> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# München, Münchner Kammerspiele, Passing - It´s so easy, was schwer zu machen ist, IOCO Kritik, 05.03.2020
- URL: https://www.ioco.de/muenchen-muenchner-kammerspiele-passing-its-so-easy-was-schwer-zu-machen-ist-ioco-kritik-05-03-2020/
- Published: 2020-03-05T08:00:36.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:02:00.000Z
- Author: Hans Günther Melchior
- Tags: Premieren, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Oper & Operette, Premiere, München

![Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/10/kammer-1-tag_gabriela-neebneu.jpg)

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

[Münchner Kammerspiele](https://www.muenchner-kammerspiele.de/?ref=ioco.de)

# **Passing – It´s so easy, was schwer zu machen ist - -** **René Pollesch**

## **Passing - nicht Pasing - Furioses Gedankenkarussell**

von **Hans-Günter Melchior**

Hui, das geht aber ab, gleich zu Beginn nimmt eine Riesenspinne, zusammengeschraubt wie im Kinderbaukasten und dennoch bedrohlich Besitz von der gesamten Bühne, achtarmig und glotzend und einer mit Hut (**Thomas Schmauser**) tritt auf und erklärt, das alles „*mit mir nichts zu tun hat, sondern mit euch“.*

Und ein anderer der siebenköpfigen Mannschaft, die sich die ***„Glorreichen Sieben“*** nennt, verheddert sich zuweilen, spricht das **Passing** wie **Pasing**, muss sich erklären lassen: also, mein Junge, es geht um ***Passing*** und nicht **Pasing**. Damit das mal klar ist im grundsätzlich Unklaren, denn Pasing ist ein Stadtteil (nicht ein Vorort) von München und **Passing,** ja, was ist Passing?, ein Vorübergehen, eine Vorläufigkeit, ein Synonym für Veränderung –, weil eben nichts Bestand hat und alles sich ständig verändert, verändern muss, um die Verhältnisse menschlich zu gestalten. Die Personen zuvörderst, aber vor allem die Gesellschaft, die aufgebrochen werden muss, weil sie im Zustand sozialer Ungerechtigkeit zementiert ist.

![Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy  -  was schwer zu machen ist © Thomas Aurin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/03/02-passing-it-s-so-easy-was-schwer-zu-machen-ist-c-thomas-aurinneu.jpg)

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Warum, wird gefragt (**Kathrin Angerer**), ist Theater also nicht ein Flugblatt, eine Art Mitteilung im Vorübergehen, zu einem Flugblatt am Boden muss man sich tief herabbeugen, womöglich noch in den Dreck hinein, wo die Armen kriechen und ihr Leben fristen –, und so, eben in gebückter Haltung, kann man lesen, was zu sagen ist: zu der Zeit und den Zuständen und den schreienden sozialen Ungerechtigkeiten.

**René Pollesch** ist bekennender Linker, ob das parteipolitisch zu verstehen ist, sei dahingestellt, jedenfalls einer in der Tradition von **Bert Brecht** – und insbesondere **Erwin Piscator,** der im Berlin der 20-er Jahre mit den Begriffen episches und proletarisches Theater Furore machte. Das Theater als quasi-politische Institution, die auf die Zustände aufmerksam macht, das Bewusstsein der Unterdrückten schärft und eben das Passing einleitet.

Auf **Polleschs** Bühne wuseln unter der Spinne die Ideen nur so hin und her, eine Handlung gibt es nicht (es fehlt bewusst die Benennung eines Autors, alles ist Inszenierung, erschöpft sich darin), nur eben – warum auch nicht?! – Gedankenanstöße und kritische Anmerkungen, dass den chronischen Lachern eigentlich der Humor vergehen müsste. Figuren und Handlungen *„sind nicht zu greifen. Wohl aber die Schauspieler*“, heißt es an einer Stelle. Eben allein das Konkrete, Fassbare, „*die Normalität ist das Geilste. Aber sie muss natürlich jedem zustehen.“*

*Quod erat demonstrandum*. Die Leute wollen sehen, wie es mit ihnen abwärts geht. Oder wie es ihnen gut geht. Und was sich verändern muss. Das ***Passing*** als Zustand.

![Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/03/04-passing-it-s-so-easy-was-schwer-zu-machen-ist-c-thomas-aurinneu.jpg)

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Da braucht es keine Vorne und Hinten, keine Geschichte, die sich entwickelt und zu einem Ende kommt wie im traditionellen Theater. Das Denken und Mitdenken ist die Geschichte selbst. Avantgarde pur.

Vor allem also: keine Fantasien, die eine Realität nur vorspiegeln und Lüge sind. Ein Video wird eingeblendet, verdrängt für kurze Zeit die Spinne. Einige der Schauspieler in einer himmelstrebenden Gebirgslandschaft. Einer tritt an den Rand eines Felsens, unten gähnt der filmische Abgrund. Noch einen Schritt, denken die Zuschauer, und er stürzt in die Tiefe. Und er tut den Schritt –, stürzt aber keineswegs in die Tiefe, sondern tritt auf die Leinwand, die sich eindellt. Man merkt: allein die Realität zu zeigen, ist die Absicht, es gilt, die Illusion des Theaters zu desillusionieren, das Gemachte als gemacht zu entlarven. Weil die gesellschaftliche Lüge allgegenwärtig ist und die Masken heruntergerissen werden müssen. Danke René Pollesch. Wir haben es freilich schon immer gewusst. Aber es wird so selten gesagt – und fast nie gezeigt. Bewusst verschwiegen.

Oder noch so ein Gedanke im Bewegungspiel, hingeworfen und aufgegriffen und durch die Mangel gedreht an diesem im Grunde recht schwierigen Abend, der einem als Zuschauer ganz schön was auflädt an Nachdenklichem: „*Wir brauchen keine Abgründe. Stattdessen in die Abgründe der Begriffe blicken!*“ Da drängt sich doch dem Rezensenten der Gedanke an **Adornos *Negative Dialektik*** auf: „*Kein Sein ohne Seiendes“.*  Die das sogenannte Nicht-Identische (gemeint ist das konkrete Leben, das sich nur schwer zusammenfassen lässt) schluckenden, unterjochenden Begriffe sind das Erzübel unter der Herrschaft des Diktators Vernunft, in Sonderheit der *„ökonomischen Vernunft“*, die schlechthin alles verdinglicht und zur Ware macht. „*Theorien bringen gar nichts, außer im Angesicht des Bodenlosen“,* heißt es an einer Stelle. Die wahren Abgründe –, das sind die Begriffe.

Und dann wieder die Spinne mit ihren kalten blinkenden Augen. Wie wäre folgender Gedanke, lieber **René Pollesch**?: die Spinne webt und webt und wirft ihr Gedankennetz über das ganze Land. Und dann zerreißt ein einziger Windstoß das gesamte Konstrukt. Weg ist es. Wie unter Umständen das ganze Leben. Man geht vom Theater zum Marienplatz in die überfüllte U-3\. Und einer, den das Corona-Virus im Griff hat, hustet einen an. In vier Wochen bist du weg. ***Passing.*** ***Nachdenklicher Beifall***

***„Die Glorreichen Sieben“ - Darsteller:* Kathrin Angerer, Max Bretschneider, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Thomas Schmauser**

**Passing** in den M**ünchner Kammerspielen;** die nächsten Vorstellungen 7.3.; 24.3.; 30.3.; 12.4.; 19.4.; 30.4.2020

\---| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |---