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# Nancy, Opéra national de Lorraine, MANRU - Ignacy Jan Paderewski, IOCO Kritik, 20.05.2023
- URL: https://www.ioco.de/nancy-opera-national-de-lorraine-manru-ignacy-jan-paderewski-ioco-kritik-20-05-2023/
- Published: 2023-05-19T17:55:51.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:13:38.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Nancy

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![Opéra national de Lorraine in Nancy © Peter Michael Peters](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/opera-national-de-lorraine-nancy-c-ppp.jpg)

Opéra national de Lorraine in Nancy © Peter Michael Peters

## ***MANRU (1901)* \- Ignacy Jan Paderewski**

#### \- Oper in drei Akten, Libretto **Alfred Nossig,** nach dem Roman ***Die Hütte am Rande des Dorfes*** von **Jozef Ignacy Kraszewski -**

von **Peter Michael Peters**

#### ***SCHÖNHEIT UND BRUTALITÄT…*** 

- ***Der Vogel liebt sein Nest,***
- ***Aber der sein Haus verlässt, weint:***
- ***Hast du kein schlagendes Herz in deiner Brust?***
- ***Hast du niemals den Schmerz der Trennung***
- ***verspürt?*** (Auszug aus ***Ulanas*** Arie / 2\. Akt, 5\. Szene)

#### ***Die Geschichte einer Oper…***

Wer hätte gedacht, dass der berühmteste Pianist seiner Zeit, ein Idol des Publikums der alten und neuen Welt, eines Tages eine Oper komponieren würde, wenn er bei seinen schönen Zuhörerinnen das auslöste, was amerikanische Kritiker als *„Paddy Mania“* bezeichneten? Das würde tatsächlich nichts zu seinem Ruhm beitragen! Die schillernde Karriere von **Paderewski** begann am 3\. März 1888 in Paris im **Saal Erard**, bei dem alle glaubten, einen neuen **Arthur Rubinstein** (1887-1992) zu hören, der damals als der größte lebende Pianist galt. Ein ***Menuett in G-Dur***, ursprünglich ein einfacher **Wolfgang Amadeus** **Mozart** (1756-1791)-Pastiche, die Freunde verblüffen sollte, hatte jedoch **Ignacy Jan Paderewski** (1860-1941) sofort überall berühmt gemacht und Kompositionen von größerem Interesse in den Schatten gestellt. Und sein Ruhm verdankte er nicht weniger der Anziehungskraft, die seine Löwenmähne mit rotblondem Haar auf die Menge ausübte, eine Freude der Karikaturisten, die ihm der Meinung nach das Aussehen eines Engels, eines Dämons oder eines ***Samson*** verlieh. Als er 1890 in England debütierte, hielt es sein Agent für angebracht, Werbung für den *„Löwen von Paris“* zu machen.

 ***MANRU* \- Ignacy Jan Paderewski- Opéra national de Lorraine** youtube Opéra national de Lorraine **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Eigentlich wollte **Paderewski** zunächst Komponist werden! Am **Warschauer Musik-Institut**, das er im Alter von zwölf Jahren besuchte, zweifelten einige seiner Lehrer sogar an seiner Berufung als Pianist. Es bedurfte des Unterrichts eines ehemaligen Schülers von **Carl Czerny** (1791-1857), des berühmten **Teodor Leszetycki** (1830-1915), um nach ein paar Monaten des intensiven Studiums, bei dem er ganz von vorne anfing, ein Klavier-Star zu werden. Zwar komponierte er auch, allerdings im Wesentlichen für das Klavier, Solist oder Geigen-Partner in der ***Sonate in a-Moll*** von 1885, aber auch für die Stimme in Melodien, auch für Orchester im ***Konzert in a-Moll*** von 1889 und der ***Polnischen Fantasie in G-Moll*** von 1893\. Während diese letzten beiden Werke von der Beherrschung der Instrumentierungs-Kunst zeugten, wurde das Orchester in den Augen vieler aufgrund seiner extravaganten Virtuosität auf ein bloßes Gegenstück reduziert. Die Ouvertüre von 1884 war nur ein erster Kompositions-Versuch! Ein großes Werk zu schreiben, in dem das Klavier seinem innigsten Wunsch entsprach und er auch zu den anerkannten Komponisten seiner Zeit zu gehören. Die sagenhaften Gagen, die er während seiner Tourneen sammelte, sollten es ihm ermöglichen, sich eines Tages ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Daraus wurde nichts: **Paderewski** gab sein letztes Konzert im Mai 1939 in den Vereinigten Staaten, im Alter von 78 Jahren und legte dann seine Feder nieder, nachdem er 1909 seine ***Symphonie*** ***in h-Moll*** fertiggestellt hatte. ***Manru*** war seine einzige Oper!

Aber warum zuerst eine Oper und nicht etwa eine Sinfonie? Er hatte schon lange davon geträumt und auch an die Zukunft des Genres geglaubt: *„Solange es Musik gibt, solange es Dichter gibt, solange es* *Genies gibt, werden wir Worte mit Musik verbinden“.* Bereits 1885 entwarf er eine mögliche Idee über das Leben italienischer Maler. Doch er musste auf die Bekanntschaft des zukünftigen Librettisten von ***Manru***, **Alfred Nossig** (1864-1943) im Frühjahr 1889 in Wien warten, bis das Opernprojekt in Gang kam. Der Schriftsteller, Bildhauer, auch sehr engagiert im Zionismus, den der polnische Widerstand wegen Kollaboration mit den Nazis hinrichten ließ, spürte in dem kaum dreißigjährigen Musiker sofort den Wunsch nach einer Oper oder einem für die Bühne bestimmten Werk. Anschließend legt er ihm den Text von ***Manolo*** vor, einer rumänischen Legende. Auch bot er ihm einen ***Frühlingsabend in Schönbrunn***, einem Ballett für die **Wiener Oper** an. Im Jahr 1893 wird ein ***Schloss der Sirenen*** heraufbeschworen, dessen Elemente ***Manru*** vorwegnehmen: Die Handlung spielt sich mitten in der Tatra ab, die Heldin stürzt sich in einen See.

Ihre Wahl fällt schließlich auf einen Roman des produktiven und populären **Jozef Ignacy Kraszewski** (1812-1887) mit dem Titel ***Die Hütte am Rande des Dorfes***, der seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1854 mehrmals neu aufgelegt und in verschiedenen Sprachen übersetzt wurde. Von den Bewohnern des Dorfes, in dem er sich als Schmied niederließ, abgelehnt, hin- und hergerissen zwischen seiner Frau ***Motruna***, die von ihrer eigenen Familie verstoßen wurde und ihrer früheren Gemeinschaft, der Zigeuner ***Tumry*** begeht vor der Geburt ihres kleinen Mädchens Selbstmord. Diese wird am Ende einen „Szlachcic“, einen Knappen heiraten: Im Gegensatz zu ***Manru*** endet der Roman gut. Die Oper behält daher nur die tragische Dimension mit Treue und verwandelt bestimmte Charaktere. Aus ***Tumry*** und ***Motruna*** werden ***Manru*** und ***Ulana***, bereits die Heldin eines Romans von **Kraszewski**, in dem sie von einem „Szlachcic“ verführt und dann verlassen wird, begeht Selbstmord.

![Opéra national de Lorraine in Nancy / MANRU hier Gemma Summerfield (Ulana), Thomas Blondelle als Manru © Jean-Louis Fernandez](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/manru-5-neu.jpg)

Opéra national de Lorraine in Nancy / MANRU hier Gemma Summerfield (Ulana), Thomas Blondelle als Manru © Jean-Louis Fernandez

#### ***Eine polnische Carmen?***

**Paderewski** begann Ende 1893 oder Anfang 1894 mit der Arbeit. Die Komposition von ***Manru*** dauerte fast acht Jahre. Nicht, dass es ihm schwerfällt, sie zu schreiben. Nein, aber er kann nur zwischen seinen Konzert-Tourneen schreiben, die manchmal sehr lang sind. Die Amerika-Tourneen von 1895-1896 und 1899-1900 erstrecken sich über sechs Monate hin. Von Januar bis Mai 1899 tritt **Paderewski** in Polen, Russland, England und in Paris auf. Abgesehen von den Sommermonaten sind nur das erste Semester 1894 und der Herbst 1897 ***Manru*** gewidmet. Es ist immer noch notwendig, einen Ort zu finden, der der Schöpfung förderlich ist. Im Jahr 1894, um dem Pariser gesellschaftlichen Leben zu entfliehen, zu dessen berühmten Ikonen er gehört und um auch den aufdringlichen Bewunderinnen zu entkommen. So zog er nach Passy, obwohl er in einer Junggesellen-Wohnung in der Avenue Victor-Hugo lebte. Ab 1897 ließ er sich in Morges am Ufer des Genfer-See in einem Schloss-Chalet nieder, wo auch sein Traum „gentleman-farmer“ zu werden verwirklicht wurde. Tatsächlich wurde die Oper laut **Paderewski** selbst in fünfzehn Monaten geschrieben, nicht ohne den Text und die Partitur mehrmals zu überarbeiten. Er verlangt von **Nossig** viele Änderungen vorzunehmen, die die dramatische Dimension des Werkes verstärken sollten, wobei er großen Wert auf die Harmonie zwischen Text und Musik legte. Ursprünglich hatte die Oper nur zwei statt drei Akte! **Paderewski** erfindet auch die Figur von ***Ulanas*** Mutter und somit muss der Text völlig umgeschrieben werden, denn bei **Kraszewski** wurde ***Motruna*** von ihrem Vater verflucht. Das Violin-Solo im 2\. Akt wird nach dem ersten Entwurf hinzugefügt, was zu Änderungen im 3\. Akt führt. Die Partitur wurde vermutlich Ende 1895 fertiggestellt, **Paderewski** begann 1896 mit der Orchestrierung. Im Herbst 1898 mietete er die **Genfer Oper**, um sich die ersten beiden Akte anzuhören. Am Ende des Jahres 1900 ist die gesamte Oper vollständig, auch wenn Text und Musik noch Änderungen erfahren. Der Titel wird erst sehr spät gefunden. Wir müssen auch auf die Aufführungen in Lviv (Lemberg) warten, bis ***Urok*** dann ***Manru*** tötet – denn ursprünglich sollte es ***Oros*** sein, der sich an ihm rächen wollte.

Wie **Paderewski** oft gesagt hat, steht ***Manru*** am Schnittpunkt mehrerer Trends. Es ist in erster Linie eine polnische Oper: **Kraszewskis** Roman spielt an der Grenze zwischen Wolhynien und Podolien, die Oper spielt in der Tatra, in diesen Bergen, in denen viele Künstler Ende des 19\. Jahrhunderts die mythischen Wurzeln der polnischen Sprache sahen – für Dresden, New York werden endlich Kostüme importiert, um das Lokalkolorit zu verstärken. Durch sein ***Tatra-Album*** ***für Klavier*** (für zwei oder vier Hände / 1888), oft nach authentischen Motiven geschrieben. **Paderewski** hatte auch der Region und ihren Bewohnern Tribut gezollt, jedoch später während seiner patriotischen „National-Periode“ in den Zwischenkriegsjahren war er im übertragenden Sinne ständig kämpfend auf den Barrikaden für sein Heimatland. Auch der große Musiker **Karol** **Szymanowski** (1882-1937) schöpfte aus derselben patriotischen und politischen Quellen. Die Oper ***Halka*** (1858) von **Stanislaw Moniuszko** (1819-1872), dem Vater der polnischen National-Oper hatte bereits die Berge als Schauplatz und die Titel-Heldin, die von ihrem Verführer mit ihrem Kind verlassen wurde, stürzte sich in einen Fluss. Und die Arie genannt das „*Glockenspiel“* erklang in der Oper ***Das Gespensterschloss*** (1865) und ließ Kindheits-Erinnerungen wieder aufleben, so wie ***Jagus*** Geige die Nostalgie der Zigeuner wieder aufleben lässt. Aber im Gegensatz zum ***Tatra-Album*** entlehnt ***Manru*** für seinen 1\. Akt keine authentische Musik. Dies grenzt den Kreis nationaler Musik zu sehr ein und schwächt den Umfang einer auf Universalität abzielende Botschaft. Anstelle von Zitaten bevorzugt er das, was man imaginäre Folklore bei **Béla Bartok** (1881-1945) nennen wird.

![Opéra national de Lorraine in Nancy / MANRU hier Gemma Summerfield (Ulana), Janis Kelly (Hedwig), Chor © Jean-Louis Fernandez](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/manru-6-neu.jpg)

Opéra national de Lorraine in Nancy / MANRU hier Gemma Summerfield (Ulana), Janis Kelly (Hedwig), Chor © Jean-Louis Fernandez

Aber der Einfluss der Zigeunermusik wird viel stärker werden: Hören wir uns nur die Geige von ***Jagu*** im 3\. Akt oder den Zigeuner-Marsch im 3\. Akt an. **Paderewski** nimmt auch hier keine Anleihen bei irgendjemandem, abhängig von dem Bild, das das 19\. Jahrhundert vermittelte, insbesondere von **Franz** **Liszt** (1811-1886). ***Jagus*** Geige, begleitet vom Zymbal, ist es nicht das Erbe der symphonischen ***Ungarischen Rhapsodie N° 2*** (1874), die **Liszt** mit einer äußerst langen Kadenz befriedigt hatte? Könnten wir dort ein Echo der Improvisation von ***Beppe*** finden, dem jungen Zigeuner in der Oper ***L’Amico Fritz*** (1891) von **Pietro** **Mascagni** (1863-1945)? Die verführerische ***Asa***, die von ***Carmen*** abstammt, wenn sie tanzt und singt, um ***Manru*** wieder zurückzugewinnen: Sie spielt das Tamburin, wie ihre Schwester aus ***Carmen*** (1875) von **Georges Bizet** (1838-1875), die Kastagnetten spielt, aber das Zigarrenmädchen unterstrich auch noch das *Chanson Bohème* zum Klang eines Tamburins. Und jedes Mal werden beide vom *Pizzikati* der Violinen getragen. Kannte **Paderewski** die Oper ***Aleko*** (1893), die Zigeuner-Oper von **Sergei Rachmaninow** (1873-1943), zumindest vom Thema her…?

Gleichzeitig lernt er, wie er selbst zugibt, **Richard Wagners** (1813-1883) Lektion! ***Manru*** ist ein *„lyrisches* *Drama“*, bricht also mit der Nummern-Oper zugunsten eines kontinuierlichen Melodien-Flusses. Denn die Deklamation, mit der sich ***Urok*** besonders identifiziert, mit einem traditionelleren Lied konkurriert: Das laut **Paderewski** von der italienischen Oper inspiriert ist! Es gibt auch keine Ouvertüre und das Vorspiel zum 3\. Akt knüpft an die 1\. Szene an. Die Partitur hingegen basiert vollständig auf einem sehr dichten Netzwerk von *Leitmotiven*, die wenn ihre Transformation begrenzt bleiben, ihr eigentliches Gerüst bilden. Jede Figur wird von einem oder mehreren Motiven zugeordnet, sobald sich der Vorhang hebt, bevor die Mutter (***Hedwig***) ihre Trauer mit der Melodie der Oboe zum Ausdruck bringt, die die Passage zum großen *Dur* dann mit dem freudigen Chor der jungen Mädchen verknüpft.

Würde **Paderewski**, wie einige Kritiker ihm vorgeworfen hatten, den Möglichkeiten des Eklektizismus zu erliegen? Er erklärte sich selbst! Dass es in ***Manru*** zwei Arten von Musik gibt, die der Zigeuner und die der Bergbevölkerung, somit wird sie durch das Thema der Oper gerechtfertigt. Auch handelt es sich nicht um die Geschichte einer Rivalität zwischen Frauen: *„Es ist ein Konflikt zwischen zwei Rassen!“* Deshalb spielt auch der Chor eine so wichtige Rolle: Er verkörpert abwechselnd die beiden Gemeinschaften. Im Zentrum dieses Konflikts steht die Musik selbst! ***Manru*** ist in den Augen von **Paderewski** nicht zwischen ***Ulana*** und ***Asa*** hin- und hergerissen, sondern zwischen zwei Arten von Musik: Er verlässt seine Frau (…) aus Liebe zur Musik! ***Asa*** kann ihn nicht zum Verlassen seiner Frau bringen und es ist tatsächlich nur der Zauber der Musik, seiner Musik, den sie tief in ihrem Inneren besitz, somit kann er in sein früheres Leben zurückkehren. Elf Jahre vor der Entstehung von **Franz Schrekers** (1878-1934) Oper ***Der ferne*** **Klang** (1912) ist ***Jagus*** Melodie eine Art *„ferne Klang“*, ausgestattet mit den größten magischen Kräften.

Auf die Frage nach der Nachahmung dieses oder jenes Komponisten oder gar nach einem Plagiat antwortete **Paderewski** auch. Kein Musiker, wer auch immer er sei, auch **Ludwig van Beethoven** (1770-1827), dessen berühmtes Schicksals-Thema darüber hinaus in ***Manru*** deutlich vorkommt und auch in **Wagners** Werken deutliche Anklänge findet, hat nicht geschaffen *ex nihilo*. Und man kann auch nicht behaupten, eine Oper seiner Zeit schreiben zu können, wenn man sich nicht der Neuheit von **Wagners** Musik bewusst ist. Wenn wir **Paderewskis** Werk näher untersuchen, dann sehen wir auch was ***Manru*** von seinen Vorbildern unterscheidet, abgesehen von den offensichtlichen Ähnlichkeiten, die die Partitur selbst offenbart. ***Carmen*** zum Beispiel versucht ***Don José*** von seinen Leuten abzulenken! ***Asa*** um ***Manru*** zu ihnen zurückzubringen! Indem er ***Carmen*** folgt, verliert sich ***Don José*** total! Indem er ***Asa*** folgt, wird ***Manru*** wiedergeboren! Die Schmiede von ***Manru*** ähnelt nicht nur der von ***Siegfried***, sie wird auch mit den entwurzelten Zigeunern identifiziert. Das *Leitmotiv* von ***Urok*** erinnert an das von ***Alberich***, aber die ***Nibelungen*** haben die Liebe verflucht und es bleibt nichts mehr als purer Hass. Wenn das Motiv von ***Ulana*** eine Umkehrung des Begehrungs-Motivs von ***Tristan*** zu sein scheint, dessen Liebesduett möglicherweise das von ***Manru*** belastet hat. Der Trank enthüllt nichts Unbewusstes und ändert in keiner Weise das Schicksal des Paares. Und obwohl **Paderewski** das System von **Wagner** übernimmt, führt er die Tonalität nicht an den Rand der Implosion, anders als viele Zeitgenossen, die von der Chromatik fasziniert waren.

#### **Manru*, ein Drama über Ausgrenzung und Nostalgie*

***Manru***, ein Drama über Ausgrenzung und Nostalgie, wurde am 29\. Mai 1901 an der **Königlichen Oper** in Dresden unter der Leitung ihres Hausherrn **Ernst von Schuch** (1846-1914) uraufgeführt. Seit seinen Anfängen am 15\. Februar 1895 mit dem Kapellmeister liebt die sächsische Landeshauptstadt, vom Königshaus bis zum musikbegeisterten Publikum, den Pianist und Komponist **Paderewski**. Alte Verbindungen werden geknüpft zwischen Sachsen und Polen: **König August II. der Starke** (1670-1733), im Jahre 1697 zum **König von Polen** gewählt. Später führte das Scheitern der Aufstände von 1830 und 1863 dazu, dass einige Polen nach Dresden ins Exil gingen. Vielleicht wurde bereits 1895 vorgeschlagen, die Oper ***Manru*** in Dresden uraufzuführen. Dass ein Dirigent wie **Von Schuch** ihn auf das „Taufbecken“ des Erfolges trägt, ist ein Geschenk des Himmels und auch ein großes Privileg. Die Proben beginnen einen Monat vorher! Wenn er kann, ist **Paderewski** dabei – vom 10\. Bis 16\. Mai nimmt er auf Einladung des Geigers **Joseph Joachim** (1831-1907) am **Beethoven-Festival** in Bonn teil.

![Opéra national de Lorraine in Nancy / MANRU hier Tomasz Kumiega als Oros und Chor© Jean-Louis Fernandez](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/manru-7-neu.jpg)

Opéra national de Lorraine in Nancy / MANRU hier Tomasz Kumiega als Oros und Chor© Jean-Louis Fernandez

#### ***Der große Triumph für Paderewski***

**Von Schuch** hat eine ausgewählte Besetzung zusammengestellt und legt großen Wert darauf, Sänger mit der richtigen Stimmlage zu finden. Der Tenor **Georg Anthes** (1863-1923) singt ***Manru***, eher ein Heldentenor vertraut mit den großen schweren Rollen von **Wagner**. Die Sopranistin **Anna Maria Krull** (1876-1947) verkörpert die Rolle der ***Ulana*** und wird acht Jahre später auf der selben Bühne stehen: Für die Uraufführung von ***Elektra*** (1909) von **Richard Strauss** (1864-1949). Ein weiterer berühmter **Wagner-**Interpret, der Bariton **Karl Scheidemantel** (1859-1923) ist ***Urok***. Von Polen, aus dem Rest Europas, vor allem aus England, aber auch aus Amerika kamen Bewunderer – und Bewunderinnen -, um ihr Idol zu feiern und schlossen sich der polnischen Kolonie an. Es wird ein gewaltiger Triumph für **Paderewski**, sicherlich ein wenig im Voraus erhofft, der jedoch durch den Tod seines behinderten Sohnes im Alter von zwanzig Jahren, zwei Monate zuvor, getrübt wurde. Sogar die deutsche Kritik, die während der Germanisierungs-Politik, vererbt vom **Reichs-Kanzler Otto von Bismarck** (1815-1898), vervielfachte Schikanen gegen die katholischen Polen ausführte: Lobt jedoch vielfach die Qualitäten der Partitur!

Ebenfalls im Jahr 1901, wenige Tage nach Dresden, war Lemberg, damals Hauptstadt des österreichischen Galizien, die erste polnische Stadt, die ***Manru*** sah: Diesmal in polnischer Übersetzung. Dann kam im Juni Krakau, ebenfalls in Galizien, an die Reihe, bevor es im November in Prag gespielt wurde. Nach der Aufführung in Köln im Januar 1902 wurde das Werk im Februar in New York von der **Metropolitan Opera** aufgeführt, deren Tournee es nach Philadelphia, Boston, Chicago, Baltimore und Pittsburgh führte. Warschau, unter russischer Besatzung, applaudierte ihm im Mai. ***Manru*** überquerte dann die Grenzen Russlands, wo Moskau und Kiew ihn im Januar und Februar entdeckten. Obwohl schon sehr früh darüber gesprochen wurde, wollte die **Covent Garden Opera** in London es nicht mehr. **Albert Carré** (1852-1938) plante es in der **Opéra Comique** in Paris aufzuführen, somit begannen die Verhandlungen im Jahre 1903\. Doch die Übersetzung von ***Catulle Mendès*** (1841-1909) wurde abgelehnt und das Projekt der französischen Fassung des **„*Roumanels“*** scheiterte, da der Autor bereits Librettos für **Emmanuel Chabrier** (1841-1894), **André Messager** (1853-1929) oder **Claude Debussy** (1862-1918) verfasst hatte, aber hier musste er mit dem originalen deutschen Text arbeiten. Nancy, wo **Paderewski** am 25\. März 1906 im **Salle Saint-Jean** auftrat, war somit die erste französische Stadt, die ***Manru*** dort aufführte. Einige Jahre später wurde ihm eine Oper mit dem Titel ***Cakuntala*** nach einer indischen Legende und einem Libretto von **Mendès** angeboten, die er jedoch nie schrieb.

#### ***MANRU - Aufführung 12\. Mai 2023 - Opéra National de Lorraine, Nancy***

***Menschen die sich einander anschauen ohne sich zu sehen…***

![Ignacy Jan Paderewsky © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/ignacyjanpaderewskineu.jpg)

Ignacy Jan Paderewski © Wikimedia Commons

Während der Name **Paderewski** für seinen Status als legendärer Pianist in der Nachwelt erhalten geblieben ist, hat die Geschichte etwas vergessen, dass er nicht nur ein herausragender Politiker und ein aktives Aushängeschild der polnischen Unabhängigkeit war, sondern auch ein sehr talentierter Komponist: Der sich aber hauptsächlich für Klavier-Musik interessierte. ***Manru*** ist somit seine einzige Oper, die 1901 in Dresden uraufgeführt wurde und versprach sehr schnell eine große Bühnenkarriere zu machen. Aber leider geriet das Werk außerhalb Polens schnell in Vergessenheit! Die von der **Opéra National de** **Lorraine** in einem Landesteil präsentierte Produktion, deren historische Bindungen mit der Heimat von **König Stanislaus** (1677-1766) stark ausgeprägt sind und im Projekt des Direktors des Opernhaus stark hervorgehoben wird: Ist eine Ko-Produktion aus dem Jahre 2022 mit dem **Opernhaus Halle**. Das Werk wurde dort wie hier in Nancy in deutscher Sprache aufgeführt, der Sprache, in der **Paderewskis** seine Musik dazu geschrieben hat. In Frankreich wurde das Werk nie aufgeführt!

**Nossigs** Libretto, inspiriert von **Kraszewskis** Roman ***Die Hütte am Rand des Dorfes***, beschäftigt sich mit dem leider universellen und zeitlosen Thema von Ausgrenzung, Intoleranz und rassistischem Hass zwischen zwei verschiedenen Volksgemeinschaften. Die junge ***Ulana,*** die aus der Bergwelt der Tatra-Volks-Gemeinschaft ist und mit dem Zigeuner ***Manru*** verheiratet, mit dem sie ein Kind hat. Sie wird von ihrer Mutter ***Hedwig*** sowie von der gesamten Familie total abgelehnt. Mit der Unterstützung von ***Urok***, der immer noch verliebt in sie ist, versucht sie für ihren Mann bei der Mutter und der gesamten Gesellschaft Anerkennung zu finden. ***Manru*** hingegen denkt nostalgisch an seine nomadischen Wurzeln und bedauert bitterlich seine frühere Freiheit. Angezogen von der Bedeutung der Traditionen seines Clans und insbesondere von der Kraft der Musik, schließt er sich wieder den Zigeunern an. Auch seine Jugendliebe, die schöne sensuelle ***Asa*** wird wieder sein Begleiterin. Völlig verzweifelt begeht ***Ulana*** Selbstmord und ***Urok*** rächt die Frau, die er liebt, indem er ***Manru*** ersticht.

Rund um dieses starke und intelligent strukturierte Libretto – wenn auch am Ende etwas melodramatisch – hat **Paderewski** eine umwerfende Partitur komponiert, die sehr stark von **Wagner**, aber auch von den italienischen Komponisten seiner Zeit beeinflusst ist. Wenn die Rolle des Leitmotiv

an den ersten erinnert, zeigt die Richtung der melodischen Ader eher die Musik von **Giacomo Puccini** (1858-1924) an. Die Verwendung slawischer und zigeunerbezogener Volksthemen trägt zu dieser postromantischen Freiheit bei, die heute mit viel Glück wiederentdeckt wird. Ein paar Jahre vor der Kühnheit von **Igor Strawinsky** (1882-1971) oder den hysterischen Wogen von **Richard Strauss** (1864-1949) mag ein solches musikalischen Schreiben überaus traditionell erscheinen, aber niemand wird sich über eine so reiche und üppige Orchestrierung, eine stets wachsame melodische Fantasie und kraftvolle Rhythmen beschweren, die das Gemeinschafts-Leben sowohl der Zigeuner als auch der verschlossenen Bergbevölkerung in der Tatra heraufzubeschwören.

Die Inszenierung von englischen Regisseurin **Katherina Kastening** ist um eine einfache und nüchterne Dekoration herum organisiert, dargestellt durch die Hütte von ***Manru*** und ***Ulana*** in der Mitte der Bühne, das die Grenze zwischen zwei Volksgemeinschaften markiert. Eine Drehscheibe ermöglicht ein geschicktes und schnelles Passieren von einem zum anderen. Die Regie der Sänger-Schauspieler, die sich im Wesentlichen auf das Leiden der beiden Parias konzentriert hat. Die zwischen zwei Universen hin- und hergerissen sind, in denen sie keinen wirklichen Platz mehr haben, unterstreicht auch die Zweideutigkeit von ***Hedwig*** und ***Urok***. Auch von Charakteren, die zwischen ihrer Liebe zu ***Ulana*** und den angestammten Werten hin- und hergerissen sind: Ihre Gemeinschaft, deren Hüter sie sich selbst zu sein glauben! Ein letztes Wort zu der Inszenierung: Unserer Meinung hat die Regisseurin ein wenig zu viel „auf kleiner Flamme gekocht“, denn in den erotischen und brutalen Gewaltszenen ist alles äußerst schulmeisterlich und sehr artig konzipiert! Man will nichts glauben! Man will sich nicht fürchten! Alles ist im seichten bürgerlichen Fahr-Wasser ohne jegliche profunde Analyse gezeichnet.

Die Inszenierung wird von einem hochkarätigen Sänger-Team begleitet, bestehend aus Darstellern, die sich voll und ganz für ein Projekt engagieren, an das offensichtlich jeder glaubt. Sobald sich der Vorhang hebt, drängt sich in ***Hedwig*** der solide Sopran der englischen Sängerin **Janis Kelly** auf, beeindruckend in ihrer Rolle der egoistischen und patriarchischen Mutter, die sich gegen ihr Kind brutal entschieden hat. Dem ungarischen Bariton **Gyula Nagy** gelingt es in der Rolle des ***Urok***, die Kombination aus groben Zynismus und zarter aufrichtiger Liebe zu vermitteln, die seinen Charakter auszeichnet. Sein akribischer Gesang, gekrönt von einem leichten und klangvollen Diskant zu unterstreichen, da sich auch in seinen vielen Widersprüchen verliert.

In den tieferen Stimmen fühlt sich der polnische Bariton **Tomasz Kumiega** als ***Oros*** mit prägnantem Gesang wohler als sein Partner, der französische Bariton **Halidou Nombre**, dessen Diktion für die kurze, aber zentrale Rolle des ***Jagu*** etwas verwirrt macht: Es ist die Figur, die dank seiner Geige den ***Manru*** an seine wirklichen Wurzeln erinnert. Abgerundet wird das Gesangs-Team durch das verzaubernde Spiel des Geigers **Arthur Banaszkiewicz** und nicht zu vergessen das Zymbal von **Ludovit Kovac**, die beide perfekt mit den Reizen der Zigeuner-Musik vertraut sind. Die französische Mezzo-Sopranistin **Lucie Peyramaure** mit ihren sensuellen Farb-Nuancen ist in der Rolle der ***Asa*** isteinfach wunderbar und auch hat sie alles, um bald schon eine verteufelt schöne ***Carmen*** zu singen.

Die Solisten werden jedoch von den beiden zentralen Protagonisten dominiert. Der belgische Tenor **Thomas Blondelle** als ***Manru*** stellt ein beglückendes solides Instrument mit **Wagner**\-Dimensionen vor, das aber auch gleichzeitig zu vielen Nuancen und sehr gelungenen Halbtönen fähig ist. Dabei passt er perfekt zu der englischen Sopranistin **Gemma Summerfield**, eine ***Ulana*** mit schmeichelndem Timbre, großzügig in gesponnenen *Pianissimo*, aber auch in den tragischen Szenen am Ende zu allem nötigen stimmlichen Mut fähig. Mit viel Freude erinnern wir uns an ihre wunderbare ***Fiordiligi*** aus ***Cosi fan*** ***tutte*** (1790) von **Mozart** an der **Opéra du Rhin** in Strasbourg!

Eine solche Oper, bei der das Orchester eine so grundlegende Rolle spielt, wäre nichts, wenn es nicht von einer ebenso lyrischen wie feurigen musikalischen Leitung getragen wäre. Die polnische Dirigentin und musikalische Leiterin der **Opéra National de Lorraine**, **Marta Gardolinska** versteht es, diese Mischung aus Energie, Inbrunst und Leidenschaft zu finden, die die Partitur äußerst belebt. Intensiv in den dramatischsten Passagen, lyrisch für Momente der Intimität, rhythmisch gemeistert für folkloristische Szenen: Wird hier die musikalische Leitung den tausenden von funkelnden Lichtern einer Partitur mit einem erstaunlichem Reichtum gerecht.

Der Chor der **Opéra National de Lorraine**, aus dem in bestimmten Szenen die Stimmen der Sopranistin **Heera Bae** (***Junge Bäuerin***), der Mezzo-Sopranistin **Jue Zhang** (***Junge Bäuerin*** / ***Stimme*** ***aus den Bergen***) und dem Tenor **Yongwoo Jung** (***Stimme aus den Bergen***) hervorstechen, ist ebenfalls Teil dieser perfekt gerahmten Aufführung, die sowohl wegen der Musik, als auch wegen der Effizienz der Inszenierung und der Homogenität einer ausgezeichneten Besetzung ohne jegliche Schwachstellen unvergesslich sein wird. **(PMP/18.05.2023)**