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# ORPHEUS  –  MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay - Teil 5, 29.05.2021
- URL: https://www.ioco.de/orpheus-mythos-oder-wahrheit-ioco-essay-teil-5-29-05-2021/
- Published: 2021-05-29T07:00:39.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:07:02.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette, Kritiken

![Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/04/der-tod-des-orpheus-fot-wikimedia-commons-archaioptixneu.jpg)

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

*ORPHEUS* – MYTHOS oder WAHRHEIT

***IOCO* Serie - von Peter M. Peters**

*Teil 1 - Der orphische Weg - erschienen am 01.05.2021 - link HIER*Teil 2 - Orpheus und seine Legende - erschienen am 8.5.2021 - link HIER!**Teil 3 - Die Fabel des Ange Politien - 15.05.2021 - link HIER!** **Teil 4 - Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck**

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#   ***Teil 5 - Orpheus -*** ***Ein erstaunlicher Erfolg***

Fast ein Jahrhundert nach **Gluck** ist hier der Mythos von ***Orpheus*** in den respektlosen Händen von **Offenbach**, **Crémieux** und **Ludovic Halévy** (1834-1908). Die Begeisterung des Publikums am Abend der Premiere, dem 21\. Oktober 1858, war eher lauwarm! Anstelle von vier Stücken in einem Akt hat das Plakat vom Théâtre des Bouffes Parisiens nur einen Titel. Die Aufführung hat eine Dauer von vier Stunden. Die Zuschauer sind desorientiert und das Gefühl der Kritik des renommierten Blattes ***L'Illustration*** wird zweifellos von vielen geteilt:

*„Hier hat Herr* **Offenbach** *, der seinerseits *Orpheus* den Krieg erklärte, ihn in einen Geigenlehrer verwandelt und den Olymp in eine Karikatur verwandelt (…). Es füllt vier Akte und dauert einen Abend. Man fragt sich überrascht, woher die Idee einer solchen Parodie kommen könnte. (…). In der *Mariage aux Lanternes** (1857) *oder *Ba-Ta-Clan** (1855) *gibt es mehr Erfindungen und originelle Ideen als in den vier Akten des *Orphée aux Enfers*.“*

Noch vor der zweiten Aufführung verkürzte **Offenbach** sein Werk. Die Rolle von ***Caron***, ***Cerbère*** und ***Morphée*** werden kurz und bündig gestrichen. **Léonce** (1823-1900) und **Désiré** (1823-1873) verfeinern ihre Improvisationen. Anfang November kündigt ***Le Ménestrel*** die *„...Ergänzungen an, die Herr* **Offenbach** *zum dritten Bild hinzugefügt hat, indem er das Duett der *Mouche* (Fliege) von* **Lise Tautin** *(1834-1874) und* **Désiré** *eingefügt hat und besonders das „Summen“ von beiden Künstlern wurde außergewöhnlich gelobt. Auch das Couplet von* **Bache** *wurde wiederholt in einer trunksüchtigen Szene voller Komik gelobt.“* Das Publikum gewöhnt sich allmählich daran, ein so langes Stück auf der kleinen Bühne des Théâtre des Bouffes Parisiens zu hören. Es lässt sich von den ausgefallenen Kostümen von **Gustave** **Doré** (1832-1883) und **Charles-Albert Bertall** (1820-1882) und von der Schönheit der Bühnendekoration von **Charles-Antoine** **Cambon** (1802-1875) und **Jean-Louis** **Chéret** (1820-1882) (besonders das letzte Bild war sehr beeindruckend, indem sich ein großes Tor öffnet auf ein Meer von flammender Lava sichtbar wird…) begeistern. Ende Dezember 1858 besuchte **Prinz Jérôme Napoléon** (1822-1891) die Vorstellung, gefolgt vom **Großherzog** **Konstantin Nikolajewitsch von Russland** (1827-1892). Gleichzeitig wurde beim ersten Ball der Pariser Oper die von **Isaac Strauss** (1806-1888) arrangierte Quadrille des ***Orpheus*** in Anwesenheit von **Offenbach** mit unvergesslichen Ovationen belohnt.

![Jacques Offenbach / Karikatur von André Gill © Wikimedia Commons ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/offenbach-by-andre-gillneuneu.jpg)

Jacques Offenbach / Karikatur von André Gill © Wikimedia Commons

Das Stück ist lanciert! Der Erfolg – der sich in der Höhe der Einnahmen seit der Kreation zeigt – wird von der 80\. bis 180\. Aufführung mit einem durchschnittlichen Umsatz von 2.300 Franken noch größere Ausmaße annehmen. Der Rekord war am 8\. März 1859, am Fastnachtstag, erreicht. Am 28\. Januar wurde die hundertste Vorstellung mit einem Abendessen von Café Very gefeiert. Auf dem Einladungs-Gutschein stand: „*Nach Öffnung des Vorhanges garantieren wir keine Speiseplatten mehr!“* Das Abendessen für die zweihundertste Vorstellung fand am 12\. Mai statt. Die komische Oper entwickelte sich weiter: Die Rolle des ***Amphitrite*** wird hinzugefügt und **Offenbach** denkt an einen ***Bellone*** und eine ***Hébé***. Die Anzahl der Chorsänger wird von zwölf auf vierundzwanzig erhöht. Es versteht sich von selbst, dass die Fähigkeiten des Direktors vom Théâtre des Bouffes Parisiens, die Aufmerksamkeit auf sein Theater zu lenken, sehr wichtig war für den enormen Erfolg von ***Orphée*** ***aux Enfers***. **Offenbach** ist in Bezug auf die öffentliche Meinung im Leben ebenso geschickt wie auf der Bühne: Die berühmte Kontroverse mit **Jules Janin** (1804-1874) ist ein Beispiel dafür. Worum geht es? In seiner Serie im ***Journal des Débats*** vom 6\. Dezember 1858 griff der Kritiker auf dem Höhepunkt seines Ruhms den ***Orpheus*** in wenigen Sätzen an „*und vertrat die Seite der heiligen* *und ruhmreichen Antike indem er die Parodie äußerst streng verurteilte*.“ **Janin** verschluckt seine Worte nicht *(„Ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand“)* aber bewilligt doch einen reduzierten Platz für das neue Werk. **Offenbach** verstand dennoch, dass dort eine enorme Werbemöglichkeit für ihn bestand. Ab Mitte November reagierte er in ***Le Figaro*** auf einen ersten Angriff von **Janin** gegen den Théâtre des Bouffes Parisiens. Diesmal bringt er **Crémieux** dazu, einen zweiten offenen Brief zu schreiben, indem dieser enthüllt dass die von ***Pluto*** bei seiner Ankunft im Olymp rezitierte bombastische Tirade aus einem Artikel von **Janin** vom vergangenen Mai herausgeschnitten wurde… Der Effekt ist garantiert! **Offenbach** hält die Kontroverse mit einem Brief, der ebenfalls am 16\. Januar 1859 in ***Le Figaro*** veröffentlicht wurde und in dem er auf komische Weise Deutsch und Französisch vermischt: „*Die neidische Behauptung, dass Sie* (**Janin)** *Ihr Latein (votre latin) nicht immer verstehen, dachte ich es wäre Ihnen gleichgültig (indifférent), mein Deutsch (mon allemand) nicht besser zu verstehen.“* Der letzte Schlag wird durch einen dritten Artikel am 24\. Februar in derselben Zeitung behandelt, indem der Komponist **Janin** dankt *(„Danke *Janin*, guter *Janin,* ausgezeichneter *Janin*. *Janin*, der beste Freund, *Janin*, der größte Kritiker!)* für die große hilfreiche Werbung seines neuen Stück und er fühlt sich auch sehr geschmeichelt in der Gesellschaft von **Eugène Scribe** (1791-1861), **Rachel Félix** (1821-1858) und **Alexandre Dumas** (1802-1870) zu sein, eben unter denen, deren Werke ihn „*sehr erschöpfen und ermüden“*.

Wenn ***Orphée aux Enfers*** für manche ein Sakrileg gewesen sein mag, müssen wir jedoch den Skandal, der es gewesen sein könnte, relativieren. Ohne auf ***Platée*** (1745) von **Jean-Philippe Rameau** (1683-1764) zurückzukommen, können wir ***Actéon et le centaure Chiron*** zitieren, eine mythologische Farce von **Félix-August Duvert** (1795-1876), **Emmanuel Théaulon** (1787-1841) und **Adolphe de Leuven** (1802-1884) (Théâtre du Palais-Royal, 1835), ***Les Dieux de l'Olympe à Paris***, Komedie-Singspiel von **Achille Tenaille de Vaulabelle** (1799-1879) und **Louis Clairville** (1811-1879) (Théâtre du Vaudeville, 1846) oder sogar ***Les Sept*** ***Merveilles du monde***, Märchenspiel von **Eugène** **Grangé** (1810-1887) (Théâtre de la Porte Saint-Martin, 1853), wo in einem Bild ein lächerlicher Olymp darstellt wurde, für den sogar der große **Honoré Daumier** (1808-1879) die Kostüme entwarf. Viel beunruhigender war in der Tat die Beförderung des Théâtre des Bouffes Parisiens zu einem wahren Opern-Theater. Für manche war das der wahre Skandal!

Die 227\. und letzte Aufführung der ***Orphée aux Enfers*** \- Saison fand am 5\. Juni 1859 in der Passage Choiseul statt. Das Theater zog dann in den Carré Marigny um. Im November 1859 präsentierte **Offenbach** sein neues großes Stück für die Wintersaison: ***Geneviève de Brabant***. Der Erfolg entsprach nicht den Erwartungen und das Werk wurde Anfang 1860 zurückgezogen. Man muss in aller Eile improvisieren und das mit ***Le Carnaval des Revues***! In einem der Bühnenbilder sieht man das Paradies, *\>Côté de la musique<* mit **Gluck**, **André Grétry** (1741-1813), **Mozart** und **Carl** **Maria von Weber** (1786-1826), die rasend und wild einen >*Komponisten der Zukunft*< verjagen, der offensichtlich viel Ähnlichkeit mit einem gewissen **Richard Wagner** (1813-1883) hat... Während dieser Saison hatte ***Orphée aux Enfers*** eine prestigeträchtige 228\. Aufführung, denn diese wurde im berühmten lyrischen Théâtre-Italien am 27\. April 1860 gespielt. Diese Darstellung zugunsten von **Offenbach** ist jedoch nicht die Apotheose, die viele Biographen darin sehen wollten. Es ist viel zweckmäßiger zu sehen, das er ein stark verschuldeter Direktor war, der sein Theater nach Amiens und dann Brüssel bringen musste, wo die Truppe im Théâtre des Galeries Saint-Hubert zog um insbesondere ***Orphée*** ***aux Enfers*** weiter zu spielen. Mit diesem Stück wird der Salle Choiseul Anfang September wiedereröffnet, nicht ohne dass **Offenbach** zuvor – leider zu wenig – in seiner brandneuen > *Villa *Orphée** < in Étretat sich ein wenig Ruhe gönnt.

 **Orphée aux Enfers - Jacques Offenbach - Salzburg Festival**Youtube CMajorEntertainment \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

#   ***Orpheus - ein finanzielles Mittel***

Wie wir sehen können, kann **Offenbach** seine neue Saison nur durch die Übernahme von ***Orphée aux Enfers*** starten. Dies wird der Reflex schwieriger Zeiten sein! Diese neue Reihe von Aufführungen wird sehr gut aufgenommen und findet parallel zur Wiederaufnahme von **Glucks** ***Orphée et Eurydice*** im Théâtre-Lyrique statt. Die Beständigkeit dieses Erfolgs steht im Gegensatz zu dem Schicksal, das den Versuchen des Komponisten auf den offiziellen Bühnen vorbehalten ist: Das Ballett ***Le Papillon*** (1860) wird in der Oper sicherlich mit großer Gunst aufgenommen, aber ***Barkouf*** (1860) im Salle Favart ist das Opfer einer hasserfüllten Kabale. Anfang 1861 gab ***Orphée aux Enfers*** den Platz an ***La Chanson*** ***de Fortunio***, einer der geistreichsten komischen Opern, in dem wir einige Künstler **(Sänger/*Rolle)*** wieder finden: **Léonce**/***Pluto*** wurde ***Maître Fortunio***, **Bache**/***John Styx*** der kleine Angestellte ***Friquet*** und Frau **Chabert**/***Diana*** wird ***Laurette***. Mit diesem Werk triumphieren das Theâtre des Bouffes-Parisiens in einem weniger exzentrischen Genre. Die folgenden Stücke in mehreren Akten haben jedoch keinen vergleichbaren Erfolg wie ***Orphée aux Enfers***, auch wenn ***Le Pont des Soupirs*** (März 1861) mehr geschätzt wird als ***Le Roman comique*** (Dezember 1861, mit einer Parodie der Tragödie zu einem antiken Thema) und ***Le Voyage de MM. Dunanan père et fils*** (März 1862).

**Offenbach** verließ im Januar 1862 die Leitung des Théâtre des Bouffes-Parisiens, eines Theater, zu dem er sehr komplizierte Beziehungen unterhalten wird. Am 17\. Oktober 1862 zeigt das Theater erneut ***Orphée*** ***aux Enfers*** mit **Delphine Ugalde** (1828-1910) in der Rolle der ***Eurydike***. Das Engagement dieser berühmten Sängerin, die an der Opéra-Comique triumphierte, verleiht dieser Wiederaufführung eine besondere Anziehungskraft. **Delphine** **Ugalde** überlässt jedoch – anders als **Lise** **Tautin** – einer Künstlerin aus der Oper, um an ihrer Stelle den letzten Galopp zu tanzen... Die Kritik ist sehr geteilter Meinung über den unerwarteten Wechsel der Sängerin an die Passage Choiseul. „*Für die Bouffes war es ein unerwartetes Glück, aber wer möchte Frau *Ugalde* nicht anderswo*   *besser hören?“,* klagt der Eine, während der Andere bekräftigt: „*Es ist daher nicht zu verachten, dass sie* \[**Ugalde**\] *sich der Rolle der *Eurydike* ermächtigt im Meisterwerk von *Jacques Offenbach“*.* In jedem Fall retten die Vorstellungen das Theater vor dem Bankrott. Die 400\. wurde im Dezember erreicht, während die Edition Heugel eine neue Ausgabe der Partitur veröffentlichen, die mit neun Sängerporträts illustriert war. Das Werk wurde vier Monate lang gespielt, danach folgten ***Les Bavards*** (1862), immer noch mit Frau **Ugalde**.

Wir müssen dann bis Januar 1866 warten, um ***Orphée aux Enfers*** im Théâtre des Bouffes Parisiens wieder auf den Plakaten zu finden. Eine lange Schließung des Theaters von Mai 1863 bis Januar 1864, der halbe Erfolg von den ***Géorgiennes*** im März 1864 und ein Problem zwischen der Theaterleitung und **Offenbach** erklären diese Situation. Plötzlich ließ der Maestro im **Théâtre des Variétés** ab Dezember 1864 ***La Belle Hélène*** aufführen, indem er seine neue Theaterfreiheit ausnutzte. Trotzdem kündigt die Musikpresse im Mai 1865 die Versöhnung des Komponisten mit seinem Theater – dessen künstlerische Leitung er wieder fand. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes wurde mit der Aufführung von ***Refrains des Bouffes*** im September 1865 formalisiert, einem Potpourri, indem ***Orpheus***, ***Aristaios***, ***John Styx*** und ***Eurydike*** insbesondere im Final dem Publikum erschienen. Drei Monate später werden ***Les Bergers*** mit einem ersten Akt, der eine antike Pastorale zeigt, mit großem Pomp inszeniert. Aber das Stück gefiel nicht und dauerte nur einen Monat im Spielplan an: Eine Wiederaufführung von ***Orphée aux Enfers*** fand im Januar 1866 statt. Das Scheitern von ***Les*** **Bergers** war für **Offenbach** umso schmerzhafter, als seine führende Rolle in den **Théâtre des Bouffes Parisiens** zu einem Streit mit der Gesellschaft der Komponisten und dramatischen Autoren führte und ihn zwang, sehr schnell von seinem Posten zurückzutreten.

 **Orpheus in der Unterwelt - Jacques Offenbach** Youtube Gerardo Daniel Valencia Martínez \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

In diesem Zusammenhang ist der Erfolg der Wiederaufnahme sehr zu begrüßen. Es ist das Meisterwerk mit triumphalen Reserven für schwierige Tage und dazu am Ort der Premiere. „***Orpheus***' *Musik ist immer noch so lebhaft, so elegant wie am ersten Tag“,*  schreibt die Presse. **Tautin**, **Tayau**, **Léonce** und **Désiré** stürmen regelrecht mit ihrem großen Elan und ihrer Fantasie die Bühne bis Ende April. Die 500\. Aufführung wird im März gefeiert! Die Übernahme der Theaterdirektion von **François-Constantin Varcollier** (1823-1893), Ehemann von Frau **Ugalde**, im September 1866 führt jedoch zu einem neuen Streit mit **Offenbach**, der sein Repertoire zurückzieht. Dieses jedoch verschwindet nicht ganz, weil der neue Theaterleiter es geschickt schafft, einige Librettisten auf seine Seite zu bekommen. **Crémieux** z.B. ist voll und ganz bereit, eine Wiederaufnahme von ***Orpheus*** zu genehmigen. **Offenbach**, der den Triumph von ***La Vie Parisienne*** genießt, lässt es gehen und das Stück wird ab 26\. Januar 1867 gespielt. Frau **Ugalde** ist wieder in die Rolle der ***Eurydike*** geschlüpft, aber es ist nicht für sie, dass die mondäne Welt, die Pariser Halbwelt, die Künstler und Poeten sich an diesem Abend drängen. Nein, sie alle kommen, um die Kurtisane **Cora** **Pearl** (1835-1886) zu sehen, die mit Diamanten geschmückt die Rolle des **Amour** spielt. Die Zeitungen prangerten die Vermarktung dieses Sexsymbols stark an! **Cora Pearl**, geschützt von **Prince** **Charles Joseph Napoléon Murat (1834-1901),** spielte die Rolle nur zwölf Mal, während die Wiederaufnahme bis Ende März 1867 dauerte. Zu der Zeit, als ***La Grande-Duchesse de Gérolstein*** im Théâtre des Variétés den Höhepunkt von **Offenbachs** Karriere markierte, verließ ***Orphée aux Enfers*** die Theater und tauchte nicht wieder im Second Empire auf.

# *Der Olymp - im Reich der Märchen*

![ Jacques Offembald gezeichnet von Nadar © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/jacques_offenbach_by_nadarneu.jpg)

Jacques Offembald gezeichnet von Nadar © Wikimedia Commons

Bereits 1858 wurde die Verwandtschaft mit dem Genre Märchenspiel bemerkt: „***Orphée aux Enfers*** *ist ein fantastisches Spektakel, das die ganze Vielfalt und Überraschungen einer Märchenoper bietet.“* Die Veränderungen die nach der Premiere stattfanden zeigten, dass das Werk leicht neue Szenen und neue Charaktere aufnehmen konnte. **Offenbach**, der Direktor des Théâtre de la Gaîté geworden war, wollte mit der großen Pariser Oper durch die Pracht ihrer Inszenierungen konkurrieren. Nachdem er ***Jeanne d'Arc*** (1873) von **Charles Gounod** (1818-1893), Libretto von **Jules** **Barbier** (1825-1901) kreiert hatte – ein Spektakel, das die Kritiker als „*Gegenmittel gegen die Invasion der Operette begrüssten..“* – produzierte er eine neue Version von ***Orphée aux Enfers***, die vom 4\. Februar 1874 an triumphierte. „*Diese schillernden zwölf Szenenbilder“* sind nichts weniger als eines der wahnsinnig luxuriösesten Spektakel des gesamten 19\. Jahrhunderts. **Offenbach**, die himmlische Uhr und ihre farbenfrohen Träume, die Hölle mit ihren rotgoldenen Kobolden und ihrem goldenen Fluss, die fabelhafte Parade des zweiten Aktes, hat alles mit einem sicheren Geschmack geregelt, einem künstlerischen Sinn, der von allen gepriesen wurde. Die Parade in der Tradition der großen Oper ist ein wahres Wunder: Das Thebener Konservatorium mit seinem Orchester, die Meinungsorgane (die ***Phigaros***, die ***Débatès***!), die Suite von ***Pluto***, der Hof des ***Jupiters***, die himmlischen Dienste, die Menagerie, die burgundische Ernte (***Bacchus*** auf seinem Fass), die Götter und Göttinnen, der Omnibus für müde Gottheiten... Das Erscheinen von ***Phoebus***' Streitwagen krönt dieses schillernde Fest.

![Orpheus _ eine Vision gemalt von Nadar © Wikimedia Commons ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/jacques_offenbach_by_nadarneu2.jpg)

Orpheus \_ eine Vision gemalt von Nadar © Wikimedia Commons

Die Einnahmen erreichen 10.000 Franken pro Abend, was angesichts der gigantischen Kosten nicht allzu viel ist. „*Ende März erscheint die neue Partitur in einer Luxus-Edition, die auf die großartige Inszenierung dieser Märchenoper reagiert.“* Anfang Mai macht sich die ganze Truppe aus Anlass des Saint-Jacques-Tag auf den Weg zu **Offenbach**, um mit ihm den großen Erfolg zu feiern. Die Rue Laffitte wird von allen Künstlern besetzt, die singen: „*Ruhm, Ehre für* **Offenbach** *! Ehre sei dem fröhlichsten* *der Maestro!“* Der Musiker ist in der Tat krank und das hundertste Abendessen wird kurz darauf verschoben. Mit der Annäherung des Sommers erweckt **Offenbach** als weiser Direktor das Interesse seines Spektakel, indem er neue Szenen aufstellt, die nach dem höllischen Urteil eingefügt werden. Dieses aus zehn Bildern bestehende Reich von ***Neptun*** wurde am 14\. August das erste Mal gespielt. „*Diese neuen Bilder beginnen mit einem gewaltigen Sturm und dann plötzlich sieht das* *Publikum mit großer Überraschung in die Tiefe des Ozean. Dort erkennt man rosa Garnelen, die lustig und froh Polkas tanzen um den ganzen Unterwasser-Olymp von *Neptun* gut gelaunt zu erhalten. Auf jeden Fall muss man das gesehen haben, wie diese Welt der Meere sich im Frohsinn* *ergibt!* Die Dekoration von **Eugène Fromont** (1801-1890), die Kostüme von **Alfred Grévin** (1827-1892), die neue Bühnen- und Ballettmusik setzten den Erfolg des Werkes fort, das erst im November mit dem 185\. Aufführungstag abgesetzt wurde.

**Offenbach** bereitet sich dann auf eine neue Schlacht vor und stellt die enormen Mittel des **Théâtre de la Gaîté i**n den Dienst von ***La Haine*** (1874), dem neuen Drama von **Victorien Sardou** (1831-1908), an das er durch eine solide Freundschaft gebunden ist, die aus gegenseitiger Bewunderung besteht. Entgegen allen Erwartungen ist das sehr dunkle Stück des jungen Dramatikers in Mode ein Misserfolg, und **Sardou** zieht es nicht ohne eine gewisse Undankbarkeit schon nach achtundzwanzig Vorstellungen zurück. **Offenbach** war ruiniert und musste einige Monate später die Direktion seines Theater niederlegen. Sobald ***La Haine*** verschwunden war, wird ***Orphée aux Enfers*** hastig am 31\. Dezember 1874 wieder aufgeführt. Während **Charles Garnier** (1825-1898) an diesem letzten Tag des Jahres dem Direktor der Pariser Oper feierlich die Schlüssel für das neue Palais Garnier übergibt und das der **Président Mac-Mahon** (1808-1893) einweiht, übernimmt Marie Blanche Peschard (1845-1887) die Rolle der ***Eurydike*** und die liebenswürdige **Louise Théo** (1850-1922) spielt die Rolle des ***Amour***. Zu den Versen des Kuss-Duett fügt man auch der Umstände halber einige bittere Verse hinzu: „*In einem Moment beginnt das neue Jahr / Jung und Alt werden sich küssen…“* Welcher Zuschauer ist an diesem Abend nicht schlau genug, um zu erkennen das in der großen Parade der Omnibus für müde Götter überfüllt mit Leichen war! ***La Haine*** ist tot!

**Orpheus in der Unterwelt - Can Can - Der infernale Galopp - Offenbach**Youtube medici.tv \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

*Orphée aux Enfers* teilt sich mit ***Jeanne d'Arc*** den Spielplan vor der Uraufführung von ***Geneviève*** ***de Brabant*** im Februar 1875, die wiederum in eine Märchenoper verwandelt wurde – aber auf weniger überzeugende Weise. Erst drei Jahre später ertönte wieder auf der Bühne des Théâtre du Square des Arts-et-Métiers der höllische Galopp. In der Zwischenzeit übergab **Offenbach** die Direktion an **Albert Vizentini** (1841-1906), seinem Dirigenten, der das Theater durch die Namensänderung in Opéra-National-Lyrique wiederbeleben wollte. Obwohl von der Idee sehr verdienstvoll, war das Unternehmen im Voraus zum Scheitern verurteilt und endete im Januar 1878\. Das Theater erhielt seinen alten Namen zurück und die Gaîté wurde mit ***Orphée aux Enfers*** wiedereröffnet. In dieser Wiederaufnahme erbrachte **Pierre Grivot** (1834-1912) eine einmalige Interpretation in der Rolle des ***John Styx*** sowie als ***Merkur***. Wenn die Insolvenz von **Vizentini** dieses Abendteuer beendete, sagte ***Orpheus*** im Jahre 1878 jedoch nicht sein letztes Wort. Die Weltausstellung wurde im Mai eröffnet! **Offenbach** hatte 1855 wie auch 1867 immer das Beste für sich aus solchen Ereignissen machen können und so war es ihm auch diesmal unmöglich abwesend zu sein. **Camille Weinschenk** (?-?), der neue Direktor des Gaîté, hatte das Verständnis und die nötigen Fähigkeiten, dem Komponisten diesen Wunsch zu erfüllen: Anfang August wird eine neue Produktion von ***Orpheus*** erscheinen. Er hatte sogar die pikante Idee, **Hervé**, dem Autor des ***Petit*** ***Faust***, die Rolle des ***Jupiter*** anzuvertrauen. **Léonce** gewinnt auch wieder die Rolle des ***Pluto*** zurück. Es ist die gesamte Geschichte des Genre *\> komischen Oper <* der letzten zwanzig Jahre, die das kosmopolitische Publikum der Ausstellung gewissermaßen zurückzuverfolgen konnte. Am ersten Abend leitete **Offenbach** – auf Veranlassung von **Hervé** – das Orchester selbst im zweiten Akt. Die Produktion wird bis November gespielt und geht einer Wiederaufnahme von ***Les Brigands*** voraus (zu diesem Anlass wird auch der Rahmen der Gaîté erweitert). Mitte Oktober hat der ***Orpheus*** die 1000\. Vorstellung erreicht!

Das letzte Wort könnte an Monsieur le Compositeur gehen. Was er 1874 schrieb, war 1878 noch gültig und gilt heute noch mehr: „***Orphée aux Enfers*** *ist in der ganzen Welt bekannt, (…) wir haben ihn in allen möglichen Tönen transponiert, Regierungen sind gefallen, Throne sind verschwunden und *Orpheus*' Regierungszeit dauert immer noch an...“* **PMP-15/03/21-5/6**

Teil 6 - Offenbach oder die Provocation des Lachens - HIER ! am 5.6.2021

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