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# Paris, Opéra Comique, Liederabend Stéphanie d’Oustrac, Pascal Jourdan, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/paris-opera-comique-liederabend-stephanie-doustrac-pascal-jourdan-ioco/
- Published: 2025-12-06T12:26:39.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:53:16.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Konzert & Liederabend, Paris

L'Amour du chant – Ein Jahrhundert französischer Melodien, Opéra Comique, Paris, 01.12.2025.

**01.12.2025**

**L’ A M O U R D U C H A N T - *EIN JAHRHUNDERT FRANZÖSISCHER MELODIEN…***

***Eine illustrierte Geschichte der Melodie…***

In der Intimität des **Saal Favart**, einem wahren *„Schaufenster“* für die Stimme, vibrieren wir mit den größten Stars der Opernszene. Ein *„Liederabend“*, der der Liebe zum Singen gewidmet ist, ein reiner Moment musikalischer Magie. Ein Jahrhundert französischer Melodien! Der Abend vereint vier bedeutende Persönlichkeiten des Repertoires : **Pauline Viardot-Garcia** (1821-1910), eine Pionierin der Romantik und Freigeist des 19\. Jahrhunderts; **Jacques Guillaume de Sauville de la Presle** (1888-1969), ein kultivierter Erbe der französischen Schule; **Henri Duparc** (1848-1933), ein musikalischer Poet mit der gewaltigen Inbrunst eines **Charles** **Baudelaire** (1821-1867) und **Francis Poulenc** (1899-1963), der das Programm mit Akzenten beschließt, die Ironie und Emotion vereinen. 

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Pascal Jourdan, Klavier und Stephanie d'Oustrac, Mezzo-Sopran. © Peter Michael Peters

Zwischen klarer Textverständlichkeit und harmonischer Fülle weben die Stimme - die nebenbei gesagt, die Urenkelin von **Presle** und **Poulenc** ist – der französischen Mezzo-Sopranistin **Stéphanie d’Oustrac** und dem französischen Pianisten **Pascal Jourdan**.

Die seit vielen Jahren unzertrennlichen Künstler haben zusätzliche zwei talentierte Damen der **Académie de l’Opéra-Comique** eingeladen: Die bezaubernde französische Mezzo-Sopranistin **Flore Royer** und die französische Pianistin **Flore-Elise Capelier**. Sie werden zwei Melodien \[\*\] von **Duparc** interpretieren.

Der Abend begann mit zwei Werken der zu ihrer Zeit äußerst bekannten und beliebten Sängerin und Komponistin **Viardot-Garcia** und zwar als erstes das Melodrama *„Scène d‘ Hermione“*, *CWV 1007* (1887) aus ***Andromaque*** (1667) von **Jean Racine** (1639-1699). Diese sehr hochdramatische und starke Szene ist ein ideales Beispiel der französischen Gesangskunst am Ende des 19\. Jahrhunderts. Aus den ***Douze mélodies russes*** (1891) eine Melodie nach einem Gedicht von **Mikhaïl Lermonfort** (1814-1841), die wie ein melancholisches dahin fließendes Wiegenlied sich den Träumen nähert *N° 4.* *„Berceuse Cosaque“, VWV1039* (1892).

Der Großonkel **Jacques de la Presle** von **d’Oustrac**, war ein sehr fruchtbarer Komponist und er komponierte weit mehr als hundert Melodien. Sein Werk ist eigenartiger Weise dem großen Publikum nicht sehr bekannt geworden und wird auch in Konzertsälen wenig programmiert. Hoffen wir das die Zeit und der Geschmack sich ändert wird, denn unserer Meinung hat der Musiker es wohl aus verdient! Heute Abend sang die Urenkelin zwei seiner schönsten Melodien: *„Voeu“* (1912) und *„Nocturne“* (1911) nach Gedichten von **Henri de Régnier** (1864-1936). Er mag wohl nicht der unvergesslichste aller französische Dichter sein, doch seine Verse ermöglichten es **La Presle**, einige sehr verführerische Partituren zu schreiben, insbesondere das *„Nocturne“*. Für neugierige Musikliebhaber, **Stéphanie** hat mehrere **CDs** aufgenommen mit fast unbekannten Werken verschiedener Komponisten, darunter natürlich auch die Werke von ihrem Urgroßvater.

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Flore-Elise Capelier, Klavier, Stephanie d'Oustrac und Flore Royer, Mezzo-Sopran © Peter Michael Peters

Mit der berühmten Melodie *N° 4\. „L’Invitation au voyage“* (1870) aus dem Notenheft ***Treize mélodies*** (1868/1884) von **Duparc** geht es weiter. Der große poetische Musiker hat sich hier aus ***Les Fleurs du mal*** (1857) von **Baudelaire** inspiriert. Diese wunderbare Melodie, entstanden während der Belagerung von Paris, soll nach dem Wunsch des Dichters entsprechend der *„femme aimee“* gewidmet werden, somit übergibt der Komponist sein Werk an *„Madame* **Henri Duparc** *“*, die zur Zeit der Komposition noch **Ellie Mac** **Swiney** (1845-1934) hieß. Das *N° 1\. „Chanson triste“* (1868) ist aus ***Melancholia*** (1868) von **Jean Lahor** (1840-1909), aus dieser ersten erhaltenen Melodie wird **Duparc** all die polyphonen und klanglichen Feinheiten herausarbeiten, die in den *Arpeggien* der ursprünglichen Romanze noch nicht erkennbar waren. Man muss nicht unbedingt ein Anhänger von **Sigmund Freud** (1856-1939) sein, um zu erahnen, wie tief der junge **Duparc** diese Worte empfunden haben muss: *„\[…\] pour fuir la vie importune \[…\] mon triste Coeur \[…\] ma tête malade“*. Nochmal einmal der freudlose **Baudelaire** in N° 13\. *„La Vie antérieure* (1876) aus ***Spleen et Ideal*** (1869)! Die Zerstörung des ***Recueilllements*** (1886)macht dieses Meisterwerk, das mit einiger Mühe erneut im Jahre 1911 von **Duparc** überarbeitet werden musste, zum authentischen melodischen Vermächtnis des Musikers, in dem der Komponist nach eigenen Angaben Skizzen seiner zukünftigen Oper ***Roussalka*** (1870) eingeschoben hat, die aber ebenfalls zerstört wurden. Die N° 9\. *„Sérénade florentine“* \[\*\] (1880), auch nach einem Gedicht von **Lahor** aus ***L’Illusion*** (1875) wird abgerundet durch ein flüchtiges Nachspiel in zärtlichen Doppelnoten, gehört diese verträumte Wiegenlied-Serenade in einer sternenklaren Nacht zu den sanftesten und anspielungsreichsten - und an **Gabriel Fauré** (1845-1924) erinnernden - Melodien von **Duparc**, der eine Vorliebe für *„die kleine Florentiner Serenade bekannte, weil sie sich ausreichend von dem traurigen oder heftigen Ton der anderen abhebt“*. Die letzte Melodie von **Duparc** an diesem reichen *„Liederabend“* ist auch noch einmal von einem Gedicht von **Lahor** aus **L’Illusion** inspiriert, *N° 7\. „Extase“* \[\*\] (1875). Laut **Pierre de Bréville** (1861-1949): „Ungeduldig mit einem Einwand von **Richard Wagner** (1813-1883), der zur *„tarte à la crème“* der Kritiker geworden war, amüsierte sich **Duparc** damit, diese Melodie absichtlich im *„style de *Tristan*“* zu komponieren. Dieses *„Lent et* *calme“*, außerhalb der Zeit, gebadet in Chromatik, *Appoggiaturen* und Neunten erinnert unweigerlich an *„Träume“* aus den ***Wesendonck-Liedern*** (1857/58), eine Skizze zum nächtlichen Duo von ***Tristan* *und* *Isolde*** (1858): Der Aufruf zur befreienden Vernichtung!

Nichts ungewöhnliches, das unsere elegante Diva einschließlich ihrem Pianisten das Ende dieses so ereignisreichen Abends mit einem Zyklus von **Poulenc**, ihrem zweiten Urgroßvater beendet! Dieser Ausnahme-Komponist in der Musik-Geschichte: Urkomisch, frech, einfallsreich und natürlich schleppt er immer einen duftenden Hauch von *„Halbseide“* hinter sich her. Ja – neben seiner großen und tiefen Religiosität, haftet das gewisse *„Halbseidene“* an ihm und man spürt und fühlt es immer wieder mit viel Begeisterung in seinen Werken wieder.

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Flore-Elise Capelier und Flore Royer © Peter Michael Peters

***Fiançailles pour rire*** (1939): Von einem slowakischen Schloss aus schrieb die Dichterin **Louise de** **Vilmorin** (1902-1969) nach ihrer Heirat mit dem ungarischen **Grafen Paul Pálffy** **d’Erdöd** (1890-1968) diese Gedichte. Aber der Krieg war gerade ausgebrochen und hielt sie länger dort fest, als ihr lieb war. In Gedanken an ihr erzwungenes Exil vertonte **Poulenc** diese Gedichte, halb frivol, halb nostalgisch! *„Das ist die gesamte Verbindung zwischen meinem Werk und diesem schrecklichen Wirbelsturm“*, warnte er jene, die darin eine tragischere Botschaft vermuten. Er wollte mit diesem Zyklus das weibliche und zarte Gegenstück von ***Tel jour, telle nuit*** (1936/37) schaffen, mit einem leichteren, frecheren Ton. Doch diesen neuen Melodien fehlt die Geschlossenheit des von **Paul** **Éluard** (1895-1952) inspirierten Meisterwerks und auch die Musik vermittelt nicht immer die tragischen oder libertinen Untertöne dieser vieldeutigen Gedichte. Ein einzelnes Motiv durchzieht *N° 1\. „La Dame d’André“*, eine sehr stimmige Seite, unmissverständlich in ihrer heiteren Schlichtheit! *N° 2.* *„Dans l’herbe“* spricht sie von Tod und Einsamkeit, mitunter in sibyllinischen Worten; das schwarze Klavier unterstreicht mit schweren Viertelnoten den Schmerz einer von Pausen unterbrochenen Gesangslinie. In *N° 3\. „Il vole“* wird das Klavier virtuos, *„im Stil einer Klavier-Etüde“*, eine zweischneidige Melodie, lyrisch oder atemlos, unterstreicht die Ambivalenz der Wörter *„fliegen oder stehlen“* – wie ein Herzensbrecher oder wie ein fliegender Vogel. Viel Tod und Erotik berühren sich in *N° 4\. „Mon cadavre est doux comme un gant“*, einem Gedicht mit doppelter Bedeutung, von dem **Poulenc** nur die düstere Seite zu bewahren scheint: Verschlungene Gesangslinien, eine instabile und chromatische Harmonik, ein Klavier in gedämpften und sehr ruhigen Achtelnoten erinnert an die verborgene Sinnlichkeit seiner scheinbar morbiden und eisigen Verse. Von den trägen Zigeunerwalzern ist *N° 5\. „Violon“* nur ein fernes Echo. Die eleganten **Budapester Keller** werden an das Seine-Ufer versetzt, so sagt **Poulenc**: *„wie der Foxtrott von *L’Enfant et les Sortilèges* (1925) sein *Casino de Paris* und die *Rue d’Athènes* spürt, wo* **Maurice Ravel**(1875-1937) *lebte“.* Das *Des-Dur* in *N° 6\. „Fleurs“* steht bewusst im Kontrast zum vorhergehenden *A-Dur*: *„Wenn diese Melodie* *separat gesungen wird, sollte ihr stets eine Melodie in einer entfernten Tonart vorangestellt werden \[…\], um den Eindruck eines fernen Klangs zu bewahren“*, sagt **Poulenc**. Die dichte und sehr ruhige Akkordführung erinnert an *N° 2.*, die ebenfalls von der schmerzhaften Erinnerung an eine verlorene Liebe geprägt ist.

Alles schöne hat leider einmal ein Ende und so wirdmit demweltberühmten Melodrama ***La Dame de Monte-Carlo*** (1961) mit einem Text von **Jean Cocteau** (1889-1963) der Abend enden. Drei Jahre nach ***La Voix*** ***humaine*** (1959) komponierte **Poulenc** seinen zweiten Monolog für Sopran und Orchester, wie den ersten speziell für **Georges Prêtre** (1924-2017) und insbesondere für **Denise Duval** (1921-2016). Das Wunder wiederholte sich leider nicht! **Pierre Bernac** (1899-1979) urteilte, es sei *„ein sehr schwaches Werk, das* **Poulenc** *sicherlich nicht geschrieben hätte, wäre er nicht von der Sehnsucht nach seiner strahlenden und erfüllten Jugend, die Monte-Carlo so treffend verkörpert, überwältigt gewesen“*. Im Gegenteil, der Komponist verteidigte es und bat darum, es mit derselben Inbrunst wie das Gebet der ***Tosca*** (1903) im zweiten Akt der gleichnamigen Oper von **Giacomo Puccini** (1858-1924) aufzuführen. Dieser Monolog stellte eine große Schwierigkeit dar, erklärte der Komponist*: „Der Monotonie zu entkommen und gleichzeitig einen unveränderlichen Rhythmus beizubehalten. Deshalb habe ich versucht, in jeder Strophe des Gedichts die Farben zu erhellen oder bzw. zu verdunkeln: Melancholie, Stolz, Lyrik, Gewalt und Sarkasmus, schließlich auch jämmerliche Zärtlichkeit, Angst und „Platsch“ im Meer!“*

***Zum „Liederabend“ in der Opéra-Comique / Paris am 1\. Dezember 2025:***

***Stéphanie bringt La Dame de Monte-Carlo zu neuem Glanz...***

Wir besuchen die *„Liederabende“* in der **Opéra-Comique** mit dem verheißungsvollen Titel **L’ Amour du** **Chant** sehr gerne, denn der **Saal Favart** ist mit seiner Größe und Akustik ideal für diese Art von Bühnen- Repräsentationen geeignet. **D’Oustrac** bietet in einer Stunde ohne Pause – vielleicht auch ein wenig mehr – eine große Anzahl von französischen Melodien, begleitet am Klavier von dem exzellenten **Jourdan**.

Ist es wohl richtig, mit der tragischen *„Scène d’Hermione“* aus **Racines**: **Andromaque**, vertont von **Viardot**, zu beginnen? Es erfordert ein gewisses Feingefühl und Energie, diesen Monolog: Der weder eine Kantate noch eine Opernszene ist, ohne jegliche gesangliche Vorbereitung anzugehen! Man würde es vorziehen, wenn dem Stück einige Melodien vorausgingen, damit sich unsere Interpretin einsingen kann! Die *„Berceuse Cosaque“* ebenfalls von **Viardot** und insbesondere die beiden Melodien von einem ihrer Urgroßväter **La Presle** hätten diese Aufgabe wohlauf erfüllen können.

Die **Academie de l‘Opéra-Comique** ist ein ausgezeichneter Ausbildungsort für junge Künstler: Hier nutzte **d’Oustrac** die Gelegenheit, die Mezzo-Sopranistin **Royer** und die Pianisten **Capelier** einzuladen, um das vielversprechenden Talent dieser beiden jungen Künstler zu erproben: Mit zwei Melodien von **Duparc** haben sie ihr Können eindeutig bewiesen. Bravo, Brava, Bravissimo! Danach kehrt die Diva mit ihrem Pianisten für weitere Melodien zurück. **D’Oustracs** Charme ist ungebrochen, doch haben uns andere Abende mit ihr durch ihre Leichtigkeit und Klangfülle noch mehr begeistert; einige der tieferen Töne klingen hier gelegentlich etwas *„schief“*. Mit den Melodien von Urgroßvater **Poulenc** erleben wir die Künstlerin in ihrer ganzen Pracht als Interpretin und in ***La Dame de Monte-Carlo*** kann sie ihre Intelligenz für den Text und die dramatische Situation am besten zum Ausdruck bringen.

Eine Reihe von Zugaben, darunter *„Le Porc à l’espagnol“* (1935) von **Ennemond Trillat** (1890-1980) und ein zartes Wiegenlied von **Manuel de Falla** (1876-1946), rundeten den Abend fröhlich ab.

### Mehr bei IOCO

[„Athénée“ in Paris](https://www.ioco.de/paris-athenee-theatre-louis-jouvet-liederabend-l-kilsby-e-oneill-ioco/) · [„Recital Julie Roset“ in Paris](https://www.ioco.de/paris-32/) · [„Athénée“ in Paris](https://www.ioco.de/paris-athenee-theatre-louis-jouvet-liederabend-h-m-rendall-h-vida-ioco/)

## Wie wirkt der Liederabend mit Stéphanie d'Oustrac und Pascal Jourdan in der intimen Atmosphäre des Saal Favart?

Der Abend gerät zu einem reinen Moment musikalischer Magie, in dem Stimme und Klavier mit klarer Textverständlichkeit und harmonischer Fülle ein ganzes Jahrhundert französischer Melodien lebendig machen.