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# München, Residenztheater, ELEKTRA - Hugo von Hofmannsthal, IOCO Kritik, 09.04.2019
- URL: https://www.ioco.de/muenchen-residenztheater-elektra-hugo-von-hofmannsthal-ioco-kritik-09-04-2019/
- Published: 2019-04-09T07:00:55.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:54:02.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Premiere, Kammersaenger, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, München

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[ Residenztheater München](https://www.residenztheater.de/?ref=ioco.de)

![Residenztheater München © Matthias Horn ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/10/residenztheater-1_cmatthias-hornneu.jpg)

Residenztheater München © Matthias Horn

# ***ELEKTRA* \- Hugo von Hofmannsthal**

**\- Die Eifersucht der Toten -**

von **Hans-Günter Melchior**

**Elektra** zu ***Orest:*** *„Verstehst du Bruder! diese süßen Schauder/hab ich dem Vater opfern müssen. Meinst du,/ wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen/ nicht seine Seufzer, drang sein Stöhnen nicht/ bis an mein Bette? Eifersüchtig sind/ die Toten: und er schickte mir den Haß,/ den hohläugigen Haß als Bräutigam.“*

Da wird **Agamemnon,** dem **König von Mykene** von den Troiern eine schöne Frau namens ***Helena*** geraubt und er zögert nicht, gegen Troja in den Krieg zu ziehen. Viele Jahre bleibt sein Reich verwaist und ***Klytämnestra,*** seine Frau, zunächst allein, und als er endlich mit einer anderen Frau im Gefolge zurückkehrt und die Herrschaft zurückverlangt, ist es zu spät. ***Klytämnestra*** hat einen anderen Mann erwählt, ***Ägisth,*** und die Machtverhältnisse haben sich verändert. **Klytämnestra** und ***Ägisth*** machen kurzen Prozess: sie erschlagen den Zurückgekehrten im Bad, wobei sich ***Klytämnestra*** eines Beiles bedient und den tödlichen Schlag ausführt. Und da fängt das Drama ***Elektra*** erst an.

![ Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannthal © Thomas Aurin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/04/elektra-foto-thomas-aurin-neu.jpg)

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

***Agamemnon*** und ***Klytämnestra*** haben drei Kinder: ***Elektra, Chrysothemis*** und ***Orest.* *Orest*** gilt als verschollen, man hält ihn für tot. ***Chrysothemis*** findet sich mit den neuen Verhältnissen ab und erstrebt ein bürgerliches Leben mit Ehemann und Kindern. In ***Elektra*** indessen wühlt der Hass auf die Mörder des Vaters und richtet geradezu seelische Verheerungen in ihr an.

Sie sinnt auf Rache. Und sie hofft auf die Rückkehr des Bruders ***Orest***. Als die – falsche, taktisch ausgestreute – Nachricht am Hof ***Klytämnestras*** ankommt, ***Orest*** sei tot, ist Elektra entschlossen, ihren Rachedurst auf eigene Faust zu befriedigen. Dann aber die Wende: ***Orest*** erscheint, zunächst als Fremdling getarnt, sich dann aber **Elektra** offenbarend, am Hof und vollbringt, von Elektra über die Ereignisse in Kenntnis gesetzt, die Tat: er erschlägt die Mutter und ihren Liebhabe***r Ägisth.***

Über die Psychopathologie ***Elektras*** ist viel Kluges und Spekulatives geschrieben worden. Fest steht, dass **Hugo von Hofmannsthal** sich mit der Psychoanalyse **Sigmund Freuds** auseinandergesetzt hat. Insbesondere mit seinen Forschungen über die Hysterie. So halten die meisten Kommentatoren ***Elektra*** für eine Hysterikerin, für eine Frau, die den Verlust des geliebten Vaters nicht verwindet und den Verlustschmerz in geradezu fana-tischen Racheplänen ausagiert (s. das Zitat am Anfang dieses Kommentars). Man könnte ihr Verhalten auch, eben gerade auf den Fanatismus abstellend, nach heutigen Erkenntnissen dem Bereich der Soziopathie zuordnen.

![Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal - hier : Katja Buerkle als Elektra © Thomas Aurin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/04/elektra-hier-katja-buerkle-als-elektra_-foto-aurin-neu.jpg)

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal - hier : Katja Buerkle als Elektra © Thomas Aurin

Letztlich ist dies ohne Belang, entscheidend ist, dass die zentrale Figur des Stückes, ***Elektra,*** in ihrem unbedingten Verfolgungsdrang pathologi-sche Züge trägt (s. **Sigmund Freud:** Hysterie und Angst, Studienausgabe, S. 117: „*Die psychischen Vorgänge bei allen Psychoneurosen sind eine ganze Strecke weit die gleichen, dann erst kommt das ´somatische Entge-genkommen\` in Betracht, welches den unbewussten psychischen Vorgän-gen einen Ausweg ins Körperliche verschafft. Wo dieses Moment nicht zu haben ist, wird aus dem ganzen Zustand etwas anderes als ein hysteri-sches Symptom…, eine Phobie etwa oder eine Zwangsidee…“*).

In **Ulrich Rasche** höchst beeindruckender Inszenierung steht das Menschheitsdrama im Vordergrund. Das Persönliche wird ins Allgemeine transponiert und dieses wiederum als unabänderlich begriffen. Das Immergleiche des Allzumenschlichen ist den gesellschaftlichen Zuständen verordnet wie eine Gravur.

Die Protagonisten bewegen sich auf einer kreisrunden Drehscheibe, über der ein riesiger Zylinder hängt. Eine architektonische Besonderheit. Rätselhaft groß und auf fremdartige Einflüsse hinweisend. So entsteht der Eindruck kosmischer Schicksalhaftigkeit, etwas ins Weltall Geweitetes, was der das Einzelschicksal sprengenden Komplexität des Stücks durchaus gerecht wird. Die Darsteller laufen auf der sich bewegenden Scheibe in der Gegenrichtung, so dass sie nicht weiterkommen, sondern sich im Wortsinne auf der Stelle bewegen. Und selbst wenn sie einmal der Kreisbahn folgen, kommen sie auf den Ausgangspunkt zurück. Eben nicht voran.

![Hugo von Hofmannsthal in Wien © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/04/grabstaette-hugo-von-hofmannsthal-neuneu.jpg)

Hugo von Hofmannsthal in Wien © IOCO

Anders als **Hofmannsthal** hat **Rasche** auf einen Chor nicht verzichtet. Mit vollem Recht. Denn was hier verhandelt wird, ist von öffentlichem Interesse. Das Volk beansprucht eine Stimme. Der Chor übernimmt streckenweise bestimmte Textstellen, indem er, der Kreisbewegung der Scheibe folgend, rundläuft und in einem harten Stakkato mit Verkünderpathos deklamiert. Begleitet wird das Bühnengeschehen von einer Musik, die ebenfalls gleichsam auf der Stelle tritt: einem Schlagzeug rechts (vom Zuschauer aus gesehen) und zwei Geigen und einem Cello links. Winzige Tonpassagen, kleine Intervalle, thematisch sehr sparsam auf die Emotionen setzend. Aufwühlend zuweilen.

Manchmal senkt sich der Zylinder aus Gaze über die Scheibe, schließt sie ab, meist aber schwebt er in einem Abstand über ihr und sendet Dämpfe aus, blutrote zum Beispiel, als ***Orest*** seine Mordtat vollbringt. Die Darsteller sprechen laut und abgehackt, jedes Wort betonend, bitter, anklagend, wie aus der Höhe einer allgemeingültigen Erkenntnis herunter, oft wie im Selbstgespräch, im Versuch, den sich nicht fügenden Problemen Worte zu verleihen.

![ Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/04/elektra-foto-aurin-neu.jpg)

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Was für ein überwältigender Eindruck! Die Aufführung ist so intensiv, dass man als Zuschauer streckenweise glaubt, das „*Nur-Gespielte“* sei das Wirkliche, es vollziehe sich in der Jetztzeit, gerade im Augenblick, dass man versucht ist, einzugreifen. Dies liegt nicht zuletzt an den brillanten Darstellern. Man hat Mühe, einen hervorzuheben. Vielleicht doch **Katja Bürkle.** Ihre ***Elektra*** geht unter die Haut. Man fröstelt. Wenn sie geduckt voranschreitet, zum blutrünstigen Tier denaturiert. ihre Schwester ***Chrysothemis*** argumentativ in die Enge treibend, Recht behalten wollend im Unrecht, zwanghaft und seelisch verkümmert. Eben auf der Stelle tretend und nicht weiterkommend, während ihre Schwester mit mehr Überzeugung den Fortschritt, nämlich den Standpunkt des konkreten Lebens vertritt. **Lilith Häßle** verkörpert diese im Grunde innerlich Schwankende, nach außen aber Entschlossene ***Chrysothemis*** ideal.

Souverän die **Klytämnestra** der **Julian Köhler,** scheu verhalten zunächst, dann entschlossen der ***Orest*** von **Thomas Lettow.**  Ein Spitzenensemble.

Zuweilen wie eine Folie des Unheils: der markige Chor, Wörter wie Hammerschläge. Wo gäbe es da Gegenargumente. Archaische Figuren allesamt, aus denen ganz unversehens das Leben zu quellen scheint. Überhaupt ist dies ein bemerkenswertes Verdienst dieser Inszenierung. Es gelingt, die Statuarik des Archaischen, des Symbolischen ins Mensch-liche aufzulösen, ohne den Charakter des Allgemeingültigen aufzugeben. Allein schon in der stilisierten Kleidung –, die gegürtete ***Elektra,*** die schwarz gekleidete, dem verlorenen Leben nachtrauernde **Chrysothemis**, die eher grell auftretende Klytämnestra, der auf das Einfachste reduzierte Chor – bringt dies zum Ausdruck.

*Man ist zwei Stunden gebannt, kommt fast ins Schwitzen. Und am Ende ist man ein wenig froh, aus dem Klammergriff des Stücks entlassen zu werden. Großer dankbarer Beifall des Publikums.*

***Elektra*** am **Münchner Residenztheater**; die weiteren Termine 21.4.; 22.4.; 24.4.; 4.5.; 5.5.; 13.5.; 14.5.2019

\---| IOCO Kritik Residenztheater München |---