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# München, Staatsoper, DAS RHEINGOLD - R. Wagner, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/munchen-staatsoper-das-rheingold-r-wagner-ioco/
- Published: 2024-11-24T14:58:58.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:50:20.000Z
- Description: München - Staatsoper: DAS RHEINGOLD: Nach der erfolgreichen Premiere im März dieses Jahres 2024 von Mieczysław Weinbergs Oper Die Passagierin an der Bayerischen Staatsoper kehrt Regisseur Tobias Kratzer am 27. Oktober
- Author: IOCO
- Tags: Kritiken, Oper & Operette, München

Das Rheingold von Richard Wagner, Bayerische Staatsoper, München, 27\. Oktober.

von **Getong Feng**

Nach der erfolgreichen Premiere im März dieses Jahres 2024 von **Mieczysław Weinbergs** Oper ***Die Passagierin*** an der **Bayerischen Staatsoper** kehrt Regisseur **Tobias Kratzer** am 27\. Oktober zurück und präsentiert dem Münchner Publikum seine Neuinszenierung von ***Das Rheingold***. **Tobias Kratzer** hat bereits viele umjubelte Inszenierungen geschaffen und zahlreiche Preise in Deutschland und Österreich gewonnen. Er ist Preisträger *des Grazer Ring Award* 2008 und des deutschen Theaterpreises ***DER FAUST*** für seine Inszenierung der **Götterdämmerung** am Badischen Staatstheater Karlsruhe. 2018 ist er in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift *Die Deutsche Bühne* zum „Opernregisseur des Jahres“gewählt und 2020 für ***Tannhäuser*** bei den Bayreuther Festspielen und Rossinis **Guillaume Tell** an der Opéra de Lyon in der Kritikerumfrage der *Opernwelt* zum „Regisseur des Jahres“. Am 1\. August 2025 wird **Tobias Kratzer** seine Aufgabe als neuer Intendant der **Hamburgischen Staatsoper** antreten, parallel dazu wird er in den kommenden vier Jahren die Regie der vierteiligen Opernproduktionen ***Der Ring des Nibelungen*** an der Bayerischen Staatsoper führen.

CLOSE - UP Das Rheingold - hier Regisseur Tobias Kratzer youtube Bayerische Staatsoper

## Religionskritik: Wagner als Feuerbach-Anhänger

**Richard Wagners** ***Der Ring des Nibelungen*** schildert den Kampf des sterblichen ***Alberich*** und des unsterblichen Gottes ***Wotan*** um einen magischen ***Ring,*** der seinem Besitzer allumfassende Macht verspricht. Der Vorabend **Das Rheingold** führt zurück zu den Ursprüngen dieses Konfliktes und zur Entstehung des Ringes. Die Geschichte beginnt vor einer Kirche, die die Götterburg Walhall symbolisiert. Das Graffiti an der Wand *„Gott ist tot*“ deutet an, dass **Tobias Kratzer** nicht wie viele seine Zeitgenossen die Kapitalismuskritik, sondern eher die Religionskritik in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellt. Auf einem Baugerüst hinter einem gotischen Altar schläft ***Wotan.*** Die Götter **Wotan*, *Fricka*, *Freia*, *Donner** und **Froh** sind gotisch gekleidet, verhalten sich elegant wie griechische Götter. Sie leben zwischen den Baugerüsten und auf der Baustelle, womit ihre göttliche Identität im Widerspruch steht zu ihren bescheidenen Lebensbedingungen. **Alberich** ist Tüftler in einer Garage. Die Riesenbrüder **Fasolt** und **Fafner** treten als zwei Priester auf. **Erda*,* die Göttin der Weisheit, ist eine alte Nonne in der Kirche. Alle Anpassungen zur Inszenierung haben ihre religiöse Symbolik. Diese Idee geht zurück auf **Feuerbachs**  Einfluss auf **Richard Wagner.**

**Wagner** war zehn Jahre lang ein Anhänger **Feuerbachs**, und die radikale *Feuerbachsche Philosophie* in seiner Zeit beeinflusst Wagners Werk zutiefst. Sein 1849/50 erschienenes Werk *Das Kunstwerk der Zukunft* ist eine **Feuerbach** gewidmete kunsttheoretische Schrift. **Feuerbach** sieht Gott als eine Projektion menschlicher Wünsche nach Unsterblichkeit und Vollkommenheit. Gottes Eigenschaften sind eigentlich menschliche Sehnsüchte und Ideale, die auf Gott übertragen werden. Die Darstellung Gottes in **Wagners** ***Der Ring des Nibelungen*** ähnelt dieser Sichtweise: **Der Ring** zeigt den Niedergang der göttlichen Macht, projiziert aber unterschiedliche Ansichten der Menschen über Religion. In *Gedanken über Tod und Unsterblichkeit* schreibt **Feuerbach**: „*Der Unsterblichkeitsglaube, wie er ein notwendiger, unverfälschter und unverkünstelter Ausdruck der menschlichen Natur ist, drückt nichts andres aus als die auch von dem Ungläubigen innigst anerkannte Wahrheit und Tatsache, dass der Mensch mit seiner leiblichen Existenz nicht auch seine Existenz im Geiste, in der Erinnerung, im Gemüte verliert.*“ 

In dieser Inszenierung geht es **Kratzer** vor allem um den Tod, eine Grundfrage der menschlichen Natur: Wie begegnen wir unserer eigenen Sterblichkeit? Auf der anderen Seite aber auch: Wie begegnen die Götter ihrem ewigen Leben im unendlichen Universum?

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/11/richard-wagner-berliner-tiergarten-foto-rainer-maassneugnaz-neu.jpg)

RICHARD WAGNER - in Berlin @ IOCO

**Tragödie der Sterblichkeit und Unsterblichkeit**

 Daraus ergibt sich, dass der Regisseur die Opernfiguren nicht in die traditionellen vier Gruppen - *Götter, Riesen, Zwerge* und *Rheintöchter* \- unterteilt, sondern sie unterscheiden sich zwischen ihrer Sterblichkeit und Unsterblichkeit. Für **Kratzer** ist diese metaphysische Unterscheidung zu betonen. ***Alberichs*** Leben ist eine Tragödie der Sterblichkeit. Gerade weil sein Leben begrenzt ist, hat er eine unendliche Lebensgier und will sich in seiner kurzen Lebensspanne alle Wünsche erfüllen. Sein Wunsch wächst sich schließlich zu unendlicher Machtgier aus. ***Alberich*** ist ein rationaler Wissenschaftler, der davon überzeugt zu sein scheint, dass man Wissenschaft und Technik nur weit genug treiben muss, um selbst eine Art göttlichen Status zu erreichen.

Die *Götter* haben aber ein ganz anderes Leben. Sie sind zwar unsterblich, aber nicht unbedingt fröhlich. Das ist die Tragödie der Unsterblichkeit. **Kratzer** nannte es eine kosmische Angst: die Angst vor der Unendlichkeit. Das Universum ist unendlich und *Götter* werden ewig leben wie die Sterne. Die Leere der Unendlichkeit überkommt die Götter und macht ihr Leben sinnlos. Die *Götter* in **Wagners** Opern sind keine guten Figuren. Sie sind Betrüger und Räuber, die zu den *Nibelungen* gehen, um Gold zu stehlen. ***Loge*** ist die einzige Figur in der Götterwelt, die diese Lebensweise in Frage stellt. Er trägt auf der Bühne einen schwarzen Pullover und eine schwarze Hose, im Gegensatz zu den anmutigen Kleidern der anderen Götter. Er ist ein kühler und intellektueller Analytiker, steht oft am Rande der Bühne, zündet sich eine Zigarette an und beobachtet die anderen wie ein Außenseiter. Er ist **Wotans** erster Ratgeber, aber er schlägt sich nicht immer auf der Seite der *Götter*. Mit dieser Figur bringt **Kratzer** das Publikum dazu, die ganze Geschichte aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/11/Das_Rheingold_2024_Altar_--Wilfried-H-sl-1.jpg)

Das Rheingold 2024 - Altar © Wilfried Hösl

Der ***Ring*** scheint ein Lackmustest zu sein, der das Wesen und die Essenz dieser beiden völlig unterschiedlichen Lebenszustände in der Spannung des Musiktheaters sichtbar werden lässt. Diese beiden Tragödien vereinen sich in der Schlussszene, wenn die unsterblichen Götter von den sterblichen Menschen angebetet werden. Im ***Rheingold*** kommen aber noch keine menschlichen Gestalten auf die Bühne. **Richard Wagner** erläutert **August Röckel** in einem Brief 1854 die Änderungen im Rheingold-Text: „*Wir müssen sterben lernen, und zwar sterben im vollständigsten Sinne des Wortes; die Furcht vor dem Ende ist der Quell aller Lieblosigkeit, und sie erzeugt sich nur da, wo selbst bereits die Liebe erbleicht.*“ Indem der Regisseur normale Menschen auf die Bühne bringt, wird beim Publikum eine Anregung zum Nachdenken geweckt.

**Erstklassiges Team hinter der Kulisse**

Am eindrucksvollsten ist die Arbeit der Bühnen- und Kostümbildners **Rainer Sellmaier**, der uns in der Schlussszene einen vergoldeten gotischen Altar zeigt, welcher ein Highlight der Inszenierung und ein visuelles Vergnügen ist. Darüber hinaus lohnt es sich, mit einem Opernglas das detailreiche Baugerüst hinter dem Altar oder die Garage der *Nibelungen* zu betrachten. Auch den Videoproduzenten **Manuel Braun**, **Jonas Dahl** und **Janic Bebi** gebührt ein großes Lob. Nach der 2\. und 3\. Szene sind zwei humorvolle Videos von einer Rundreise aus Walhall nach Nibelungen gezeigt. Die beiden Videos schildern ***Wotans*** und ***Loges*** Reise durch unsere irdische Welt voller menschlicher Zivilisation. Der Kontrast zwischen ihrer göttlichen Bekleidung - die der menschlichen Welt fremd sind - und zeitgenössischer Mode, und der Kulturschock, den sie auf der Erde erleben, machen den Abstieg der Götter zu einer witzigen Szene, die das Publikum zum Lachen bringt.

**Starke Besetzung**

**Vladimir Jurowski** leitet das **Bayerische Staatsorchester** und bietet dem Publikum mit seiner lyrischen Interpretation von **Wagners** Musik einen unvergesslichen Abend. **Jurowski** präsentiert nicht nur die Schönheit von Wagners Musiktheater, sondern er spielt auch die Musik so, dass sie ideal zu **Kratzers** Opernproduktionen passt. Stimmlich überzeugt vor allem der Bass-Bariton **Nicholas Brownlee** als **Wotan*.* Mit seiner charismatischen Stimme ist **Brownlee** definitiv ein vielversprechender Wagner-Bass-Bariton, sein Terminkalender für die Saision 24/25 bestätigt dies: 2025 wird er als Holländer in ***Der fliegende Holländer*** in Palau de les Arts Reina Sofía, Spanien, wieder als Wotan in Leipzig und als ***Amfortas*** in ***Parsifal*** in Frankfurt auftreten. Als ***Thor*** in **Rheingold** bei den *Bayreuther Festspielen* als Höhepunkt wird **Brownlee** seiner Spielzeit 24/25 zum Abschluss bringen. **Alberich** wird vom Bariton **Markus Brück** gespielt. Die Rolle ist musikalisch und darstellerisch schwierig, da er in der 3\. Szene, in der er den *Ring* bekommt, auf dem Gipfel der Welt steht und in der 4\. Szene den Tiefpunkt seines Lebens erreicht. **Brücks** rührende Stimme macht die emotionalen Veränderungen **Alberichs** sehr gut spürbar. Die Altistin **Wiebke Lehmkuhl** singt die Rolle ***Erda***. Ihre metallische, wunderschöne und klare Stimme passt perfekt zu ***Erda*** und verleiht ihrer Erscheinung eine strahlende Heiligkeit. Ein atemberaubender Moment. Die Bassbaritone **Matthew Rose** und **Timo Riihonen** stechen als die Riesenbrüder **Fasolt** und ***Fafner*** hervor, die beiden Darsteller beeindrucken die Münchner Zuschauer durch ihren humorvollen Auftritt.

In dieser Neuinszenierung mischt **Tobias Kratzer** religiöse Elemente aus unterschiedlichen Kulturkreisen und bettet nicht nur **Wagners** Musiktheater perfekt in einen zeitgenössischen gesellschaftlichen Kontext ein, sondern fügt der Operninszenierung auch eine überzeugende Interpretation hinzu, die eine tiefgehende religionskritische und philosophische Diskussion provoziert. 

***Die zweieinhalb Stunden RHEINGOLD, die auch ohne Pause wie im Fluge vergehen, sind ebenso fesselnd wie unterhaltsam. Bravo!***

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## Auf welchen inhaltlichen Schwerpunkt setzt Tobias Kratzer in seiner Münchner Rheingold-Inszenierung?

Kratzer rückt nicht die übliche Kapitalismuskritik, sondern eine von Feuerbach inspirierte Religionskritik und die Spannung zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit ins Zentrum.