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# Münster, Theater Münster, Das Floß der Medusa - Stefan Otteni, IOCO Kritik, 24.05.2019
- URL: https://www.ioco.de/muenster-theater-muenster-das-floss-der-medusa-stefan-otteni-ioco-kritik-24-05-2019/
- Published: 2019-05-24T07:00:56.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:55:06.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Premieren, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Premiere, Münster

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[Theater Münster](http://www.theater-muenster.com/?ref=ioco.de)

![Theater Münster © Rüdiger Wölk](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/08/theater_muenster_c_oliver_berg_588.jpg)

Theater Münster © Rüdiger Wölk

# ***Das Floß der Medusa* \- *Nackt unter Haien***

 ***Grausame Parabel vom Zusammenbruch der europäischen Zivilisation***

von **Hanns Butterhof**

150 Personen drängten sich auf einem notdürftig zusammengezimmerten Floß, nachdem ihr Schiff, die Fregatte **Medusa,** 1816 auf dem Weg in den Senegal untergegangen war. Als es nach 13 Tagen entdeckt wurde, hatten davon noch 15 überlebt. Was bis dahin auf dem Floß geschah, erzählt ***Das Floß der Medusa***, das am Kleinen Haus des **Theaters Münster** eine verstörend grausame Uraufführung erlebte. Regisseur **Stefan Otteni,** der mit **Michael Letmathe** den mit dem ***Bayerischen Buchpreis*** ausgezeichneten Roman ***Das Floß der Medusa*** des österreichischen Autors **Franzobel** zu dem Theaterstück umgearbeitet hat, erzählt die Geschichte des Floßes als Parabel über den Zusammenbruch der europäischen Zivilisation.

![Theater Münster / Das Floß der Medusa - hier : Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Sandra Schreiber, Christian Bo Salle, Andrea Spicher, Carola von Seckendorff © Oliver Berg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/foto-medusa-1neu.jpg)

Theater Münster / Das Floß der Medusa - hier : Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Sandra Schreiber, Christian Bo Salle, Andrea Spicher, Carola von Seckendorff © Oliver Berg

Bühnenbildner **Peter Scior** hat das Floß als ein in mehreren Stufen ansteigendes Gebilde aus zusammengerafften hölzernen Gegenständen gebaut, darunter ein Schrank, ein Fass und absurderweise eine Badewanne; als Mast dient eine Staffelei. Der instabile Verhau scheint auf das heftig bewegte Video-Meer zuzutreiben, das permanent den Hintergrund der Bühne bildet und vor dem auf einem Podest ***Medusa* (Mariana Sadovska**) mit wilden Rastalocken und meergrünem Kleid (Kostüme: **Ayse Gülsüm Öze**l) schwebt, die das Geschehen mit unheilschwangerem Gesang begleitet.

Auf dem Floß versammelt das Stück mit acht teils mehrere Rollen übernehmenden Darstellern nahezu vollständig die Vertreter dessen, was in der europäischen Geistesgeschichte von Bedeutung war. Der unfähige, für den Untergang der Medusa verantwortliche ***Kapitän* (Carola von Seckendorff**) ist Royalist, sein ***Erster Offizier* (Frank-Peter Dettmann**) ist Demokrat, wagt aber wider besseres Wissen nicht zu meutern. Der Priester glaubt seinem eigenen Sermon nicht, und der ***Atheist* (Ilja Harjes**) erweist sich so wenig als Humanist wie der rein naturwissenschaftlich ausgerichtete ***Mediziner* (Christian Bo Salle**). Auch der ***Jude*** an Deck **(Louis Nitsche**) gibt sein koscheres Essen auf und wird, wie die anderen, zum Kannibalen. Auch wenn er sich sorgend um das ***Kind*** an Bord (**Andrea Spicher**) kümmert, nirgendwo findet sich eine Position, die dem Zivilisationsbruch wehren könnte.

![Theater Münster / Das Floß der Medusa - Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Sandra Schreiber, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke © Oliver Berg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/foto-medusa-2neu.jpg)

Theater Münster / Das Floß der Medusa - Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Sandra Schreiber, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke © Oliver Berg

Der Versuch eines ***Einzelnen* (Christoph Rinke**), der Barbarei durch Selbstmord zu entgehen, scheitert am unterbewussten Überlebenstrieb, der sich gegen den Willen durchsetzt. Die Lehre, die der ins Leben Zurückgekehrte daraus zieht, ist die des ganzen Stücks: Wer dem Tod ins Auge gesehen hat, wird um jeden Preis überleben wollen und dazu keine Rücksicht mehr auf irgendetwas und irgendjemanden nehmen. Für ihn gibt es keine Rückkehr in die Zivilisation.

Dass die verstörend grausamen Bilder der Inszenierung **Ottenis** mehr schockieren als berühren, liegt nicht am aufopferungsvoll bis aufs letzte Hemd spielenden Ensemble. Nackt und mit Wasser bespritzt sind alle dem Unwetter preisgegeben, kämpfen kunstvoll (von **Klaus Figge** und **Ronny Miersch**) choreographiert miteinander, jeder der Hai des anderen, der kühl kalkuliert, wie lange er sich noch vom Fleisch der Unterlegenen, Sterbenden und Toten ernähren kann. Doch sind sie als Figuren kaum entwickelt, sondern stehen hauptsächlich für die letztlich wenig originelle These, dass die abendländische Zivilisation nichts als dünner Lack ist, der rasch ab ist, wenn es ums nackte Überleben geht.

![Theater Münster / Das Floß der Medusa - Es gibt keine Flucht vor der Barbarei - Ensemble © Oliver Berg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/foto-medusa-3neu.jpg)

Theater Münster / Das Floß der Medusa - Es gibt keine Flucht vor der Barbarei - Ensemble © Oliver Berg

Doch genau an dieser Stelle liegt das Problem des Stücks. Es behauptet, vom Zusammenbruch der Europäischen Zivilisation zu handeln, und spielt einen Fall mit spektakulärer Oberfläche durch, in dem jede Zivilisation zerbricht. Gleichzeitig appelliert **Das Floß der Medusa** an diese Zivilisation, was nur Sinn macht, wenn sie doch noch irgendwie intakt ist.

Das wird am Ende deutlich, an dem ein nach Originalton klingender Funkspruch von einem Flüchtlingsboot eingespielt wird. Wenn er sich mit den vorher in Schockstarre aufgenommenen Szenen verknüpft, appelliert er unmittelbar an eine bestehende humanistisch zivilisatorische Hilfsbereitschaft. Das Stück selbst verneint, dass oder wie weit diese überhaupt tragen wird, und wirft stattdessen die Frage auf, was die Erfahrungen der Flüchtenden auf ihrem Floß mit und aus ihnen gemacht haben.

*Viel Beifall nach zweieinhalb Stunden für das fesselnd spielende Ensemble und das Regieteam.*

***Das Floß der Medusa*** am **Theater Münster;** die nächsten Termine: 8.6\. 19.00 Uhr, 15\. und 27.6.2019 19.30 Uhr

\---| IOCO Kritik Theater Münster |---