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# Toulouse, Opéra National Capitole, Die Passagierin - M. Weinberg, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/paris-17/
- Published: 2026-02-03T08:07:15.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:52:08.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Toulouse

Die Passagierin von Mieczysław Weinberg, Opéra National Capitole, Toulouse, 25.01.2026.

**25.01.2026**

***EINE REISE BIS AN DAS ENDE DER NACHT…*** 
***„Wenn ich es schon überlebt habe und die anderen nicht, dann wohl, um zu bezeugen, was Auschwitz war“ ZOFIA POSMYSZ.***

***„Ich werde niemals aufhören, mich für DIE PASSAGIERIN zu begeistern. Ich habe die Partitur studiert, und jedes Mal begriff ich mehr von der Schönheit und Größe dieser Musik. Sie ist ein Meisterwerk, perfekt in Form und Stil. Ich verstehe diese Oper als eine Hymne an den Menschen, eine Hymne an die internationale Solidarität der Menschen, die dem fürchterlichsten Übel auf der Welt, dem Faschismus, die Stirn boten“ DMITRI SCHOSTAKOWITSCH.***

***Die Enthüllung eines ergreifenden Meisterwerks über Auschwitz…***

Eine zufällige Begegnung auf einer Kreuzfahrt zwischen einer **Auschwitz**\-Überlebenden und einer ehemaligen Lagerwächterin eröffnet eine Welt der Erinnerungen, in der Vergessen und Erinnern miteinander ringen. Basierend auf einem autobiografischen Bericht der polnischen Schriftstellerin **Zofia** **Posmysz** (1923-2022) und auf Anregung von **Dmitri** **Schostakowitsch** (1906-1975) schuf der polnische Komponist **Mieczysław Weinberg** (1919-1996) eine bedeutende Oper des 20\. Jahrhunderts, durchdrungen von kraftvoller Lyrik, die zwischen bitterer Ironie und radikaler Tragik changiert. ***Die Passagierin*** (1968) wird erstmals in Frankreich aufgeführt. Die Innsbrucker Produktion, die an der **Opéra National Capitole Toulouse** präsentiert wird, wurde 2023 mit dem **Österreichischen Musiktheaterpreis** als **„*Beste Opernproduktion*“** ausgezeichnet.

***Gefangen zwischen Erinnerung und Vergessen…***

**Weinbergs** Oper ***Die Passagierin*** spielt sowohl auf einem Ozeandampfer Anfang der 1960er Jahre als auch während des Zweiten Weltkriegs. ***Lisa*** und ***Walter***, ein deutsches Paar, sind auf dem Weg nach Brasilien, wo ***Walter*** eine Stelle im diplomatischen Dienst antreten wird. Auf dem Schiff erkennt ***Lisa*** zwischen den Passagieren eine Frau namens ***Marta*** – diese war in **Auschwitz-Birkenau** inhaftiert. ***Lisa*** war dort Aufseherin gewesen!

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Airam Hernandez (Walter) © Mirco Magliocca

1968 schien es unmöglich, eine Oper über **Auschwitz** zu komponieren. Obwohl viele Kompositionen sich direkt oder indirekt auf den **Zweiten Weltkrieg** bezogen – u. a. **Schostakowitschs**: ***Sinfonien***, **Krzysztof Pendereckis** (1933-2020): ***Todesbrigade*** (1963), ***Tren ofiarom Hiroszimy – Ein Klagelied an die Opfer von Hiroshima*** (1961), ***Polnisches*** ***Requiem*** (1984), **Luigi Nonos** (1924-1990): ***Ricorda cosa ti hanno fatto in* Auschwitz** (1966), **Arnold Schönbergs** (1874-1951): ***A Survivor from Warsaw, Op. 46*** (1947), **Olivier Messiaens** (1908-1992): ***Quatuor pour la fin du temps*** (1941) und **Grigori Samuilovitch Frids** (1915-2012): ***The Diary of Anne Frank*** (1972) -, war es unvorstellbar, die Baracken von **Auschwitz** der unbestreitbaren Schönheit von Opernstimmen gegenüberzustellen. Und dennoch…

***Die Passagierin*** wurde von **Weinberg** komponiert, das Libretto stammt von **Alexander Mewedew** (1927-2010) und basiert auf dem gleichnamigen Roman (1962) von **Zofia** **Posmysz**. Der in Warschau geborene **Weinberg** war ein polnischer Komponist jüdischer Abstammung, der 1939 in die Sowjetunion emigrierte und schließlich in Moskau verstarb. Seine Mutter war Schauspielerin, sein Vater Geiger. **Weinberg** sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen am **Jüdischen Theater** in Warschau, wo sein Vater arbeitete. 1939 floh er aus der Stadt! 1943 konnte er sich dank der Hilfe **Schostakowitschs** in Moskau niederlassen. Ein Jahr nach Kriegsende wurde er beschuldigt, zu pessimistische Musik zu komponieren, die sich kaum auf Volkslieder beziehe. 1953 wurde er wegen seines *„jüdischen bourgeoisen Nationalismus“* verhaftet, wurde aber erneut dank der Fürsprache **Schostakowitschs** zwei Monate später entlassen. Er begann, Filmmusik zu komponieren, beispielsweise der berühmte Kriegsfilm ***Die Kraniche ziehen*** (1957) von **Mikhaïl Kalatozow** (1903-1973), welcher eine **Goldene Palme** bei den **Cannes Filmfestspielen 1958**.

**Zofia Posmysz**, die Autorin des Romans ***Die Passagierin***, war selbst eine **KZ**\-Überlebende. Durch das Schreiben legte sie Zeugnis ab, allerdingst erblickte ihre Geschichte erst nach mehr als 10 Jahren das Licht der Welt.

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Anaïk Morel (Lisa) und Airam Hernandez (Walter) © Mirco Magliocca

**Weinberg** vollendete ***Die Passagierin*** in 1968, erlebte die Premiere aber nicht mehr. Die **KPDSU** verbot die Aufführung der Oper, da die Szenen in **Auschwitz** zu viele Assoziationen zu sowjetischen Arbeitslagern – auch **Gulag** genannt – hervorriefen. ***Die Passagierin*** wurde das erste Mal am 25\. Dezember 2006 in einer konzertanten Version in Moskau aufgeführt, die erste szenische Aufführung in der Inszenierung von **David Pountney** (\*1947) fand am 21\. Juli 2010 bei den **Bregenzer Festspielen** statt. Einige Monate später war die Oper in Warschau auf der Bühne zu sehen, Aufführungen in London, Houston, New York, Chicago, Detroit, Jekaterinburg und weiteren Städten folgten. Das Publikum reagierte überall mit absoluter Stille auf die Oper, erst nach einigen Momenten setzte stürmischer Applaus ein.

Die Geschichte von **Zofia** **Posmysz** wurde zuerst als Hörspiel – ***Die Passagierin aus der Kabine 45*** (1959) gesendet, dann für das Fernsehen bearbeitet, später verfilmt. Die Regie führte **Andrzej Munk** (1921-1961), der bei einem Autounfall starb! Er konnte lediglich einen Teil des Skripts drehen – hauptsächlich die Kriegsszenen, gefilmt im **Museum Auschwitz-Birkenau** \-. **Munks** Mitarbeiter **Witold Lesiewicz** (1922-2012) schnitt das Material. Es beinhaltet einen Kommentar des Poeten **Wiktor Woroszylski** (1927-1996) gespielt von **Tadeusz Łomnicki** (1927-1992). Die Premiere des Films fand am 20\. September 1963 statt, dem zweiten Jahrestag des tragischen Todes des Regisseurs.

Die Handlung der Oper ***Die Passagierin*** – Zwei Akte bestehend aus acht Szenen und einem Epilog – spielt sowohl auf einem Ozeandampfer Anfang der 1960er Jahre als auch während des Zweiten Weltkriegs. ***Lisa*** und ***Walter***, ein deutsches Paar, sind auf dem Weg nach Brasilien, wo ***Walter*** eine Stelle im diplomatischen Dienst antreten wird. Aud dem Schiff erkennt ***Lisa*** zwischen den Passagieren eine Frau namens ***Marta*** – diese war in **Auschwitz-Birkenau** inhaftiert. ***Lisa*** ist zutiefst verstört, ***Marta*** zu sehen: Lange unterdrückte Erinnerungen holen sie ein und eine Ehekrise zeichnet sich ab, denn ***Lisa*** gesteht ihrem Mann, was sie während des Krieges getan hat.

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Anaïk Morel (Lisa). Nadja Stefanoff (Marta) und Mikhail Timoshenko (Tadeusz)

**WEINBERGS *Musik passt sich der Handlung an. Sie ist sehr divers: Realistisch und symbolisch, intim und kraftvoll zugleich. Sie unterstellt eine gewisse Stimmung während der Unterhaltungen auf dem sonnenbeschienenen Schiff und eine andere, um die* HÖLLE *von* AUSCHWITZ *zu übermitteln…***

Die Kriegsszenen drehen sich hauptsächlich um die Beziehung zwischen ***Lisa*** und ***Marta*** und einem anderen Häftling – ***Tadeusz***. Außerdem erzählen sie eine Geschichte über Musik: ***Tadeusz*** ist ein Geiger, der den Lieblingswalzer des **KZ**\-Kommandanten in einem besonderen Konzert spielen soll. In der vorletzten Szene kehrt die Handlung der Oper auf das Schiff zurück. Das deutsche Paar entscheidet sich, ***Marta*** und die Vergangenheit zu ignorieren. Allerdings gerät ***Lisa*** in Panik, als ***Marta*** den Lieblingswalzer des **KZ**\-Kommandanten spielen lässt. Die letzte Szene spielt im **KZ**: Das Konzert findet statt und ***Tadeusz*** spielt statt des Walzers eine ***Chaconne*** ***in G minor, BWV 1179*** (1700) von **Johann Sebastian Bach** (1685-1750) – den Tanz des Todes…

Die **KZ**\-Häftlinge haben unterschiedliche Nationalitäten; deshalb sind die Solo-Arien – wie das brillante siebenstimmige Lied vom Leben und vom Tod – mehrsprachig. Besonders eindrucksvoll sind zwei Teile der Oper: ***Martas*** Arie in der sechsten Szene – die Überleitung vom ***Wiener Walzer*** zu **Bachs** **Chaconne**. *„Es mag nur jemandem wie* **Weinberg,** *der“*, wie **Pountney** bemerkte*: „sein ganzes Leben lang Musik in Erinnerung an geliebte, verlorene Menschen geschrieben hat“* möglich gewesen sein, solche Musik zu komponieren.

An dieser Stelle lohnt es sich die Worte des französischen Philosophen **Pascal Quignard** (\*1948) ins Gedächtnis zu rufen, der sagte, dass Musik die einzige Art von Kunst gewesen sei, die mit den **Nazis** in den **KZ**s kollaboriert habe. ***Tadeusz*** weigert sich, zu kooperieren und bezahlt dafür mit seinem Leben. In dem Augenblick seines Todes stimmt der Opernchor – ganz wie ein Chor einer griechischen Tragödie – das ***Requiem der Schwarzen Wand*** an – der Ort der Hinrichtungen in **Auschwitz** \-. Schließlich folgt der Epilog: Ein Lied – eine Nachricht von ***Marta***, die am Fluss steht und sich an die Worte des französischen Poeten **Paul Eluard** (1895-1952) erinnert – diese sind der Sinnspruch der Oper -: *„Wenn eines Tages eure Stimmen verhallt sind, dann gehen wir zugrunde“*. Die Welt soll nicht vergessen! Sie darf nicht vergessen! Wie der Titel von **Nonos** Werk verkündet: *„Erinnere dich, was sie dir in* **Auschwitz** *angetan haben!“*

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Ensemble © Mirco Magliocca

Siehe auch **IOCO-Kritiken** über andere in der **Nazi**\-Zeit verbotenen Opern: **Braunfels**: ***Die Vögel*** (ONR 2022), **Schreker**: ***Die Schatzgräber*** (ONR 2022), **Korngold**: ***Das Wunder der Heliane*** (ONR 2026) und im Rahmen der Serie **MUSICA NON GRATA** in Prag: **Schulhoff**: ***Flammen*** (Staatsoper 2022), **Abraham**: ***Ball im Savoy*** (Staatsoper 2023), **Weinberger**: ***Schwanda, der Dudelsackpfeifer*** (National-Theater 2023), **Zemlinsky**: ***Susanna*** / ***Eine Florentinische*** ***Tragödie*** (Staatsoper 2024), **Zemlinsky**: ***Kleider machen Leute*** (Staatsoper 2024) und in Ostrava: **Ullmann**: ***Der zerbrochene Krug*** / ***Der Kaiser von Atlantis*** (Mährisch-Schlesisches National-Theater (2023)…

***Die Aufführung in der Opéra National Capitole Toulouse am 25\. Januar 2026:***

***Der Abgrund der Reue…***

In der **Opéra National Capitole Toulouse** schildert **Weinbergs *Die Passagierin*** eindrücklich und überzeugend die Hölle der Konzentrationslager…

Am 25\. Januar, vor ausverkauftem Haus in der **Opéra National Capitole Toulouse**, lieferte ein brillantes Ensemble – sowohl auf der Bühne als auch im Orchestergraben – eine außergewöhnliche Darbietung dieses unerbittlich düsteren Opernmeisterwerk des 20\. Jahrhunderts ab, das mit ungewöhnlicher emotionaler, gesanglicher und dramatischer Hingabe aufgeführt wurde. Die karge Inszenierung des deutschen Regisseurs **Johannes Reitmeier** war von der brutalen Wirkung eines perfekt platzierten Faustschlags.

***Ein bewegendes Zeugnis zweier Holocaust-Überlebenden…***

**Weinbergs** erste Oper entstand aus einer literarischen Begegnung! **Schostakowitsch** entdeckte den gleichnamigen Roman von **Posmysz,** einer polnischen Journalistin und Schriftstellerin und **Auschwitz**\-Überlebenden, in der Zeitschrift **Ausländische Literatur**. Er empfahl ihn an **Medwedew**, dem Leiter der Abteilung für Musikliteratur am **Bolschoi-Theater**, der ihn wiederum **Weinberg** vorschlug. Als einziger Überlebender seiner Familie erkannte **Weinberg** darin ein Echo seiner eigenen Geschichte.

Im Alter von 20 Jahrenfloh **Weinberg** während des deutschen Überfalls auf sein Heimatland Polenvor den **Nazis** in die **UDSSR**, während seine gesamte Familie deportiert und im Konzentrationslager **Trawniki** ermordet wurde – eine Information , die er erst 1966 erfuhr. **Weinberg** lernte **Schostakowitsch** 1943 in Moskau kennen. Die beiden Komponisten verband eine lebenslange Freundschaft und **Schostakowitsch** wurde einer der glühendsten Verfechter seines Werkes.

**Posmysz‘** Roman ***Die Passagierin*** erschien 1962 und wurde in 15 Sprachen übersetzt, erlangte bereits 1959 als Hörspiel unter dem Titel ***Passagierin in Kabine 45*** – **Posmysz** wurde in Abteil 45 nach **Auschwitz** deportiert – kometenhaften Ruhm. Das Hörspiel wurde später von dem polnischen Regisseur **Munk** verfilmt, der während der Dreharbeiten bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Film ***Die Passagierin***, der von seinen Assistenten fertiggestellt wurde, kam 1963 in die Kinos.

Das Opernprojekt, das durch das Treffen des Librettisten **Medwedew**, des Komponisten **Weinberg** und der Autorin **Posmysz‘** Reise nach **Auschwitz** inspiriert war – **Weinberg** begleitete sie nicht -, sollte 1968 am **Bolschoi-Theater** uraufgeführt werden. Die Oper wurde jedoch umgehend von der Sowjetunion zensiert. Trotz **Schostakowitschs** Intervention landete **Die Passagierin** auf die Liste verbotener Werke, *„ein Opfer des staatlichen Antisemitismus und der ideologischen Zaghaftigkeit des* **Leonid Breschnew** (1906-1982) *– Regimes“*. Weder **Weinberg** noch **Schostakowitsch** sollten ***Die Passagierin*** jemals sehen. Lediglich **Posmysz** und **Medwedew** besuchten die Aufführung am 21\. Juli 2010 bei den **Bregenzer Festspielen**.

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Mikhail Timoshenko (Tadeusz) und Anaïk Morel (Lisa) © Mirco Magliocca

***Ein Machtspiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit…***

**Posmysz‘** autobiografischer Roman ist von einem Vorfall inspiriert, der sich 1959 an Bord der **Place de** **la Concorde** ereignete. Während einer Überfahrt hörte **Posmysz** eine deutsche Touristin mit einer ihr vertraut vorkommenden Stimme etwas ausrufen. Die Angst, ihrer ehemaligen Peinigerin gegenüber zustehen, veranlasste sie, sich die Situation aus der Perspektive der **KZ**\-Wärterin vorzustellen, die sie in **Auschwitz** gefoltert hatte.

Die Geschichte von ***Die Passagierin*** beginnt 1960 auf einem Transatlantikdampfer nach Brasilien. Der deutsche Diplomat ***Walter Kretschmar*** soll seinen Posten in Rio de Janeiro antreten und reist mit seiner Frau ***Lisa***. Das Paar stellt sich die Überfahrt von Hamburg nach Rio de Janeiro als zweite Hochzeitsreise vor, doch die Reise verwandelt sich in einen Albtraum, als ***Lisa*** die ***Marta*** erkennt, einer ehemaligen Häftlingsfrau aus **Auschwitz**, die sie vor fünfzehn Jahren für tot gehalten hatte. Die Begegnung löst bei ***Lisa*** eine Reihe von Erinnerungen aus, in denen sie einst unter dem Namen ***Anneliese Franz*** als **SS**\-Aufseherin diente.

Sie offenbart ***Walter*** ihre verborgene Vergangenheit, sie stellt sich als jemand dar, der zwar zweifellos an **Adolf Hitler** (1889-1945) glaubte, aber dennoch eine gutmeinende Spielfigur war, die, gefangen im Kriegswirrwarr, so gut wie möglich helfen wollte. Sie zeigte sich erstaunt über den *„Hass“* der Gefangenen ihr gegenüber und über **Martas** *„fehlende Dankbarkeit“*, deren Leben sie angeblich *„gerettet“* habe. ***Walters*** Reaktion ist nicht weniger impulsiv, denn er wird einzig von der Angst vor einer Enthüllung geleitet, die seiner Karriere schaden könnte.

Die folgenden Szenen, die zwischen der luxuriösen Gegenwart auf dem Ozeandampfer und der düstereren Welt des Konzentrationslagers wechseln, enthüllen eindringlich ***Annelieses*** alias ***Lisas*** wahres Gesicht – grausam und skrupellos. In **Auschwitz** ist ***Anneliese*** von **Marta** gleichermaßen fasziniert und irritiert und versucht, die Kontrolle über sie zu erlangen und diese *„Figur des moralischen Widerstands“* zu korrumpieren. Ihre Versuche der Verführung und Einschüchterung scheitern und ihre Rache ist grausam. Auf dem Ozeandampfer verstört allein ***Martas*** Anwesenheit ***Lisa***, die diesmal machtlos und von der Last ihrer Erinnerung und ihrer Schuld, die sie nie eingestanden hat, erdrückt wird.

**Weinbergs** Partitur ist dicht und komplex – eine Schichtung von Geografien und Zeitebenen, die psychologische Tiefe der Figuren und ein mehrsprachiges Libretto -, doch ihre filmische Dramaturgie macht sie leicht verständlich. Drei Stunden lang werden wir in Spannung gehalten! Die Inszenierung von **Reitmeier** mit dem Bühnenbild des deutschen Bühnenbildners **Thomas Dörfler** – ausgezeichnet mit dem **Österreichischen Musiktheaterpreis 2023** als **Beste Opernproduktion** – ist schlicht und genial.

Ein einziges Holzgebäude dient sowohl oben als Kabine des Ozeandampfer als auch unten als Baracke und erzeugt so einen Spiegeleffekt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der ***Lisas*** Gewissen quält. Die Kostüme des deutschen Kostümbildners **Michael D. Zimmermann** sind erschreckend realistisch. Sie zeigen die gestreiften Pyjamas und die herausgerissenen Schädel der Gefangenen, die makellosen Uniformen der **SS** und die Prunkvollen Abendkleider von ***Lisa***, ***Walter*** und den anderen Passagieren. Und als Krönung lieferte das gesamte Ensemble herausragende Gesangsleistungen und eine Bühnenpräsenz, die den besten Schauspielern würdig waren.

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Ensemble © Mirco Magliocca

**Reitmeiers**: ***Die Passagierin*** beginnt mit einer stummen Szene: Eine Frau mit dunkler Sonnenbrille, beigefarbenem Trenchcoat und einem weißem Schal, der ihren Kopf verdeckt, raucht sie langsam und genussvoll eine Zigarette und blickt in die weite Ferne. Plötzlich setzt ein martialischer Rhythmus ein und Gefangene betreten die Bühne, verfolgt von **SS**\-Männern in glänzend schwarzen Uniformen. Die Holzkonstruktion dreht sich und wir befinden uns in der Kabine des Ehepaars ***Kretschmer,*** sie bewundern denselben Horizont und freuen sich auf die schönen Momente, die sie gemeinsam verbringen werden.

Die französische Mezzo-Sopranistin **Anaïk Morel** liefert eine atemberaubende Darbietung in der Rolle der ***Lisa***. Gesanglich wie darstellerisch verkörpert sie mit gleicher Präzision die Rolle der Ehefrau – zunächst verführerisch, dann von ihren eigenen Dämonen gequält – und die der **SS**\-Wächterin, die ihre Macht über Leben und Tod genießt, während sie dem rebellischen Stolz eines Widerstandskämpfers, der sie nicht fürchtet, hilflos ausgeliefert ist. In der Rolle des ***Walter*** ist der spanische Tenor **Airam** **Hernández** als karriereorientierter Ehemann perfekt besetzt: Seine klare, resonante Stimme trägt wunderbar und mit seiner Adonis-haften Statur macht er im Smoking, mit einem Glas Champagner in der Hand und einer schönen Frau an seiner Seite, eine imposante Figur.

Für Lisa ändert sich alles, als sie unter den Passagieren die Frau entdeckt, die sie als ehemalige Insassin erkennt: ***Marta***! Aus den Tiefen des Holzbaus erhebt sich eine andere Welt: Die einer Baracke voller Frauen in gestreiften Pyjamas. ***Bronka***, ***Yvette***, ***Krystina***, ***Vlasta***, ***Hannah*** und ***Katya*** sind lebendige, manchmal sogar fröhliche und liebevolle Frauen, die in ihren jeweiligen Sprachen – Polnisch, Französisch, Jiddisch, Tschechisch und Russisch – von ihrem Leid, ihrer Angst und ihrer Hoffnung singen, bevor sie zu den Zahlen 4719, 4313, 3575, 3154 und 2731 werden, die während ***Martas*** letztem Lied, die einzige Überlebende der Gruppe, an die schwarze Wand projiziert werden.

Die große schlanke deutsche Mezzo-Sopranistin **Nadja Stefanoff** verkörpert mit ihren markanten Gesichtszügen ***Marta*** mit einer ebenso fesselnder wie einschüchternder Präsenz. Ihre virtuose Stimme umfasst ein breites Spektrum an Emotionen und Stimmungen – Trotz, Großzügigkeit, Leidenschaft, Stolz, Schrecken und letztlich Rache – mit atemberaubender Präzision. ***Tadeusz***, ihr edler und stolzer Geliebter und Seelenverwandter, wird von dem russischen Bariton **Mikhail Timoshenko** dargestellt. In ihrer Wiedersehensszene verschmelzen **Stefanoffs** und **Timoshenkos** Stimmen wie ein süß-bitterer Kuss eines Paares, das in unvorstellbarem Leid zusammenhält.

Die französische Sopranistin **Céline Laborie** berührt in der Rolle einer russischen Partisanin namens **Katja** mit ihrem Volkslied *„Vallée ma vallée“,* das sie im zweiten Akt a cappella mit von bestechender Reinheit singt. Die französische Mezzo-Sopranistin **Victoire Bunel** ist als ***Krystina*** hervorragend wie auch die französische Mezzo-Sopranistin **Anne-Lise Polchlopek** als ***Vlasta***. ***Hannah***, die einzige jüdische Gefangene – eine Folge des Antisemitismus unter **Breschnew** – wird von der französischen Altistin **Sarah Laulan** wunderbar verkörpert, deren Stimme reich und von Klage erfüllt.

Die französische Sopranistin **Julie Goussot** ist eine liebenswerte ***Yvette***, die österreichische Mezzo-Sopranistin **Janina Baechle** verkörpert ***Bronka*** mit einer einhüllenden Stimme und einer charismatischen Präsenz, während die französische Sopranistin **Ingrid Perruche** als eine ***Alte Frau*** uns mit ihrer Stimme, die in den Wahnsinn abgleitet und ihrer eindrucksvollen Darbietung tief berührt.

Die deutsche Altistin **Manuela Schütte** ist in der Rolle des ***Kapo*** erschreckend: Ihre Interventionen wirken wie Peitschenhiebe. Die **SS**: der französische Bariton **Damien Gastl**, der französische Bass **Baptiste Bouvier** und der britische Tenor **Zachary McCulloch** – tragen ihre kurzen, aber entscheidenden Noten mit kalter Brutalität vor und der türkische Bass **Hazar Mürşitpinar** als ***Alter Passagier*** vervollständigt dieses hochkarätige Ensemble.

Im Orchestergraben dirigiert der sizilianische Dirigent **Francesco Angelico** das großartige **Orchestre** **National du Capitole Toulouse** mit meisterhafter Präzision. Seine Interpretation von **Weinbergs** kühner, düsterer, rauer und erschreckender Musik ist elektrisierend, kristallklar und auch perfekt auf das Bühnengeschehen abgestimmt. Der französische Chor-Dirigent **Gabriel Bourgoin** des Chors der **Opéra National du** **Capitole Toulouse**, leitet den Chor seinerseits mit derselben Präzision und Klarheit.

Die Passagierin endet mit **Marta**. Sie legt ihren Trenchcoat und ihr Kopftuch ab und singt ihre Arie *„Jak* *cicho wokół mnie!“* – *„Wie ruhig ist es um mich herum!“* \-, eine ergreifende Hommage an ihre ermordeten Freunde und ihren Geliebten, der getötet wurde, weil er **Bachs**: ***Chaconne*** statt des Lieblings-Walzers des grausamen Kommandanten spielte. *„Ich werde euch nie vergessen“*, verspricht sie denen, die die Hölle nicht überlebt haben.

Das Publikum war überwältigt von seinen Gefühlen, applaudierte begeistert, rief *„Bravo“*, sprang von den Sitzen auf und rief die Darsteller mehrmals auf die Bühne. **Morel** und **Stefanoff** umarmten sich und wir waren noch immer so in die Geschichte vertieft, dass die Wirkung beinahe surreal war. Dieses Meisterwerk **Weinbergs**, heute Abend in der **Opéra National Capitole Toulouse** meisterhaft aufgeführt, verdient es, überall und so oft wie möglich gezeigt zu werden, damit niemand den Schrecken dieses Abstiegs in die Barbarei vergisst.

## Welche Auszeichnung erhielt die in Toulouse gezeigte Innsbrucker Produktion?

Die Innsbrucker Produktion wurde 2023 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis als Beste Opernproduktion ausgezeichnet.