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# Paris - Vincennes, Parc Floral, FESTIVAL - LES NOCTURNES CLASSIQUE, IOCO Kritik, 03.08.2022
- URL: https://www.ioco.de/paris-vincennes-parc-floral-festival-les-nocturnes-classique-ioco-kritik-03-08-2022/
- Published: 2022-08-03T09:16:39.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:10:56.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette, Kritiken

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![VINCENNES bei Paris / PARC FLORAL -  NOCTURNE Liederabend © Peter Michael Peters](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/08/freilichtbuehne-p-m-p-neu-2.jpg)

VINCENNES bei Paris / PARC FLORAL - NOCTURNE Liederabend © Peter Michael Peters

[Festivals du Parc Floral](https://festivalsduparcfloral.paris/?ref=ioco.de)

## ***FESTIVALS DU PARC FLORAL 2022, VINCENNES - Paris***

#### ***\- LES NOCTURNES CLASSIQUE -***

**Brad Mehldau: *The Folly of Desire* (2018),** **Robert Schumann: *Dichterliebe* Op. 48 (1840) -** **Ian Bostridge, Tenor,** **Brad Mehldau, Klavier**

#### von **Peter Michael Peters**

#### ***DIE TOLLHEIT DER BEGIERDE …***

Kennengelernt haben sich **Ian Bostridge** und **Brad Mehldau** bei ihren jeweiligen Auftritten auf Schloss Elmau. Die Jazz-Ikone und der Exzellenz-Tenor tauschten dann ihre gemeinsame Leidenschaft für **Robert Schumann** (1810-1856) aus. So entstand eine Freundschaft! Im **BOZAR** in Brüssel feierten sie ihre Begegnung, indem sie gemeinsam den bewegenden Zyklus von ***Dichterliebe Op.48*** von **Schumann** aufführten. Sie koppelten den Liederabend mit dem frisch komponierten Zyklus von **Mehldau** ***The Folly of*** ***Desire***, die der Komponist und Pianist seinem Sängerfreund mit der unverwechselbaren wandelbaren Stimmlage persönlich gewidmet hat. Die Texte dieser hinreisenden sinnlichen und erotischen Melodien, die von Liebe und menschlichem Verlangen handeln, sind u.a. von **Bertolt Brecht** (1898-1956), **William Butler Yeaths** (1865-1939), **Johann Wolfgang von Goethe** (1749-1832) und **William Blake** (1757-1827), **Edward Estlin Cummings** (1894-1962), **Wystan Hugh Auden** (1907-1973), **William Shakespeare** (1564-1616).

#### ***À propos…***

![Nocturne in Vincennes / Brad Mehldau © Brad Mehldau](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/08/nocturne-6-brad-mehldau-c-brad-mehldau-neu.jpg)

Nocturne in Vincennes / Brad Mehldau © Brad Mehldau

Der Amerikaner **Brad Mehldau** (\*1970), ist als virtuoser Pianist einer der anerkanntesten und einflussreichsten Musiker seiner Generation. Er ist besonders berühmt für seine Erweiterung des Repertoires von Jazz bis Pop-Rock und spielt regelmäßig Stücke von **Radiohead**, **Nick Drack** (1948-1974), **The Beatles** oder sogar **Paul Simon** (\*1941). Er erweiterte sein Repertoire auch mit der Musik von **Johann Sebastian Bach** (1685-1750), die ihn ständig inspiriert. Abgesehen von seinen CD-Aufnahmen als Leader hat **Mehldau** mit vielen Musikern gespielt, darunter mit **Charlie Haden** (1937-2014), **Lee Konitz** (1927-2020), zwei lyrische Künstler (die Sopranistin **Renée Fleming** (\*1959) und die Mezzo-Sopranistin **Anne Sofie von Otter** (\*1955), **Kurt Rosenwinkel** (\*1970), **Pat Metheny** (\*1954), **Joshua Redman** (\*1969)… Er hat auch an mehreren Filmen als Komponist, Arrangeur und Interpret teilgenommen: ***Eyes Wide Shut*** (1999) von **Stanley Kubrick** (1928-1999), ***Ma femme est une actrice*** (2001) von **Yvan Attal** (\*1965)…

- #### ***The Folly of Desire -*** Ein Zyklus mit 11 Liedern für Tenor
- ***The Sick Rose*** (**Willam Blake**)
- ***Leda and the Swan*** (**William Butler Yeats**)
- ***Sonnet 147*** (**William Shakespeare**)
- ***Sonnet 75*** (**William Shakespeare**)
- ***Über die Verführung von Engeln*** (**Bertolt Brecht**)
- ***Ganymede*** (**Johann Wolfgang von Goethe**)
- ***Ganymede*** (**Wystan Hugh Auden**)
- ***the boys i mean are not refined*** (**edward estlin cummings**)
- ***Excerpt from Sailing to Byzantium*** (**William Butler Yeats**)
- ***Night II, from “The Four Zoas” (The Wail of Enion*** / **William Blake**)
- ***Lullaby*** (**Wystan Hugh Auden**)

#### ***Stillschweigende Zustimmung…***

Verliebte geben sich in einem Moment des Vertrauens hin oder sie trauen sich ungefragt zu nehmen. Die Tatsache, dass dieses Geben und Nehmen ohne Vertrag stattfindet, ist natürlich ein großes Risiko, es verleiht dem Verlangen Flügel und macht es auch potenziell viel transgressiver. Die Einwilligung liegt im Idealfall vor, aber sie ist unausgesprochen! Diese stillschweigende Qualität der Zustimmung macht es für Dichter, Künstler und Musiker geradezu heilig, ruhig zu bleiben, unberührt von all dem prosaischen Diskursen. Verlangen – unerwidert oder in Ekstase geweiht – ist eine starke Note in der Musik, eingehüllt in das Spiel der Tonalität selbst, Spannung und Auflösung, wieder Spannung und Auflösung. In ihrer unausgesprochenen Abstraktion kann Musik einen intimen Austausch klar nachzeichnen.

In der ursprünglichen Idee zu diesem Liederzyklus sollte die Reihenfolge der Lieder einen spirituellen Aufstieg von der reinen Lust bis hin zur lustfreien Liebe widerspiegeln. Der Aufstieg würde jedoch eine moralische Botschaft in die Musik einbringen, dass die fleischliche Begierde selbst niederträchtig und unedel sei und wunschlose Liebe die höchste Errungenschaft sei. Es war zu einfach! Musik sollte mehr Fragen provozieren, sie nicht mit vorschreibender Endgültigkeit beantworten…

#### ***Über die Verführung von Engeln…***

- ***Engel verführt man gar nicht oder schnell***
- ***Verzieh ihn einfach in den Hauseingang***
- ***Steck ihm die Zunge in den Mund und lang***
- ***Ihm untern Rock, bis er sich na*** ***ß macht, steil***
- ***Ihm das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock***
- ***Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen***
- ***Dann halt ihn fest und la*** ***ß ihn zweimal kommen***
- ***Sonst hat er dir am Ende einen Schock.***
- **Bertolt Brecht** (Auszug)
- #### ***Dichterliebe -*** Ein Zyklus von 16 Liedern nach Gedichten von Heinrich Heine
- Außerdem entschieden sich die beiden Künstler die folgenden vier Lieder dem Zyklus zu ergänzen, die seinerseits vom Komponisten eliminiert wurden.
- ***Dein Angesicht, Op. 127, Nr. 2***
- ***Lehn‘ deine Wang‘, Op. 142, Nr.2***
- ***Es leuchtet meine Liebe, Op. 127, Nr. 3***
- ***Mein Wagen rollet langsam, Op. 142, Nr.4***

#### ***À propos…***

![ Paris / Grab von Heinrich Heine Montmartre © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/07/montmartre-friedhof-und-grab-heinrich-heine-c-ioco.png " Paris / Grab von Heinrich Heine Montmartre © IOCO")

Paris / Grab von Heinrich Heine Montmartre © IOCO

Auf diese dornigen und bösen Gedichte von **Heinrich** **Heine** (1797-1856) ist dies zweifellos einer der berühmtesten und vollentesten der romantischen Zyklen. Diese vom 24\. Bis 31\. Mai 1840 komponierten Gedichte von **Heine**, 20 Lieder und Gesänge Op. 29, sind zunächst **Felix Mendelssohn** (1809-1847) gewidmet, einem weisen Leser und Interpreten, der auch in seinen ***Heine-Liedern*** (1836) sein Talent zum Besten gab. Erst im September 1844 veröffentlicht, erhalten die Lieder die Opus-Nummer 48 und werden der großen **Wilhelmine Schröder-Devrient** (1804-1860) gewidmet, die unvergessene Interpretin der **Leonore** im **Fidelio** (1805) von **Ludwig van** **Beethoven** (1770-1827). Damit versucht **Schumann** gleichzeitig das Schicksal abzuwehren und laut zu sagen, das **Clara** **Wieck** (1819-1896) niemals der ***Fidelio*** seines Dichter-Musikers sein wird. Von zwanzig sinkt die Zahl der Lieder auf sechzehn, indem vier von ihnen eliminiert werden, zwei in jedem Heft von zehn Liedern (nur im späten Opus 127, Nr. 2 und 3, sowie posthum 142, Nr. 2 und 4 veröffentlicht). Die Überschrift ändert sich dann zu ***Dichterliebe***, einem eher erzählerischen Titel, der zweifellos von **Fridrich Rückert** entlehnt ist und das Gegenstück zu ***Frauenliebe- und Leben*** (veröffentlicht im Vorjahr) bildet. Ein Ausdruck, der die Bedeutung des Gedichts unterstreicht und gleichzeitig auf das rein musikalische von Op. 15 hinweist und somit zum Lieder-Zyklus wird. Für seine ***Dichterliebe*** traf **Schumann** eine Auswahl aus den 66 so „musikalischen“ Gedichten des ***Lyrischen Intermezzo*** (1822), die **Heine** in seinem emblematischen ***Buch der Lieder*** (1827) veröffentlichte. Der Komponist behält die ersten und die letzten Gedichte, außerdem arrangiert er einige andere völlig frei.

#### ***Romantische Ironie als Selbstzensur***

**Heines** Titel für die Sammlung von Gedichten, die **Schumann** aus dem ***Buch der Lieder*** schöpfte, sind schon in den Gedichten die Qualität des Gesangs proklamiert. Als **Schumann** seinen Liederzyklus ***Dichterliebe*** – *die Liebe des Dichters* – betitelt, gab er effektiv die Autorität an den Ich-Protagonisten der Gedichte zurück. Die Autorität über *sich selbst* ist der Kampf dieser leidenschaftlichen Figur, die stets in Gefahr ist in ihrer Begeisterung für eine junge Frau zu ertrinken und seinen gesunden Menschenverstand zu verlieren. **Schumann** meisterte diesen aus den Fugen geratenen mentalen Zustand in seinem musikalischen Ausdruck: Abwechselnd gewalttätig, euphorisch, verträumt und unrealistisch!

**Heines** romantische Ironie, wie sie bekannt wurde, beinhaltete einen Akt der Selbstkritik des Dichters, in dem er die Torheit seines eigenen glühenden Gefühls innerhalb desselben Gedichts bewertete. Es mag ein schmerzhaft erschütterndes Korrektiv sein, ist aber weniger zerstörerisch als die Torheit, völlig den Verstand zu verlieren und sich zwanghaft nach jemanden zu sehnen, die er niemals besitzen wird. Sein ätzendes Wiedererwachen zur Realität kommt in **Schumanns** musikalischer Dramaturgie besonders gut zur Geltung, wenn es wie in Nr. 4 *„Wenn ich in deine Augen seh‘“* und Nr. 7 *„Ich grolle nicht“* klingt.

In diesen beiden Liedern besteht **Schumanns** Genie darin, das musikalische Gefüge überhaupt nicht zu ändern, sondern er macht den abrupten Stimmungswechsel des Textes noch tragischer sichtbar, indem er es untertreibt. Es ist eine echte deutsche Romantik-Bewegung: Die Emotion offen auf dem Ärmel zu tragen und gleichzeitig stark festzuhalten, *verklemmt*! Diese Art von narrativer Dissonanz war ein Vorbote moderner filmischer Inkongruenz, etwa wenn **Martin Scorsese** (\*1942) eine gewalttätige Szene mit fröhlicher Musik inszeniert. Die Moral-Täter in den Großbürger-Vereinen und die vorsätzliche Fantasie der katholischen Kirche, die sich im Wesentlichen selbst belügt, ist nicht anders als die Persönlichkeit des 19\. Jahrhunderts in der ***Dichterliebe***. Ein gewisses Maß an **Heine**\-ähnlicher selbstkritischer Distanz hätte ihnen vielleicht geholfen, einen destruktiven Weg zu vermeiden. Romantische Ironie führte eine potenzielle Freiheit für Dichter ein. Sie konnten dem auferlegten Rahmen ihrer Erzählung für einen Moment entfliehen. Auch im wirklichen Leben konnte man den fiktiven Geschichte entkommen, die er sich immer wieder über das Objekt seiner Begierde erzählte. Und wer weiß, wenn wir uns ab und zu selber tadeln, behalten wir vielleicht auch unser Recht auf Privatsphäre und freie Meinungsäußerung?

- ***Ich grolle nicht…***
- ***Ich grolle nicht.***
- ***Und wenn das Herz auch bricht.***
- ***Ewig verlor’nes Lieb! Ich grolle nicht.***
- ***Wie du auch strahlst in Diamantenpracht.***
- ***Es fällt kein Strahl in deines Herzens Nacht.***
- ***Das weiß ich längst. Ich sah dich ja im Träume.***
- ***Und sah die Nacht in deines Herzens Raume.***
- ***Und sah die Schlang‘, die dir am Herzen frisst.***
- ***Ich sah, mein Lieb, wie sehr du elend bist.***
- **Heinrich Heine** / **Robert Schumann**

#### ***Liederabend im Parc Floral - 25\. Juli 2022***

***Selbst als er die Torheit seines Verlangens sieht, wählt er den Untergang…***

Die Bühne des **Parc Floral** in Vincennes hat, wie diese journalistisch einwandfreie Webseite, sich selbst gewisse Anstandsregeln auferlegt. Das ist auch so 2022! In einem neuen Liederzyklus von **Mehldau** ***The Folly of Desire*** besingt ein Tenor uralte Bräuche der Vergewaltigungs-Kultur – die Lust der Götter an Sterblichen. Er singt von hartem Sex mit Engeln. Und in einem jazzigen Song, der an die fingerschnippenden Rumble Tunes von ***West Side Story*** (1957) von **Leonard Bernstein** (1918-1990) erinnert, spuckt er diesen Text aus dem Jahre 1935 von **cummings** aus:

- ***the boys i mean are not refined***
- ***they go with girls who buck and bite***
- ***they do not give a fuck for luck***
- ***they hump them thirteen times a night,*** (Ausschnitt)

Eine musikalische Erforschung ursprünglicher Begierden, kriegerischer Eroberungen und der Kehrseite von persönlicher Zustimmung, kam am Montagabend ein außergewöhnlicher Liederabend in die schwüle heiße Abenddämmerung des **Parc Floral** zu uns. Faszinierend, frustrierend, manchmal schockierend und manchmal tiefgründig! ***The Folly of Desire*** ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten, Universalgelehrten und angesehenen Jazzpianisten **Mehldau** und dem berühmten Tenor **Bostridge**. Die zweite Hälfte des Rezitals **Schumanns** ***Dichterliebe***, erforschte Ideen von Liebe, Gewalt und Wahnsinn, von flüchtigen Einblicken in ein klares Verständnis.

Komponist und Sänger arbeiteten zusammen an ***The Folly of Desire***, einer Untersuchung der Grenzen der postromantischen Ironie, wie es in einem Programmtext heißt. **Mehldau** schrieb die Musik, vertonte männliche Dichter, die bekannt, studiert und verehrt wurden: Von **Shakespeares**, **Goethe** und **Blake** bis **Yeats**, **Auden**, **Brecht** und **cummings**. Vielleicht absichtlich fühlten sich die Lieder im neuen Zyklus für einige Zuhörer oft wie ein Dorn im Auge! Aber wie eine beliebte Erwiderung lautet: *„Komm darüber hinweg!“* Sie begannen vorsichtig, folgten vielleicht dem traditionellen Rat von **Emily Dickinson** (1830-1886) – nicht einer von **Mehldaus** Dichtern – die schrieb: *„Sag die ganze Wahrheit, aber sag* *sie schräg!“* So drückt der Protagonist in Gedichten von **Blake:** ***The Sick Rose***, **Yeats:** ***Leda and the Swan*** und **Shakespeares:** ***Sonnets 147 und 75*** ein schräges Selbstbewusstsein aus: Lust bedeutet, dass sein Objekt der Begierde oder sein Opfer Schmerzen erleiden wird. **Skakespeares** kann brutal sein:

- ***Possessing or pursuing no delight***
- ***Save what is had or must from you be too***

![Nocturne in Vincennes / Ian Bostridge © Sim Canetty-Clarke](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/08/nocturne-5-ian-bostridge-c-sim-canetty-clarke-neu.jpg)

Nocturne in Vincennes / Ian Bostridge © Sim Canetty-Clarke

**Bostridge**, ein hervorragender Handwerker mit einer unverwechselbaren Stimme, sang alles mit absoluter Klarheit des Verständnisses, jeder Konsonant wurde klar artikuliert. Seine Gesangslinien sind sehr theatralisch vorgetragen und verfolgen hauptsächlich das Auf und Ab der Sprache, während der Klavierpart eine tiefe Psychologie in den Text einbringt. Das Spiel von **Mehldau** ging oft an unerwarteten Stellen und hielt den Zuhörer aufmerksam. Die kleinen Klaviereinlagen zwischen Strophen und die kurzen Codas am Ende eines jeden Liedes waren oft ein großer Höhepunkt, so emotional stark oder herzzerreißend. Wie nach einem Krieg kommen alle auf beiden Seiten irgendwie beschädigt nach Hause! Während der Zyklus voranschreitet und die Sprache das Fleischliche berührt, wird die Musik abstrakter und visueller. In einem Abschnitt für zwei Versionen der ***Ganymed***\-Legende von **Goethe** und **Auden**. Wir hatten das Gefühl, **Bostridge** sänge vor einem riesigen Hintergrund aus abstrakter Kunst, wechselnden Formen und farbenfrohen Bildern. Als Pianist beschwört **Mehldau** die Traumwelt herauf.

Der Zyklus schließt mit einem weiteren Gedicht von **Auden:** ***Lullaby*** mit den Zeilen: ***Nights of insult*** ***let you pass, watched by every human love…*** Es war wahrscheinlich zu abstrakt für die einen und zu vulgär für die anderen. ***The Folly of Desire*** erhielt nur höflichen Applaus und nicht automatische stehende Ovationen, es ist somit wohl eine praktisch ungenügende Note zum Überleben! Dennoch würde es uns nicht wundern, wenn dieser neue große Liederzyklus doch noch ein langes Leben vor sich hat. Alles neue revolutionäre und mutige in der Musikgeschichte brauchte Zeit. Also lassen wir ***The Folly of Desire*** viel Zeit! Viel Zeit!

**Schumann** vertonte Gedichte von **Heine** im Jahr 1840, dem Jahr seiner Hochzeit. Er komponierte mehr als 100 Liebeslieder in vielen Facetten. Die Lieder der ***Dichterliebe*** sind kurz, unerwidert und hastig, wobei der Klavierpart oft weitergeht, nachdem der Sänger fertig ist. Die gleiche Technik hat **Mehldau** auch für seine ***Folly*** benutzt! Man musste sich fragen, ob **Mehldau** – berühmt für seine Improvisationen und Partner eines kreativen Sängers, der dieses klassische **Schumann**\-Repertoire bereits nachhaltig geprägt hat – an der Musik basteln sie irgendwie neu machen würde, um völlig neue Bilder in der alten Partitur zu finden.

Nicht der Fall! **Mehldau** hatte oft seine Nase in der gedruckten Musik und folgte ihr dicht, obwohl er es mit Phrasierungen und ungewöhnlichen Tempowahlen schaffte, die Musik an sich zu binden. Die beiden Künstler interpretierten zum Beispiel ein warm strahlendes Lied : ***Im wunderschönen Monat Mai*** in einem Tempo, das bewusster als gewöhnlich klang, indem die Zuneigung des Dichters *„Da hab‘ ich ihr gestanden mein* *Sehnen und Verlangen.“* eine dunklere Stimmung annahm, was darauf hindeutete, dass seine Liebe aus der Ferne kam und das war natürlich äußerst ungewöhnlich und zugleich gruselig.

Im Kontext des Abends ist das traurige Lied: ***Ich hab‘ im Traum geweinet*** erschreckend , denn der Dichter fantasiert über den Tod seiner Geliebten und sagt dennoch *„Mir träumte, du wär’st mir noch gut“.* **Bostridge** war einwandfrei hier interpretatorisch am besten und sang mit ungeheurer Persönlichkeitskraft und Intensität. Mehldau schien zwischen den Liedern kleine Pausen einzulegen, was fast unerträgliche Bruchteile von Sekunden der Stille erzeugte. Und wie erwartet erhielt die ***Dichterliebe*** eine sehr großzügige Standing Ovation…!

Unter mehreren Zugaben der beiden Künstler fiel uns besonders auf: **Schumanns** ***Nachtlied Op. 96*** ***Nr. 1*** (1850) / Text: **Goethe** und das berühmte jazzige ***Night and Day*** (1932) von **Cole Porter** (1891-1964).

Die **FESTIVALS DU PARC FLORAL 2022** sind im diesem Jahr vom 29\. Juni bis einschließlich 7\. September. Sie unterteilen sich in folgende Rubriken:

**PESTACLES** ………………………………. Festival für Kinder (14.30 Uhr / freier Eintritt)

**CLASSIQUE AU VERT**………………… Festival für klassische Musik (16.00 Uhr / freier Eintritt)

**PARIS JAZZ FESTIVAL**………………… Festival für Jazzmusik (16.00 Uhr / freier Eintritt)

**LES NOCTURNES CLASSIQUE**…….. Festival für klassische Musik (20.30 Uhr / mit Eintrittskarte)

**LES NOCTURNES JAZZ**……………….. Festival für Jazzmusik (20.30 Uhr / mit Eintrittskarte)

Es ist wohl eines der schönsten sommerlichen Festivals in der nähreren Umgebung von Paris, eingebettet vom **Bois de Vincennes** befindet sich der **Parc Floral** (Botanischer Garten ohne Treibhäuser mit einem teilweise überdeckten Freilichttheater).

**[www.festivalsduparcfloral.paris](http://www.festivalsduparcfloral.paris/?ref=ioco.de) (PMP/02.08.2022)**

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