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# München, Residenztheater, REIGEN. VARIATIONEN – Anja Hilling nach Arthur Schnitzler, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/munchen-residenztheater-reigen-variationen-anja-hilling-nach-arthur-schnitzler-ioco/
- Published: 2026-10-03T10:35:58.000Z
- Updated: 2026-10-03T10:35:58.000Z
- Description: Anja Hilling variiert Arthur Schnitzlers „Reigen“ als melancholisches Spiel über Begehren, Moral und menschliche Unzulänglichkeit. Fünf Menschen ringen mit ihren Gefühlen, gesellschaftlichen Zwängen und einem Schicksal, dem sie kaum entrinnen können.
- Author: Hans Günther Melchior
- Tags: Aktuelles aus der Theaterwelt

„*Eine melancholische Variation über die Unzulänglichkeit des Menschen und seine Gefühle*“ (**Anja Hilling**)

**Nachdenklichkeiten**  
  
von Hans-Günter Melchior

Bei **Arthur Schnitzler** war das noch relativ einfach. Da gab es die sexuelle Lust, die grundsätzlich keine – insbesondere keine finanziellen – Schranken kennt, vorausgesetzt freilich, man gehört einer privilegierten Klasse an und honoriert die Lust fürstlich, schüttelt die Scheine locker aus dem Ärmel, und verfügt über ein einschüchterndes Ambiente. Deutlich anders ist es in den unterprivilegierten Klassen. Man trifft sich als einfacher Mann irgendwo im Freien und zahlt den knappen Dirnenlohn nach oft längerer Diskussion oder man verschwindet einfach ohne Bezahlung, verfolgt von den Flüchen der betrogenen „Dame“. In beiden Fällen stehen die Lust und das Geld im „Vordergrund“, das heißt, die Lustbefriedigung kostet, was manchen sogenannten Freiern eben schwerfällt. Dass dabei der gesellschaftliche Anspruch, etwa die eheliche Treue oder ästhetische Einwände zu kurz kommen, ist evident. Überhaupt: Eheliche Treue als sexuelles Postulat ist gedanklich und wie die Erfahrung zeigt, ein schwer erfüllbares Gebot, so vehement das Prinzip auch verfochten wird. Letzteres nicht ohne Grund. Beruht doch das Funktionieren der Leistungsgesellschaft im Wesentlichen auf dem Zusammenhalt der Ehe als Gemeinschaft, deren reibungsloses Funktionieren eine der wichtigsten Voraussetzungen der wirtschaftlichen Stabilität ist. Nicht zu vergessen die Erziehung der Kinder, die den familiären Zusammenhalt nicht ohne Grund als eine der elementaren gesellschaftlichen Postulate aufstellt. Unter diesem Gesichtspunkt ist die gleichsam ideologisch begründete Gefährdung der Ehe zwar Lustgewinn, zugleich aber eine gesellschaftliche Gefahr. Weshalb **Arthur Schnitzler** nicht umsonst auf die Doppelbödigkeit der offiziellen Moral in seinem Reigen hingewiesen hat.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2026/10/Alexandra-Juschkewitsch--Nicola-Kirsch--Pujan-Sadri--Florian-Jahr--Lea-Ruckpaul----Sandra-Then.jpg)

Alexandra Juschkewitsch, Nicola Kirsch, Pujan Sadri, Florian Jahr, Lea Ruckpaul © Sandra Then

Andererseits ist es eben mit der Moral so eine Sache. Es ist nicht leicht moralisch zu sein. Gefühle und Begierden sind nun mal wie gesagt das Eine, die zuweilen unerbittlichen moralischen Postulate das Andere und eine Gefahr für die funktionierende Gesellschaft.

Noch einmal: Begierden, Gefühle, die unerbittlichen Forderungen der Sittlichkeit werden nicht selten als vor allem psychisch-trieb verzichtende Belastung empfunden. Die Ehe als Wirtschaftsverband für nicht wenige als Joch. Die Abgründe! Ach, die Abgründe! Und ihre Postulate bis zur Unerfüllbarkeit. Sie sollen, folgt man dem Programmheft, das Thema jener Version des ***Reigen*** sein, die **Anja Hilling** offeriert. Sie beschränkt sich in ihrem Stück auf fünf Personen. Es gibt Streit zwischen den Frauen und Männern, bis hin zur Bedrohung mit einer Pistole des Gegenübers. Durch einen rabiaten Burschen, der so weit zu gehen gewillt zu sein scheint, von der Waffe konkret Gebrauch zu machen.

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Alexandra Juschkewitsch, Pujan Sadri, Florian Jahr, Lea Ruckpaul, Nicola Kirsch © Sandra Then

Es wird in dem Stück viel geredet. Oft zu wolkig, ungenau und schwer mit dem Text in einen thematischen Zusammenhang zu bringen. Gerne hätte man mit der Autorin diskutiert. Tenor der Gespräche war, soweit diese Erkenntnis sich dem Rezensenten eröffnete, die Verlorenheit der Menschen im Gewirr von moralischen Forderungen einerseits und den Forderungen der unentrinnbaren Triebhaftigkeit andererseits. Sie stritten sich und bedrohten sich mit einer Waffe. Sie standen sich gegenüber wie im unentrinnbaren Schicksal gefangen. Am Ende aber versammelten sie sich, weiß gewandet wie Mönche und wie schicksalsergeben, auf einem Gestell aus Stahlrohren. Friedlich: Als machten sie deutlich: Es ist wie es ist. Unentrinnbares Schicksal.

Regie: **Ran Chai Bar-zvi**

Und die brillanten Schauspielerinnen und Schauspieler:  
Die ***DJ*** (***Ada***): **Nicola Kirsch**; der ***Krieger*** (**Franzi**): **Pujan Sadri**; der ***Poet*** (***Graf***): **Florian Jahr**; die ***Putzkraft*** (***Maro***): **Lea Ruckpaul**; die ***Hure*** (***Eleonore***): **Alexandra Juschkewitsch**.

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/reigen-variationen?ref=ioco.de)