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# Münster, Theater Münster LA BOHÈME - G. Puccini, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/munster-theater-munster-la-boheme-g-puccini-ioco/
- Published: 2024-12-18T15:46:36.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:50:47.000Z
- Description: Nur keine Künstler-Romantik! Unter diesem Motto spielt Effi Méndez' Inszenierung von THEATER MÜNSTER: Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ von 1896 statt im Pariser Künstlermilieu von 1830 wenig stimmig im Prekariatsmilieu von heute. Viele Fragen zur Handlung und den Charakteren bleiben offen,
- Author: Hanns Butterhof
- Tags: Münster

La Bohème von Giacomo Puccini, Theater Münster, Münster.

***Liebe in Zeiten des Prekariats* \- Effi Méndez verzerrt Puccinis Erfolgsoper „La Bohème“ in die Gegenwart**

Von **Hanns Butterhof**

Nur keine Künstler-Romantik! Unter diesem Motto spielt **Effi Méndez'** Inszenierung von **Giacomo Puccinis** Oper **„La Bohème“** von 1896 statt im Pariser Künstlermilieu von 1830 wenig stimmig im *Prekariatsmilieu* von heute. Viele Fragen zur Handlung und den Charakteren bleiben offen, nur das Orchester unter **Golo Berg** und die beiden Sopranistinnen **Marlena Devoe** und **Robyn Allegra Parton** überzeugen.

Vier Lebenskünstler haben sich, wie das Programmheft erklärt, im Obergeschoss eines leerstehenden Kaufhauses eingerichtet: ein Tisch zum Schreiben genügt für den Dichter ***Rudolfo* (Garrie Davislim**), ein Stuhl als Staffelei für den Maler ***Marcello* (Johan Hyunbong Choi**). Der Musiker ***Schaunard* (Gregor Dalal**) und der Philosoph ***Colline* (Kihoon Yoo**) brauchen nichts. Durch die Glasfront der Dachfenster sieht man nach draußen. Von dort erleuchtet anfangs noch Feuerwerk den Himmel, am Ende sieht man auf Ruinen und Bagger, die dabei sind, das Gebäude abzureißen (Bühne: **Stefan Heinrichs**). Kaputter geht nicht.

Den Männern scheint es nicht ganz schlecht zu gehen. Sie sind in heutige Anzüge gekleidet, der ***Maler*** in einen roten Dreiteiler, zu dem schick seine Brille in gleicher Farbe passt. **Schaunard** trägt wohl als Berufskleidung des Straßenmusikanten ein *Charlie Chaplin-*Kostüm mit Melone und Schirm (Kostüme: **Constanze Schuster**). Sie haben kein Geld, sind hungrig und frieren, bis **Schaunard** Geld, Brot und Wein bringt. Aber sie sind dabei lustig, übertölpeln ausgelassen erst den merkwürdigerweise vorhandenen Vermieter und prellen später fröhlich die Zeche im *Café Momus*.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/12/Bild-Boheme1.jpg)

****LA BOHÈME** \- Mimi und Rudolfo kommen sich näher (Marlena Devoe, Garrie Davislim) @ Bettin Stöß

Im Zentrum der Handlung stehen zwei Liebespaare, die verschiedene Formen der Liebe leben. Als sich zwischen ***Rudolfo*** und seiner Nachbarin, der armen Stickerin ***Mimi* (Marlena Devoe**), überraschend schnell eine Liebe entwickelt, liegt darüber von Anfang an ein Schatten. ***Rudolfos*** drängendes Werben wirkt routiniert und unterscheidet sich enorm von **Mimis** bewegendem Einverständnis. Nicht mit seinem *„Che gelida manina*“, sondern mit ihrer Arie *„Mi chiamano Mimi*“ erreicht die Oper erstmals das Publikum. Trotz gemeinsamen Jubelns über ihre tiefe Liebe sind ***Rudolfos*** Beweggründe nicht ganz durchsichtig, vor allem nicht, als er sich später von der erkrankten ***Mimi*** trennen will. Als ***Mimi*** schließlich stirbt, zeigt sich erschreckend ***Rudolfos*** tiefe Selbstbezogenheit. Er bekommt ihren Tod gar nicht mit, weil er am Schreibtisch schon damit beschäftigt ist, ihre Geschichte als Quelle seiner literarischen Inspiration auszubeuten.

Dagegen scheint die turbulente Beziehung zwischen ***Marcello*** und der selbstbewussten ***Musetta* (Robyn Allegra Parton**) zumindest ehrlicher. Sie hatte ihn für einen reichen Bürger verlassen, aber beim Wiedersehen im *Café Momus* folgt sie ihren Gefühlen und gewinnt den gekränkten ***Marcello*** mit einem fulminanten Tanz und aufreizend glitzernden Koloraturen zurück. Später streiten sie sich vor der nächtlichen, an den Kölner „Tatort“ erinnernden Würstchenbude, trennen sich, aber versöhnen sich auch wieder. In ***Mimis*** höchster Not sind beide barmherzig zur Stelle.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/12/Bild-Boheme-3.jpg)

 Mimi und Rudolfo sind in der Krise (Marlena Devoe, Garrie Davislim) @ Bettina Stöß

Die Regie gibt damit, dass sie die große romantische Liebe verweigert, den Wesenskern vom **„La Bohème“** auf.. Als Ersatz dafür bietet sie, hauptsächlich vom Bühnenbild getragen, eine Kritik unserer heutigen Gesellschaft an. Die zeigt sich gespalten zwischen den Armen aus dem Dachgeschoss oben und den Reichen im Konsumrausch-Tempel unten. Da glitzert es golden von Lametta, Kinder jagen hinter Luftballon-Verkäufern her, die Rolltreppen, die im Dachgeschoss ins Nirgendwo führen, rollen hier sinnvoll. Üppig werden Speisen bis ins Parkett angeboten. Und im Hintergrund der Würstchenbude fahren später ostentativ Unmengen von Autos herum, die alle darauf hinweisen, warum es mit den großen Gefühlen nicht mehr geht: *die soziale Spaltung frisst Liebe auf.*

Das mag eine zutreffende Diagnose sein, aber sie wird von der Handlung nicht gedeckt und bleibt ihr aufgesetzt. Das *Prekariat,* das in dieser „**Bohème“** gezeigt wird, gibt es so nicht, sein Handeln nimmt man ihm nicht ab. Soziale Ungebundenheit, den verantwortungsfreien Umgang mit eigenem und fremdem Geld kann man bei armen Künstlern um 1830 goutieren, kaum aber selbst beim Künstler-*Prekariat* von heute. Und auch ***Mimi*** würde nicht wegen einer ungeheizten Wohnung schwindsüchtig zugrunde gehen.

Mit der Glaubwürdigkeit wird ein wesentlicher Stein aus dem Gesamtkunstwerk Oper herausgebrochen. Zusätzliche Distanz erzeugt noch die Vielzahl von Ungereimtheiten. Sie beginnen damit, dass die Künstler ihre Behausung mit dem Verbrennen von Seiten eines Dramas ***Rudolfos e***rwärmen wollen. Die setzen sie an einem Gasgrill in Flammen, mit dem zu heizen sicher effektiver wäre. Und dass am Schluss die Dachwohnung noch bewohnt wird, obwohl die im Hintergrund sichtbaren Bagger (Video: **Martin Zwiehoff)** schon das Dach abgerissen haben und es hereinschneit, bleibt nicht als Letztes unverständlich.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/12/Bild-Boheme-4.jpg)

Mimis Ende naht. (Marlena Devoe, Garrie Davislim) @ Bettina Stöß

So liegt es an den beiden Sopranistinnen, die großen Gefühle für die Oper zu retten. **Marlena Devoe** ist eine glaubwürdig liebende ***Mimi,*** ihr in allen Lagen und selbst im pianissimo ausdrucksstarker Sopran fesselt unmittelbar. **Robyn Allegra Parton** ist eine starke ***Musetta,*** die mit glitzernden Koloraturen der ungebundenen Lebenslust passend Ausdruck verleihen. Die Männer bleiben dagegen nicht zuletzt wegen des Regiekonzepts blass, ihr Handeln als Gruppe wirkt hölzern. **Garrie Davislim** spielt den ***Rudolfo*** zurückgenommen, singt ihn aber wenig variabel mit viel Druck. **Johan Hyunbong Choi** gewinnt mit profundem Bass eine eigene Statur, die Baritone **Gregor Dalal** und **Kihoon Yoo** singen ihre Partien solide. Der von **Anton Tremmel e**instudierte Chor und der von **Margarete Sandhäger** und **Rita Stork-Herbst** betreute Theaterkinderchor des *Gymnasiums Paulinum* tragen die aufgedrehte Stimmung der etwas unübersichtlichen Café-Szene des zweiten Aktes.

Das Sinfonieorchester unter der Leitung von **Golo Berg** geht mit Verve ohne Ouvertüre an die Szenen von lauter Lebendigkeit und munterem Parlando, entfaltet aber sängerfreundlich auch die Lyrik stiller Intimität. Seitens der Musik kann die Münstersche **„La Bohème“** als gelungen gelten, als *„Le Precariat“* kann sie das nicht.

Nach gut zwei italienisch gesungener, deutsch übertitelter Stunden spendete das Premierenpublikum für alle an der Aufführung Beteiligten langen Beifall, der sich für **Marlena Devoe** und **Robyn Allegra Parton** noch steigerte. Für **Golo Berg** und das **Sinfonieorchester Münster** gab es Standing Ovations.

## [***LA BOHÈME* \- Theater Münter - alle Termine, Karten - link HIER**](https://www.theater-muenster.com/?ref=ioco.de)

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[„Madama Butterfly“, Münster](https://www.ioco.de/muenster-theater-muenster-madama-butterfly-giacomo-puccini-ioco-kritik-11-10-2018/) · [„Turandot“, Frankfurt a.M.](https://www.ioco.de/frankfurt-a-m-oper-frankfurt-turandot-giacomo-puccini-ioco/) · [„Il Trittico“, Düsseldorf](https://www.ioco.de/dusseldorf-rheinoper-il-trittico-giacomo-puccini-ioco/)

## Können Inszenierung und Besetzung in dieser Münsteraner Bohème überzeugen?

Effi Méndez' Verlegung ins heutige Prekariatsmilieu wirkt unstimmig, doch das Orchester unter Golo Berg und die Sopranistinnen Marlena Devoe und Robyn Allegra Parton überzeugen.