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# Paris, DIE SIEBEN TODSÜNDEN (1933) - Kurt Weill, IOCO Kritik
- URL: https://www.ioco.de/paris/
- Published: 2024-01-15T12:29:44.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:54:34.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Kritiken, Oper & Operette, Paris

Die sieben Todsünden von Kurt Weill, Théâtre des Champs-Elysées, Paris, 7\. Juni 1933.

Gesungenes Ballett mit Texten von **Bertolt Brecht**

von **Peter Michael Peters**

***Prolog \*Faulheit \*Stolz \*Zorn \*Völlerei \*Unzucht \*Habsucht \*Neid \* Epilog***

***EINE SCHMUTZIGE VERFÜHRUNG DES KAPITALISMUS…***

***Jeden Tag gehe ich auf den Markt, wo Lügen***

***verkauft werden. Hoffnungsvoll reihe ich***

***mich unter die Verkäufer.***

(Auszug aus den ***Hollywood-Elegien, Zitat N° 3*** (1942/1947) von **Brecht**)

Unter dem National-Sozialismus war es **Kurt Weill** (1900-1950) verboten, auch nur die geringste Aktivität im Zusammenhang mit Musik auszuüben und so immigrierte er nach Paris. Kurz nach seiner Ankunft bestellte **Boris Kochno** (1904-1990), damals Co-Direktor zusammen mit dem jungen **George** **Balanchine** (1904-1983) des **Ballett 1933**: Ein neues Ballett bei ihm! Das Ballett ***Die sieben Todsünden*** ***der Kleinbürger*** wurde somit am 7\. Juni 1933 im **Théâtre des Champs-Elysées** in Paris uraufgeführt.

Heute Abend werden im gleichen Theater zusätzlich im ersten Teil Songs und Orchesterstücke von **Weill, Charles** **Ives** (1874-1954), **Aaron** **Copland** (1900-1990), **Joseph Edgar** **Howard** (1878-1961), **Ida Emerson** (1873-1945) und mit Texten der türkischen Dichterin und Menschenrechtlerin **Asli Erdogan** (\*1967) interpretiert.

PRÉFACE - À - FACE mit ****MARINA VIOTTI -** [https://www.youtube.com/@orchestredechambredelausan484](https://www.youtube.com/@orchestredechambredelausan484?ref=ioco.de)

**1\. P R O G R A M M**

**Weill: *YOUKALI*** aus ***MARIE-GALANTE*** (1934) von **Jacques Deval** (1895-1972) **\*\*\* Ives: *HYMN FOR STRINGS „Hymn: Largo cantabile”, S. 84/1*** (1904) **\*\*\*** **Copland: *ZION’S WALLS*** aus ***OLD AMERICAN SONGS, N°2*** (1952)Text von **John G. McCurry** (1821-1886) **\*\*\*Copland: *THRESHING MACHINES, N°5*** aus ***MUSIC FOR MOVIES*** (1943) **\*\*\*Weill: *JE NE T’AIME* PAS** (1934) aus ***LES BELLES DE NUIT*** von **Maurice Magre** (1877-1941) **\*\*\* Ives: THREE PLACES IN NEW ENGLAND** (1911/14) **2\. PUTNAM’S CAMP NEAR REDDING, CONNECTICUT \*\*\* Howard/Emerson: *HELLO! MA BABY*** (1899) **\*\*\* Copland: *SIMPLE GIFTS*** aus ***APPALACHIAN SPRING*** (1944) **\*\*\*Weill: *NANNA’S LIED*** (1929) Text von **Bertolt Brecht** (1898-1956).

***Ein schwerer Sündenfall des 20\. Jahrhunderts…***

Beide heißen **Anna**! Sie nennen sich Schwestern. Die eine singt, die andere tanzt. Eine denkt, die andere handelt! Sind sie eine Person oder zwei? Wir könnten nicht sagen, wer sich spaltet oder wer sich vermehrt, aber wir werden bald sehen, dass in dieser Geschichte nur die Sünden in ungerader Zahl vom Baum fallen… *„Ich habe den Eindruck, dass sie glauben, dass* **Brecht** *meine Musik komponiert hat…* **Brecht** *ist ein Genie, aber in unseren gemeinsamen Werken bin ich der einzige, der für die Musik verantwortlich* *ist“*, so sagte **Weill** während eines Interviews im Jahre 1934 etwas verärgert. Es ist wahr, dass die beiden Künstler gemeinsam ihren ersten Ruhm erlangten mit Werken, in denen Text und Musik gleichermaßen Skandal hervorriefen und dass aus zwei Genies ein dritter geboren wurde: Der den Namen **„Brecht** / **Weill“** annahm.

**Brecht** war von Anfang an ein berühmter Dramatiker – er war erst 24 Jahre alt, als er den prestige-trächtigen **Heinrich von** **Kleist** (1777-1811)**\- Preis** gewann, aber der Dichter war noch nicht vollständig zum Kommunismus konvertiert, als er den Komponisten kennen lernte: Der sein Komplize in allen *literarischen* *Verbrechen* werden sollte! Als Sohn eines Synagogen-Kantors, der von **Ferruccio** **Busoni** (1866-1924) im Kontrapunkt ausgebildet wurde, begann **Weill** das Potenzial atonaler Musik und Dissonanzen zu erforschen, die er energisch in die konventionellsten Formen gleitete und somit zum Beispiel Tango-Musik bis zur bösartigen Panik und äußerster Verwirrung wirbeln lässt, das Tempo des Foxtrotts störend, verzerrend, reformierend bis zum Gröbsten, ja man sagen bis zum Wildesten. Die Begegnung seiner expressionistischen Musik mit der linientreuen Sicherheit eines wütenden Anarchisten, der **Brecht** schon im Jahre 1927 war, würde mit Sicherheit zwei gefährliche Opern-Bomben hervorbringen: ***Die Dreigroschenoper*** (1928) und ***Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny*** (1930). Die Aktion des ersten könnte durchaus in London angesiedelt sein und die des zweiten in Alabama, aber wir sprechen tatsächlich von Deutschland, das sich in Richtung Faschismus bewegt und auch niemand lässt sich täuschen. Nach dem Brand des Reichstag in Berlin werden ihre Werke verboten und dann auch verbrannt, für den Juden **Weill** wie auch für den extrem-politischen **Brecht** wird der Preis des Erfolgs nun die Verbannung sein. **Brecht** verlässt Berlin für Paris, dann nach Prag, dann nach Wien, bevor er in der italienischen Schweiz anhält. **Weill** ist in Paris, als er 1933 einen Auftrag von den **Ballets Russes** erhielt… Oder besser gesagt von einer Sektion der **Ballets Russes**: Nach dem Tod von **Sergei Pawlowitsch** **Djagilew** (1872-1929) und ohne seine einigende Aura zerfiel die legendäre Truppe in zwei Einheiten – das **Ballets Russes de** **Monte-Carlo** und das **Ballets 1933** in Paris. An der Spitze der Pariser Truppe steht **Kochno**, ehemaliger Sekretär von **Djagilew** und Librettist von **Igor** **Strawinsky** (1882-1971), mit der Idee eines Balletts zum Thema der sieben Todsünden. Geben wir zu, dass wir selbst in den 1930er Jahren in Europe nicht mehr kosmopolitische Energien finden können: Auf Wunsch russischer Emigranten stellen sich deutsche Exilanten für das Pariser Kulturleben einen ungeträumten Traum von Amerika vor und zwar von Louisiana bis Hollywood… Eine teuflische Flucht-Wanderung, die an **Brechts** eigenen Irrwegen auf den zu dieser Zeit unsicheren Strassen von Europas und vielleicht auch an einigen seiner Dilemmas erinnerte: Sich verkaufen oder sich nicht verkaufen, nachgeben aber nicht wütend werden… Was die Anwesenheit von zwei Schwestern in der Ballett-Handlung betrifft, sie wurde von einem Förderer des Projekts, dem britischen Dichter **Edward James** (1907-1984) auferlegt: Er wollte unbedingt seine Frau tanzen sehen, die österreichische Tänzerin **Tilly Losch** (1903-1975), in der er eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Frau und Muse von **Weill**, der österreichischen Sängerin **Lotte Lenya** (1898-1981) fand. Die im Juni 1933 im **Théâtre des Champs-Elyées** vollständig auf Deutsch aufgeführte Uraufführung beunruhigte und empörte das Pariser Publikum sehr, verzauberte aber die deutschsprachigen Emigranten…

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/01/Foto-5-Dirigent-NEU1.jpg)

****DIE SIEBEN TODSÜNDEN** \- Marc Leroy-Calatayud, Dirigent @ Cyprien Tolle

***Die faschistische Action Française…***

Für **Weill** wird Paris nicht mehr lange eine Zufluchts-Stätte sein! Er wird von **Reynaldo Hahn** (1874-1947) verspottet, der in seinem Werk eine *„Bordell-Musik“* **(sic)** sieht und wird von **Florent Schmitt** (1870-1958) beleidigt, der laut *„Lang* *lebe* **Adolf Hitler** *(1889-1945)!“* am Ende eines seiner Konzerte schrie **(sic)**! Dann von einem Faschisten der ersten Stunde **Lucien Rebatet** (1903-1972), der in der **Action Française** sehr bedauert, dass wir immer mehr darauf stoßen *„dass an vielen Kreuzungen und Plätzen am linken Seine-Ufer sich bestimmte krumme Haken-Nasen und extrem misstrauische Gesichter zu sehen sind, die frisch aus den intellektuellen Ghettos von Frankfurt am Main und Berlin* *geflohen sind“* und kommt zu dem Schluss, „*dass es der außergewöhnlichen kreativen Armut unserer Zeit bedarf, um in der Lage zu sein, einen ganzen Aufruhr zu machen, entweder enthusiastisch oder verunglimpfend, um einen Komponisten wie* **Weill** *. Es erfordert das schrecklichste Vergessen jeglichen kritischen oder ethischen Sinns, um in einer negativen Formel eine Zukunft erahnen zu können, die schärfer vorangetrieben zum Zerfall der Musik-Kunst führen würde.“* **(sic)** !!!

**Weill** wanderte 1935 in die Vereinigten Staaten aus, wo er bald vom Broadway bis nach Los Angeles ein großer amerikanischer Komponist wurde und Deutschland für immer den Rücken kehrte. Das Amerika von **Brecht** wird hingegen viel härter für den kommunistischen Dichter werden! Er wird schnell die monströse Doppel-Natur des amerikanischen Film-Mekka Hollywood erkennen:

***Das Dorf Hollywood ist entworfen nach den Vorstellungen***

***Die man hierorts vom Himmel hat. Hierorts***

***Hat man ausgerechnet, dass Gott***

***Himmel und Hölle benötigend, nicht zwei***

***Etablissements zu entwerfen brauchte, sondern***

***Nur ein einziges, nämlich den Himmel.*** 

***Dieser Dient für die Unbemittelten, Erfolglosen***

***Als Hölle.***

 (**Brecht**: ***Hollywood Elegies*** (1942/1947) Auszug)

**Brecht** wurde wegen seiner kommunistischen Sympathien auf die schwarze Liste gesetzt und musste 1947 Amerika verlassen. Er kehrte nach Deutschland – oder genauer gesagt nach Ost-Deutschland – zurück. Alles war gespalten, warum also nicht auch Deutschland! Als **Brecht** zurückkam: Wurden sie natürlich zwei Länder!

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****DIE SIEBEN TODSÜNDEN** \- Marina Viotti, Mezzo-Sopran (Anna I), Judith Chemla, Sopran und Rezitatorin (Anna II) @ Cyprien Tollet

***Und auch immer noch teuflisch aktuell..***

In ***Die sieben Todsünden*** ***der Kleinbürger***, macht sich ***Anna***, ein junges Mädchen aus dem Süden der USA auf den Weg, um sich ihren amerikanischen Traum zu verwirklichen. Wird es ihr gelingen? Verdient sie genug Geld, um ein kleines Haus in Louisiana zu bauen? In jeder Phase in der sie mit der großen Gewalt eines totalitären, patriarchalischen Systems konfrontiert wird, opfert sie einen großen Teil ihrer Menschlichkeit auf dem Altar des Erfolgs! Die Reise ist ein Erfolg! Das Haus ist gebaut! Aber zu welchem Preis?

Fast neunzig Jahre später ist **Brechts** Libretto immer noch ein schrecklicher Aufschluss über die Mechanismen unserer heutigen Gesellschaft. Diese Realität ist die der kleinen faulen Einkäufe, der glanzlosen Kompromisse, die jeder sich selbst und dem anderen auferlegt: Um etwas zu erreichen! Den Rang derer zu erreichen, denen es gelungen ist, derer die sich am meisten an das System halten und respektvoll gegenüber diesem sind, was die Gemeinschaft als gut, moralisch und möglich beschreibt. In diesem Spiel gewinnen die meisten Heuchler, alle kleinen Schmutzigkeiten sind erlaubt, solange sie die kollektive Apathie in keiner Weise behindern. ***Die sieben Todsünden*** werden somit von der Moral der Massen abgelenkt! Der Lust zu entgehen bedeutet, lieber mit der Person zu schlafen, die man liebt und das zum Nachteil der gut zahlenden Kunden. Aus Stolz zu sündigen bedeutet, Kunst machen zu wollen, wenn die Leute Sex haben wollen. Aus Zorn zu sündigen bedeutet über Ungerechtigkeiten empört zu sein!

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DIE SIEBEN TODSÜNDEN hier Yoann Le Lan - Tenor (Ein Bruder), Victor Sicard - Bariton (Der andere Bruder), Alban Legos, Bariton (Der Vater), Jerome Varnier, Bass (Die Mutter) @ Cyprien Tollet

Schockiert! Warum! Wer findet dort nicht einen Teil seiner persönlichen Geschichte wieder? Wir sind gegen globale Klima-Erwärmung, kaufen aber ein Flugticket für 30 Euros, um ein Wochenende auf Mallorca zu entspannen. Wir sind für die Gleichstellung von Frauen und Männern, aber wir erlauben uns sexistische Witze zum Spaß mit unseren Freunden zu haben. Wir sind gegen die Armut, aber wir schauen weg von dem Obdachlosen, der in der U-Bahn um Brot bettelt… Bei **Brecht** kaufen kleine Leute mit kleiner Feigheit und mit kleinen Kompromissen alles klein ein. Es ist leider nur das System, das der Vernichtung der Armut entgegentreibt! Auch heute noch gibt es ganz in unserer Nähe Orte: An denen das Erheben einer Stimme zum Protest schwerwiegende Folgen haben kann!

Die türkische Schriftstellerin **Erdogan** musste dies bitter erleben. Die Journalistin und Menschen-Rechts-Aktivistin wurde 2016 für vier Monate inhaftiert, weil sie das Regime ihres brutalem Namensvetters stark kritisiert hatte. Seitdem lebt sie im deutschen Exil. **Erdogans** Schriften – manchmal poetisch, manchmal engagiert – stimmen mit dem Libretto von ***Die sieben Todsünden*** überein: Wie in einem doppelten Spiegelbild! Als Ausdruck eines Wiederstands-Geistes und den daraus resultierenden Konsequenzen: Einsamkeit, Exil und Nostalgie unterstreichen somit die erschreckende Aktualität von **Brechts** Text! Andere musikalische Werke, die mit ***Die sieben Todsünden*** verbunden sind – Lieder von **Weill**, Old American Songs von **Copland**, die um-komponierte Präsidenten-Hymne von **Ives** – vervollständigen dieses Fresko: Das Bilder der Vergangenheit und Gegenwart vermischt.

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****DIE SIEBEN TODSÜNDEN** hier Judith Chemla - Sopran, Rezitatorin (Anna II), @ Cyprien Tollet

Das Werk ist eine unversöhnliche Anklage gegen eine im Niedergang begriffene Gesellschaft und ist in sieben Sequenzen wie die Sünden unterteilt: In denen Walzer, Foxtrott, Marsch, Tarantella und ein Männer-Gesangs-Quartett zusammen kommen. Die Parabel einer gesellschaftlichen Dualität mit Autoritarismus und Anarchie wird durch die zwei weibliche Figuren ***Anna I*** und ihr Tanz-Double ***Anna II*** verkörpert. Zwischen halb gesprochenem Geplänkel, halb gesungenem Gesang und einem Chor in reinster lutherischer Choral-Tradition erkundet **Weill** das gesamte Spektrum eines Musikstücks in ständiger Instabilität wie die Gesellschaft selbst: Die es darstellt und versinnlicht!Dann beginnt ein schiefer zynischer Ball aus kleinlicher Feigheit, unappetitlichen Kompromissen und zweifelhaften Vereinbarungen. Wird die Herrschaft der Heuchelei über die kollektive Apathie siegen?

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DIE SIEBEN TODSÜNDEN hier Asli Erdogan, Schriftstellerin @ Carole Parodi

***DIE SIEBEN TODSÜNDEN - Konzert - Théâtre des Champs-Elysées Paris - 10\. Januar 2024***

***Ein abschreckender kalter Zynismus…***

Das **Théâtre des Champs-Elysées** bot uns einen originellen und gelungenen Abend rund um das Werk von **Weill:** ***Die sieben Todsünden***, das 1933 vor Ort entstand und den kritischen brutalen Elan der Texte von Brecht beibehielt. Im ersten Teil komplettierte eine abwechslungsreiche Auswahl an Werken aus verschiedenen Epochen die tief-beißende Cabarett-Show serviert von den großen Talenten der französischen Schauspielerin und Sängerin **Judith Chemla** und der Mezzo-Sopranisten **Marina Viotti** aus der französischen Schweiz.

***Eine komplette Show im Kabarett-Stil…***

***Die sieben Todsünden*** wurden am **7\. Juni 1933** im **Théâtre des Champs-Elysées** uraufgeführt und ist im Prinzip ein *gesungenes Ballett* für fünf Stimmen: Eine Sopranistin und vier Männerstimmen, ein Tenor, zwei Baritone und ein Bass. Durch die Gestaltung einer kompletten Show in einer Kabarett-Atmosphäre - die **Weill** sehr am Herzen lag - gelingt es der Gemeinschafts-Produktion in Paris und Genf den Zuschauer mit einem so kann man wohl sagen: Schachbrett aus kleinen Miniatur-Bildern zu fesseln! Darunter natürlich Songs von **Weill**, poetische und politische Texte von **Erdogan** und kurze Instrumental-Stücke von **Ives**, **Copland**, **Howard**, usw. Dieses geschickt zusammengestellte Patchwork ergibt eine sehr interessante künstlerische Vision, die sich aus einem Hin und Her zwischen dem Beginn des vorigen Jahrhunderts und diesem zusammensetzt und sich mit dem Thema Dekadenz, Korruption und dem Schicksal der Frauen in einer kapitalistischen und patriarchalischen Gesellschaft beschäftigte. So werden abwechselnd verschiedene Aspekte des Lebens in amerikanischen Städten und Regionen, die Schmerzen enttäuschter Liebe und die Gewalt in Beziehungen zwischen Männern und Frauen thematisiert. Der erste Teil heißt auch ***Anna***, benannt nach der Doppel-Heldin aus ***Die sieben Todsünden*** und des zweiten Teils.

***Youkali und andere kleine Wunder…***

**Chemla**, Theater- und Filmschauspielerin, Autorin und überaus talentierte Gelegenheits-Sängerin, eröffnet den Ball mit dem bewegenden ***Youkali*** von **Weill**. Sie singt es schmachtend im *Torch-Singer-Stil* der 30er und 40er Jahre, diese vom Leben verbrannten Sängerinnen, die ihren Schmerz auf der Bühne mit Musik austreiben wollen. Es ist ein Lied aus **Devals** Stück **Marie-Galante**, das er 1934 vertonte, als er gerade aus Nazi-Deutschland geflohen war und vorübergehend in Paris Zuflucht gesucht hatte, bevor auch Frankreich wiederum von einer Welle des Antisemitismus überschwemmt wurde. *„*Youkali*, es ist das Land unserer Wünsche“* klingt dann wie der herzzerreißende Abschied der Exilanten, der Emigranten der 1930er Jahre, eine Art trauriger und melancholischer Tango. **Chemla** ist in der Mitte des **Orchestre de Chambre de Genève** installiert und liefert uns eine zarte aber vor Nostalgie triefende Interpretation mit einer überaus leisen Stimme, aber perfekt an den Stil des Liedes angepasst. Gleichzeitig spiegelt sich ihr Bild wiederum hinter einem sehr dünnen Vorhang, unregelmäßig zerkleinert mit dunklen Dominanten wider. Diese gedämpften, verträumten und frech wirkenden Atmosphären eines Kabarett-Abends im öden und verlassenen Berlin im Jahre 1933: Das seine besten Künstler verjagte! Und wir werden sie wieder bei **Weill** finden in dem paradoxen Lied ***Je*** **ne t’aime pas**, dass sie mit ihrem Talent als Schauspielerin mehr spricht als singt, um mit dem nostalgischen: „*Nein! Halt lieber die Klappe…* *Ich bin auf den Knien… Das Feuer ist aus, die Tür ist* *geschlossen… Frag nichts, ich werde weinen…* *Das ist alles! Ich liebe dich nicht mehr, oh mein Geliebter!“*

Das erste reine Orchester-Stück ist ***Hymn for strings***, es erinnert uns daran, dass der amerikanische Komponist **Ives** in seiner frühesten Jugend von der Fanfare seines Vaters eingelullt wurde: Somit war er an etwas donnernder und äußerer Musik sehr fasziniert! Es genügt zu sagen, dass die betreffende Hymne trotz ihres Titels den Blechbläsern den Vorrang einräumt und der Szene ein jazzigeres Aussehen verleiht, immer noch im Hell-Dunkel-Licht: Aber ohne die obskure Verschleierung! Das **Orchestre de Chambre de Genève** wird uns auch den zweiten Satz seiner **Three Places in New England** präsentieren, das *Allegro* mit dem Titel ***Putnam’s Camp, Redding, Connecticut*** ist ein hinreißendes Werk mit aus aneinandergereihten Themen im schnellen Rhythmus. Das uns auch sehr an beliebte aber auch unschöne patriotische Songs erinnert, sowie auch an den nationalen Über-Eifer einer amerikanischen Gesellschaft in der sogenannten Pionier-Zeit. Der in einem modernen Stil gespielte Standort: New England (sic), ist wohl auch der Platz wo sich das Orchester endlich vollkommen wohlfühlt und uns mit einem fast poppigen musikalischen Klang verheizen will. Von **Copland** erhalten wir den interessanten und spannenden fünften Satz ***Threshing*** ***Machines*** aus seiner ***Music for Movies***, die 1943 komponiert und **Darius Milhaud** (1892-1974) gewidmet wurde.

Eine reine Orchester-Version des Songs ***Hello! Ma Baby*** der Komponisten **Howard** und **Emerson** aus dem Jahr 1899 schildert die romantischen aber problematischen Beziehungen eines Mannes zu einer Frau: Die er nur durch das neu erfundene Telefon kannte… ***Hello! Ma Baby!***

***Hommage an Asli Erdogan…***

Und das ist zweifellos eine wirkliche Entdeckung für viele Zuschauer, denn im Programm dieses ersten Teils hat die türkische Schriftstellerin **Erdogan** wirklich einen gebührenden Platz erhalten um ihre Stimme zu erheben. Die wegen ihrer sogenannten militanten Aktivitäten für Menschenrechte einige Monate im Gefängnis in ihrem eigenen Landes verbrachte. Und die auch ständig die große Unterdrückung der Frauen anprangert! Nachdem sie wegen ihrer Kritik an der diktatorischen Politik der türkischen Regierung wegen Terrorismus angeklagt worden war, verdankte sie ihre Freilassung nur der internationalen Solidarität, die ihr zugutekam und die es ihr ermöglichte nach Deutschland ins Exil zu gehen. Sie war beim Salutieren anwesend und erhielt sehr großen Applaus. Die ausgezeichnete **Chemla** las mehrere sehr relevante und auch teilweise unverschämte Auszüge aus ihrem Roman ***Requiem für eine verlorene*** **Stadt** (2020): *„Die Stille selbst gehört nicht mehr dir“* und *„Der wunderbare Mandarin“.* Als engagierte Feministin prangert **Erdogan** unermüdlich diese von Männern dominierte und auch für sie alleine geschaffene Gesellschaft an! 

**Viotti** tritt in diesem ersten Teil nur einmal auf und spielt und singt mit viel Leidenschaft und Kraft ***Zion’s Wall*** von **Copland** aus der 1952 komponierten Sammlung ***Old American Songs II***. Ihre kraftvolle runde und warme Stimme bestätigt das Talent und die unvergleichliche Bühnenpräsenz der Mezzo-Sopranisten. Hervorzuheben ist neben der hervorragenden Aussprache auch, dass sich die beiden Künstlerinnen im Französischen genau so gut auskennen wie im Englischen und auch im… Deutschen, wie das Folgende wohl beweisen wird:

***Und die sieben Todsünden…***

Der zweite teil akzentuiert die von dem französischen Regisseur **Laurent Delvert**, dem künstlerischen Mitarbeiter der Sünden-Tour, entworfene räumliche Anordnung weiter. Eine Plattform unterhalb der Bühne ermöglicht größere Bewegungen der sechs Künstler, die im Sketch-Stil die kleinen Texte des Prologs, der sieben Todsünden und des Epilogs aufführen werden, um dem Ganzen eine Erleichterung und mehr Leben zu verleihen: Obwohl das Ballett im Original grundsätzlich getanzt wurde von einer der beiden ***Anna***‘s.

Die beiden Schwestern, die im von **Weill** und **Brecht** geschaffene Universum eins sind, werden daher von **Chemla** und **Viotti** interpretiert, die ihre Interventionen abwechseln, wobei die erste die meisten Bewegungen einschließlich die Tanz-Skizzen liefert und die zweite den musikalischen Teil singt mit ihrem vollmundigen Timbre. Das Duo der beiden Künstlerinnen ist fesselnd und fängt den Kontrast zwischen den beiden „Schwestern“ äußerst gut ein, der einen: Die alles wagt und der anderen: Die versucht sie zurückzuhalten: Um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen!

Von Bühne zu Bühne, von Stadt zu Stadt, von Jahr zu Jahr entfaltet sich ihre Reise, während im lutherischen Kontrapunkt die vier Jungen, die die Familie repräsentieren treten im allgemeinen gemeinsam im Hintergrund auf. Dann aber auch am Giebel ausgerichtet oder im Gleichschritt bewegend in einer sehr gelungenen Choreografie für diese höchst parodistische Behandlung der Familie. Auf der Gesangs-Seite sind ihre Ensembles perfekt eingestimmt und ihre Darbietungen sind energisch und kraftvoll. Wir werden die wunderschöne Bass-Stimme des Franzosen **Jerome Varnier**, der die ***Mutter*** der ***Anna*** singt und das leuchtende leicht trompetende Timbre des französischen Tenors **Yoan Le Lann**, der den ersten ***Bruder*** singt, hervorheben. Aber auch die beiden anderen französischen Baritone **Alban Legos** als ***Vater*** und **Victor Sicard** als zweiter ***Bruder*** kommen nicht zu kurz bei uns!

Das **Orchestre de Chambre de Genève** unter der energischen und effizienten Leitung des schweizerische Dirigenten **Marc Leroy-Catalayud**, der auch für die musikalische Konzeption des Ensembles verantwortlich ist, begleitet dieses Werk: Eine nicht sehr schöne aber doch messerscharfe Kapitalismus- und Religions-Kritik, die mit einer rasanten Verve das ganze großartig bereichert von Weills außerordentlichen reichhaltigen Partitur. **(PMP/14.01.2024)**

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[„Die sieben Todsünden der Kleinbürger“, Paris](https://www.ioco.de/paris-theatre-de-lathenee-die-sieben-todsuenden-der-kleinbuerger-kurt-weill-ioco-kritik-16-06-2021/) · [„Der Silbersee“, Nancy](https://www.ioco.de/nancy-opera-national-de-lorraine-der-silbersee-kurt-weill-ioco/) · [„Die Dreigroschenoper“, Berlin](https://www.ioco.de/berlin-berliner-ensemble-die-dreigroschenoper-bertolt-brecht-ioco-kritik-08-01-2023/)

## Welche historischen Hintergründe zur Entstehung von Weills Die sieben Todsünden beleuchtet die Kritik?

Die Kritik schildert, wie der nach Paris emigrierte Weill das Ballett 1933 im Auftrag der zerfallenen Ballets Russes komponierte und es das Pariser Publikum empörte.