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# Paris, Théâtre des Champs-Élysées, LA PÉRICHOLE - Jacques Offenbach, IOCO Kritik,18.11.2022
- URL: https://www.ioco.de/paris-theatre-des-champs-elysees-la-perichole-jacques-offenbach-ioco-kritik18-11-2022/
- Published: 2022-11-18T07:18:42.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:11:49.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Konzert & Liederabend, Kritiken, SemperOper, Paris

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[Théâtre des Champs-Élysées - Paris](https://www.theatrechampselysees.fr/?ref=ioco.de)

![Théâtre des Champs-Élysées, Paris © wikimedia commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/05/theatre-des-champs-elysees-21-april-2013-wikimedia-commons.jpg)

Théâtre des Champs-Élysées, Paris © wikimedia commons

## **LA PÉ** ***RICHOLE* (1874) - Jacques Offenbach**

#### ***\- Eine menschliche Komödie in Musik… -***

***von Peter Michael Peters***

- ***Ah! Quel dîner je viens de faire!***
- ***Et quel vin extraordinaire !***
- ***J’en ai tant bu… mais tant, tant, tant,***
- ***Que je crois bien… que maintenant***
- ***Je suis un peu grise… un peu grise.***
- ***Mais chut !***
- ***Faut pas qu’on le dise !*** (Ariette der Trunkenheit, Périchole /1\. Akt/Auszug)

#### ***Ein Mensch seiner Zeit***

![Jacques Offenbach © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/06/offenbach-gut-11_17-neu.jpg)

Jacques Offenbach Paris © IOCO

**Jacques Offenbach** (1819-1880) und das Zweite Kaiserreich in Frankreich: Diese Assoziation scheint so selbstverständlich, dass man fast vergisst, dass der Komponist weit davon entfernt ist, nach 1870 die Feder niederzulegen und in den letzten zehn Jahren seines Lebens komponierte er mehr denn 26 neue Werke, die ihm zum Teil große gewaltige Erfolge einbrachten. Die Versuchung der Macht und des Genusses eines privilegierten Status? Auch wenn der ihm von **Alain Decaux** (1925-2016) in seinem schönen Buch zugeschriebene Titel *„König des Zweiten Kaiserreichs“* äußerst gut steht, gilt es dennoch einige Nuancen einzubringen. Im Gegensatz von **Richard Wagner** (1813-1883), der sich in der selben Zeit von **König Ludwig II. von Bayern** (1845-1886) mit Gold überhäufen ließ, gehörte **Offenbach** nicht zu den Vertrauten **Kaiser Louis Napoleons Bonaparte III.** (1808-1873), profitierte nicht von seiner Großzügigkeit und wurde nie in die *„Serie von Compiègne“* (Name von Kaiserempfängen) eingeladen. Zugegeben, er genießt das Wohlwollen des **Duc Charles de Morny** (1811-1865), Librettist seiner Operette ***Monsieur Choufleuri restera…*** (1861) und Paten-Onkel seines Sohnes, aber diese Verbindung mit dem Halbbruder des Kaisers macht ihn noch lange nicht zum Äquivalent eines Superintendanten der Musik, wie zum Beispiel **Jean-Baptiste Lully** (1632-1687) unter **König Louis XIV.** **von Frankreich** (1638-1715).

Tatsächlich zeigte **Offenbach** sein ganzes Leben lang eine äußerste Gleichgültigkeit, wenn es um Politik ging, da seine Welt eine des Theaters und der Musik war. Aus diesem Grund floh er während der Revolution von 1848, dem Deutsch-Französischen Krieg, der Belagerung von Paris und der Kommune, Zeiten in denen die Theater geschlossen waren und das künstlerische Leben zurückging, aus der Hauptstadt. Politisches Engagement ist nichts für ihn und seine Arbeit von ***Barkouf*** (1860) bis ***Madame l’Archiduc*** (1874), obwohl die Handlungen nur so von Verschwörungen vollgestopft waren, die aber alle im Winde verwehten…

****La Périchole - Jaques Offenbach** youtube - **Théâtre des Champs-Élysées \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Dennoch trafen ihn die tragischen Ereignisse des Jahres 1870 sehr hart: Hin- und hergerissen zwischen Frankreich und Preußen bezog er deutlich Stellung für seine Wahlheimat, wurde aber von den deutschen Journalisten verleumdet, die ihm vorwarfen Lieder gegen Deutschland zu komponieren. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts warfen ihm dennoch einige Journalisten und Franzosen die Schuld vor, aufgrund seiner Herkunft seine angebliche Unterstützung für das Kaiserreich mit seinen sogenannten *„Durchhalte-Parolen“* in Form von Liedern und Märschen noch mehr zur Niederlage beigetragen zu haben, kurzum : Er wurde als die Verkörperung eines äußerst verabscheutem preußischen Regime angesehen! Von der harten Realität eingeholt, musste er noch hören und sich fast damit abfinden, dass er mit seiner Musik Frankreich auf einem Vulkan zum Tanzen gebracht habe.

In Sachen Religion nimmt **Offenbach** eine etwas ähnliche Haltung ein. Als Sohn eines jüdischen Kantors, wurde er verantwortlich für die Leitung eines Chores in der Nazareth-Synagoge, sobald er in Paris ankam. Verlor aber schon ein halbes Jahr später seinen Posten, weil er am Sabbat in einem Theater-Orchester spielte… Ohne diesem musikalischen Erbe einen sakralen Charakter zuzusprechen, ließ er sich im Gegenteil davon inspirieren, beispielsweise für den Walzer ***Rebecca*** (1837) oder eine völlig groteske Nationalhymne in ***Geneviève de Brabant*** (1859)). Und scheinbar ohne Gewissensbisse stimmt er auch zu, zum Katholizismus zu konvertieren um zu heiraten.

**Offenbach** verstand schon sehr früh, wie wichtig es ist, sich um das zu kümmern, was wir heute Öffentlichkeitsarbeit nennen. In dem Bestreben auf sein Talent aufmerksam zu machen und um in die Welt der Künstler einzudringen, macht der junge Cellist seine eigene Werbung in den Zeitungen und spielt mit seiner äußeren Erscheinung: Um viel Neugier zu erwecken! Mit seinen langen Haaren, seinem leicht kränklichen Teint und seiner vorgetäuschten Ohnmacht während seiner Konzerte gibt er sich das Aussehen eines ultra-romantischen Künstlers… Schlaksig und in erstaunlich farbigen Kleidern setzt er sein Monokel auf, die ihm das vage Aussehen eines verstörendes Bild verleiht: Einer **Ernst Theodor Amadeus Hoffmann** (1776-1822) - Märchen-Figur, die er gerne kultivierte! Die sich aber schließlich gegen ihn selbst wendete und ihm einen nicht sehr beneidenswerten Ruf einbrachte, ein sogenannter *Jetta Tore*, d. H. ein Unglücksbringer, ein Zauberer mit bösen Flüchen.

Dieser entschlossene Wunsch, sein Werk zu fördern, findet zweifellos seinen bemerkenswertesten Ausdruck in seinen privilegierten Verbindungen zu der Tageszeitung **Le Figaro** und seinem Direktor **Hippolyte de Villemessant** (1810-1879). Als Nachbar im Urlaub in Étretat und vor allem ein treuer Freund bis in den Tod unterstütz letzterer **Offenbach** unermüdlich und sorgt für eine außergewöhnlichen Werbung für den Komponisten. Seine Zeitung wurde in gewisser Weise zum offiziellen Organ des **Theater Bouffes-Parisiens** seit seiner Gründung und stellte für die Leser schnell eine beeindruckende Informationsquelle über die vielfältigen Projekte, Kreationen und Erfolge des Musikers im Ausland zusammen. Er verteidigt den Künstler-Unternehmer auch in den vielen Streitigkeiten, die ihm gegenüber der **Société des auteurs et compositeurs dramatiques (SACD)** entgegenstehen.

![Théâtre des Champs-Élysées, Paris / LA PÉRICHOLE hier Szenefoto © Vincent Pontet](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/11/foto-5neu.jpg)

Théâtre des Champs-Élysées, Paris / LA PÉRICHOLE hier Szenefoto © Vincent Pontet

#### ***Zwischen quirliger Verspieltheit und besinnlicher Weisheit…***

Eine andere Verbindung, die uns sofort einfällt, ist die zwischen dem Musiker und dem Vergnügen in all seinen Formen. Hat er nicht die lyrische Kunst mit einer gehörigen Portion guter Laune durchtränkt und wie kein anderer den süßen Rausch des Alkohols und der Sinne besungen? Auch hier sind Nuancen notwendig, um eine reduktionistische Sicht auf die Realität zu vermeiden. Es stimmt, dass **Offenbach** einen ungewöhnlichen Sinn für Humor und Witz besaß, was sich in einigen seiner Korrespondenzen und in einigen Zeitungsartikeln zeigt. Eine berühmten Anekdote besagt, dass er als junger Cellist an der **Opéra Comique** aufgrund seiner übertriebenen Lust an Farcen manchmal jeden zweiten Ton spielte und das abwechselnd mit seinem Kollegen **Hippolyte-Prosper Seligmann** (1817-1882)… Auch seine berühmten Freitagabende, die er zu Hause organisierte, sind eloquent: Der Mann hat gerne Spaß, verkleidet sich, unterhält seine Umgebung, bietet üppige Empfänge und genießt das Leben. Er ist auch ein überaus geselliger Mensch, der weit davon entfernt ist Einsamkeit und Stille zu fordern, um an seinen Partituren zu arbeiten, sondern der im Gegenteil die Belebung und Aufregung seiner Familie um sich herum spüren muss.

Wenn diese Spaßmacher-Seite nicht zu leugnen ist, sollten wir dann in **Offenbach** nur einen reuelosen Vergnügungssucher sehen? Weit gefehlt schon allein in puncto Tafelfreuden! So überraschend es erscheint, er trinkt kaum Alkohol und begnügt sich fast nur mit sparsamen Mahlzeiten aus dem unveränderlichen monotonen Speiseplan… Was ihn aber nicht daran hindert, ernsthaft von der Gicht betroffen zu sein! Die einzige Bulimie die er kennt ist die der Arbeit, eine regelrechte Sucht, die ihn vorzeitig erschöpft und ihn in einen ewigen Wettlauf gegen die Zeit führt um seine Arbeit rechtzeitig fertig zu stellen. Seine mehr oder weniger schuldigen Freuden, wie er selbst zugibt, sind in Wirklichkeit *„die Zigarre, die Frauen und das Spiel“*. Er war in der Tat ein großer Liebhaber von Zigarren und zeigte eine echte Leidenschaft für Kasino-Spiele, was zweifellos zum Teil seine Wahl von Bad Ems für seine Sommersaison in den 1860er Jahren erklärt.

#### ***Wir sind noch nie so gut bedient worden…***

Bei Frauen achtet **Offenbach** auf Diskretion, um **Herminie d’Alcain** (1826-1887) zu schonen, die er aus Liebe geheiratet hatte und zu der er eine tiefe Verbundenheit empfand. Zu seinen bevorzugten Geliebten zählen einige seiner Interpretinnen **Marie Cico** (1841-1875), **Valtesse de La Bigne** (1848-1910) und vor allem **Zulma Bouffar** (1843-1909), mit der er eine lange Beziehung hatte und die ihm zwei Söhne schenkte. Seine Bewunderung für **Hortense Schneider** (1833-1920), Schöpferin von ***La*** ***belle Hélène*** (1864) und ***La Grande-Duchesse de Géroldstein*** (1867), wird nie zu einer romantischen Liebesbeziehung werden.

**Offenbach** ist ein Ehemann und Familienvater, der darauf achtet, seine außerehelichen Affären nicht öffentlich zu machen und der darauf bedacht ist, den Anschein einer vollkommensten bürgerlichen Seriosität zu bewahren. Er verehrt seine vier Töchter und gibt zu, eine Schwäche für seinen Sohn zu haben, der nach achtzehn Jahren Ehe geboren wurde. Sein überfüllter Terminkalender hindert ihn nicht daran, bei großen und kleinen Ereignissen des Familienlebens anwesend zu sein. Gemäß den unausgesprochenen Gesetzen seiner Zeit errichtet er eine Barriere zwischen seiner Familie und den *„Gauklern“*, mit denen er eine dauerhafte Komplizenschaft erleben kann, die aber nicht zu seinen Abenden eingeladen werden. Untröstlich nach dem Tod ihres Mannes und sehr betroffen vom frühen Tod ihres Sohnes Auguste im Jahr 1883, starb Herminie 1887 selbst.

![Théâtre des Champs-Élysées, Paris / LA PÉRICHOLE hier Antoinette Dennefeld (Perichole) und Laurent Naouri (Don Andrés) © Vincent Pontet](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/11/foto-6neu.jpg)

Théâtre des Champs-Élysées, Paris / LA PÉRICHOLE hier Antoinette Dennefeld (Perichole) und Laurent Naouri (Don Andrés) © Vincent Pontet

#### ***Freude mit Traurigkeit vermischt…***

Nach dem überwältigen Erfolg von ***La Grande-Duchesse de Geroldstein*** im Jahr 1867 boten **Offenbach** und seine beiden von ihm bevorzugten Librettisten mit **Schneider** ein viertes Werk für das **Théâtre des** **Variétes** an. Aus Zeitmangel oder aus Trägheit hatte das Libretto von **Henry** **Meilhac** (1831-1897) und **Ludovic** **Halévy** (1837-1908) nur zwei Akte. Die Entstehung, eine Woche nach ***L’île de Tulipatan*** (1868) im **Théâtre de Bouffes-Parisiens**, löste keine wahnsinnige Begeisterung aus und das Werk erreichte insgesamt nur 76 Aufführungen in drei Monaten. Im Zuge der Revisionen, die er nach den anhaltenden Kriegen mit seinen Konkurrenten an einigen seiner Hauptwerke durchführen musste, fügte der Musiker ***La Périchole*** noch einen Akt hinzu und der damit 1874 seine endgültige Form fand. Diese zweite Fassung, die allerletzte Schöpfung von **Offenbach** mit **Schneider**, verlässt nach nur 73 Aufführungen die Bühne.

In Lima wird im 18\. Jahrhundert das Fest von ***Don Andrès de Ribeira***, ***Vizekönig von Peru*** gefeiert, der nur an sein Vergnügen und an *„kleine niedliche Frauen“* denkt. Seine neue Beute ist die aus Hunger gequälte Straßensängerin ***Périchole***, die sich gerade damit abfindet ihren Geliebten ***Piquillo*** für immer zu verlassen, weil *„Armut so hart ist“*! Um als offizielle Geliebte in den Palast aufgenommen zu werden, muss sie jedoch verheiratet sein. Sie beeilt sich, den ersten besten unbekannten Ankömmling in die Hände zu bekommen: Es ist der völlig betrunkene ***Piquillo***! Er erkennt seine ***Périchole*** nicht einmal und stimmt umgehend zu, die falsche Rolle eines Ehemanns zu spielen. Einmal nüchtern rebelliert der junge Mann und sorgt für Aufruhr im Schloss! In den Kerker der *„widerspenstigen Ehemänner“* geworfen, wird er von seiner Geliebten befreit, die ihm ihre Liebe erneut beweist. Der ***Vizekönig*** gewährt seine Begnadigung und die beiden Straßensänger nehmen ihr altes Leben wieder auf.

Nach ***La Belle Hélène***, ***Boulotte*** (***Barbe-Bleue***/1866) und ***La Grande-Duchesse de Geroldstein*** eine weitere dieser Frauen mit entschlossenem Charakter, die das Trio **Offenbach-Meilhac-Halévy** geschaffen hat. Im Gegensatz zu ***Piquillo*** ist sie eine sehr aktive Person, die sehr schnell versteht, welchen Vorteil sie aus einer heiklen Situation ziehen kann. **Jane Rhodes** (1929-2011), die bekannte französische Mezzo-Sopranistin interpretierte die Rolle in der berühmten Inszenierung (1969) des französischen Regisseurs **Maurice Lehmann** (1895-1974): Sie sah die ***Périchole*** als *„ein Mädchen mit vulkanischem* *Temperament, lachend, sinnlich, leidenschaftlich, rebellisch aber weder leicht noch oberflächlich“*. Deshalb hielt sie die ***Périchole*** für *„eine kleine Schwester von *Carmen* (1875) von *Georges Bizet* (1838-1875)“*, ein Vergleich, der umso interessanter ist, da **Prosper Mérimée** (1803-1870) der Ursprung der beiden Librettos von **Meilhac** und **Halély** ist.

Zunächst an einem schaurigen Tag präsentiert, weigert sich ***Piquillo*** seiner Verliebten das Betteln und Singen ohne Schutz auf den Strassen allein zu überlassen, aus Angst die Männer könnten zu frech und unternehmungslustig mit ihr werden. Dann erweist er sich als sehr verletzlich und nach der Lektüre des Abschiedsbriefs von ***La*** ***Périchole*** versucht er mit sich selbst ins Reine zu kommen: Erst singt er sorglos ein lustiges Couplet im 2\. Akt und dann aber plötzlich geradezu verzweifelt wie nie zuvor in seiner jämmerlichen Kerker-Arie dämmert er trostlos dahin. Trotz einiger Momente der Leichtigkeit ist diese Arie in der Tat besonders düster: *„Cela vous met la mort dans l’âme / De voir le monde comme il va…“* Ein neues Beispiel für einen Lächerlichen Hampelmann-Herrscher von **Offenbach**: ***Don Andrès*** verliebt sich so schnell in ***La Périchole*** wie auch ***La Grande-Duchesse de Geroldstein*** sich sehr schnell für ***Fritz*** heiß entzündet. Im Gegensatz zu ihr verzeiht er der Strassensängerin und entzieht ihr ihre Vorteile nicht, bevor er sie gehen lässt. Weniger monolithisch als man auf den ersten Blick vermuten mag, offenbart er das Leiden, das ihn im Gefängnis-Trio bewohnt: *„J’ai la fortune et la puissance, / Tout cela ne vaut pas l’amour.“*

#### ***Warum immer singen und immer lachen…?***

**Micaela Villegas** (1748-1819) mit dem Spitznamen **La Perricholi** war eine sehr berühmte peruanische Schauspielerin. Auch wenn wir uns in Vermutungen über die Bedeutung des Namens ***Péricole*** verlieren, so wissen wir doch mit Sicherheit dass sie von 1761 bis 1767 die Mätresse von **Manuel de Amat y Junyent** (1707-1782), Vizekönig von Peru war und mit ihm einen Sohn hatte. Das Schicksal dieser Frau mit einem sehr ungestümen und geraden Charakter inspirierte **Mérimée** zu dem kurzen Theaterstück ***La*** ***Carrosse du Saint-Sacrement***, das erstmals 1829 in ***La Revue de Paris*** veröffentlicht wurde und im folgenden Jahr in seinem ***Théâtre de Clara Gazul***. In diesem stark antiklerikalen Werk, das am 13\. März 1850 in der **Comédie-Française** uraufgeführt wurde, sehen wir wie die berühmte Schauspielerin, nachdem sie die Erlaubnis erhalten hatte in der luxuriösen Kutsche ihres Geliebten zur Kirche zu fahren. Jedoch um den Skandal im Keime zu ersticken, schenkte sie das Luxus-Fahrzeug großzügig dem eifersüchtigen Bischof von Lima.

Fünfzehn Jahre zuvor, im Jahre 1835 hatte im **Théâtre du Palais-Royal** die Komödie in 1 Akt ***La Périchole ou la Vierge du Soleil*** von **Théaulon de Lambert** (1787-1841) und **Pittaud de Forges** (1803-1881) Uraufführung. Vielleicht kannte **Offenbach** dieses Stück, in dem die Heldin bevorzugt in ein Kloster zugehen, um nicht eine Hochzeit mit dem Vizekönig **Don Fernando de Ribera** einzugehen, denn mehrmals arbeitete der Komponist mit **De Forges** zusammen. Dennoch haben **Meilhac** und **Halévy** absolut nichts von der Handlung der beiden Stücke behalten und sich mit der historischen Realität die größten Freiheiten genommen. Das einzige Element, das von ***La Carrosse du Saint-Sacrement*** kommt, ist der Name des Vizekönigs, der bei **Mérimée** ***Don Andrès de Ribera*** buchstabiert wird.

Unter den Ursachen, die den Halberfolg des Werks bei seiner Entstehung erklären können, ist vielleicht die bittersüße Tonalität anzuführen, die viele Zuschauer überrascht haben muss. Nach ***La Grande-Duchesse de Geroldstein***, die aufgrund der romantischen Rückschläge der Heldin zeitweise von einer gewissen Traurigkeit durchzogen war, präsentiert sich aber ***La Périchole*** in eine ziemliche pessimistische Vision des Daseins: Indem es das tiefe Elend zweier umherziehenden Straßensänger ins volle Rampenlicht rückt. Weil sie fast vor Hunger stirbt, akzeptiert die junge Frau den „Handel“ mit dem Vizekönig und nicht um ihren Durst an Sinneslust zu stillen wie die ***Manon*** (1731/1884) des **Abbé Antoine François Prévost** (1697-1763) und **Jules Massenet** (1842-1912). Unvorstellbar, ohne seine Geliebte zu leben, reagiert ***Piquillo*** mit Selbstmordversuch, ein bisschen wie ***Papageno*** in ***Der Zauberflöte*** ***K. 620*** (1791) von **Wolfgang Amadeus Mozart** (1756-1791). Die Hofleute sind verhasst und stürzen sich mit glühender Freude *(„Sautons dessus!“*) auf den Unglücklichen, der sich weigert den selbstgefälligen Ehemann zu spielen.

Weit davon entfernt, diesen bittersüßen Aspekt des Werks zur Zeit der Überarbeitung von 1874 abzuschwächen, akzentuierten **Offenbach** und seine Librettisten ihn, indem sie das wichtige Bild des Gefängnisses hinzufügten, in dem ***Piquillo*** seiner tiefen Not freien Lauf lässt und wo ***Don Andrès*** seine geheime Wunde offenbart als ein zurückgewiesener Liebhaber. Wie zum Ausgleich enthält das Szenenbild auch die wunderbaren Verse eines Liebes-Bekenntnisses von ungeahnter Zärtlichkeit. Aber wie die Gattung Opéra-Bouffe verlangt, ***La Périchole*** endet natürlich in Freude, aber wir haben doch das Gefühl, dass **Offenbach** versucht: Sein Weltbild zu relativieren, uns den Riss zu zeigen, der die Basis äußeren Vergnügens bedroht und uns das tiefe Leiden des Künstlers verständlich zu machen. Die zwischen den beiden Fassungen von ***La Périchole*** komponierte Komische Oper ***Fantasio*** (1872) – deren 3\. Akt auch eine Gefängnisszene enthält – partizipiert voll und ganz an diesem Wunsch, der in ***Les Contes d’Hoffmann*** (1881) seine Vollendung finden wird.

![Théâtre des Champs-Élysées, Paris / LA PÉRICHOLE hier Szenefoto © Vincent Pontet](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/11/foto-7neu.jpg)

Théâtre des Champs-Élysées, Paris / LA PÉRICHOLE hier Szenefoto © Vincent Pontet

#### ***LA PÉRICHOLE - Premiere - 13\. November 2022 - Théâtre des Champs-Elysées Paris:***

#### ***Hüten Sie sich vor Offenbachs Operette: Sie hat Zähne…!***

Unter dem flauschigen Äußeren von ***La Périchole*** aus summbaren Melodien und schmalzigen Walzermelodien liegt ein dunkles und trauriges Herz aus rachsüchtiger Wut gegen die Ungleichheiten des Tages und der aufgeblasenen Grandiosität eines Diktators, der lächerlich aber auch tödlich sein kann. Natürlich umgeben von korrupten und eigennützigen Lakaien! Zu Zeiten von **Offenbach** war das Anklageziel **Kaiser** **Napoléon III.**, heute könnten wir **Vladimir Poutine** (\*1952), **Jair Bolsonaro** (\*1955), **Donald Trump** (\*1946) oder unzählige andere auf die Anklagebank setzen. Im **Théâtre des Champs-Elysées** starten der französische Dirigent **Marc Minkowski** mit **Les Musiciens du Louvre** auf die täuschend flauschigste Art und Weise, die man nur sich vorstellen kann. Die Operette spielt in Peru, also bekommen wir falsche spanische Stierkampf-Arena-Musik, die vor Energie nur so sprudelt und augenblicklich zu einem romantischen Schwung aufsteigt, um dann zu ungemein herrlichen nostalgischen Geigensolos wechselt.

Wir sind durch die Ouvertüre musikalisch völlig falsch vorbereitet, denn sobald die Aktion beginnt sehen wir eine dunkle düstergraue Szene ohne viel Licht und Freude. Der französische Regisseur **Laurent Pelly** und die französische Bühnenbildnerin **Chantal Thomas** stellen jede Szene unter ein Porträt des Diktators, das so gigantisch ist, dass wir nie das ganze Gesicht sehen, sondern nur die Nase und den Mund. Die Opéra-Bouffe beginnt mit einem freudigen Gesang der Volksmenge, die stark betrunken das Lob des Sieges von ***Don Andrès de Ribeira*** besingen, der seine Hauptstadt Lima besucht. Es wäre alles ein toller Spaß, außer der Tatsache dass die Menge in baren Geld und viel Alkohol bezahlt wird, um so laut wie möglich zu singen unter dem eisernen Druck des kaltblütigen Gouverneur von Lima, ***Don Pedro de Hinoyosa*** und seinem gleichgesinnten Kumpel, das kaltschnäuzige Schlitzohr, ***Comte Miguel de Panatellas*** *.* Das Ganze ist historisch äußerst nahe am „Knochen“ und man verspottet genusssüchtig **Napoléons** Ausflüge von seinem Palast, um den Beifall einer sorgfältig orchestrierten Menge zu genießen. Es ist auch ein seltsames Analogon mit der Eröffnungsszene aus ***Boris Godunow*** (1869/1872), die **Modest Mussorgski** (1839-1881) gerade im Jahr 1868, dem Jahr von ***La Péricholes*** Uraufführung, zu schreiben begann.

Dann treten zwei Straßensänger auf, mittellos und am Verhungern: ***Périchole*** und ihr Freund ***Piquillo***. Auch ***Don Andrès*** begegnet ***Périchole*** und will sie unbedingt zu seiner Geliebten machen, sie wiederum sehnt sich ebenso verzweifelt nach einer warmen Mahlzeit! Viel Heiterkeit entsteht in einer allgemeinen kunterbunten und albernen Reihe von diversen heiter-komischen Neckereien und tänzerischen Verwandlungsspielen, die von der gesamten Besetzung mit Begeisterung ausgeführt werden. Die französische Mezzo-Sopranistin **Antoinette Dennefeld** stürzte sich in die sehr freche und etwas punkige Person von ***Périchole***, immer straßenbewusst und äußerst sarkastisch, aber mit einem Herz aus purem Gold, einem Rohdiamanten, die uns dennoch mit einer wunderschönen romantischen Ballade überzeugen kann. Als Schauspielerin ist sie mit ihrem Körper und ihren Gesten sehr vertraut, bietet also einen klugen Charakter voller umgewöhnter Initiative, aber die Sängerin zeigt eine nicht sehr nuancierte Gesangslinie, insbesondere im Hinblick auf die sehr schweren tiefen Töne, dessen die Partitur übervoll ist. Aber auch in dem prägnanten hohen Register zeigt die Stimme an diesem Abend einige zu leichte und breite Vibrato. Allerdings die vielfältigen Farben im Medium sind dennoch rund und bringen die nötige Leichtigkeit für diese Rolle mit!

Der ***Piquillo*** interpretiert von dem französischen Tenor **Stanislas de Barbeyrac** entspricht keineswegs dem Einfaltspinsel, der üblicher Weise mit dieser Rolle assoziiert wird: Hier ist er nur roh mit einem Artischocken-Herz, manchmal auch aggressiv, oft aber sehr weinerlich! Als sogenannter brutaler umsichschlagender Hooligan kämpft er als Interpret völlig unglaubwürdig daneben, denn er scheint niemals in der Lage seinen gewissen Adel loszuwerden, der ihm natürlich viel besser steht. Darüber hinaus erscheint der Tenor in der wütigen Eifersuchtsszene im 2\. Akt am wahrscheinlichsten: Zumal die Stimme auch immer sehr attraktiv bleibt und das auch in den sehr dunklen Einsätzen, die in dieser komplexen Partitur eine überaus wichtige Rolle spielen. Seine imposante muskulöse Mittellage mit einem zentralen vielfältigen farbigen Bronze-Timbre bietet eine Einheit im gesamten Klangbereich und dass natürlich auch in den ausgeprägten Höhen.

Der französische Bass-Bariton **Laurent Naouri** singt ***Don Andrès de Ribeira*** in seiner höhlenartigen Stimme mit einer jedes Mal so treffenden Linie, er ist als Schauspieler sehr geschickt und weiß das man mit Effekten schonend umgehen muss. Die Gesangslinie behält eine gewisse Rundung und eine stabile Projektion, die ihr eine anziehende Autorität verleiht. Das *legato* fehlt manchmal und auch gewisse Töne wirken unsicher, aber der Sänger geht mit seinen Mitteln vorsichtig um, sodass er die Rolle manchmal mit Spott zu nähren weiß und auch manchmal den verletzten oder sogar perversen Mann aufbaut.

Der belgische Bariton **Lionel Lhote** und der französische Tenor **Rudolphe Briand**, die jeweils mit ihren schön gefärbten Timbres den etablierten zynischen ***Don Pedro de Hinoysa*** und die leichten Töne des Intriganten ***Comte Miguel de*** ***Panatellas*** ausführen, aber ohne nasale Töne mit einem sanften und angenehm gemischten Lied bringen sie in ihrem komischen Duo ein lebhaftes Spiel und eine Komplizenschaft mit, die sowohl harmonisch funktionieren als auch perfekt mit der Häufung von vielen albernen Gags, die ihnen **Offenbach** zugeschrieben hat.

Die drei Kusinen bilden mit ihrer Verspieltheit und ihrer schamlosen Vulgarität ein äußerst verführerisches Ensemble. Die Stimmen werden auch mit viel Kühnheit gestartet: Die französische Sopranistin **Chloé Briot** (***Guadalena/Manuelita***) hat eine helle Stimmfärbung und ein sehr vitales und bewegliches Instrument, die französische Mezzo-Sopranistin **Alix Le Saux** (***Berginella/Ninetta***) eine nervöse Gesangslinie mit einem leicht nasalen Klang, während die französische Mezzo-Sopranistin **Eléonore Pancrazi** (***Mastrilla/Brambilla***) ihre Gesangslinien mit einem derartigen Elan verschlingt, das ihre tiefe und kraftvolle Stimme aufrechterhält ohne den Gesang abzuschwächen. Zu diesen Dreien kommt noch die junge französische Mezzo-Sopranistin **Natalie Pérez** (***Frasquinella***) hinzu, um eine der Hofdamen des Palastes zu verkörpern, die mit ihrem fruchtigen Timbre und einem unverschämten und sehr entzückenden komischen Schauspiel alles ändert will.

***La Périchole***, die aufrührerische und einfühlsame komische Oper von **Jacques Offenbach**: Die vor subversiver Frechheit nur so schimmert und sich gegen jeglichen Machtmissbrauch auf die Seite der Armen stellt und die der Zeit trotzte dank seiner unzerstörten Ironie. **(PMP/16.11.2022)**

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