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# ORPHEUS  –  MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay - Teil 4, 23.05.2021
- URL: https://www.ioco.de/orpheus-mythos-oder-wahrheit-ioco-essay-teil-4-23-05-2021/
- Published: 2021-05-22T10:18:03.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:07:00.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette, Donizetti, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken

![Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/04/der-tod-des-orpheus-fot-wikimedia-commons-archaioptixneu.jpg)

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

*ORPHEUS* – MYTHOS oder WAHRHEIT

***IOCO* Serie - von Peter M. Peters**

*Teil 1 - Der orphische Weg - erschienen am 01.05.2021 - link HIER*Teil 2 - Orpheus und seine Legende - erschienen am 8.5.2021 - link HIER!**Teil 3 - Die Fabel des Ange Politien - 15.05.2021 - link HIER!**

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# ***Teil 4 - Der Orpheus des*** **Christoph Willibald Gluck**

**Christoph Willibald Gluck** (1714 - 1787) und sein ***Orfeo ed Euridice,*** Libretto: **Raniero de'Calzabigi** (1714-1795), 1762 in Wien und 1774, in einer neuen französischen Version ***Orphée et Eurydice*** / Libretto: **Pierre-Louis Moline** (1739-1820) in Paris uraufgeführt, beleben die mit **Jacopo Peri** begonnene Evolution des **Orpheus-**Mythos. Sehen wir uns das vollkommen künstliche Ende dieses ***Orpheus*** an, der wahrscheinlich aufgrund einer royalistischen Feierlichkeit an der Académie Royale aufgeführt wurde: ***Orpheus*** verliert ***Eurydike*** ein zweites Mal und bereitet sich verzweifelt darauf vor, sich ihr im Tod anzuschließen, als ***Amour,*** berührt über so viel Treue, ihm die Gattin noch einmal wiedergibt! Hauptmodifikation von **Gluck** und seinem Librettisten **Calzabigi** ist die Beseitigung der ersten Abenteuer des Mythos: Die Oper beginnt mit dem was in der französischen Tradition als *Tombeau (Grab)* bezeichnet wird. Die Hirten, die Nymphen und ***Orpheus*** klagen um das Grab von ***Eurydike***.

**Orfeo ed Euridice - Chr. W. Gluck - Dance of the Blessed Spirits** Youtube Bachner TRPT \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

Die Unterdrückung der hymenealen Feierlichkeiten ist nicht ohne Konsequenzen für den Geist des Werkes, zumal der Hörer sofort von der Schwere des anfänglichen Chor beeindruckt ist, der durch die schmerzhaften Ausrufe des ***Orpheus***: ***Eurydike, Eurydike!*** unterbrochen wird: Es gibt eine bemerkenswerte Einheit des Tones zum Werk, indem man ihm eine schmerzhafte Spannung verleiht, die nicht einmal die Freude an der Wiedervereinigung unterbricht. Kaum hat ***Eurydike*** den Chor der Schatten verlassen, ist sie verstört über die Zurückhaltung ihres Gatten. Somit fügt sie unwissend ***Orpheus*** weitere Qualen zu! **Calzabigi-Glucks** Entdeckung ist kurz gesagt, diese Abwechslung von Anwesenheits- und Abwesenheitsschmerz, die der traditionellen ***Eurydike*** zu eigen ist, unterdrückt und in eine fortwährende Abwesenheit oder Distanz zurückgeworfen zu haben und die sie zu einer sogenannten Schattenbeute macht, einem Objekt, das unmöglich zu erfassen ist. Dieses dominante Merkmal ist so gut etabliert, dass das glückliche Ergebnis, das zu schlecht in den Kontext integriert ist, eindeutig als Ergebnis einer Ordnung wahrgenommen wird.

![Christoph Willibald Gluck Statue in Wien © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/christoph-willibald-gluck-wien-ioco-neu2020.jpg)

Christoph Willibald Gluck Statue in Wien © IOCO

In dieser Hinsicht ist die Szene bemerkenswert, in der ***Orpheus*** und ***Eurydike*** aus der Unterwelt kommen, eine Episode, die oft zu schnell von anderen Musikern behandelt wird und der jedoch **Gluck** eine sehr große Bedeutung beimisst: Ebenso klar und durchsichtig ist sie bei **Monteverdi** (***Orpheus*** dreht sich um, besiegt von der Begeisterung seiner Liebe). Bei **Gluck** jedoch wird ein etwas schweres beunruhigendes Gefühl und eine unbefriedigende diffuse Erotik erahnt. Ein fundamentales Missverständnis einer unmöglichen Verständigung und das wahrscheinlich, weil **Calzabigi** die traditionellen Beziehungen umkehrt. Kanonisch ist es ***Orpheus***, der der Versuchung nicht widerstehen kann, ***Eurydike*** zu sehen. Die monteverdianische ***Eurydike*** versteht es perfekt: *Du* *verlierst mich also, weil Du mich zu sehr geliebt hast.* Bei **Gluck** ist es ***Eurydike***, die durch ihr falsches Beharren und dummen eifersüchtigen Andeutungen den Sänger zwingt, sich umzudrehen: Das Ergebnis ist das Gleiche, aber die dorthin führenden Wege sind vollkommen gegensätzlich. So wurde mit **Gluck**, der Weltenordner ***Orpheus*** im Wesentlichen nur ein Liebhaber, der seine Beschwörungskraft in den Dienst einer liebevollen Trägheit gestellt hat, die sowohl intensiv als auch erschöpft war – jener Trägheit, die **Julie de Lespinasse** (1732-1776) verrückt machte – in den hohen Sphären, in denen man über die Beziehungen debattierte zwischen Kultur, Leben und Tod, versinkt der Mythos in der heiklen Frage nach den Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern.

![Gemälde Orfeo ed Euridice von Federigo Cervelli © Wikimedia Commons ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/orfeo-ed-euridice-von-federigo-cervelli-neu.jpg)

Gemälde Orfeo ed Euridice von Federigo Cervelli © Wikimedia Commons

# ***Orphée aux Enfers / Orpheus in der Unterwelt - Jacques* Offenbach**

***Orphée aux Enfers*** repräsentiert in Paris im Jahr 1858, ist alles andere als eine leichte und harmlose Parodie, denn der unwiderstehliche Schwung dieses Werkes verbirgt sowohl eine Lesart des klassischen Mythos als auch eine Entmystifizierung der Interpretation, die in den vorangegangenen Jahrhunderte üblich war. **Hector Crémieux** (1828-1892) und **Offenbach** kippen mit ihrer gewohnten Technik die traditionellen Daten und Fakten der Geschichte um, als ob die Komische Oper die Wahrheit eines Mythos enthüllen würde, dessen ernsthafte Opern der Vergangenheit nur eine pompöse Verkleidung darstellten.

Erste Umkehrung: ***Eurydike*** und nicht mehr ***Orpheus*** wird zur Hauptfigur! Rache oder Gerechtigkeit? Bei klassischen Dichtern wie auch in den von uns ausgewählten Opern ist ***Eurydike*** eine fast stille Präsenz: Ein Stichwort am Anfang, ein oder zwei am Ende, sie verschwindet völlig um ***Orpheus*** sprechen zu lassen und ist zufrieden damit, seine Trugbild-Liebhaberin zu sein. Nur mit **Gluck** gewinnt sie an Bedeutung, aber nur unter den Bedingungen, dass sie durch ihre vorzeitige Ungeduld die Alleinschuldige an der verpassten Rückkehr aus der Unterwelt ist. **Offenbach** rächt ***Eurydike*** für die vielen ungerechten Beleidigungen und Unhöflichkeiten, indem er ihr den ersten Platz vor ***Orpheus*** verleiht und das alles unter dem Deckmantel einer charmanten koketten Pariserin. Weit davon entfernt, nur der Schatten von ***Orpheus*** zu sein, ist sie eine sehr virulente Partnerin und sobald sie in der Hölle ankommt, sät sie viel Zwietracht zwischen ***Pluto*** und ***Jupiter***, die beide erbittert um ihre Gunst kämpfen.

![Landschaft mit Orpheus und Euridice von Nicolas Poussin © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/05/nicolas_poussin_landscape_with_orpheus_and_euridice_neu.jpg)

Landschaft mit Orpheus und Euridice von Nicolas Poussin © Wikimedia Commons

Logische Gegenreaktion auf die Entthronung von ***Orpheus***: Er wurde auf den Rang eines engbrüstigen schnaufenden Geigers dritter Klasse degradiert, …***Orphée***, *Directeur de l'Orphéon de* *Thèbes, leçons au mois et au cachet!,* einem bedürftigen Künstler, dessen schlimmste Rache an seiner flatterhaften Frau war, sie zum Anhören seines miserablen anderthalbstündigen Konzerts zu zwingen. Diese Entmystifizierung des ***Orpheus***, die perfekt mit der komischen Behandlung der großen tragischen Themen übereinstimmt, ist die Wahrheit des Künstlers im 19\. Jahrhundert, ein spöttischer Charakter am Rande einer Gesellschaft des Geldes und des Vergnügens. Aber es ist auch die Wahrheit über unseren früheren ***Orpheus***, über unsere höfischen Musiker und Dichter im Dienste der **Gonzaga** und der **Medici**, deren poetische Kraft den Zustand der von liberalen Fürsten festgelegten Dichter schlecht verbarg und so sehr wir wollen oder aber auch besorgt darüber sind, eine Kulturpolitik durchzusetzen. Unsere Schöpfer hatten nicht immer die Mittel, sich zu verteidigen (als Beweis für ihre Verpflichtung, ihren patronymischen Mythos in die Soßen fürstlicher oder kaiserlicher Hochzeitsfeste unterzubringen).

Die dritte Umkehrung, die aus der Sicht des Mythos am wichtigsten ist: Die Geschichte von ***Orpheus***, die traditionell die Kraft der Liebe eines Mannes zu einer Frau symbolisiert, wird bei **Offenbach** zum Mythos des Krieges der Geschlechter. Die Veröffentlichung von **Eva Kushner** (1929-) bietet eine gute Exegese zur ***Orpheus***\-Interpretation: *Der verborgene Inhalt des Mythos könnte das unbewusste Verlangen nach dem Tod sein. *Eurydike* zieht *Orpheus* in die Hölle um ihn in das Nichts zuwerfen, aber *Orpheus* bricht das Gesetz von *Pluto* und sieht seine Frau an. So folgt sie ihm aus Ungeduld, wie die alten antiken Dichter sagen oder vielleicht aus dem unbewussten Wunsch heraus lässt *Orpheus* seine Frau endgültig für immer verschwinden. Primäre Feindseligkeit* *zwischen den Geschlechtern?* Diese Interpretation, die sich auf viele Elemente des Mythos stützt (eine Hochzeitsreise fällt ins Wasser, ein gescheitertes Wiedersehen, die Entscheidung nicht mehr den weiblichen Reizen zu folgen, die Versuchung der Homosexualität oder die Rache der Bacchanten) und natürlich zusätzlich der Humor von **Offenbach**.

Zuallererst hassen sich ***Orpheus*** und ***Eurydike***: ***Orpheus'*** künstlerischer Narzissmus ärgert ***Eurydike*** sehr und darüber hinaus hat ihr Ehemann keinen beruflichen Erfolg, was 1858 und auch heute noch unverzeihlich ist. Sie macht es sich auch nicht sehr schwer ***Aristaios***, von dem **Crémieux** geschickt eine Inkarnation von ***Pluto*** gemacht hat, ihre Gunst zu gewähren (es gibt keinen Grund sich zu wundern, dass **Crémieux** zur vergilianischen Version zurückkehrt: Könnte er die Gelegenheit verpassen, das Ehebruchdreieck zu rekonstruieren?). Vor allem aber provoziert ***Orpheus*** den Tod von ***Eurydike***, indem er eine Falle stellt, die er für den Liebhaber seiner Frau bestimmt hatte: Eine gescheiterte Handlung, die dank der diskreten Komplizenschaft von ***Pluto*** zu einem perfekten Erfolg wird! Schließlich macht er keine großen Schwierigkeiten sich umzudrehen und sieht mit Vergnügen, dass ***Eurydike*** ihm endgültig entkommt: *„Ce dénouement m'enchante“!* Warum sucht er dann nach seiner Frau in der Hölle? Dies liegt daran, dass das Gesetz, die Pflicht, hier verächtlich im Rang sozialer Konventionen, die vom Chor der öffentlichen Meinung heftig verteidigt wird, es zur Verpflichtung macht: „*Pour l'édification de la postérité, il nous faut au moins* *l'exemple d'un mari qui ait voulu ravoir sa femme“.* Einfache Frage der Fassade, wie ***Jupiter*** sagt: „*Sauvons les apparences! Tout est là!“* So taucht bei **Offenbach** der Gegensatz zwischen einer moralischen und kulturellen Welt wieder auf, die jedoch ihrer Substanz beraubt ist – der Welt von ***Orpheus***, ***Juno***, der öffentlichen Meinung – und einer bacchanalen Welt, die aber wertlos ist und nur mit leichten Freuden befriedigt. Eine Opposition, die wir in der antiken humanistischen Fabel bemerkt haben (natürlich mit anderer Bedeutung) und die dann radikal verschwindet zugunsten einer höfischen ***Orpheus***\-Interpretation.

***Eurydike*** ist entschlossen auf der Seite des Vergnügens zu leben und durch das sehr geschickte Ergebnis des Librettos von **Crémieux** vergrößert sich die Kluft noch mehr zwischen den beiden Eheleuten, die bereits seit längerer Zeit getrennt leben: Wenn sie unwiderruflich tot ist, kann die Nymphe endgültig ohne ***Orpheus*** ihr Dasein genießen. ***Pluto*** und ***Jupiter*** versuchen vergeblich die Gunst von ***Eurydike*** zu gewinnen und so entscheidet der König der Götter, dass sie eine Bacchantin sein wird, (Lassen Sie uns übersetzen: Eine Tänzerin an der Pariser Oper, die für die Freuden und dem Vergnügen der Großbürger von Napoleon III zur Verfügung steht!). Eine jener Bacchanten, denen die antike Tradition den Tod von ***Orpheus*** zuschreibt! ***Orpheus*** wird zu seinen langweiligen Konzerten zurückgeschickt, zu seinen fadenscheinigen Rezepten für eheliche Liebe, genauso wie nach ihrem gemeinsamen Seitensprung in die Unterwelt und ihren jubelnden ausschweifenden Zechgelagen mit den Göttern. Diese kehren wieder auf ihren langweiligen Olymp zurück, um ihren geschmacklosen Nektar und ihren eklichen Ambrosia zu probieren. Die Krise des antiken Mythos ist auch eine direkte Widerspiegelung einer (unserer!) Gesellschaft in Krise: Diese strahlende Kultur, diese Kunst wie wir denken – sagt uns **Offenbach** – ist nur der scheinheilige Schleier mit dem unsere Mächtigen ihren kleinen und großen Dreck verbergen, ist nur eine einfache Erscheinung, denn die Wahrheit ist dort, in dieser Hölle voller Schund und wertloser Ausschussware, doch jedoch jeder träumt davon.

So bitter die Moral der Fabel auch sein mag, so spöttisch die traditionelle Opposition zwischen ***Apollo*** und ***Dionysos*** bei **Offenbach** wird, mit ***Orphée aux Enfers*** schließt diese lange Reise zu Recht ab: Wir gingen von einem Gleichgewicht aus, der durch die humanistische Fabel repräsentiert wird, die der klassischen Tradition noch sehr nahe steht. Wir haben gesehen wie ***Orpheus*** einige seiner kosmischen Resonanzen verloren hat, aber dennoch lautstark die Kraft der Kultur behauptet. Wir haben ihn verliebt gesehen, gequält, verfolgt von Gespenstern der Abwesenheit, um am Ende nichts weiter als ein Vorwand zu sein, wie der ***Orpheus*** von **Offenbach**. Aber wie in der Vergangenheit als auch im 21\. Jahrhundert wird **Orpheus** seine Lieder weiter singen und dadurch Dichter, Musiker und viele Menschen auch zukünftig inspirieren.

**Orpheus und Eurydike - Gluck - Theatre du Chatelet in Paris**Youtube Nikos Ketenoglou \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

# ***Die endgültige Desakralisierung des Mythos***

Der Mythos des ***Orpheus*** begleitet die Geschichte der Oper, ein Genre mit dessen Geburt er eng verbunden ist. Von **Peris** ***Euridice*** im Jahre 1600 bis zu **Harrison Birtwistles** (1934-) ***Mask of Orpheus*** im Jahr 1986 gibt es mindestens sechzig Opern, die diesem Mythos gewidmet sind, ganz zu schweigen die Parodien. Ebenso ist **Offenbachs** Karriere von den Kreationen der beiden Versionen von ***Orphée*** ***aux Enfers*** geprägt, die dieses Werk in den Vordergrund seines Repertoires stellen.

Es geht nicht darum, hier das außergewöhnliche Schicksal des Mythos von ***Orpheus*** in der westlichen Kunst seit der Antike nachzuvollziehen. Man muss sich nur an das Ausmaß erinnern, um zu verstehen, wie ehrgeizig **Offenbach** und seine Librettisten bei der Auswahl eines solchen Themas waren. Die von **Vergil** (Lied IV der ***Georgica***) und **Ovid** (Buch X der ***Metamorphosen***) übermittelte Geschichte von ***Orpheus*** wurde Ende des 15\. Jahrhunderts durch das in Mantua gespielte Drama ***Fabula di Orfeo*** von **Poliziano** populär gemacht. ***Orpheus***, ein Jahrhundert später, ist durch drei von **Poliziano** inspirierten Werken direkt mit der Geburt der Oper verbunden: ***Euridice*** von **Peri** und die ***Euridice*** (1602) von **Giulio Caccini** (1551-1618) nach demselben Libretto von **Rinuccini** und ***Orfeo*** von **Monteverdi** nach einem Libretto von **Striggio**. Lassen Sie uns nur nebenbei bemerken, dass dieses erste Meisterwerk der lyrischen Kunst noch in den Kinderschuhen steckend, aber hatte jedoch schon ein stammelndes überglückliches Ende. ***Orpheus*** ist auch mit der Einführung der Oper in Frankreich verbunden, denn mit **Luigi Rossi** (1597-1653) ***La Finta Pazza***, wurde eine der ersten Opern in Paris gespielt: Die Aufführung im März 1647 im Palais-Royal auf Initiative von **Cardinal Jules Mazarin** (1602-1661) fesselte das Pariser Publikum mit ihrer prachtvollen Ausstattung. Mit seiner sechsstündigen Dauer, seiner Barockmaschinerie, den zahlreichen Episoden – tragisch oder komisch –, die der Librettist **Francesco Buti** (1604-1682) hinzugefügt hat, konnte dieser von der Legende weit abweichende ***Orpheus*** nicht so sehr weit von dem ***Orphée aux Enfers*** von 1874 entfernt sein …

**Orpheus in der Unterwelt - Can Can - Der infernale Galopp - Offenbach**Youtube regulargonzalez \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

Ab dem 17\. Jahrhundert zeigt **Rossis** Oper eine Entwicklung, deren Höhepunkt bei **Offenbach** sein wird: Die Desakralisierung des Mythos! Ein wenig wie ***Faust*** später auf seine Liebesbeziehungen mit ***Margarete*** reduziert wurde, behalten wir aus dem **Orpheus-**Mythos gerne nur das Liebesdrama zwischen ***Orpheus*** und ***Eurydike***, das auf rein menschlicher Ebene behandelt wird. **Glucks** Meisterwerk steht voll und ganz im Einklang mit dieser Entwicklung und der Substitution des ***Amour*** – ein allegorischer Charakter, der allzu oft in den menschlichen Konditionen verwickelt ist... Im Gegensatz zum traditionellen ***Pluto*** *,* symbolisiert dies die Humanisierung des ***Orpheus***. Wir sollten einen Moment bei **Glucks** ***Orfeo ed Euridice*** innehalten, weil es die einzige Oper ist, auf die sich **Offenbach** und seine Librettisten beziehen: Und zwar mit der Arie ***Che farò senza Euridice*** *,* indem sie – ein genialer Wurf – den Charakter der öffentlichen Meinung aus der Gestalt des ***Amour*** erschaffen.

Darüber hinaus kündigt der ***Orfeo*** von **Gluck** eine Evolution an, indem durch die von ihm verursachten Parodien mit **Offenbach** ihren Höhepunkt erreichen. Es gibt also einen ***Petit Orphée*** (1785) von **Prosper-Didier Deshayes** (1750-1815) nach dem Libretto von **J. Rouhier-Deschamps** (?-?), wie es später auch eine ***Petites Danaïdes*** (1846) von **Michel-Joseph Gentil de Chavagnac** (1770-1846) und einen ***Petit Faust*** (1869) von **Hervé** (1825-1892) geben wird. Dieses Singspiel (vaudeville) ***Petit Orphée*** wurde im Juni 1792 in Paris am Théâtre de la Cité-Varietés wieder aufgenommen. Die Parodie ist besonders sichtbar an der kleinen Schnabelflöte, die der Librettist anstelle der traditionellen Leier in die Hände von ***Orpheus*** legt. In dieser Hinsicht ist die Geige, mit der **Offenbach** seinen Helden schmückt, vielleicht nicht so sehr sakrilegisch wie gewöhnlich angenommen wird. Sehen wir an den Wänden des Palazzo Reale in Neapel nicht noch zwei Gemälde aus dem 17\. Jahrhundert, auf denen ***Orpheus*** Geige spielt? Die zweite Parodie auf **Glucks** Oper, die wahrscheinlich neben vielen anderen Stücken zitiert werden kann, ist ***Socrate immaginario*** *, Commedia per Musica* von **Giambattista** **Lorenzi** (1719-1805) und **Ferdinando Galiani** (1728-1787). **Giovanni Paisiello** (1740-1816) komponierte die Partitur für dieses Werk, das 1775 in Neapel nach den neapolitanischen Aufführungen von ***Orfeo ed Euridice*** uraufgeführt wurde. Die Autoren konzentrieren sich auf die Szene der Furien, deren Text und Musik meisterhaft parodiert ist. **Paisiello** ist vor **Offenbach** der berühmteste Musiker, der ***Orpheus*** aus dem komischen Blickwinkel betrachtet, aber seine Satire existiert nur in Beziehung zu **Gluck** und betrifft eine einzige Szene. **PMP-15/03/21-4/6**

# **Teil 5 - ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT - erscheint am 29.5.2021**

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