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# Osnabrück, emma-theater, 1000 Serpentinen Angst - Olivia Wenzel, IOCO Kritik, 20.10.2021
- URL: https://www.ioco.de/osnabruck-emma-theater-1000-serpentinen-angst-olivia-wenzel-ioco-kritik-20-10-2021/
- Published: 2021-10-21T06:00:31.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:08:05.000Z
- Author: Hanns Butterhof
- Tags: Kritiken, Oper & Operette, Osnabrück

![emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/emma-theater_c_uwe-lewandowskineu.jpg)

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

[**Theater Osnabrück**](https://www.theater-osnabrueck.de/?ref=ioco.de)

 ***1000 Serpentinen Angst* \- Olivia Wenzel - Spielzeiteröffnung**

**\- Schwere Last, nirgendwo die Norm zu sein -**

von **Hanns Butterhof**

Das **Theater Osnabrück** will die Spielzeit 2021/22 unter der neuen Intendanz von **Ulrich Mokrusch** neben „maßlos“ auch „transkulturell“ und „gemeinsam“ angehen. Passend dazu startet das **emma-theater** mit dem Schauspiel **1000 Serpentinen Angst** vo**n Olivia Wenzel.** Das autobiographisch grundierte Stück beleuchtet mehrfache Diskriminierungen der Protagonistin als Schwarze, Ostdeutsche und Frau.

Die Bühne des **emma-theaters** hat **Anna Maria Schories** so karg möbliert, wie sie auch die Kostüme, graublaue Einheitsoveralls für das dreiköpfige Ensemble aus **Otiti Engelhardt, Mario Lopatta** und **Hannah Walther** entworfen hat. Links ein Teewagen mit Drinks und eine Matratze auf Paletten. Tiefer im Raum steht eine Telefonzelle, rechts leuchtet kaltblau ein Apparat, der sprechen kann. Ab und zu rieselt in kräftigen Strahlen Sand vom Schnürboden und verwandelt die Bühne in einen Strand.

**1000 Serpentinen Angst - emma-theater**youtube Trailer Theater Osnabrück **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Alles das wird für die eine oder andere Szene benötigt, die ohne stringenten chronologischen Ablauf Erfahrungen von Diskriminierung aus drei Generationen schildern. Die linientreue DDR-Großmutter will über ihre Ängste vor Russen nicht sprechen, die Mutter, die Punkerin im real existierende Sozialismus war, hatte nie die Freiheit, von der sie träumte, und der Zwillingsbruder warf sich mit siebzehn vor einen Zug.

Es ist die Geschichte der Tochter, die im Zentrum des Stückes steht. Sie weiß, dass sie mehr Privilegien besitzt, als je eine Person in ihrer Familie hatte. Und trotzdem geht es ihr alles andere als gut damit. Sie fühlt sich von mehr Leuten gehasst, als ihre Großmutter es sich trotz des zunehmenden Rassismus' vorstellen kann.

Es sind die Urerfahrungen als farbige Tochter eines angolanischen Vaters, die ihr Welterleben prägen. Sie kennt keinen Ort, an dem sie die Norm wäre. Rassismus fühlt sie überall, wo sie aus Angst nicht mehr gradlinig denken und unbefangen handeln kann. Amerikas Versinken in Trumpismus gilt ihr als Vorschein der Entwicklung in Deutschland, und den Hass der Weißen auf die Schwarzen in den USA erkennt sie im Hass auf Geflüchtete weltweit wieder.

![emma-theater Osnabrück / 1000 Serpentinen Angst hier Hannah Walther, Otiti Engelhardt, Mario Lopatta © Uwer Lewandowski](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/10/foto-serpentinen-2-neu.jpg)

emma-theater Osnabrück / 1000 Serpentinen Angst hier Hannah Walther, Otiti Engelhardt, Mario Lopatta © Uwer Lewandowski

Ohne feste Zuordnung zu Figuren haben alle im Ensemble irgendwann einmal Großmutter, Mutter, Tochter und Bruder gespielt, ohne dass immer deutlich wird, wer eigentlich mit wem spricht. Als relativ fest zuzuordnen erweist sich nur **Hatiti Engelhardt** als Tochter.

Regisseurin **Rebekka David** hat auch die textlastige und handlungsarme Fassung für das Theater aus dem dialogischen Roman von **Olivia Wenzel** erstellt. Nur wenige Szenen wie die grotesk ergebnislose Sitzung der Tochter beim Therapeuten stellen Geschehen auch dar und erzählen nicht nur davon. Sorgsam vermeidet die Regie unter den wachsamen Augen der Rassismuskritischen Produktionsbegleitung durch **Sarah Ashitey** jeden Anschein von *Blackfacing* und integriert auch sensibel die kräftezehrende Betroffenheit der Schauspieler von ihren Rollen, indem sie ihnen ein Päuschen neben der Spielfläche gönnt.

Ein Theaterstück herkömmlicher Art wird ***1000 Serpentinen Angst*** so nicht, aber seine Szenen über Rassismus und Homophobie erzeugen erhebliches Unbehagen. Als Publikum fühlt man sich zunehmend selber ausgegrenzt, als weiße\*r, heterosexuelle\*r alte\*r Zuschauer\*in diffus angegriffen. Ob man so die Gefühle der Schwarzen Protagonistin nachempfinden kann oder soll und was aus dem ganzen Theater folgt, bleibt offen.

**Nach zwei langen Stunden pausenlosen Spiels viel freundlicher Beifall für das Ensemble mit Bravos für Otiti Engelhardt**

**1000 Serpentinen Angst** im **emma-theater,** Osnabrück; Die nächsten Termine: 9.11., 17\. und 19.11\. jeweils 19.30 Uhr

\---| IOCO Kritik Theater Osnabrück |---