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# Paris, Théâtre des Champs-Élysées, ROMA - J. Massenet, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/paris-theatre-des-champs-elysees-6/
- Published: 2026-10-01T19:43:30.000Z
- Updated: 2026-10-01T19:43:30.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette

**28.09.2026**

***EIN SELTENES WERK MIT EINER TRAGISCHEN WUCHT…***

***Beauté trop prompte à se rendre ne saurait me stimuler;*** 
***un baiser, je veux le prendre, un cœur je veux le voler.*** 

(**Jules Massenet**,1872)

***Ein seltener Massenet…,***

in dem Tragik und edle Gesinnung mit Finesse verbunden sind! Nachdem er das Publikum mit ***Manon*** (1884), ***Werther*** (1893) und vielen anderen Werken, die seinen unverkennbar reichen und sinnlichen Melodiestil prägen, begeistert hatte, wandte sich **Jules Massenet** (1842-1912) einem historischen Thema zu und schuf mit ***Roma*** (1912) ein beeindruckendes Werk, dessen Schönheit aus seiner tragischen Kraft erwächst. Der antike Stoff und sein Libretto von **Henri Cain** (1857-1937) nach dem historischen Drama ***Rome vaincu*** (1876) von **Dominique-Alexandre Parodi** (1840-1901), inspirierten den Komponisten zu einer schlichten, schnörkellosen Musik. Ganz seinem Thema gewidmet, schuf **Massenet** eine zurückhaltende und feierliche Partitur, deren leidenschaftliche Akzente meisterhaft arrangiert sind. Für die Aufführung dieses seltenen Werkes von **Massenet** hat das französische Musik-Institut **Palazzetto Bru Zane** in Venedig erneut eine Gruppe von Sängerinnen und Sänger zusammengestellt, die sich diesem französischen Repertoire des frühen 20\. Jahrhunderts zutiefst verbunden fühlen. 

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Patrick Bolleire (Lucius Cornelius), Tassis Christoyannis (Fabius Maximus), Rachel Willis-Sorensen (Fausta) © OPMC -Alice Blangero

Eine Produktion des **Théâtre des Champs-Élysées** in Zusammenarbeit mit dem **Palazzetto Bru Zane** – Zentrum für französische romantische Musik.

***Meditationen und Souvenirs…***

Mit dem Tod von **Massenet** am 13.August 1912, so schreibt ein Leserbrief in der **Musical Times**: *„Verliert Frankreich seinen beliebtesten und berühmtesten Komponisten“*. Die zeitgenössische Kritik fiel jedoch deutlich weniger schmeichelhaft aus! *„* **Massenets** *anhaltender und weitreichender Erfolg“*, so der englische Musik-Kritiker **John Alexander** **Fuller Maitland** (1856-1936), *„ist eines der rätselhaftesten Phänomene der modernen Musikgeschichte. Während diejenigen, die genauer hinhören, seine Musik als unbeschreiblich eintönig empfinden, sind Gelegenheitszuhörer von seiner oberflächlichen Vielseitigkeit überrascht. Seine größte Eigenart als Mensch und Künstler war sein übermächtiges Streben nach Erfolg!*

Als **Massenet** erfuhr, dass der Musikredakteur des **Écho de Paris** den Komponisten **Camille Saint-Saëns** (1835-1921) gebeten hatte, seine Memoiren für die Zeitung zu schreiben, bot er der Zeitung umgehend seine Erinnerungen ***Mes Souvenirs*** (1912) an. Der Redakteur wagte es nicht, ihm absagen zu wollen, wollte **Saint-Saëns** aber auch nicht verärgern. Um das Dilemma aber zu lösen, wurden die Fortsetzungen der jeweiligen Autobiografien abwechselnd an den Wochenenden veröffentlich, was alle Beteiligten zufriedenstellte. **Massenet** schildert sein Leben und seine Karriere in den sanftesten Farben, und selbst seine Feinde sind liebenswerte Menschen, die er insgeheim verehrte. Wie ein bekannter Literaturwissenschaftler schreibt: *„Das Pathos dieser Memoiren rührt nicht von den geschilderten Ereignissen her, sondern von* **Massenets** *offenkundigem Wunsch nach Zuneigung“*.

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Aliénor Felix (La Grande Vestale), Hélène Carpentier (Junia), Patrick Bolleire (Lucius Cornelius), Tassis Christoyannis (Fabius Maximus) © OPMC -Alice Blangero

Während **Saint-Saëns‘** Artikel bei Intellektuellen auf reges Interesse stießen, lockten **Massenets** Erinnerung große Lesermengen an, die sich Geschichten über ihre Lieblingsspielerinnen, Backstage-Klatsch und Einblicke in die Welt hinter den Kulissen erhofften. Leser machten **Massenet** jedoch schnell darauf aufmerksam, dass das Buch unvollständig sei, da ein Kapitel über seinen Tod fehle. Zunächst tat **Massenet** diese Idee ab, doch mit über 70 Jahren begann ihn die Auseinandersetzung mit dem Tod zu beschäftigen. Daher fügte er seinen Memoiren einen Anhang mit dem Titel ***Pansées posthumes*** (1912) hinzu.

Es ist eine recht bizarre Passage, in der er sich selbst diese Welt hinter sich lässt und zwischen Sternen und hell leuchtenden Sonnen lebt. Wie er schreibt: *„Solche Beleuchtung für meine Bühnenbilder auf der großen Bühne der Oper habe ich nie erreicht, da die Kulissen allzu oft im Dunkeln lagen“*. Er verabschiedet sich von der Eintönigkeit des Lebens und all den langweiligen Abendessen. *„Eine Abendzeitung, vielleicht auch zwei, hielten es für ihre Pflicht, ihre Leser über meinen Tod zu informieren. Ein paar Freunde – ich hatte am Tag zuvor noch einige – kamen und fragten meinen Hausmeister, ob die Nachricht stimme, und er antwortete: ,Ach, Monsieur ist gegangen, ohne seine Adresse zu hinterlassen‘. Und seine Antwort stimmte, denn ich wusste nicht, wohin mich diese zuvorkommende Kutsche brachte“*.

*„Beim Mittagsessen sprachen mir Bekannte untereinander ihr Beileid aus, und im Laufe des Tages sprachen sie hier und da in den Theatern über das Abenteuer: ‚Jetzt, wo er tot ist, werden sie ihn weniger spielen, nicht wahr? Wissen Sie, das er noch ein weiteres Werk hinterlassen hat? Er wird uns nie aufhören zu langweilen! Ach, glauben Sie mit, ich habe ihn sehr geliebt! Ich hatte immer so großen Erfolg mit seinen Werken!‘, hörte man die Stimme einer hübschen Frau. Als die Kutsche mich immer weiter fortbrachte, wurden die Gespräche und Geräusche immer leiser, und ich wusste, denn ich hatte mein Grab vor langer Zeit errichten lassen, dass der schwere Stein, einmal versiegelt, wenige Stunden später das Tor zum Vergessen sein würde“*.

Die in ***Pensées posthumes*** erwähnte Oper entpuppte sich als ***Roma***, die letzte seiner Opern, die noch zu seinen Lebzeiten uraufgeführt wurde. Basierend auf einem Theaterstück von **Parodi** erzählt sie die Geschichte einer Vestalin, die sich in einen Offizier verliebt und den Zorn Gottes auf sich zieht. Sie wird dazu verurteilt, lebendig eingemauert zu werden, doch kurz vor der Vollstreckung des Urteils ersticht sie ihre blinde Großmutter, um ihr einen qualvollen Tod zu ersparen. Das Werk wurde am 17\. Februar 1912 an der **Opéra de Monte Carlo** uraufgeführt, und **Massenet** saß im Publikum. Die Zuschauer waren begeistert, und **Prince Albert** **I.** (1848-1922) sprach davon, wie tief beeindruckt ihn das neue Werk gemacht hatte. Kurz vor seinem 70\. Geburtstag erkrankte er jedoch erneut und zog sich auf seinen Landsitz in Égreville zurück.

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Jérôme Boutillier (Vestapor, Caïus, Un vieillard) © OPMC -Alice Blangero

**Massenet** litt schon seit einigen Monaten an Bauspeichel-Drüsenkrebs, und innerhalb weniger Tage verschlechterte sich sein Zustand rapide. Am Abend des 12\. Augusts ordnete er Notizen und Notenpapier auf seinem Schreibtisch für die Arbeit des nächsten Tages an – ein Ritual, das er seit fünfzig Jahren pflegte. Am frühen Morgen des 13\. August, zu einer Zeit, zu der er normalerweise gearbeitet hätte, lag er unruhig und verstört da und starb um 4 Uhr morgens im Kreise seiner Familie. Er wurde am 17\. August auf dem kleinen Friedhof von Égreville beigesetzt. Nur wenige Menschen hatten sich versammelt, darunter **Reynaldo Hahn** (1874-1947), **Gustave Charpentier** (1860-1956) und **Raoul Samuel Gunsbourg** (1860-1955). Auf **Massenets** Wunsch hin wurde keine Musik gespielt!

***Das antike Rom aus romantischer Sicht…***

Der barbarische Ritus der die Meineid leistende Vestalin zum *„Lebendig-begraben-werden“* verurteilte, lieferte bereits Stoff für zahlreiche literarische, dramatische und musikalische Werke. In **Gaspare** **Spontinis** (1774-1851) ***La Vestale*** (1811) heißt der schuldige Liebhaber ***Licinius***, in **Massenets** Oper ***Roma*** jedoch ***Lentulos***. Einige Buchstaben änderten sich im Jahrhundert zwischen den beiden Stücken; **Cain** erhielt durch **Parodis** eindringliche Tragödie zum selben Thema einige neue Episoden. Der siegreiche Feldherr in **Spontinis** Werk war der Liebhaber selbst, den die Vestalin eigenhändig krönte, bevor sie ihn hinrichten ließ; in ***Roma*** ist dieser Feldherr lediglich eine Nebenfigur, ein vager ***Scipion***, der aus unerfindlichen Gründen zu Pferd in seine geliebte Stadt Rom einzieht, während das Publikum, in seiner gewohnten Ungebundenheit, verlangt, sich in der Garderobe anziehen zu dürfen. Andererseits pflegte ein freundlicher Donnerschlag das Feuer gerade rechtzeitig neu zu entfachen und den Zuschauern den Anblick der grausamen Folter an dem jungen Mädchen zu ersparen, und alles endete mit einer Hochzeit. Heute gilt ein Ende durch Selbstmord oder einen, schnellen gütigen Mord – wie der Dolchstoß der alten blinden ***Posthumia*** in das Herz der einwilligenden Vestalin ***Fausta*** – im Theater als vorteilhaft. Man denkt wohl auch unweigerlich an eine andere vergessene Tragödie mit der gleichen Thematik ***La Vierge de Corinthe*** (1822) von **Alexandre Guiraud** (1788-1847), inspiriert nach dem Gedicht ***Die Braut von Korinth*** (1797) von **Johann Wolfgang von Goethe** (1749-1832) in der die junge unglückliche Jungfrau namens ***Naïl*** sich vergiftet, um den leidenschaftlichen Annäherungsversuchen ihres Entführer zu entkommen. Ist natürlich für den heutigen Geschmack äußerst lächerlich!

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Diego Ceretta, Dirigent, Patrick Bolleire (Lucius Cornelius), Tassis Christoyannis (Fabius Maximus) © OPMC-Alice Blangero

Und so viele andere vergleichbare Enden, bei denen man den Helden oder die Heldin, die auf diese Weise der verdienten Strafe oder den Folgen eines leidvollen Lebens entgehen, ohne Verachtung betrachten kann. Dieser finstere Nachahmer aus ***L’histoire du véritable Gribouille*** (1851) von **George Sand** (1804-1876), der ins Wasser ging, um nicht nass zu werden, haben den besonders widerwärtigen Brauch eingeführt, sich selbst zu töten oder getötet zu werden, um nicht zu sterben, das heißt, um nicht zu leiden und vor allem, um den verblendeten Zuschauern den Anblick zu ersparen. Zugegeben, wir schmunzeln ein wenig über die Erinnerung an die kindlichen Lösungen, mit denen sich im Finale vieler alter Librettos alles unerwartet auflöste. Doch wenn diese breite Masse des Publikums, die sich seit jeher nicht verändert hat, dass *„am Ende alles gut wird“*, so muss man doch anerkennen, dass die Mittel, mit denen dieser Wunsch in unserer modernen Theaterindustrie befriedigt wird, weder an Bequemlichkeit noch an Würde gewonnen haben. Dasselbe Publikum, das sich geweigert hätte, das Schauspiel der Folter an **Spontinis**: **La Vestale**, die durch *„guten Donner“* gerettet wurde, anzusehen – und erst recht dafür zu bezahlen -, zeigte sich angewidert vom Ausgang der *„schönen“* dramatischen Oper ***La Lépreuse*** (1912) von **Josef Fortunat Silvester Lazzari** (1857-1944), in dem die beiden Liebenden mutig die Konsequenzen ihres Handelns tragen und sich beide mit der üblichen Zeremonie unterwerfen. Anstelle des *„guten Donners“* sehen wir heute den *„guten Dolch“*, den die *„gute Großmutter“* an der *„richtigen Stelle“* ansetzt, um die schreckliche, als gerecht erachtete Strafe abzuwenden. Und das *„gute Publikum“* jener Zeit wird dies vollkommen akzeptabel finden, vorausgesetzt, die Schlussszene zeigt weder einen Trauerzug noch den Gesang des **Ensemble St. Philips** **Boy’s Choir** mit der Hymne ***Libera*** (1970) oder noch irgendetwas anderes, das an die Notwendigkeit des Leidens und die Erhabenheit des Todes erinnert. Für unsere gerissenen Bühnenmanager ist der Ausgang durch Gift oder Dolch insofern vorteilhaft, als er sich gut verkauft; und damit er sich verkauft, muss er Vorstellungen von Erlösung, von Erleichterung – sprich: Von Feigheit – von einem Heilmittel für unsere Leiden, für den Schmerz, für alles, was den Tod selbst veredelt, suggerieren. 

So – und das muss man sagen – breitet sich die erschreckende Schwäche der Vorstellungskraft aus, die angesichts dieser oder jener Katastrophe in erster Linie versucht, sich mit zynischem Optimismus vorzustellen, dass die Opfer nicht gelitten haben, oder zumindest, dass *„ihr Leid hätte verkürzt werden* *können!“* Eine solch ernsthafte Betrachtung eines so banalen Themas wie ***La Vestale*** oder ***Roma*** ist gerade jetzt angebracht, wo wir erfahren haben, dass sich der Kapitän des untergegangenen Packbootes ***Titanic*** (1912) das Leben genommen hat, noch bevor wir wissen, ob er lediglich seine Pflicht getan hat, indem er auf seinem Posten blieb.

Die auf den Straßenverkehr ausgerichteten Enden der *„reißerischen Berichterstattung“* liefern, ähnlich wie die des Theaters, ihren Kunden stets die gewünschte Ware: Deshalb ist der freiwillige Selbstmordmord – vor allem schmerzlos – in der dramatischen Literatur allgegenwärtig, wo die mehr oder weniger freie Sprache und die Gestaltung der Situationen nicht immer – ganz im Gegenteil! – die schwerwiegendste und perverseste Ursache für Unmoral darstellen.

Sich hier mit dem umfangreichen Schaffen von **Massenet** zu befassen, der uns nach ***Ariane*** (1906), ***Bacchus*** (1909), ***Thérèse*** (1907) und ***Don Quichotte*** (1910) nun ***Roma*** schenkt, wäre gelinde gesagt unklug: Das Theater hat seine Ansprüche, die **Massenet** schon vor langer Zeit über die der Kunst gestellt hat. Man muss produzieren, immer wieder produzieren, wenn man den gefährlichen Ruhm aufrechterhalten will, der sich um die Bühnenwerke eines Komponisten rankt, der es *„geschafft“* hat.

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Jérôme Boutillier (Vestapor, Caïus,Un vieillard), Clémence Tilquin (Galla) © OPMC -Alice Blangero

Und wir glauben nicht, dass sich ein Künstler, der diesen Namen wirklich verdient, Illusionen über den Ausgang des Konflikts machen kann, den diese schmerzhafte Realität zwischen der Qualität und der Quantität der notwendigen Produktionen erzeugt. Bedenkt man nun, dass die eben erwähnten Werke nur in einem Zeitraum von vier Jahren in der bereits langen Karriere des Gewinners des **Prix de Rome** von 1863 ausmachen, der mit der Oper ***Don César de Bazan*** (1872) ins Theater einstieg, so wird es uns nicht überraschen, den Autor von ***Manon*** (1884) heute eher hinter sich selbst zurückstehen zu sehen: Die vorhersehbaren Formeln, auf die er sich spezialisiert hat! Eine einschläfernde Monotonie - im technischen Sinne des Wortes -, die so weit geht, dass aufeinanderfolgende Szenen ohne jegliche Modulation miteinander verbunden werden, obwohl sich alles ändert – Gefühle, Ereignisse, Charaktere … außer der Musik; der der unbeschreibliche Aufruhr mit Trommeln, Pauken und Becken, der ***Faustas*** Tod folgt. All dies und vieles mehr zeugt nicht gerade vom guten Geschmack oder Gewissen des Künstlers, der sich zu solch unpassenden Mitteln herablässt. Diese Mängel werden jedoch teilweise durch einige Bemühungen wettgemacht: Die Chöre – insbesondere jene im ersten Akt – sind mit größerer Sorgfalt gestaltet. Der Einfluss einer wunderschönen Motette von **Tomas Luis de** **Victoria** (1548-1611), so gering er auch sein mag, beeinträchtigt sie keineswegs, ganz im Gegenteil und einige Antworten des Publikums auf ***Fabius Maximus‘*** Ermahnungen sind wunderschön wiedergegeben.

***Posthumias***  Äußerungen vor dem Senat, der über ***Fausta*** urteilen soll, sind wahrhaft ergreifend, ohne unnötige Übertreibung. Es erübrigt sich beinahe zu erwähnen, dass der Orchesterklang stets gekonnt gestaltet ist, abwechslungsreich ohne übertriebene Künstlichkeit, voll, ohne schwerfällig zu wirken. Dies allein würde schon genügen, um ***Roma*** einen herausragenden Platz unter **Massenets** Werken der letzten Jahre zu sichern. Denn liegt wahre Weisheit nicht darin, einen Komponisten nicht ständig mit sich selbst in verschiedenen Schaffensphasen zu vergleichen? Jemanden, der noch nie eine anderes Werk desselben Komponisten gehört hat, erscheint ***Roma*** zweifellos als eine sehr respektabel Leistung des modernen Musiktheater dieser Epoche. **Massenet** selbst würde sich wohl nichts Besseres wünschen!

***Die konzertante Aufführung im Théâtre des Champs-Élysées am 28\. September 2026:***

***Rom wird bei Massenet vor dem Untergang gerettet! Seine Oper auch…?***

Mit einer konzertanten Aufführung präsentiert des **Théâtre des Champs-Élysées** in Paris ***Roma*** von **Massenet**, die letzte Oper, die zu Lebenszeiten des Komponisten aufgeführt wurde. In diesem Werk wird Rom durch die Opferung der Vestale ***Fausta*** vor dem Untergang gerettet. Ob dies auch für die Oper von **Massenet** möglich ist, wagen wir zu bezweifeln. Nichtsdestoweniger erlebt der Zuhörer einen musikalisch spannenden Abend mit einer exzellenten Besetzung, die des französischen Idioms und Gesangsstils total mächtig ist.

Die Römer wurden von **Hannibal Barca** (247-183/181 v.J.C.), der vor den Toren Roms steht, vernichtend geschlagen, so wie uns die Geschichte lehrt. Als einziger hat ***Lentulus*** überlebt. Schnell ist eine Schuldige für die Niederlage gefunden: La Vestale ***Fausta*** hat während ihres Treffens mit ihrem Geliebten ***Lentulus*** das ewige Feuer der Göttin ***Vesta*** erlöschen lassen und somit den Unmut des römischen Volk heraufbeschworen. Ihr Pflegevater Senator ***Fabius Maximus*** muss sie zum Tode verurteilen.

***Lentulus*** überredet ***Fausta*** mit ihm zu fliehen. Dies geschieht mit Hilfe des gallischen Sklaven ***Vestapor***, der damit den Sieg **Hannibals** über Rom unterstützen will. ***Fausta***, gequält von Gewissensbissen, kehrt aber nach Rom zurück und unterwirft sich dem Todesurteil, das vom Pontifex ***Lucius Cornelius*** ausgesprochen wird. Trotz des Flehens ihrer blinden Großmutter ***Posthumia*** soll sie lebendig begraben werden.

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Rachel Willis-Sorensen (Fausta), Jean-François Borras (Lentulus) © OPMC - Alice Blangero

Um seiner Tochter die Todesqualen zu ersparen, übergibt ***Fabius Maximus*** heimlich ***Posthumia*** ein Messer, mit dem **Fausta** sich das Leben vorher nehmen soll. Da aber dieser die Hände gebunden sind, ersticht die Großmutter ***Fausta*** und begibt sich mit ihrer toten Enkelin ins Grab. Danach kommt die erlösende Nachricht: Der Tod der schuldigen Vestale hat die Götter besänftigt und den Sieg über **Hannibal** ermöglicht.

Die Oper wurde 1912 in Monte-Carlo uraufgeführt. **Massenet** wollte sich auf keinen Fall den neuen musikalischen Tendenzen der damaligen Zeit unterwerfen. Er schrieb stattdessen eine Partitur, die im Einklang mit der klassischen antiken Geschichte der Oper und deren Figuren sein sollte. Mit einer Fanfare der Blechbläser wie zu *„Gladiatorenspielen“* legt **Massenet** gleich zu Beginn der Ouvertüre den Kontext klar. Vergeblich sucht man nach moderner Harmonisierung oder neuen Effekten im Orchester.

Die Gesangsstimmen werden immer in den Vordergrund gestellt, nie vom Orchester bedeckt. Die Musik strömt stetig in dunklen und düsteren Klängen daher. Der dramatische Höhepunkt wird im letzten Akt mit der Intervention der blinden Großmutter ***Posthumia*** erreicht, wenn diese um das Leben ihrer Enkelin fleht. Das darauffolgende Ensemble ist an harmonischer Klangfülle kaum zu übertreffen.

Aber auch die lyrischen Charakterzüge seiner Werke wie ***Werther*** (1892) oder ***Manon*** (1884) findet man hier wieder im Monolog des ***Lentulus***, dessen Liebesduett mit ***Fausta*** oder im Traumlied seiner Schwester ***Junia***.

Wurde die Oper nach ihrer Uraufführung positiv betrachtet, so konnte sie sich jedoch nie in den Spielplänen der Opernhäuser festsetzen. Dies kommt nicht von ungefähr, da das Werk an einer schwachen Handlung des Librettos leidet und in einigen Szenen nicht richtig vom Fleck wegkommt. Auch textlich ist die Oper eher mittelmäßig und bringt heutige Zuhörer öfters zum Lächeln, zum Beispiel bei Phrasen wie *„Je suis faible car je suis femme“*. Allerdings besitzt der letzte Akt wie schon vorher beschrieben an sich schon soviel Dramatik, dass er allein es verdient, nicht in Vergessenheit zu fallen.

Wie schon bei der Uraufführung spielt auch an diesem Abend das **Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo**. Unter der Leitung des jungen italienischen Dirigenten **Diego Ceretta** entfaltet sich ein großartiger, gewaltiger Klangteppich, der allerdings, wie von **Massenet** erwünscht, die Sänger nie abdeckt. Mit viel Elan peitscht **Ceretta** das Orchester vor allem an den Aktenenden. Besonders hervorzuheben sind die fulminanten Blechbläser, aber auch der Konzertmeister mit seinen Violinkollegen un Kolleginnen, die die lyrischen Passagen mit viel Gefühl interpretieren. Die vielen Chorpassagen werden von dem französischen Chordirektor **Lionel Sow** und dem **Choeur de Radio** **France** mit beeindruckender klanglicher Schönheit vorgetragen.

Das Werk steht und fällt aber vor allem mit der Qualität der Sänger. Und hier hat das **Théâtre des** **Champs-Élysées** einiges aufzubieten. Das Projekt wird vom **Palazzo Bru Zane** unterstützt, was an sich schon ein, des französischen Idioms und Gesangsstils mächtigen, homogenes Ensemble garantiert. Die Rolle der Vestale ***Fausta*** wird von der amerikanischen Sopranistin **Rachel Willis-Sørensen** mit einer großen lyrischen Stimme gesungen. Im Duett mit ***Lentulus*** singt sie schöne Bögen und findet die richtigen Klangfarben, um alle Emotionen ihrer tragischen Figur zu zeigen.

Ihr Geliebter ***Lentulus*** wird von dem französischen Tenor **Jean-François Borras** mit sicherer Tonlage interpretiert. **Borras** weiß mit weichem lyrischen Klang die Liebe des Tribunen zur Vestale vorbildlich zu vermitteln, beherrscht aber auch die heroischen Momente, in denen der Soldat ***Fausta*** vor dem Tode retten will.

Die stärksten Emotionen vermittelt an diesem Abend die französische Mezzo-Sopranistin **Julie Robard-Gandre** in der Rolle der blinden Großmutter, was nicht allein an der Dramatik der Rolle liegt. Das herzzerreißende Flehen **Posthumias** um das Leben ihrer Enkelin wird mit viel Engagement von der Sängerin gesungen. Dabei schreckt sie auch nicht vor dramatisch *„hässlichen“* tiefen Tönen zurück, um die Verzweiflung der Figur auszudrücken.

Eine ähnliche Einstellung zur dramatischen Darstellung zeigt der französische Bariton **Jérôme Boutillier** in der Rolle des Sklaven ***Vestapor***. Mit viel Exaltiertheit und Sinn für Theatralik drückt er dessen Zynismus und Vorfreude auf den Untergang Roms. Man denkt natürlicher Weise sofort an seine geniale Interpretation des ***Méphistophélès*** aus der Oper ***Faust*** (1859) von **Charles Gounod** (1818-1893). Es ist wohl einwandfrei eine seiner Paraderollen!

Der griechisch-französische Bariton **Tassis Christoyannis** singt dagegen mit ruhiger Stimme den Senator ***Fabius Maximus***. Sein warmes Timbre macht die Schmerzen des Vaters, der seine Tochter zum Tode verurteilen muss hörbar. Mit großen kraftvollen Tönen gibt der französische Bass **Patrick Bolleire** den Pontifex ***Lucios Cornelius*** und vermittelt dessen herzlosen Charakter vor dem tragischen Schicksal der Vestale.

Die französische Sopranistin **Hélène Carpentier** gefällt mit ihrer zarten lyrischen Stimme in der Rolle der ***Junia*** und interpretiert deren Traumlied mit klarem hellen Klang vor. Die französische Mezzo-Sopranistin **Aliénor Feix** in der Rolle der ***La Grande Vestale***, sowie die französische Sopranistin **Clémence Tilquin** in der Rolle der Dienerin ***Galla*** vervollständigen diese Traum-Besetzung perfekt.

Die Aufführung wird vom **CD**\-Label **Bru Zane** mitgeschnitten, um später in dessen Kollektion *„Opéra* *français“* veröffentlicht zu werden. Es gibt also ein Wiederhören mit diesem Werk, auf das wir uns sehr freuen, auch wenn wir der Meinung sind, dass die Oper kaum Überlebenschancen besitzt. Dies soll aber nicht die Freude an der Entdeckung dieser Oper von **Massenet** mindern. Das Publikum jedenfalls bejubelt an diesem Abend alle Musiker für diese exzellente Wiedergabe.

Siehe auch **IOCO**\-Kritik: **La Vestale** von **Gaspare Spontini** in der Opéra **National de Paris** am 5\. Juli 2024.