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# München, Kammerspiele, DANTON – Büchner/Post Paradies, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/munchen-kammerspiele-danton-buchner-post-paradies-ioco/
- Published: 2026-11-06T22:08:32.000Z
- Updated: 2026-11-06T22:08:32.000Z
- Description: Zum 100-jährigen Bestehen der Münchner Kammerspiele verbindet „Danton“ Georg Büchners Revolutionsdrama mit der Geschichte des Hauses und seiner NS-Vergangenheit. Eine ebenso turbulente wie eindringliche Spurensuche über Schuld, Mitläufertum und die Verantwortung des Theaters.
- Author: Stephan Thomas
- Tags: Aktuelles aus der Theaterwelt

von Stephan Thomas

**DIE WELT IST DAS CHAOS**

Schön ist Vieles an **München,** unter anderem, dass die Stadt es einem nicht übertrieben schwer macht, sie abgrundtief zu hassen. Zum Beispiel jedes Mal, wenn man von der U-Bahn-Haltestelle am Marienhof über die Maximilianstraße (Kempinski Vier Jahreszeiten, fette Angeber-Karren, Läden internationaler Luxusmarken … wahrgewordener Traum von *Trophy Wives* russischer Oligarchen) auf die **Kammerspiele** zuläuft.

Aber dann betritt man das Theater, und alles ist gut.

Die **Kammerspiele** wurden an diesem Ort 1926 mit **Dantons Tod** von **Georg Büchner** in der Regie ihres Intendanten **Otto Falckenberg** eröffnet. Ein Jahrhundert später zeigt dasselbe Theater ***Danton. Eine revolutionäre Spurensuche nach Georg Büchner von Post Paradies und Ensemble.*** Ein an den Nationalsozialismus, den Mitläufer **Falckenberg,** die Terrorherrschaft der Französischen Revolution, ein bisschen vielleicht auch an **Büchner,** ganz sicher an Täter und Mitläufer der vergangenen 250 Jahre gerichtetes, von Herzen kommendes *Fuck you!*

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Christian Löber, Edmund Telgenkämper, Pina Bergemann, Wiebke Puls, Leon Pfannenmüller, Henrike Commichau, Jakob Roters © Armin Smailovic

Das einheitliche Bühnenbild (**Maarten van Otterdijk**) wird von einem zweistöckigen Rundgerüst mit Galerie und zwei Aufgängen beherrscht. Es wird als Theater auf dem Theater bespielt, als die Bastille, als Konvent, ***Dantons*** Heim, als Hinrichtungsplatz, als die Kammerspiele-Bühne während der Zwanziger- und Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Und am Ende wird es in eine Geburtstagstorte zum 100\. für die **Kammerspiele** umgestaltet.

Rechts davor hat der Musiker **Jakob Roters** die Technik und Instrumente aufgebaut, die er für die Kompositionen von **Kristina Koropecki** braucht, und mit denen er das Bühnengeschehen untermalt.

Das inklusive Ensemble ist mal heutig informell, mal nach der Vorstellung vom frühen 20\. und späten 18\. Jahrhundert gekleidet (Kostüme: **Bettina Kirmair**).

Die Inszenierung ist ein revuehaftes großes Durcheinander, das skrupellos so tut, als gäbe es mehr als nur extrem lose historische Zusammenhänge für das Material, aus dem **Post Paradies** ein Konzept entwickelt, und das sich das für Spiel und Text verantwortliche **Ensemble** ausgedacht hat. Ende 18\. trifft auf Anfang 20\. Jahrhundert, trifft auf Gegenwart, Guillotine auf Nazi-Deutschland, Mitläufertum auf Schuld … Das hängt tatsächlich so locker aneinander, dass man nur staunen kann, wie überzeugend es der Regie (N. N.) und den Schauspieler:innen gelingt, Übergänge zu konstruieren, die im Spiel Zusammenhänge konstruieren, die inhaltlich nicht so richtig halten.

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Dennis Fell-Hernandez © Armin Smailovic

 Während wir noch von **Dennis Fell-Hernandez,** der wie immer seine Trisomie für eine komplett durchgedrehte Performance nutzt, wie gelähmt sind, kommt **Wiebke Puls,** die gerade als die Schauspielerin ***Hanne Mertens*,** die 1945 kurz vor Kriegsende im KZ Neuengamme umgebracht wurde, zu sehen war, als ***Danton*** um die Ecke. Perücke, Goldweste und ein traumwandlerisch sicheres Spiel reichen, um unversehens aus den 1930ern ans Ende des 18\. Jahrhunderts versetzt zu werden. Und selbst wenn ***Lucile*** (**Pina Bergemann**) und ***Camille Desmoulin*** (**Christian Löber**) ihre verzweifelte Innigkeit zwar in der genau richtigen Temperatur zeigen, aber **Kristina Koropeckis** Musik das ein bisschen zu sehr hochregelt, fängt das die nächste Szene mühelos wieder auf. Oder **Helmut Telgenkämper** trägt im Jugendstilkleid mit Goldtäschen – das Charlys-Tantenhafte lässt sein Spiel erst gar nicht zu, weil er die Rolle und die historische Figur respektiert – eine Jubiläumsrede vor, die aus verschiedenen, teils mahnenden, Texten zusammengesetzt ist. Er ist ***Flora Fromm,*** eine der Gründerinnen der Kammerspiele. Sie wurde am 25\. Juni 1942 in Theresienstadt abgeschlachtet. Oder **Henrike Commichau** tritt aus ihrer aktuellen Rolle heraus und musiziert mit **Jakob Roters.** Und irgendwann ist **Telgenkämper,** diesmal als ***Robespierre,*** wieder da. Furchteinflößend kalt. Und der Text stammt ausnahmsweise mal wieder aus **Büchners** Drama. **Wiebke Puls** breitet als ***Danton*** vor seiner Frau ***Julie*** (**Luisa Wöllisch**) seine Schuld und seine Zweifel aus. Dazwischen versucht **Leon Pfannenmüller** als ***Wolfgang Petzet,*** ab 1934 Dramaturg an den Kammerspielen, als eine Art Spielleiter Struktur in das Ganze zu bringen. Daneben beklagt er, dass **Falckenberg** ihn nicht hochkommen lasse, zeigt sein kostenloses Unbehagen an seiner eigenen Rückgratlosigkeit dem Nazi-Regime gegenüber, am lautlosen Verschwinden der jüdischen und/oder politisch oppositionellen Kolleg:innen.

Die Methode, mit der das historisch nur schwach Verbundene als Bühnengeschehen zusammengehalten wird, ist der fliegende Wechsel. Sie ist wahrscheinlich älter als Methusalem, aber wenn Inszenierung und Ensemble die Szenen mit einem derart sicheren Gefühl für Rhythmus und den Wechsel der Register gestaltet, spielt das keine Rolle.

So gelingt es, das Disparate als historischen Wirbel zu inszenieren. Das reicht von der Gründung der Kammerspiele und der Eröffnungsinszenierung mit **Büchners** ***Dantons Tod*** über die Kammerspiele als Abspielstätte für „Völkisches“ während des Nationalsozialismus und ihrem moralisch biegsamen Intendanten **Otto Falckenberg** bis zu den Menschen, die die Kammerspiele durch Emigration und Mord verloren haben, oder scheinbaren Marginalien wie den immer schon gern vergessenen Frauen der Französischen Revolution bis zum heutigen Theater.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2026/11/Wiebke-Puls--c--Armin-Smailovic.jpg)

Wiebke Puls © Armin Smailovic

Es ist schön, den hundertsten Geburtstag der Kammerspiele feiern zu können. Und es ist eine richtig gute Idee, die Gründungsinszenierung als Impuls für die Verflüssigung der Geschichte dieses Theaters zu nehmen, seiner Menschen, ihrer Schicksale, **Büchners** Stück, **Büchners** Verzweiflung („*Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott*.“), **Falckenbergs** tiefe Verstrickung in den Nazi-Staat und die auch auf der Bühne geäußerte Verwunderung darüber, warum trotzdem Straße, Schauspielschule und obszöne Luxusimmobilie (das sogenannte Falckenberg-Ensemble) nach ihm benannt sind.

Der mögliche Vorwurf an die Inszenierung, keine vollständige, noch nicht mal eine exemplarische punktuelle Geschichte der Kammerspiele zu liefern, verfehlt das, was deutlich zu sehen, nur nicht Teil des Spiels ist: Der Unterschied zwischen damals und heute könnte bei aller Kontinuität krasser kaum sein. Diese Differenz als Thema auf die Bühne zu stellen, darauf kann das Theater lässig verzichten, weil es sie mit jeder Aufführung implizit ausstellt. Dass die heutigen Kammerspiele seit **Otto Falckenberg** harte Schnitte gemacht haben, muss nicht von der Bühne herunter gepredigt, nicht mal dargestellt werden, weil alles in den Ermöglichungsbedingungen an diesem besonderen Haus steckt und konkret in seinen Inszenierungen zu *erleben* ist. Zum Beispiel mit einem integrativen Ensemble zu arbeiten oder Inszenierungen aus dem Konzept einer Gruppe (**Post Paradies**) und der Kollaboration des Ensembles zu gewinnen und nicht einer zentralen Institution (Regie) unterzuordnen, ist für das Prinzip „Falckenberg“ ein Mittelfinger des Ausmaßes und der Wucht der **Bavaria** (18,5 Meter hoch, 87 Tonnen schwer).

Nach der Vorstellung kann man sich durch die Falckenbergstraße vorbei an **Tom Ford** („Luxus, Eleganz, Individualität und Sex-Appeal“) und Schauspielschule auf den Nachhauseweg machen. Am Ende der Straße stößt man auf die noch nicht ganz fertiggestellte Immobilie **Falckenberg Ensemble.** Bis zu 51.000 Euro pro Quadratmeter. Kanzleien, kuratierte Wohnungen, Luxusgeschäfte.

Die Kammerspiele haben viel Abscheulicheres überlebt.

Premiere: 23\. September 2026  
Gesehene Vorstellung 26.10.2026  
**Nächste Vorstellungen**: 17.11., 27.11., 4.12., 26.12.2026, 13.2.2027

## [**Infos und Karten: Münchner Kammerspiele**](https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/51507-danton?ref=ioco.de)