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# München, Gärtnerplatztheater, DER TOLLSTE TAG – Johanna Doderer, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/munchen-gartnerplatztheater-der-tollste-tag-johanna-doderer-ioco/
- Published: 2025-10-25T07:38:11.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:49:42.000Z
- Description: Johanna Doderer und Peter Turrini verwandeln Beaumarchais’ „Der tolle Tag“ in ein radikales Musikdrama über Macht, Demütigung und moralischen Verfall. Josef E. Köpplinger inszeniert am Gärtnerplatztheater ein politisch brisantes Werk mit starkem Ensemble und aufwühlender Musik.
- Author: Daniela Zimmermann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, München

Der tollste Tag von Johanna Doderer, Gärtnerplatztheater, München, 10\. Oktober 2025.

von Daniela Zimmermann

**Auftragswerk des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Uraufführung am 10\. Oktober 2025**

Die Oper „***Der tollste Tag***“, basiert auf dem Text von **Beaumarchais**, aus dem Jahr 1778, der den Grundstein für eine der berühmtesten Bühnenhandlungen der Musikgeschichte legte. 1786 schufen **Lorenzo Da Ponte** und **Wolfgang Amadeus Mozart** daraus das Libretto zu „***Le Nozze di Figaro***“, eine Oper zwischen Komödie und Gesellschaftskritik.

2025 gestaltete nun **Johanna Doderer** gemeinsam mit **Peter Turrini** eine radikale Neubetrachtung. „***Der tollste Tag***“, verwandelt das heitere Spiel der Intrigen in ein existenzielles Drama. Was einst in barocker Verkleidung von Freiheit und Liebe erzählte, wird hier zum schonungslosen Psychogramm über Macht, Demütigung und die Grenzen menschlicher Geduld. **Josef E. Köpplinger** inszeniert diesen Stoff mit klarem politischem Blick. Ihm geht es nicht um eine dekorative Neuinterpretation, sondern um die Aktualität des Themas: die Ausübung und Zurschaustellung von Macht, die Demütigung der Untergebenen, die ohnmächtige Wut der Unterdrückten. In dieser Leseart wird „***Der tollste Tag***“, zum Spiegel unserer Zeit, und die Parallelen zu den heutigen Machtfiguren, von Putin bis Trump, sind unübersehbar. **Köpplinger** fängt damit bewusst den Zeitgeist ein. **Johanna Doderers** moderne, unruhige und oft dissonante Musik spiegelt diese Gegenwart wider. Während sich bei **Mozarts** Oper alles in Wohlgefallen auflöst, lassen **Doderer** und **Turrini** Spannungen entstehen. Das ist mutig, fordernd, zuweilen großartig und manchmal auch etwas anstrengend „unrund“.

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Anna-Katharina Tonauer (Susanne), Paul Clementi (Cherubin) © Markus Tordik

 **Peter Turrinis** Text greift die Figuren aus **Beaumarchais'** und **Mozarts** ***Figaros Hochzeit*** auf, doch an die Stelle der heiteren Intrige tritt ein bitteres Spiel um Macht und Unterwerfung. ***Figaro*** und ***Susanne*** stehen kurz vor der Hochzeit. Der ***Graf*** will sein „Recht der ersten Nacht“ geltend machen. Daraus entwickelt sich eine Machtdemonstration, die ***Susanne*** demütigt und ***Figaro*** in ohnmächtige Wut treibt. Er, der ***Graf***, nutzt brutal seine Stellung, um ***Susanne*** gefügig zu machen. Die ***Gräfin***, gefangen in der Leere ihrer Ehe, erträgt die Demütigungen ihres Mannes mit stolzer Resignation. ***Cherubin***, der viel verliebte Page, singt nicht. Er hat eine Sprechrolle, weil er noch ein Jugendlicher ist. ***Cherubins*** Rolle taumelt zwischen schwärmerischer Liebe und jugendlicher Orientierungslosigkeit. Der undurchsichtige ***Bazillus***, ein kaltblütiger Intrigant, als Sprachrohr einer Welt, in der nichts mehr aufrichtig ist. Im Mittelpunkt steht das Gerichtsurteil gegen ***Figaro***. ***Marcelline***, nicht mehr ganz jung, die ihm einst Geld geliehen hatte, verlangt nun frech die Rückzahlung und die Einlösung seines Eheversprechens. ***Figaros*** Einspruch hat keine Gültigkeit. Der Richter ***Don Guzman di Stibizia*** lässt sich bestechen. Das Verfahren ist korrupt, das Urteil gekauft. Auch hier dient die Justiz den Mächtigen, das Urteil ist nicht gerecht, aber bezahlt. Moral,ein leeres Wort. Im Herrenhaus lodert ein fiebriges Klima der Begierde, jeder will jeden, aber niemand liebt, außer ***Figaro*** seine ***Susanne***. Der ***Graf*** benutzt Sex, um seine Herrschaft zu demonstrieren. Die ***Gräfin*** sucht die körperliche Nähe als Ersatz für ihre Demütigung, und selbst ***Cherubin*** gerät in diesen Strudel der Lust, und ***Susanne*** setzt ihre Reize zur Selbstverteidigung ein. Der Sex ist laut, roh und manchmal komisch, nie beiläufig und am Ende bleibt Ernüchterung. ***Figaros*** Empörung über diese Willkür schlägt letztlich in Raserei um. Erniedrigt und ohnmächtig erschlägt er am Ende den ***Grafen***. Der „***Tollste Tag***“ endet in Blut und Schweigen. Was bleibt, ist die Ernüchterung. Bühne **Heiko Pfützner**. Er packt **Köpplingers** Inszenierung auf eine große Drehbühne. Alles wirkt unaufgeräumt, chaotisch. Im Mittelpunkt ein Matratzenlager, ein Ort, an dem Lust, Macht und Erniedrigung ineinanderfließen. Das Durcheinander der Beziehungen,wer mit wem, gegen wen und warum, wird hier bildlich dargestellt. Die Bühne dreht sich, während Moral und Ordnung langsam auseinanderfallen. Bei den Kostümen orientiert sich **Birte Wallbaum** am Rokoko, aber in moderner, abstrahierter Form. Einfallsreich der Unterrock der ***Marcelline*** voller Geld zum Bedienen. Das Ensemble des Gärtnerplatztheaters trägt den Abend mit seinem Können.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2025/10/Daniel-Gutmann--Figaro---Anna-Katharina-Tonauer--Susanne-----Markus-Tordik.jpg)

Daniel Gutmann (Figaro), Anna-Katharina Tonauer (Susanne) © Markus Tordik

**Daniel Gutmann** ist ein ***Figaro*** von wuchtiger Präsenz, kämpferisch, verletzlich, mit markantem Bariton und großem darstellerischem Format. **Anna-Katharina Tonauer** als ***Susanne*** glänzt mit klarem, ausdrucksstarkem Sopran und einer klugen Mischung aus Witz und Widerstandskraft. **Daniel Schliewa** präsentiert den selbstherrlichen ***Grafen Almaviva*** mit strahlendem Tenor, auch mit einem schneidenden Ton des Machtmenschen. **Réka Kristóf** verleiht der ***Gräfin*** mit edlem Timbre und stiller Würde eine anrührende Tiefe. **Juan Carlos Falcón** gibt dem ***Bazillus*** schneidende Schärfe und Zynismus. **Anna Agathonos**, Mezzosopran, gestaltet die ***Marcelline*** mit pointierter Komik und resoluter Energie, während **Timos Sirlantzis** als ***Richter Don Guzman di Stibizia*** die Korruption in grotesker Überzeichnung verkörpert. Sein sonorer Bass unterstreicht die Korruptheit und die Autorität. In der Sprechrolle mit großem Spieltalent **Paul Clementi** als ***Cherubin***. **Eduardo Browne** dirigiert das **Orchester des Gärtnerplatztheaters**. Er meistert die anspruchsvolle Partitur mit großer Präzision und Einfühlungsvermögen. **Browne** führt das Orchester mit klarer Linie, lässt Dissonanzen aufbrechen, ohne die dramatische Klarheit zu verlieren. So wird die Klangwelt zum Spiegel des Stückes, unruhig, fordernd, explosiv. Ein mutig fordernder Abend. „***Der tollste Tag***“ ist kein Wohlfühltheater, sondern ein Stück, das aus der Balance geraten ist. So wie die Welt, von der es erzählt. **Johanna Doderer**, **Peter Turrini** und **Josef E. Köpplinger** verwandeln **Mozarts** ***Figaro*** in ein modernes Spiel der Macht. Politisch schmerzhaft aktuell, und gerade deshalb so wichtig.

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/der-tollste-tag.html?ref=ioco.de)

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## Lohnt sich der Besuch dieser radikalen Figaro-Neudeutung am Gärtnerplatztheater?

Ja, denn der mutig fordernde Abend verwandelt Mozarts Figaro in ein politisch schmerzhaft aktuelles Machtdrama, das gerade deshalb so wichtig ist.