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# Paris, THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES, WERTHER - Jules Massenet, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/paris-theatre-des-champs-elysees-2/
- Published: 2025-03-29T14:06:23.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:54:14.000Z
- Description: PARIS: Als Jules Massenet (1842-1912) in seiner Autobiographie mit dem Titel Mes Souvenirs (1912), die Entstehung seiner Oper Werther erläuterte, entschied er sich dafür, die Wahrheit zu beschönigen, anstatt die prosaische Realität zu beschreiben. Zwischen den ersten Skizzen von Werther (1880)
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Kritiken, Oper & Operette, Paris

Werther von Jules Massenet, Théâtre des Champs-Elysées, Paris, 22.3.2025.

**22.3.2025 - THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES - Jules Massenet: WERTHER** (1892), Oper in vier Akten mit einem Libretto von **Edouard Blau**, **Paul Milliet** und **Georges Hartmann** inspiriert nach ***Die Leiden des jungen Werther*** von **Johann Wolfgang von Goethe**

von **Peter Michael Peters** 

## ***DIE LEIDEN IN DER ALTEN STADT WETZLAR…***

***Traduire! Ah! bien souvent mon rêve s’envola***

***Sur l’aile de ces vers, et c’est toi, cher poète,***

***Qui bien plutôt était mon interprète !***

***Toute mon âme est là !***

***„Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps ?***

***Sur mon front je sens tes caresses,***

***Et pourtant bien proche est le temps***

***Des orages et des tristesses !***

***Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps ?***

***Demain dans le vallon viendra le voyageur***

***Se souvenant de ma gloire première…***

***Et ses yeux vainement chercheront ma splendeur,***

***Ils ne trouveront plus que deuil et que misère !***

***Hélas !***

***Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps !“*** (Arie des ***Werther*** / 3\. Akt)

****youtube - THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES** 

## ***Ein Nachmittag in Wetzlar…***

Als **Jules Massenet** (1842-1912) in seiner Autobiographie mit dem Titel ***Mes Souvenirs*** (1912), die Entstehung seiner Oper ***Werther*** erläuterte, entschied er sich dafür, die Wahrheit zu beschönigen, anstatt die prosaische Realität zu beschreiben. Zwischen den ersten Skizzen von ***Werther*** (1880) und ihrer Welt-Uraufführung vergingen mindestens zwölf Jahre und die Komposition dieser Oper, die ständig von anderen Projekten unterbrochen wurde, war alles andere als einfach. Nach einem ersten gescheiterten Versuch, das Werk 1866 an der **Opéra-Comique** zu präsentieren, bevor ***Werther*** – nach dem großen Erfolg von ***Manon*** (1884) an der **Wiener Staatsoper** und auf Drängen des belgischen Tenor **Ernest Van Dyck** (1861-1923) – aus der Schublade genommen wurde, um auf Deutsch aufgeführt zu werden. Und dann stand das Werk erst im Jahr 1892 in seiner französischen Originalfassung an der **Opéra-Comique** im Rampenlicht.

In seiner Autobiografie deutet jedoch alles darauf hin, dass **Massenet** von einer fast göttlichen Inspiration erfüllt war, als er seinen ***Werther*** konzipierte. Es war wahrscheinlich bei einem Besuch in Wetzlar, einer kleinen Stadt unweit von Frankfurt am Main, wo **Johann Wolfgang von Goethe** (1749-1832) seinen Briefroman im Jahr 1774 geschrieben hatte. Der den Ursprung dieses Projekt bildete! In der Taverne las ihm sein Reisebegleiter, der Musikverleger **Georges Hartmann** (1843-1900) den Briefroman von **Goethe** vor. Der Hintergrundlärm der klirrenden Bierkrüge und das Geschrei der Studenten schienen nicht in der Lage zu sein, die *„verschlingende Leidenschaft“* zu unterdrücken, die aus ***Werthers*** Briefen hervorging und die künstlerische Seele von **Massenet** in Flammen setzte. Er war völlig fasziniert und beschrieb später seine Eindrücke: *„Das Leben, das Glück geschah nicht. Es war die Arbeit, die zu der fieberhaften Aktivität geführt hat, die Arbeit, die ich brauchte und die ich möglichst in Einklang mit diesen berührenden und lebendigen Leidenschaften bringen musste!“*

Wie bei den anderen Romantikern des 19\. Jahrhunderts, das Herz und der Geist von **Massenet** war sehr empfänglich für die geheimnisvolle Aura, die über dem Ort schwebte, an dem das Originalwerk geschrieben wurde. Dort konnte der Geist von **Goethes** ***Werther*** mit seinem ***Werther*** verschmelzen. Dank dieser Nähe würde sich der Anstoß, der den brillanten **Goethe** dazu bewogen hatte, seinen Roman ***Werther*** zu schreiben, auf die künstlerische Seele von **Massenet** übertragen und ihn zu seiner Vertonung von ***Werther*** inspirieren. **Massenet** glaubte an dieses Phänomen: War ***Manons*** Erfolg nicht insbesondere darauf zurückzuführen, dass er die berühmten Szenen zwischen ***Manon*** und ***Des Grieux*** in einem Haus in Den Haag geschrieben hatte, in dem **Abbé Antoine François Prévost** (1697-1763) selbst sein Werk konzipiert hatte? Nach den anfänglichen Impulsen in Wetzlar machte sich **Massenet** daher auf die Suche nach einem Arbeitsplatz, an dem man den Geist von **Goethe** und des ursprünglichen ***Werther*** erleben konnte. Es war ein Raum in der Nähe von Versailles mit Möbeln aus dem 18\. Jahrhundert. Hier würde sein ***Werther*** ein würdiger Nachfolger des Originalwerks werden! Seltsamerweise spiegelt sich die Sensibilität und Aufmerksamkeit, die der Umgebung und Atmosphäre gewidmet wurde, in der der erste ***Werther*** geboren wurde, nicht in der lyrischen Adaptation wider. Die Entsprechungen zwischen dem Libretto und dem Briefroman sind oberflächlich und die Unterschiede sind auffälliger als die Ähnlichkeiten. Natürlich steht in beiden Fassungen die tödliche Liebe zwischen ***Werther*** und ***Charlotte*** im Mittelpunkt, aber die Art und Weise, wie diese Liebesgeschichte erzählt wird, der Schauplatz in dem sie angesiedelt ist und die Art und Weise, wie die Charaktere dargestellt werden, offenbaren deutlich die Veränderungen, die im Laufe eines Jahrhunderts in der Sicht auf die Welt stattgefunden haben. In ihrer Adaptation knüpfen die Librettisten **Edouard Blau** (1836-1906), **Paul Milliet** (1844-1918) und **Hartmann** nicht wieder an den Zeitgeist des ursprünglichen ***Werther*** an. Sie greifen vielmehr die Mentalität der bürgerlichen Romantik vom Ende des 19\. Jahrhunderts auf. Zwar spielt ihre Geschichte in den 1780er Jahren – etwa hundert Jahre später als **Goethes** Geschichte - , aber die Farbgebung der Charaktere und der Themen ist eindeutig der Farbpalette des 19\. Jahrhunderts entlehnt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es den Adaptern nicht darum ging, die Geschichte in ihrer lyrischen Version getreu wiederzugeben, sondern dass sie ihre persönliche Version mit vagen Anklängen an das berühmte Original präsentieren wollten. Es handelt sich also nicht um eine literarische Oper, sondern um eine Oper aus dem 19\. Jahrhundert, die die Vorstellungskraft ihrer Zeit anspricht, aber von einem bekannten literarischen Werk inspiriert ist.

Trotz der oberflächlichen Übereinstimmungen und der vermeintlichen Identität zwischen **Goethes** ***Die Leiden des jungen Werther*** und **Massenets** Oper trennen sie doch Welten voller Unterschiede. **Goethe** schrieb sein Jugendwerk zu einer Zeit, als das Bürgertum mit brennendem Enthusiasmus auf der Suche nach einer Festigung seiner Ideale war. Sie lehnte den vorherrschenden Adel entschieden ab und versuchte, sich durch ein eigenes Leben zu emanzipieren. Sie glaubte an Familie und Tugend! Sie legte Wert auf eine liebevolle Ehe und überdenkte die Rollen von Männern und Frauen. Sie legte verstärkt Wert auf moralische und intellektuelle Schulung… Ein Jahrhundert später, zu **Massenets** Zeiten, ist von diesen Idealen nicht mehr viel übrig! Das Bürgertum hat zwar seinen Platz in der Gesellschaft erobert und der Adel stellt für sie keine wirkliche Herausforderung mehr dar, aber die früher hochgepriesenen bürgerlichen Ideale zeigen Anzeichen von Schwäche. Ihr Leben ist bedroht! Noch immer gilt die Familie als tragende Säule des gesellschaftlichen Lebens, doch die zunehmende Individualisierung führt zu Konflikten und gravierenden Rissen im sozialen Gefüge. Nach außen hin bleibt der Schein gewahrt, doch die innere Bedrohung ist unwiderruflich. Es reicht aus, die Werke von **Massenets** Zeitgenossen – **Hendrik Ibsen** (1828-1906), **August Strindberg** (1849-1912), **Anton Pawlowitsch** **Tschechow** (1860-1904) oder noch ihm näher stehenden, wie **Gustave** **Flaubert** (1821-1880) oder die **Gebrüder Goncourt** : **Edmond de Goncourt** (1822-1896) und **Jules de Goncourt** (1830-1870) – um den Kontrast zwischen den Idealen und der Realität der bürgerlichen Welt zu erfassen.

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Benjamin Bernheim (Werther) und Marina Viotti (Charlotte) © Vincent Pontet.

Dieser Prozess der Korrosion bürgerlicher Werte lässt sich an der Spannung ablesen, die zwischen ***Die Leiden des jungen Werther*** von **Goethe** und der lyrischen Version von **Massenet** besteht. In ihrer Adaptation, die darauf abzielte, das Publikum ihrer Zeit zufrieden zu stellen, erlaubten **Massenet** und seine Librettisten unfreiwillig einen Blick hinter die Kulissen der bürgerlichen Gesellschaft des 19\. Jahrhunderts.

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****Johann Wolgang von Goethe**, Leipzig c IOCO

***Liebe, immer Liebe…***

In ***Die Leiden des jungen Werther*** von **Goethe** beginnt ***Werthers*** Liebe zu ***Lotte*** mit seinem heiß ersehnten Wunsch, ein Teil eines größeren Universums zu sein: Der Natur oder noch abstrakter ausgedrückt, des Absolutem. Seine Liebe zu ***Lotte*** ist eine konkrete intersubjektive Übersetzung dieses Strebens. Durch diese Liebe versucht er, eine Symbiose mit seiner Geliebten, einer Seelenverwandten, einzugehen. Sein Streben nach einem transzendenten Selbstverlust wird durch diese romantische Beziehung verwirklicht. ***Werther*** glaubt an eine Dialektik der Liebe, bei der das Selbst auf sich selbst verzichtet und sich in der Hoffnung auf spirituelle Bereicherung anderen hingibt. Leider gibt sich diese Dialektik für ***Werther*** nicht mit einer einseitigen Bewegung zufrieden. Ihre romantische Beziehung stößt auf ***Lottes*** eheliche Treue und der Weg zu einer Fusion höherer Ordnung endet. ***Werther*** bleibt nur noch die Flucht in den Tod!

Die Charakterisierung der Liebe als Wunsch nach Transzendenz fehlt in **Massenets** ***Werther***. Zwar verehrt auch sein ***Werther*** die Natur und idealisiert ***Charlotte***, indem er sie fast als göttliche Liebhaberin darstellt. Doch seine Leidenschaft bleibt im Bereich des Gefühls. Trotz eines Übermaßes an romantischen Phrasen ist die liebevolle Beziehung zwischen ***Werther*** und ***Charlotte*** in die Welt hier unten eingetaucht.

Aufgrund ihrer Erzähltechnik verleiht die lyrische Adaptation der Liebe von ***Werther*** zu ***Charlotte*** durch den Verzicht auf die Ich-Erzählung eine ganz andere Konnotation. In **Goethes** Roman entfaltet sich die Realität durch **Werthers** Worte und Briefe. Die Welt wird uns aus seiner Sicht präsentiert! Die anderen Charaktere und Ereignisse erscheinen uns unter seinem Prisma gesehen. Erst am Ende, nach seinem Tod, sehen wir die Welt: *„Wie sie ist!“*

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Marc Scoffoni (Gerichtsvollzieher) un Mitglieder des Kinderchores © Vincent Pontet.

In der Oper hingegen ist ***Werther*** von Anfang an Teil der Realität und der Zuschauer sieht aus seiner Sicht die Welt, in der ***Werther*** agiert. ***Werther*** ist nur ein weiterer Charakter! Seine Vision der Realität verliert ihre Einzigartigkeit, weil der Betrachter sie im Lichte dessen überprüfen kann, was die anderen Charaktere sagen oder tun. Der Zuschauer kann sogar überprüfen, ob seine Vorstellungen der Realität entsprechen oder ob sie von seinen Gefühlen diktiert werden. Dadurch verlieren seine Worte jeden Anspruch auf das Absolute. Die Liebe von ***Werther*** fokussiert nicht ständig die Aufmerksamkeit, es kommen andere Probleme und Beziehungen ins Spiel. Was bei diesem Perspektivenwechsel am meisten auffällt, ist die impulsive und obsessive Natur des Verhaltens von ***Werther*** gegenüber ***Charlotte***. Letztendlich wird diese hartnäckige Fixierung zu seinem Tod führen, einem gewünschten Tod!

In dem Bogen, den die lyrische Fassung über die Geschichte spannt, wird diese vorbildlich umgesetzt. Als ***Werther*** am Ende des ersten Akts erkennt, dass ***Charlotte*** sich für ihre Pflicht und damit für **Albert** entschieden hat, löst dies bei ihm den verzweifelten Schrei aus: *„Un autre!... son époux!...“* Inmitten des zweiten Akt, der drei Monate später spielt, taucht **Werther** plötzlich aus dem Nichts wieder auf und hört erneut, unterstützt von der gleichen Musik, den leidenschaftlichen Appell: *„Un autre est son* *époux…“*. Als hätte ***Werther*** diese Worte die ganze Zeit wie ein Mantra der tödlichen Liebe wiederholt!

Angesichts der inzwischen eingetretenen Ereignisse scheint diese emotionale Sturheit an Wahnsinn zu grenzen. Nicht nur erzähltechnisch, sondern auch inhaltlich wird **Werthers** Liebe relativiert. Die Liebe verliert ihren Anspruch auf das Absolute und wird von bürgerlichen Konventionen und sentimentalem Verlangen diktiert. Das Gleichnis von *Sturm und Drang* über die Endlichkeit des Menschen nimmt bei **Massenet** die Form einer kleinbürgerlichen Tragödie an. Eines der auffälligsten Elemente seiner Adaptation ist die größere Aufmerksamkeit, die er Figuren schenkt, die im Roman nur einen kleinen Platzt einnehmen. Bei genauer Betrachtung ist das Auftreten des ***Gerichtsvollziehers***, der ***Kinder***, des ***Johann*** und dem ***Schmidt***, das auf den ersten Blick wie ein Zugeständnis an das folkloristische und anekdotische Genre erscheint, aber entscheidend für die bürgerliche Atmosphäre, in der sich die Handlung abspielt. Es ist überraschend, dass **Massenet** keinen Chor noch Massenszenen verwendet hat, um Wetzlars Lokalkolorit anzudeuten. Dies hätte sicherlich nicht im Widerspruch zu den lyrischen Konventionen der Zeit gestanden. Darüber hinaus passten der Ball im ersten Akt und die Feier der goldenen Hochzeit im Zweiten perfekt dazu. Aber damit hätte er die kleinbürgerliche Lebensweise, die in seinem Werk einen zentralen Platz einnimmt, in großem Maßstab dargestellt. Indem er die Anzahl der Charaktere begrenzt und den Chor eliminiert, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Nebencharaktere. Sie verschmelzen also nicht zu einer Masse, sondern führen ihr eigenes Leben und verstärken so den Rahmen, in dem sich die Haupthandlung abspielt. Es ist nicht die äußere Seite des öffentlichen Lebens in Wetzlar, die in der Oper zum Vorschein kommt, sondern vielmehr die innere Sphäre, die Intimität des engen Kreises von Familie und Freunden.

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Rudolphe Briand (Schmidt), Yuri Kissing (Johann), Jean-Sébastien Bou (Albert), Marina Viotti (Charlotte) und Sandra Hamaoui (Sophie) © Vincent Pontet.

Das macht **Massenet** auch durch seine Musik deutlich. Er verbindet jeden Bühnenauftritt von ***Johann*** und **Schmidt** mit einem Thema – dem Trinklied *„Vivat Bacchus“* – das im ersten und zweiten Akt herrisch den Ton angibt. Dieses Thema ist seit ihrem Auftritt im ersten Akt ständig zu hören und verschwindet nur vorübergehend in den Szenen, in denen **Werther** anwesend ist. Sogar die Person des ***Albert*** hat eine Variation dieses Trinklieds als verbundene personelle Leit-Musik! Darüber hinaus kontrastieren diese zur Ausschweifung neigenden, festlichen Charaktere mit der erhöhten Sensibilität von ***Werther***. Diesen Unterschied machen sie deutlich, wenn sie ***Werther*** vorstellen: Er ist ein schlechter Esser und daher auch ein schlechter Trinker, er ist mürrisch und melancholisch – kurzum, in ihren Augen ist er zu nichts in ihrer Welt zu gebrauchen. Zu Beginn des zweiten Akts erklingt das Thema des Trinkens erneut, verschwindet jedoch fast vollständig, als ***Johann*** und ***Schmidt*** endlich die Bühne verlassen. ***Johann*** und ***Schmidt*** sind fast untrennbar mit ihrem Trinkgesang verbunden, durch ihn werden sie wahrgenommen und außerhalb davon existieren sie nicht, weder in der Komposition noch in der Handlung. Sie verkörpern das Getränk durch ihre Taten, ihre Worte und ihre musikalischen Interventionen. Sind es komische Figuren? Vielleicht… aber vor allem sind sie erbärmlich! Durch ihre starke Präsenz verkörpern sie – und mit ihnen ungewollt ihre Schöpfer – eine noch weniger glamouröse Seite dieses ohnehin unattraktiven Bürgertums aus Wetzlar. Diese miefigen Kleinbürger, die durch die Starrheit ihrer Konventionen in Langeweile verfallen und in der erzwungenen Freude sogenannte Erleichterung sucht. Der Charakter des ***Gerichtsvollziehers***, wie er dargestellt wird: Steht in derselben Zeile! Zu den Protagonisten hat er keine Beziehung, nur zu seinen düsteren Freunden ***Johann*** und ***Schmidt***. Außerdem bieten ihm nur die kleinen Kinder die Möglichkeit, seine väterliche Autorität auszuüben und mitten im Sommer belästigt er sie hier, indem er ihnen Weihnachtslieder beibringt. Auch diese Episode mag unschuldig erscheinen und vielleicht war sie als Scherz gedacht, aber ihre Realität ist fast unerträglich. Mit der Figur des zärtlichen Vaters in der bürgerlichen Tragödie des 18\. Jahrhunderts hat der ***Gerichtsvollzieher*** nicht mehr viel zu tun: Er ist zur Karikatur väterlicher Autorität geworden. Wenn der **Gerichtsvollzieher** sein Haus und seine Familie als ein *„kleines Königsreich“* bezeichnet, ist das vor allem eine utopische Darstellung oder eine Beschwörung der guten alten Zeiten.

Diese Nebenfiguren sind insofern wichtig, als sie der Welt Gestalt verleihen, in der ***Charlotte*** lebt. In dieser Welt ist sie aufgewachsen, in dieser Welt hat sie ihre Mutter verloren, deren Platz sie einnehmen musste. In dieser Welt muss sie selbst Ehefrau und Mutter werden. Es wurde ihrem Ehemann ***Albert*** übertragen, der die Anforderungen in einer Stadt wie Wetzlar voll und ganz erfüllte. Im Bewusstsein ihrer Pflicht versprach sie am Bett ihrer sterbenden Mutter, die gute Ordnung der Dinge nicht durch ihren eigenen Wunsch zu stören. Diese bedrückende Situation prägt ihre romantische Beziehung zu ***Werther***. Die Faszination, die sie für ihn empfindet, scheint eher von seiner seltsamen Weltanschauung bestimmt zu sein. ***Charlotte*** stellt sich vor, dass sie dank ihm ihrer starren Umgebung entkommen kann. ***Werther***, der von einem unbestimmten Ort stammt, verkörpert für sie eine Welt voller Farben, Leidenschaften und Liebe, in der die Poesie – sei es die des **Ossian** (3\. Jahrhundert) übersetzt zwischen 1760 und 1763 von **James Macpherson** (1736-1796), oder des **Friedrich Gottlieb** **Klopstock** (1724-1803), der Natur oder des sentimentalen Herzens – ihren Platz hätte. Eine Welt mit der die Frau sich nicht unbedingt identifizieren müsste, sie sollte aber eher ihren mütterlichen Pflichten nachgehen und im Haus und der Ehe ihr Heil finden. ***Werther*** stachelt sie durch seine Anwesenheit und seinen Charakter zu einer inneren Revolte gegen die Welt um sie herum an. So wird die romantische Beziehung zwischen ihnen durch eine gehörige Portion Opportunismus aufrechterhalten.

Auch der Charakter von ***Sophie*** wird in diesem Sinne umgestaltet. In ihrer Eigenschaft als große Schwester wird ihr die gleiche Zukunft wie für ***Charlotte*** versprochen. Im Roman ist sie noch ein junges Mädchen von elf Jahren, in der Oper wird sie jedoch einige Jahre älter, was ihre realen Chancen erhöht in der Dreiecksbeziehung zwischen ***Werther***, ***Charlotte*** und **Albert*,* eine Rolle zu spielen. Auffallend ist jedoch, dass sie immer nur in kritischen Momenten in die Geschichte eingreift. Sowohl durch die Musik, die sie begleitet als auch durch ihre naiven, aber einfühlsamen Worte formt sie einen tröstlichen Charakter. Damit erhöht sie weitestgehend ihre eigenen Zukunftsaussichten. Ihre Worte verraten den gleichen Wunsch wie ***Charlotte***.

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Jean-Sébastien Bou (Albert), Sandra Hamaoui (Sophie) und Marina Viotti (Charlotte) © Vincent Pontet.

***Tod, immer Tod…***

Diese kleinbürgerliche Tragödie um die Liebe endet mit dem Tod ihres Protagonisten. Um diesbezügliche Missverständnisse zu vermeiden, trägt der vierte Akt von **Werther** den Untertitel: *„La* *mort de Werther“*. Der Akt ist eine Ergänzung der Librettisten, die im Original nicht zu finden ist! Die Schilderung von ***Werthers*** Tod beschränkt sich auf eine nüchterne Beschreibung der Ereignisse am Morgen von ***Werthers*** Selbstmord – ein eklatanter Kontrast zu seiner sentimentalen, egozentrischen Weltanschauung. Die subtile Entwicklung, die zu ***Werthers*** Selbstmord führte, und die philosophische Diskussion über das Thema Selbstmord in **Goethes** Version sind aus **Massenets** Oper praktisch verschwunden. Was uns präsentiert wird, ist eher eine letzte Konfrontation zwischen ***Charlotte*** und ***Werther***, nachdem sich letzterer selbst in den Kopf geschossen hat. Dies ist vielleicht eine der längsten Todesszenen in der Geschichte der Oper und mehr als ein Zuschauer wird über dieses Wunder der Medizin verblüfft sein, das es einem Tenor ermöglichte so lange mit einer Kugel im Kopf zu singen. Aber daran liegt wohl nicht das Problem.

Auffallend ist, dass der Tod in dieser Oper so ausdrücklich präsent ist. Es gab bereits zuvor die Geschichte der toten Mutter, die von *„des hommes noirs“* mitgerissen wurde. Es ist ein Gemälde, das ***Charlotte*** und den anderen Kindern in der Erinnerung nachgeht! Und nun folgt ein weiterer Akt, sicherlich kurz, aber ganz dem Tod gewidmet. Der Titel dieser Akts bezieht sich in erster Linie auf den physischen Tod von ***Werther***. Sein Tod bedeutet für ***Charlotte*** jedoch auch einen psychischen Tod. Die Hoffnung auf ein Leben, das der Unterdrückung bürgerlicher Konventionen entgeht, das um ihrer selbst willen und nicht zur Erfüllung einer abstrakten Pflicht gelebt wird, schwindet mit dem Tod von ***Werther*** mehr denn je. **Charlotte** wird sich tatsächlich bis zu ihrem Tod ihrer Pflicht opfern müssen. *„Engel der* *Pflicht“* nannte **Werther** sie von ihrem ersten Treffen an! Und so wird sie auch bleiben: Ohne wirklichen Wunsch zu leben, ihrer Pflicht ergeben, engelhaft, mehr tot als lebendig: *„*Werther*! Tout est fini!“*, das sind ihre letzten Worte, die letzten der Oper.

In ***Werther*** von **Massenet**, einer Oper, die auf den ersten Blick sowohl thematisch als auch musikalisch von respektvollem Konformismus gegenüber bürgerlichen Werten geprägt ist, spürte man den Bankrott der Ideale dieser Welt. Dies war auch einer der Gründe, warum **Léon** **Carvalho** (1825-1897), Direktor der **Opéra-Comique**: ***Werther*** in erster Instanz ablehnte. In seinen Erinnerungen rekonstruiert **Massenet** den Dialog, der auf die Aufführung seines Werkes folgte. **Carvalho** ging schweigend auf ihn zu und sagte schließlich: *„Ich hatte gehofft, dass sie mir noch eine *Manon* bringen würden! Dieses traurige Thema* *interessiert mich nicht. Es ist von vornherein zum Scheitern verurteilt…“.* **Massenet**, *„der Mann am* *Kamin“*, „*der bürgerliche Künstler“*, wie er es selbst ausdrückte, ist möglicherweise unbewusst weiter gegangen, als er wollte. Er präsentierte der bürgerlichen Öffentlichkeit ein Porträt seiner Welt, deckte aber auch einige Grauzonen auf!

Was den Erfolg von ***Werther*** betrifft, hatte **Carvalho** nicht Recht, aber es besteht kein Zweifel daran, dass ***Werthers*** Leben und insbesondere das von ***Charlotte*** in der Welt von **Massenet** beschriebenen Oper von vornherein zum Scheitern verurteilt waren…

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Benjamin Bernheim (Werther). © Vincent Pontet.

## ***WERTHER - Premiere - Théâtre des Champs-Élysées - 22\. März 2025*** 

***Die entblößte Seele: Gewalt und Leidenschaft…***

Das **Théâtre des Champs-Élysées** **Paris** präsentiert eine Neuproduktion von **Massenets** ***Werther***, dessen kraftvolle Visionen des deutschen Regisseurs **Christof Loy** und des jungen talentierten schweizerischen Dirigenten **Marc Leroy-Calatayud** auf die großartige Interpretation des französisch-schweizerischen Tenor **Benjamin Bernheim** treffen.

Im Jahre 2010 gab es einen ***Werther*** mit dem deutschen Tenor **Jonas Kaufmann** und der französischen Mezzo-Sopranistin **Sophie Koch** unter der musikalischen Leitung des großen unvergesslichen französischen Dirigenten **Michel Plasson**. Eine Produktion, die sich wohl ohne weiteres in die Geschichte der Oper für immer verewigt hat. Der neue **Werther** hat wohl alles: Eine Bühnenvision, die sowohl intelligent als auch ästhetisch ist, eine kraftvolle Regie und Darsteller mit passenden und theatralisch wirkungsvollen Stimmen. Und doch müssen wir leider sagen: Obwohl der *„neue“* ***Werther*** von **Bernheim**, wie die gesamte Pariser Presse behauptet im Moment unschlagbar ist! Für uns ist nach wie vor der ***Werther*** von **Kaufmann** unschlagbar und unvergessen! Aber das ist wohl einfach nur eine Sache des Geschmacks und somit wollen wir hier nicht in billige Polemik verfallen!

Die Szenografie von dem deutschen Bühnenbildner **Johannes Leiacker** zeigt einen riesigen Raum in einem wohlhabenden Anwesen – abwechseln den des ***Gerichtsvollziehers*** im ersten Akt, den des Pfarrers im zweiten Akt und den des ***Alberts*** in den letzten beiden Akten. Eine Schiebetür öffnet und schließt sich und gibt im Hintergrund den Blick auf ein Esszimmer frei, das auf einen Garten blickt, in dem ein Baum den Wechsel der Jahreszeiten markiert. **Loy** kümmert sich auch um die kleinsten Charaktere, beseitigt die vielen Mehrdeutigkeiten, die manche Personen normalerweise doch schwer belasten würden und erschafft so neue klarere Deutungen. So ist ***Sophie*** ein junges Mädchen, das sehr in ***Werther*** verliebt ist, während ***Albert*** ein abscheulicher und manipulativer Mann ist. Die beiden Charaktere bleiben im letzten Akt anwesend und werden Zeugen der Qualen des Helden nach einem Zwischenspiel von großer dramatischer Kraft. Umgekehrt scheint **Charlotte** ihr *„Ich liebe dich“* hier eher als Herausforderung an ihren Mann zu richten, den sie nicht wirklich liebt und der ***Werther*** bewusst in den Selbstmord getrieben hat, als wie normal an ihren Geliebten selbst.

An der Spitze des **Orchestre Les Siècles** und ihren historischen Instrumenten verkörpert **Leroy-Calatayud** diese Vision des Werks und liefert eine kraftvolle und eloquente Interpretation mit gesteigerter Romantik. Die Streicher bieten warme Soli, während die Blechbläser den dramatischsten Passagen ihren krachenden Klang verleihen. Die Leichtigkeit bleibt in den ersten beiden Akten erhalten, während die Poesie besonders währen **Ossians*\-*Lied, zart und von der Harfe getragen, am empfindlichsten ist. Darüber hinaus werden die Sänger durch die gewählten musikalischen Balancen stets gut hervorgehoben. Die sechs Kinder der **Maîtrise des Hauts-de-Seine** spielen und singen ***Charlottes*** Brüder und Schwestern mit Finesse und Begeisterung.

In der Titelrolle positioniert sich **Bernheim** durch seine präzise Diktion, seine geschmeidige und lyrische Stimme mit weichen und leichten hohen Tönen, aber auch durch den Körperbau seines charismatischen jungen Hauptdarstellers und seine ausdrucksstarke Theaterleistung eindeutig als Maßstab für dieses Repertoire. Seine Nuancen ermöglichen es ihm, zwischen dem Gemurmel einer Bitte und der Kraft seiner Wut über sein widerstrebendes Schicksal zu wechseln.

Die schweizerische Mezzo-Sopranistin **Marina Viotti** spielt eine vulkanische ***Charlotte*** mit einer feurigen metallenen Stimme, aber vielleicht mit einem zu oberflächlichen Vibrato. Es gelingt ihr jedoch aber, ihren Charakter von einer zurückhaltenden und vernünftigen Frau in eine erhabene mutige Geliebte zu verwandeln.

Der französische Bariton **Jean-Sébastien Bou** stellt in ***Albert*** sein schauspielerisches Talent unter vollen Beweis. So ist es bemerkenswert, wenn er ***Werthers*** Briefe ergreift, um sie einen nach dem anderen zu lesen, während seine Frau vergeblich versucht, ihren Geliebten vor dem Selbstmord zu bewahren. Seinem Charakter entsprechend verfügt er musikalisch über einen vollmundigen und kraftvollen Bariton mit großer Ausstrahlung.

In der Inszenierung von **Loy** gelingt es der französisch-amerikanischen Sopranistin **Sandra Hamaoui**, die Figur der ***Sophie*** zu entwickeln, deren Seele sich im dritten Akt ebenso verdunkelt wie ihr Kleid. Eine noch freudvollere Ausführung im ersten Akt hätte den Kontrast und diese Entwicklung allerdings noch mehr verstärkt. Ihre Stimme ist hell mit dunklen Tönen und vibriert intensiv! Als ***Gerichtsvollzieher*** entwickelt der französische Bariton **Marc Scoffoni** den Charakter eines altmodischen Großvaters, ein wenig als Schauspieler und jedoch mit einer Stimme mit festem, tiefem Klang.

Der russisch-israelische Bass **Yuri Kissin** als ***Johann*** und der französische Tenor **Rudolphe Briand** als ***Schmidt*** bilden ein passendes Duo. Der erste hat eine rußige Stimme, während der andere einen kleinen klaren Charaktertenor vorweist. Die beiden Freunde geben sich voll und ganz einer gemeinsamen Bühnenperformance hin. Die französische Sopranistin **Johanna Monty** als ***Kätchen*** und der französische Bariton **Guilhem Begnier** als ***Brühlmann*** bilden ein leidenschaftliches, aber flüchtiges Paar, das sorgfältig mit den drei Worten umgeht, die zwischen ihnen bestehen.

Das Publikum applaudierte allen Sängern und dem Dirigenten großzügig. Überraschender Weise wurde das Produktionsteam mit **Loy** mit seltenen, aber kraftvollen und brutalen unverständlichen Buhrufen begrüßt (Warum, das ist uns ein Rätsel?): Auch **Bernheim** war verblüfft und winkte dann dem restlichen Publikum zu, um zusammen die Finesse und Schönheit der Produktion noch mehr zu feiern! **(PMP/27.03.2025)**

## ***Für weitere Auskünfte und eventuellen Kauf von Billetten:*** [***www.theatrechampselysees.fr***](http://www.theatrechampselysees.fr/?ref=ioco.de) ***\-*** [***rp@theatrechampselysees.fr***](mailto:rp@theatrechampselysees.fr)

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[„Werther“ in Paris](https://www.ioco.de/paris-16/) · [„Werther“ in Oldenburg](https://www.ioco.de/oldenburg-5/) · [„Werther“ in München](https://www.ioco.de/munchen-gartnerplatztheater-werther-jules-massenet-ioco-kritik-26-02-2023/)

## Inwiefern entspricht Massenets Oper Werther dem Briefroman von Goethe?

Die Oper ist keine literarische Adaption, sondern ein vom Original nur vage inspiriertes Werk des 19.