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# Paris, Philharmonie - Salle Pierre Boulez, Matthäus-Passion - J. S. Bach, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/paris-25/
- Published: 2026-04-12T11:50:47.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:52:19.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Konzert & Liederabend, Paris

Matthäus-Passion von J. S. Bach, Philharmonie de Paris, Salle Pierre Boulez, Paris, 03.04.2026.

 **03.04.2026**

***EIN KLAGELIED FÜR DIE KRANKE WELT…***

***Erbarm es Gott!*** 
***Hier steht der Heiland angebunden.*** 
***O Geißelung, o Schläg’, o Wunden!*** 
***Ihr Henker, haltet ein!***

***Erweichet euch der Seelen Schmerz,*** 
***Der Anblick solchen Jammers nicht?*** 
***Ach ja, ihr habt ein Herz,*** 
***Das muss der Martersäule gleich,*** 
***Und noch viel härter sein.***

***Erbarmt euch, haltet ein!*** 
(2\. Teil / N° 51 / Rezitativ)

***Die Matthäus-Passion ist ein Klassiker der Osterkonzerte…***

Der junge französische Dirigent **Raphaël Pichon**, der das Werk seit Langem kennt und erarbeitet hat, bevor er es 2021 in der **Philharmonie de Paris** mit seinem **Ensemble Pygmalion** einspielte, präsentiert seine lichtvolle Interpretation.

Eine dramatische Struktur, die vom Martyrium ***Christus*** geprägt ist, eine Architektur aus Arien, Chorälen und vielen Chören, die sich um die ***Evangeliums***\-Erzählung winden, eine Partitur, die alle Ausdrucks-Möglichkeiten des Doppelchors ausschöpft: **Johann Sebastian Bachs** (1685-1750) **Matthäus-Passion, BWV 244** (1727) ist ein monumentales Werk, dessen Aufführung im Konzertsaal stets ein tief bewegendes Erlebnis ist. *„Indem* **Bach** *das menschliche Gewissen herausfordert und tröstet, bietet er uns einen wahren Balsam für die Seele, universell und zeitlos“*, schrieb **Pichon** über seine Einspielung. Mit seinem **Ensemble Pygmalion**, Chor und Orchestre sowie einer Reihe hochkarätiger Solisten, mit denen er bestens vertraut ist, bietet er eine klare und unmissverständliche, zutiefst menschliche Interpretation, in der hinter der biblischen Tragödie die Freude aller Beteiligten an der Würdigung dieses Schatzes des Repertoires zum Ausdruck kommt.

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Matthäus-Passion, Raphaël Pichon, Dirigent,, Lucile Richardot, Mezzo-Sopran © Mathilde Assier, Pygmalion

***Eine wahrhaftige räumliche Anordnung***

***zwischen zwei Gruppen von Musikern:***

***Eine klangliche und spirituelle Stereophonie….***

Es war eine neue Tradition in Leipzig, am Karfreitag zur Vesper ein ***Passions-Oratorium*** aufzuführen, abwechselnd in den beiden Hauptkirchen der Stadt: **Saint-Nicolas** und **Saint-Thomas**. Dieser Gottesdienst war recht lang, da zwischen den beiden Teilen des Oratoriums eine sehr ausführliche Predigt gehalten wurde und außerdem Motteten aufgeführt und Choräle gesungen wurden. Am Karfreitag, dem 11\. April 1727, präsentierte **Bach** in **Saint-Thomas** erstmals seine ***Matthäus-Passion***, ein Werk, das er 1729, 1736 und 1742 noch drei weitere Male aufführen sollte. Und stets in der Kirche **Saint-Thomas**, da ihm dort neben der großen Empore im hinteren Teil der Kirche auch eine kleine Empore mit Orgel über dem Chor zur Verfügung stand. Dies ermöglichte ihm eine echte räumliche Anordnung der beiden Musiker-Gruppen, eine klangvolle und spirituelle Stereophonie herzustellen.

Gemeinsam mit seinem Librettisten, dem Poeten **Christian Friedrich Henrici**, auch genannt **Picander** (1700-1764) entschied er sich, die heilige Erzählung mit dem Letzten Abendmahl von ***Christus*** mit seinen Jüngern und der Einsetzung der Eucharistie beginnen zu lassen. Der erste Teil endet mit der Verhaftung ***Jesus*** in Gethsemane und der Zerstreuung seiner Jünger. Der zweite Teil führt von seiner Erscheinung vor dem Hohenpriester ***Kaiphas*** bis zu seiner Grablegung! Wie in den Oratorien jener Zeit, deren Urbild es ist, entspricht die musikalische Struktur der **Matthäus-Passion** derjenigen der italienische *Opera seria* jener Epoche. Ein Rezitativ, *secco* oder begleitet, liefert die historische Erzählung und treibt die Handlung zu jenen Momenten intensiver dramatischer Konzentration voran, in denen Emotionen in Arien Ausdruck finden müssen, wodurch Raum für Kommentare zur Situation und persönliche Reflexion entsteht. Bei genauerer Betrachtung erweist sich diese formale Struktur jedoch als weitaus subtiler und vielfältiger als die der Werke jener Zeit, deren oft banale Form sie bei Weitem übertrifft.

Zu Beginn werden alle Christen, verkörpert durch die Töchter **Zions**, das heißt die Mitglieder der Kirche, dazu aufgerufen, über die Tragödie des unschuldigen, hingerichteten Mannes zu trauern, gelassen und geduldig wie im Drama vom Lamm: Das wegen der Sünden der Menschen geschlachtet wurde! Von einer Tribüne zur anderen, an beiden Enden des Kirchenschiffs gewissermaßen wie aus den Weiten des Universums, werden die Gläubigen zum Gebet eingeladen, dessen Klang sich über ihren Köpfen erhebt und einen Raum erfüllt, dessen Grenzen plötzlich aufgehoben sind. Und während die Seelen der kirchlichen Gemeinschaft aller Zeiten einander vor demjenigen stehen, der gekreuzigt werden soll, rufen sie mit klagender Stimme und erheben sich in langgezogenen Tönen, selbst über die beiden Vokalensembles hinaus in einer engelsgleichen neunten Stimme, der Choral, der das erlösende Opfer verkündet, das dargebracht werden soll: *„O unschuldiges Lamm Gottes“*.

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Matthäus-Passion, Christian Immler, Bass © Mathilde Assier, Pygmalion

*„Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten“*. Schreckliche Worte! Zeuge, der **Evangelist Matthäus** berichtet es im Nachwort und interpretiert es einem *recitativo secco*. Dann spricht ***Christus*** mit einer tiefen Bass-Bariton-Stimme, offensichtlich die Stimme **Christus** in der Barockzeit. Weder prophetisch noch bedrohlich, sondern erfüllt von tiefer Feierlichkeit in dieser schmerzlichen Erfüllung der Schrift und gebadet im Licht langgezogener Töne der Violinen und der Bratsche, ein klangvoller Heiligenschein umgab ihr Gesicht. *„Könnte es an mir liegen, Herr?“*, riefen die **Apostel** in fünf Takten eines heftigen, extrem intensiven *fugato*. Hören wir genau hin: Elfmal brach die verzweifelte Frage hervor, nicht zwölfmal. Nur ***Judas*** ist ausgenommen und das aus gutem Grund. Und während wir gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte warten, unterbricht **Bach**, wie es ein versierter Dramatiker gerne tut, die Erzählung, um uns zum Nachdenken einzuladen. In der Sanftheit einer *b-Dur* Tonart spricht die universelle Kirche in der Melodie des alten Chorals: *„Ich bin es“*. Der Schuldige bin ich! Die Geschichte kann nun fortgesetzt werden: *„Wer mit mir das Gericht geteilt hat, der wird mich verraten“*. **Judas**, entlarvt: *„Könnte ich es sein, Herr?“* Die Harmonie bricht zusammen: *„Du hast es gesagt“*! In einem Moment tiefster Feierlichkeit erwacht die Bewegung zum Leben. **Christus** spricht die entscheidenden Worte, setzt die Eucharistie ein und beschließt den ersten Teil der Passion. Einige Augenblicke, musikalisch losgelöst von allem anderen, weder Rezitativ noch ein *arioso*, die von Streichern und Orgel unaufhörlich mit strahlendem Glanz erfüllt werden.

Im Beisein von vielen Schriftgelehrten und Ältesten befragte der Hohepriester ***Jesus***, über dessen unverschämte Behauptung, dass er göttlich sei und was unweigerlich Gotteslästerung hervor rief, so führten sie ihn zu seiner Verurteilung zum Tode. Doch nur der römische Statthalter ***Pontius Pilatus*** konnte das Urteil aussprechen! Am nächsten Morgen wurde ***Jesus*** vor ihn gebracht, schwieg aber! Tief beunruhigt überließ ***Pilatus*** dem Volk die Wahl: Entweder einen berüchtigten Räuber namens ***Barabbas*** zu begnadigen oder diesen **Jesus**, der *„*Christus*“* genannt wird. Und die Menge der Ankläger, die sich noch nicht zu erkennen gegeben hatte, antworteten mit heftigem Geschrei: *„*Barabbas*!“*, auf einem verminderten siebenten Akkord. Was soll mit **Jesus** geschehen? *„Er soll gekreuzigt werden!“* In einer nur acht Takte langen Fuge sprechen die beiden Chöre diesen Satz aus. Das Ganze dauert kaum ein paar Dutzend Sekunden!

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Matthäus-Passion, Stéphane Degout, Bariton und Julian Pregardien, Tenor © Mathilde Assier, Pygmalion

Welch eine schwere Beleidigung! **Jesus** besteigt Golgatha, schwer beladen mit dem schändlichen Folterinstrument. Welch ein Leid erfüllt das *arioso* für Bratsche, begleitet von zwei Oboen: *„Ah!* *Golgatha, fatales Golgatha!“*, während die Cellos im Stil von *pizzicatos* die Toten-Glocken stilisierend läuten… Und die Erzählung setzt von neuem ein, Dunkelheit bedeckt die Erde, die Worte, der Tod – und der Choral der ***Passion*** erklingt erneut. Dann zerreißt der Vorhang des Tempels, die Erde bebt und kracht, die Felsen spalten sich. Das ist Oper in ihrer reinsten Form!

Es ist vollbracht! Der gewaltige Felsbrocken verschließt das Grab. ***Jesus*** ist in sein Bett gekommen, von wo er in Herrlichkeit auferstehen wird. Die **Evangeliums**\-Erzählung ist zu Ende! Die gesamte Kirche vollendet nun, was sie gleich mit dem Schlusschor tun wird. Doch zuvor singt er mit einer Geste unendlicher Zärtlichkeit einfach ein süßes und vertrautes *„Gute Nacht“* für denjenigen, der am Abend der unsagbaren Tragödie ruht, bevor er wieder aufersteht. Von tief nach hoch, von der Erde zum Himmel, die ganze Schöpfung verkörpernd, erheben sich die vier Stimmen nacheinander. Zuerst der Bass, der an **Christus** erinnert, der zu seiner Ruhe getragen wird, dann, in einer unwiderstehlichen Aufwärtsbewegung, der Tenor des hoffnungsvollen Sünders, die Altstimme der gequälten Seele und schließlich der Sopran, eine freudige Seele, die dem Erlöser dankt. Nach jedem Einsatz wiederholt der Chor: *„Mein Jesus, gute Nacht!“*. Die Nacht des Todes, aber ein Tod, von dem jeder Lutheraner weiß, dass es nichts anderes ist als der Schlaf, der dem Erwachen zu einer neuen Geburt vorausgeht, der Geburt zu übernatürlichem und ewigem Leben im Lichte Gottes. Diese Anrufung des nächtlichen Friedens, ist ganz allein **Bachs** Erfindung, beschließt das Buch mit einem letzten Chorstück. Und anstelle des Dankgesangs, den dieser Chor dargebracht hat, versammelt ein großer Epilog die gesamte christliche Gemeinde zur Trauer. Nach all dem, was gerade geschehen ist, können wir in unserer Trauer und Verzweiflung nur sagen: *„Ruhe in Frieden“*. Und der zweite Chor kann diesen schmerzlichen Ruf nur wiederholen: *„Ruhe sanfte, sanfte Ruh!“*.

***Die anhaltende Popularität…***

Es ist ein seltsames Phänomen! Das das Internet zu unserer Religion geworden ist und das Smartphone hat Gott als Verbindungsglied zu anderen Menschen ersetzt. In einem sich rasant säkularisierenden Europa leeren sich die Kirchen und doch interessieren sich noch immer Menschen für eine der wohl zutiefst religiösen Komposition aller Zeiten: **Bachs**: ***Matthäus-Passion***.

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Matthäus-Passion, Maïlys de Villoutreys, Sopran © Mathilde Assier, Pygmalion

Die Begeisterung für Passionsspiele beschränkt sich nicht nur auf dieses eine Meisterwerk. Auch andere musikalische Passionen werden regelmäßig im Vorfeld von Ostern aufgeführt, und seit 2011 schalten jedes Jahr Millionen von Fernsehzuschauern ein, um eine komplett modernisierte Version der ***Passion*** zu sehen, die teilweise mit Popmusik unterlegt ist. ***Faith-The Manchester Passion*** (2006), basiert auf einer in Manchester entwickelten Show und sie wurde fast in ganz Europa aufgeführt.

Die ***Matthäus-Passion*** wurde inzwischen übersetzt, für Kinder bearbeitet und sogar in einer stark vom Tango beeinflussten Fassung neu interpretiert. Ob in **Bachs** Originalfassung oder in den Bearbeitungen unzähliger Künstler – die Geschichte der letzten Tage von ***Jesus*** berührt und fasziniert uns bis heute.

***Entstehung des Kultes der Passion…***

Die Uraufführung – wie schon gesagt – fand 1727 in der **Thomas-Kirche** in Leipzig statt, wo **Bach** als Kapellmeister wirkte. Es handelt sich um ein Gelegenheitswerk, komponiert für die lange Vesper am Karfreitag. Die Musik wurde mit Lesungen und Predigten durchsetzt, sodass die gesamte Zeremonie leicht vier Stunden und mehr dauerte. Nach **Bachs** Tod im Jahr 1750 wurde das Werk erst am 11\. März 1829 wieder aufgeführt, allerdings in einer gekürzten Fassung, die dem damaligen Geschmack und den Gepflogenheiten angepasst war. Diese Aufführung weckte bei dem jungen **Felix Mendelssohn-Bartholdy** (1809-1847) ein erneutes Interesse an **Bachs** Musik.

Fast ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1870, wurde die ***Matthäus-Passion*** erstmals wieder in seiner vollen Länge zu hören sein. Diese Aufführungen, die von zahlreichen prominenten Persönlichkeiten und Würdenträger besucht wurden, begründeten die tiefe Verehrung der ***Passion*** in ganz Europa und besonders in den von der Lutherischen Kirche verwurzelten Ländern. Wo das Werk weiterhin auf stetig wachsendes Interesse stößt.

***Vertraute Themen und kontrastierende Musik…***

Der anhaltende Erfolg der ***Passions-Geschichte*** nach ***Matthäus*** lässt sich auf verschiedene Weise erklären. Zunächst einmal ist uns die Erzählung sehr vertraut. Von allen biblischen Geschichten sind die Geburt und Kreuzigung ***Jesus*** wohl die bekanntesten. Selbst den meisten Nichtgläubigen sind die Bedeutung von Begriffen wie dem Letzten Abendmahl, dem Verrat des ***Judas***, dem Krähen des Hahns und dem Kreuzweg ***Christus*** geläufig.

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Matthäus-Passion, Laurence Kilsby, Tenor © Mathilde Assier, Pygmalion

Geschichten dieser Art haben unsere westliche Kultur geprägt und beflügeln die Fantasie, auch außerhalb eines liturgischen oder religiösen Kontexts. **Bach** komponierte seine ***Matthäus-Passion*** nach einem Libretto des zeitgenössischen Dichters **Picander**, das ***Evangelien***\-Texte mit Kommentaren abwechselt. Die Geschichte wird nicht einfach nur erzählt, sondern in einer beinahe theatralischen Szenerie lebhaft darstellt.

Ein zweites wichtiges Element ist natürlich die Musik selbst. Wie gelingt es **Bach**, Musiker und Publikum drei Stunden oder länger - je nach gewähltem Tempo – zu fesseln? Was sofort auffällt, ist der Wechsel zwischen den verschiedenen Gattungen innerhalb der ***Passion***! Es enthält lyrische Arien für Solisten, beschreibende Rezitative, in denen der ***Evangelist*** als Erzähler fungiert, lutherische Choräle und kraftvolle Passagen für mehrere Chöre und Orchester. **Bachs** Musikwelt ist mal grandios und ehrfurchtgebietend, mal zutiefst intim und zart. Doch sie ist auch äußerst bildhaft! **Bach** lässt Donner und Blitz beinahe greifbar erscheinen; eine Schlange schlängelt sich in Form einer Notenfolge über die Notenzeilen. Der Hahnenschrei ist so ausdrucksstark wie die bitteren Tränen des ***Petrus*** nach seiner dreifachen Verleugnung.

***Eine „Matthäus-Passion“ von universeller Tragweite…***

Die Kombination aus einem sorgfältig ausgearbeiteten Libretto und einer fesselnden musikalischen Welt ermöglicht unterschiedliche Hörebenen und garantiert dabei stets ein ästhetisches Erlebnis von gleicher Intensität. So betrachten viele heutige Hörer die lutherischen Choräle – von denen *„O Haupt* *voll Blut* und *Wunden“* die bekanntesten sind – als willkommene Momente der Ruhe inmitten der komplexen Musik **Bachs**. Für die Besucher der **Thomas-Kirche** in Leipzig im Jahr 1727 waren dies jedoch sehr vertraute Texte und Melodien, die die gesamte Gemeinde gemeinsam sang.

Zwischen dem rein musikalischen Genuss eines Werkes und dem intensiven Erleben seines Inhalts existiert eine unendliche Anzahl von Abstufungen, zwischen denen der Hörer mühelos wechseln kann. Für manche besitzt die Musik an sich einen beinahe sakralen Charakter, für andere besteht ihre Berufung gerade darin, die religiöse Autorität des ***Evangeliums*** zu unterstreichen.

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Matthäus-Passion, Julie Roset, Sopran und Lucile Richardot, Mezzo-Sopran © Mathilde Assier, Pygmalion

In einer Sendung des beliebten niederländischen Fernsehprogramms: *„Die Welt dreht sich“* aus dem Jahr 2016 betonte der Dirigent **Reinbert de Leeuw** (1938-2020), dass jeder Takt dieser ***Passion*** reich an Bedeutung sei. Dies ist zweifellos einer der Gründe für die anhaltende Faszination des Werkes: Bei jeder Aufführung oder jedem Hören offenbaren sich neue Details. **Bachs** Partitur ist so reichhaltig und komplex, dass sie auch drei Jahrhunderte nach ihrer Entstehung noch nicht alle Geheimnisse preisgegeben hat.

Über die biblische Erzählung und die Musik hinaus zeigen die zahlreichen zeitgenössischen Bearbeitungen, die jedes Jahr um Ostern aus der Kreativität von Künstlern entstehen, dass diese ***Passion*** mit all ihren Emotionen einen Großteil der Bevölkerung berührt. Eine Geschichte, die – insbesondere in der Fassung von **Bach** und **Picander** – von Liebe, Trauer, Mitleid und Leid erzählt. Alle möglichen Bearbeitungen der ***Matthäus-Passion*** und anderer ***Passions***\-Erzählungen kreisen um diese zutiefst menschlichen Gefühle. Letztlich spricht die ***Matthäus-Passion*** zu uns…

***Die Aufführung in der Philharmonie de Paris / Salle Pierre Boulez am 3\. April 2026:***

***Wiederentdeckung der Menschlichkeit…***

Die herausragende Qualität von **Pichons** Interpretation liegt in ihrer Klarheit. Sein Ansatz hat etwas Pädagogisches und er bestand darauf, dass das Libretto die verschiedenen Episoden der ***Passion*** nach ***Matthäus*** klar darstellt: Die Vorbereitung der ***Passion***, die Gartenszene, die Szene mit **Pilatos**, die Kreuzigungs-Szene und die Grablegung. Die Verwendung des Wortes *„Szene“* ist etwas irreführend, es könnte den Eindruck erwecken, es handele sich um eine Oper. Doch es ist eine spirituelle Erfahrung: Zu fühlen, den Leidensweg ***Christus*** nachzuerleben und sich einem anderen, unbeschreiblichen Raum zu öffnen, jenseits der Welt, jenseits der Zeit.

***Maßgeschneidert für Saint Thomas…***

Bekanntlich nutzte **Bach** für seine große ***Passion*** zwei Chöre und auch die beiden einander gegenüberliegenden Orgeln der Leipziger **Thomaskirche**: Eine große Orgel auf der Westempore und eine kleinere Orgel auf der sogenannten *„Schwalbennest“*\-Etage, die über dem Triumphbogen zwischen Chor und Kirchenschiff angebracht war.

Auf jeder dieser Emporen platzierte **Bach** ein Chorensemble. Aus Platzgründen war der Hauptchor offenbar doppelt so groß wie der Nebenchor. Die Solisten der Rezitative gehörten jeweils einem der beiden Ensembles an, mit Ausnahme des ***Evangelisten*** und möglicherweise **Christus**. Die Continuo-Spieler befanden sich auf der Hauptempore, da dort das Rezitativ gesungen wurde. Zweifellos spielten aber auch einige auf der *„Schwalbennest“*\-Etage. Zwischen den beiden Orgelständen lagen 28 Meter, was mögliche Abweichungen erklärt.

Daraus lassen sich mehrere Schlüsse ziehen: Erstens, dass die Anzahl der Chor- und Instrumentalisten vermutlich gering war. Zweitens: Dass die Zuhörer, die größtenteils die Haupttribüne *„hinter sich“* wahrnahmen, während die Ensembles, insbesondere die Chöre, vom Klang völlig eingenommen waren.

***Schallgeographie…***

Eine weitere Folge, die über diese historischen und geografischen Gegebenheiten hinausgeht, ist, dass **Bach** jeder Gruppe von Sängern und Instrumentalisten unterschiedliche Rollen zuwies. Der Eingangschor, so komplex in seiner Struktur, ist ein Paradebeispiel: Nach der erhabenen instrumentalen Einleitung von beiden Seiten singt der gesamte Chor: *„Kommt, meine Töchter, stimmt ein in mein* *Klagelied, seht…“*. *„Wer?“*, fragt der Nebenchor. *„Der Bräutigam… wie ein Lamm“*, antwortet der Hauptchor und so weiter…

Hinzu kommt ein *Chorus di ripieno* – ein zusätzlicher Chor – von etwa fünfzehn Frauenstimmen – manchmal auch Knaben -, der nur zweimal in der Partitur erscheint und einen Choral intoniert: *„O* *unschuldiges Lamm Gottes, geopfert am Kreuz…“*, der erstaunlicherweise mit einem strahlenden *E-Dur* Akkord endet.

Die Struktur ist nicht leicht zu erklären, doch sie offenbart **Bachs** im wesentlichen didaktisches Ziel: Die ***Passion*** nachzuerzählen, indem er ***Christus*** und einige der Beteiligten zitiert, wie es die **Evangelien** tun. Dazu die menschlichen Reaktionen einzufügen: *„Lasst ihn gehen! Haltet ihn nicht auf! Fesselt ihn nicht!“* und den Aufruhr und die befreiende Inbrunst der ***Christen*** zum Ausdruck zu bringen – die Rolle der Choräle -.

Diese komplexe Strategie mag an eine Form des sakralen Theaters oder Konzert erinnern, doch tatsächlich geht es darum, eine spirituelle Botschaft zu vermitteln und den Zuhörer mitten ins Geschehen der ***Passion*** zu versetzen.

***Das Licht der Klarheit…***

Neben ihrer Klarheit ist diese ***Passions-Geschichte*** glücklicherweise von einem wunderbaren ***Evangelisten***, dem deutschen Tenor **Julian Pregardien**, interpretiert. Seine Stimme strahlt eine Leichtigkeit aus, etwas Unschuldiges, Offenes, fast Aufrichtiges. Hören wir uns den Bericht vom Letzten Abendmahl (N° 9, 10, 11) an, eine bewegende Komposition der Gefühle: Die Zärtlichkeit, die **Pregardien** in *„Aber am ersten Tage des süßen Brotes“* legt, das Pochen auf seinen Lippen in *„und huben an, ein jeder unter ihnen“…* Dieser fast jugendlichen Frische steht die unerschütterliche Entschlossenheit des französischen Bariton **Stéphane Degout** gegenüber, ein **Jesus** von unerwarteter Festigkeit, sein: *„Trinket* *alle daraus, das ist mein Blut“* mit einem edlen Ausdruck, ernst, heiter und tragisch zugleich.

Hinzu kommt die ergreifende Stille nach dem: *„Du sagest“* – Du hast gesagt -, der Antwort auf **Judas‘** Frage: *„Wäre ich es, Rabbi, der dich verraten würde?*. Hinzu kommt die Frömmigkeit, die Inbrunst, die schlichte Ergriffenheit des Chorals: *„Ich bin’s, ich sollte büßen“*, gesungen von den ***Jüngern***. Hierhin liegt die Herangehensweise **Pichons** und seiner Interpreten in ihrer Essenz: Kein Pathos, eine schlichte Erhabenheit, die Präzision der Chorgesänge, die Ausdruckskraft der Klangfarben. Eine Klarheit wie in einer Radierung!

***Gesangliche Genüsse…***

Unmittelbar nach dieser eindrucksvollen Sequenz folgt das Rezitativ und die Arie*: „Wiewohl mein* *Herz…* *Ich will dir mein Herze schenken, mein Herr“*, wo auf einem üppigen Klangteppich aus Oboen und fröhlichen Bässen die Stimme der französischen Sopranistin **Julie Roset** als ***Uxor Pilati*** und 1.Sopran in Girlanden aus Vokalisen und trillernden Tönen erklingt, die einerseits nach so viel Spannung das Ohr erfreuen und andererseits die Gewissheit und Freude der Auferstehung verkünden.

Zu den stimmlichen Höhepunkten zählt auch der kurze Auftritt des jungen englischen Tenor **Laurence Kilsby** im zweiten Teil. Es ist ein besonderes Merkmal der **Matthäus-Passion**, einen weiteren 1\. Tenor auf der zweiten Empore einzusetzen, der nur diese eine Zeile singt: *„Mein *Jesus* schweigt… Geduld, Geduld!... Mein *Jesus* schweigt vor der Verleumdung… Geduld, Geduld“*. Mit einem Ausdruck christlicher Trauer und zugleich auch Hoffnung singt **Kilsby** diese Passage, durchdrungen von italienischen Einflüssen, mit unbeschreiblicher, sinnlicher Sehnsucht und einem so warmen Timbre, vor einem ätherischen Hintergrund aus Continuo, Orgel, Cello und Theorbe.

***Stimmlichkeit aber keine Emotionen…***

Wir müssen gestehen, dass uns die französische Altistin **Lucile Richardots** mit ihrer Darbietung der Alt- Arien weniger berührt hat. Im ersten Teil wirkt: *„Du lieber Heiland… Büß und Reue“* wie mit einer gewissen Objektivität gesungen aber von Reue und Buße ist kaum etwas zu spüren. Die Wahl scheint hier eher der stimmlichen Virtuosität – die bei einer solchen Künstlerin zweifellos fesselnd ist – als der emotionalen Tiefe geschuldet zu sein. Die Flötenbegleitung ist zwar brillant, doch wirkt ihr bravouröser Moment etwas distanziert.

Im zweiten Teil bestätigt die Arie: *„Erbarme dich“*, eines der besonders erwarteten Stücke, diesen Eindruck noch mehr. Es ist eine Klage: *„Hab‘ Erbarmen mit mir, mein Gott um meiner Tränen willen“*, wird hier aber mit sehr großer Distanz gesungen. Man bewundert zwar die Ausführung der Gesangslinie, die Musikalität, die Eleganz ihrer Bewegungen und die Transparenz dieses vibrato-freien Gesangs, doch bleibt ein gewisser Mangel an Emotionen bestehen…

***Eine zurückhaltende Dramatisierung…***

Hier spielt zweifellos eine interpretatorische Entscheidung **Pichons** eine Rolle, insbesondere da der Einsatz der zweiten Altstimme mit dem französischen Countertenor **Paul-Antoine Bénos-Dijian** in der Arie: *„Können Tränen meiner Wangen“* ähnliche Aspekte aufweist: Ein souveräner und virtuoser Gesangsstil, aber eine Dramatisierung, die gedämpft, fast gleichgültig wirkt, obwohl der Moment schrecklich ist – ***Jesus*** wurde gerade dem Gericht übergeben -.

Wir glauben, dieselbe stimmliche Wahl auch im Rezitativ und Arie: *„Er hat uns allen wohlgetan…* *aus Liebe will mein Heiland sterben“* wieder zu erkennen, die von **Rose** bewundernswert gesungen wird, deren klare Stimme mit den wunderbaren Holzbläsern harmoniert, wobei die Emotion jedoch bewusst distanziert bleiben.

Bei den kleineren Rollen, denen **Bach** nicht viel Raum zur Entfaltung gibt, sind der solide deutsche Bass **Christian Immler** als 2\. Bass, als ***Pilatus*** und ***Kaiphas*** sehr ergreifend, der amerikanische Tenor **Zachary Wilder** als **Testis** und 2\. Tenor des zweiten Chors mit klaren und sehr ausdrucksstarken Vokalisationen in der Arie: *„Ich will bei* *meinem *Jesus* wachen“* und die französische Sopranistin **Maïlys de Villoutreys** als **Ancilla** und 2\. Sopran mit einem leicht säuerlichen Timbre in der Arie: *„Blute nur, du liebtes Herz“* hervorzuheben.

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Matthäus-Passion, Ensemble Pygmalion, Chor und Orchester und Solisten © Mathilde Assier, Pygmalion

***Vormund und Ekel im Zustand der Gnade…***

Wie wir schon sagten, **Pregardien** ist umso bewegender, engagierter, einfühlsamer, lebendiger und wie wir wissen, ist es ein großer ***Passionist*** und in erster Linie ein noch größerer ***Evangelist***…

Was könnte ergreifender sein als die Kreuzigungsszene? Die Interventionen des ***Evangelisten*** werden immer länger und **Pregardien** scheint jede Stufe der Trauer-Leiter zu erklimmen. Wie könnte man nicht erschauern bei dem Melisma, mit dem er *„dass sie ihn kreuzigten“* (N° 55) schmückt, wie könnte man nicht von der Arie in *d-Moll*: *„Komm, süßes Kreuz“* (N° 57) berührt sein, in der **Degout**, begleitet von Viola da Gamba und Orgel, eine imposante Erhabenheit, Kraft und Zurückhaltung an den Tag legt?

Es ist unmöglich, alle Farben und Nuancen aufzuzählen, die **Pregardien** der langen Erzählung des Opfers verleiht – mal heroisch, mal verzweifelt, mal mitfühlend, mal strahlend. Umso befremdlicher wirkt daher die relative Neutralität des Altos im Rezitativ: *„Golgatha, unseliges Golgatha!“* und in der Arie mit Chor: *„Sehet, *Jesus* hat die Hand“* an diesem Punkt des Dramas, so schön die Holzbläser mit ihrem unglaublichen Klangreichtum und so klar die Beiträge des zweiten Chors, der die erstaunten einfachen Sterblichen verkörpert, auch sein mögen. Weitere Schönheiten werden folgen von **Pregardien** und **Degout**, beide entschieden im Zustand der Gnade, das herzzerreißende *„Eli, Eli, lama sabachthanie“* von **Christus**, der heftige Bericht über das Erdbeben (N° 63a), aber das Außergewöhnlichste ist zweifellos das Rezitativ: *„Am Abend da es kühle war“* von **Degout**, gesungen mit tiefer Stimme und einer lebendigen Innerlichkeit, gefolgt von der Arie: *„Mache dir, mein Herz rein“*, in der seine Stimme abwechselnd mit Stolz, Frömmigkeit, Schmerz und Zuversicht geschmückt ist, mit all dem Adel, der Sensibilität und der strengen Intensität, die er zu vermitteln vermag.

In dieser **Passion** beeindrucken die beiden Chöre, mal getrennt, mal gemeinsam, durch ihre Präzision, Lebendigkeit und ihren Klangumfang. Doch am bewegendsten sind sie zweifellos in den Chorälen, insbesondere im erhabenen: *„Wenn ich einmal scheiden soll“* (N° 62), das so schwebend, intim, zart und inbrünstig ist. Und was lässt sich erst vom Schlusschor sagen, zugleich demütig und gewaltig, erleuchtet von der berührenden Zärtlichkeit von **Picanders** Worten: *„Wir sitzen an deinem Grab und weinen / Und an deinem Grab sagen wir zu dir: Ruhe in Frieden, ruhe in Frieden!“*.

***Weniger Zurückhaltung, mehr Ausdruckskraft…***

Wir nehmen doch an, das jeder von uns irgendwann einmal von einer bestimmten ***Matthäus-Passion*** besonders geprägt ist: Ein Erlebnis, das unvergesslich bleibt! Für den Verfasser dieser Zeilen war es auf dem **Verbier** **Festival 2016**: Der deutsche Bariton **Thomas Quasthoff** (\*1959) dirigierte das Werk zum ersten Mal, ein lang gehegter Traum von ihm. Der britische Tenor **Mark Padmore** (\*1961) war ein ergreifender ***Evangelist***, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner etwas brüchigen Stimme. Die deutsch-argentinische Mezzo-Sopranistin **Bernada Fink** (\*1955) sang die Alt-Arien und wir zitterten am ganzen Körper, als wir zuhörten. Es regnete heftig auf das Festzelt und wir glaubten sogar, dass der Sturm während der Kreuzigungsszene noch stärker wurde. Wir verließen das Festzelt völlig erschüttert!

**Pichons**: ***Matthäus-Passion*** ist wunderschön, die Chöre sind bewundernswert, der ***Evangelist*** ist einfach traumhaft, ***Jesus*** ist eindrucksvoll und dazu interpretieren wohl einige der besten Solisten unserer Zeit diese einmalige ***Passion*** von **Bach**, wie man sich sie nur vorstellen kann. Aber wir denken doch, es fehlt ihr etwas… wir denken an Inbrunst, aber nein, sie ist da, besonders in den Chorälen… Vielleicht fehlt nur ein Hauch von mehr Ausdruckskraft und weniger preziöse Einzelheiten à la française.

Karten und Programm: [www.philharmoniedeparis.fr](http://www.philharmoniedeparis.fr/?ref=ioco.de); Tel.: +33 (0)1 44 84 44 84

## Wie überzeugt Raphaël Pichon mit seinem Ensemble Pygmalion in Bachs Matthäus-Passion?

Pichon bietet mit Pygmalion und hochkarätigen Solisten eine lichtvolle, klare und zutiefst menschliche Interpretation, die zu einem tief bewegenden Erlebnis wird.