ausgedehnten Weltkarriere, die seinem stimmlichen Rang entsprochen hätte. In den entscheidenden Momenten der Karriere haben ihn Indispositionen infolge von Halsentzündungen in zurückgeworfen. Neben dem verschobenen **Siegfried** Debut in **Bayreuth** 1983 kam er daher auch an der **Wiener Staatsoper** und der **MET** in **New York** nur begrenzt zum Einsatz. An seinem Stammhaus, der **Berliner Staatsoper Unter den Linden**, in **Bayreuth, Paris, New York, London, Mailand, Florenz, Rom, Zürich, Salzburg, Barcelona, Tokyo, Hamburg, München, Stuttgart und Dresden** trat er unter anderem in seine Paraderollen **Stolzing, Erik, Siegfried Tannhäuser, Max (Freischütz) und Herodes** auf und wurde jahrzehntelang stürmisch gefeiert.

Der Qualität seiner Stimme und dem digitalen Zeitalter, das hochwertige technische Aufnahmen verlangte, verdankt er, dass er wie kaum ein Fachkollege seiner Generation in vielen verschiedenen Partien von **Beethoven** bis **Zemlinsky** auf kommerziellen Tonträgern dokumentiert ist.

Mit dem **Parsifal** unter **Armin Jordan** (heute bei **Warner**) hat er bis die digitale Referenzaufnahme der Partie hinterlassen, die auch „Stimmenpapst“ **Jürgen Kesting** für mustergültig befindet. Seine Aufnahmen unter **Bernhard Haitink** (**Siegmund, Apoll (Daphne, EMI**), sein **Guntram** (CBS), sein **Herodes** (Chandos) und sein **Max** (Denon) sind erste Wahl. Seine **Siegfriede** unter **James Levine** leiden trotz der Digitaltechnik unter klangtechnischen Defiziten. Sie zeigen ihn aber in insbesondere in der tontechnisch passablen **Götterdämmerung** in Hochform. Sein **Aron** in Schönberg **Moses und Aron** unter **Herbert Kegel** ist gleichfalls beeindruckend und heute noch eine Referenzaufnahme.

Am 18\. Mai 2003 nahm er mit über sechzig Jahren vom Wagnerfach mit dem **Tannhäuser** an der **Staatsoper Unter den Linden** Abschied von den Wagnerrollen auf großen Bühnen. Stimmlich wie ein junger Mann gestaltet er die Partie mit einer Leidenschaft, die unvergessen ist und unvergleichlich bleibt. Fast bis zu seinem siebzigsten Geburtstag blieb er der umjubelte, stimmgewaltige **Herodes** der Berliner **Salome** und trat dort weiter auf.

Zahlreiche Liveaufnahmen aus den Tagen der großen Karriere wie seine **Siegfriede** aus **Bayreuth, Barcelona und London**, zahlreiche **Tannhäuser**, sein **Pedro** im **Tiefland**, sein **Rienzi**, seine **Stolzings** und vieles mehr kursieren unter Sammlern und auf **YouTube.** Diese Tondokumente vermitteln heute noch die ungeheure suggestive Wirkung, die er auf der Bühne entfaltete. Mitreißend, stürmisch, glühend und mit jeder Faser seines Herzens warf er sich in den **Tannhäuser, Max, Erik, Stolzing** und seine übrigen Partien.

Auf **YouTube** hat ihm ein findiger Sammler einen Geburtstagsgruß breitet und unter anderem seltene Aufnahmen des DDR Rundfunks veröffentlicht. Sehr sehenswert ist auch dort verfügbare Fernsehaufzeichnung der **Meistersinger** aus Tokyo.

**Reiner Goldberg** gibt seine Gesangstechnik und Bühnenerfahrung heute als gefragte Gesangslehrer weiter. Dies beschreibt die Berliner Sopranistin **Barbara Krieger** wie folgt: „*Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.“*

Am 17 Oktober 2019 feierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Eine Jahrhundertstimme von unvergleichlicher Intensität, Gestaltungskraft und Schönheit, die berührt, unvergessen ist, in die Geschichte der Gesangskunst eingehen wird und noch in ferner Zukunft leuchten wird.

\---| IOCO Portrait |---