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# München, Bayerische Staatsoper, Salome - Richard Strauss, IOCO Kritik, 09.07.2019
- URL: https://www.ioco.de/muenchen-bayerische-staatsoper-salome-richard-strauss-ioco-kritik-09-07-2019/
- Published: 2019-07-09T07:00:37.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:56:16.000Z
- Author: Hans Günther Melchior
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Ballett, Tanz & Bewegungskunst, Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, München

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[Bayerische Staatsoper München](http://www.bayerische.staatsoper.de/?ref=ioco.de)

![Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/bayerische_staatsoper_muenchen_588_auss.jpg)

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

# ***Salome* \- Richard Strauss**

**\- enttäuschte Lust, zu Rache und Vernichtung treibend -** 

von **Hans-Günter Melchior**

***In der Lust ist der Mensch Täter und Opfer zugleich: weil Lust das Unbedingte will.*** Und den Menschen in den Abgrund reißen kann, sofern seine Steuerungskräfte überwältigt werden. ***Von enttäuschter*** ***Lust zum Rachedurst, zum Vernichtungswillen ist es oft nicht weit.***

**Salome - Richard Strauss** youtube Trailer Bayerische Staatsoper München **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der von den Nazis literarisch – dümmlich – missbrauchte (weil nicht begriffene) **Nietzsche** hat in seinem Werk ***Also sprach Zarathustra*** erkannt:

***„Weh spricht: Vergeh!*** ***Doch alle Lust will Ewigkeit –,*** ***will tiefe, tiefe Ewigkeit!“***

Lust vollzieht sich am und im Menschen wie ein unausweichliches Schicksal, überschwemmt den Verstand und dessen rationale Einwände und am Ende steht der Mensch vor dem Rätsel des Unbegreiflichen. Ganz allein. Er kann nicht erklären, was ihm widerfuhr. Denn „*die Grenzen meiner Sprache, bedeuten die Grenzen meiner Welt“* (**Ludwig Wittgenstein**). Lusttäter sind letztlich Schuldig-Unschuldige, denen es die Sprache verschlug.

Weil das so ist, greift **Krzysztof Warlikowskis *Salome-*** Inszenierung in der **Bayerischen Staatsoper** letztlich etwas zu kurz.

Schlimme Assoziationen weckend beginnt die Oper bei **Warlikowski** mit einem vom Band laufenden ***Kindertotenlied*** von **Gustav Mahler,** dem Juden, der zum Katholizismus konvertierte. Das Bühnengeschehen spielt sich in einer hohen, saalartigen Bibliothek ab, in dem Juden sich vor den anrückenden Nazi-Schergen zu verstecken suchen. Eine große Wand schließt sich vor dem bedrohlichen Lärm, der die Außenwelt erfüllt und näher rückt.

![ Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/salome_m_petersen_w_koch_c__w_hoeslneu.jpg)

Bayerische Staatsoper München / Salome - hier : Marlis Petersen als Salome, Wolfgang Koch als Jochanaan © W. Hoesl

In dieser Ausnahmesituation, der **Shoa,** so Regisseur **Warlikowski** in einem Trailer, sind die Grenzen von Leben und Tod, Begehren und Moral, Hass und Mitleid, Lust und Tod, Gesetz und Verbrechen verwischt bzw. aufgehoben. Es bedarf nicht mehr der Überwindung einer Hemmschwelle, den Kopf eines Menschen zu fordern –, der vor dem Abgrund stehende Mensch erkennt das Abgründige seines Handelns nicht mehr, er ist moralisch indifferent.

So wahr diese Grundaussage auch sein mag, angewandt auf die Oper **Salome** und deren abgründiges Geschehen kann diese Konzeption letztlich nicht überzeugen. Es ist ungeachtet der vielen bildkräftigen Szenen nicht glaubwürdig, weil es versucht, das allgemeinmenschliche Verhängnis zu rationalisieren und an einen historischen Vorgang zu binden.

**Oscar Wilde** und **Richard Strauss** ging es jedoch um mehr: eben um das Irrationale, Schicksalhafte, um die – hier ausweglose – Verstrickung des Menschen in seine Un-Natur. Die Handlung lässt daran keine Zweifel. Eine lüsterne junge Frau setzt sich einen Liebesakt mit **Jochanaan** (**Johannes der Täufer*)*, dem in einer Zisterne vom **König Herodes** eingesperrten Propheten, in den Kopf. **Jochanaan** ist jung und offenbar attraktiv, ein religiöser Fanatiker. ***Salome*** veranlasst ***Narraboth,*** einen Hauptmann des ***Herodes,*** den Propheten aus der Zisterne an die Oberfläche steigen zu lassen. Dieser widersteht den Verführungskünsten **Salomes.** Als ihr Stiefvater **Herodes,** nicht minder lüstern und seiner Stieftochter verfallen, **Salome** um einen *Schleiertanz* anfleht, ringt sie ihm das Versprechen ab, ihr dafür einen Wunsch zu erfüllen. Nach dem Tanz fordert sie den Kopf des **Jochanaan. Herodes** muss, an sein Versprechen gebunden, den Wunsch erfüllen. **Salome** küsst das ihr auf einem Tablett präsentierte Haupt des Propheten. Angewidert befiehlt **Herodes**, sie zu töten…

*Der Tanz als Todestaumel.* Eine selbstvergessene Hingabe an die ekstatisch ausagierte Poesie der Bewegung. Das reicht eigentlich für das Schaudern vor den Abgründen des Menschlichen. Genaugenommen ist es literarisch ziemlich starker Tobak. Und es gibt da nicht mehr viel zu deuten. Der Versuch, eine Beziehung zum systematisch vollzogenen Völkermord herzustellen, muss davor zurückbleiben.

![Bayerische Staatsoper München / Salome  - hier :  Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/salome_presse_c_w_hoesl__6_neu.jpg)

Bayerische Staatsoper München / Salome - hier : Rachael Wilson als Page der Herodias, Pavol Breslik als Narraboth, Wolfgang Ablinger\_Sperrhacke als Herodes © W. Hoesl

Freilich trägt der genial auskomponierte Disput der jüdischen Schriftgelehrten und Talmud-Sachverständigen deutlich antisemitische Züge. Aber auch die Christen werden nicht geschont. ***Jochanaan*** ist im Grunde eine Karikatur. Ein weltferner Glaubensfanatiker.

Man muss **Warlikowski** jedoch zugutehalten, dass er die Assoziation auf die schrecklichen geschichtlichen Vorgänge nicht überstrapaziert. Sie sind offenbar als Denkanregung zu verstehen und verlieren im weiteren Verlauf des Bühnengeschehens die anfängliche Dominanz, im Grunde spielen sie keine Rolle mehr.

Es dominiert vielmehr die berückend ausdifferenzierte, über weite Strecken ins Dissonante gezerrte und von chromatischen Passagen geradezu ins Schrille gestoßene Musik. Sie erschüttert, reißt mit, wühlt auf und macht das Geschehen – eben zum menschlich-schicksalhaften Ereignis. Hier hat **Richard Strauss,** wie **Schönberg** die Oper pries, das Tor zur Moderne aufgestoßen, die Grenzen der Tonalität gestreift und die Vision des heraufziehenden neuen, eines wie willenlos dem Untergang zutaumelnden Lebens getroffen (und ist leider später zum eher Bürgerlich-Behaglichen zurückgekehrt).

Dem hochkomplizierten musikalischen Material gebietet **Kirill Petrenko** kongenial. Er treibt sein hochqualifiziertes und jeder Ausdrucksvariante gewachsenes Orchester souverän in mitreißende Höhen orchestraler Ausdruckskraft. Da fehlt keine Steigerung ins Dämonische. Und die lyrischen Teile sind von einer betörenden Genauigkeit des Gefühls, Nachzeichnungen der aufgewühlten Liebesstimmung, der sich ***Salome*** wie willenlos hingibt, wenn sie **Jochanaan** umschmeichelt.

![ Bayerische Staatsoper München / Salome - hier :  Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/salome_presse_c_w_hoesl__8_neu.jpg)

Bayerische Staatsoper München / Salome - hier : Marlis Petersen als Salome, Tänzer Pete Jolesch © W. Hoesl

Die **Salome** der **Marlis Petersen!** Eine schlechthin grandiose Darbietung, sowohl darstellerisch wie sängerisch. Als hätte **Richard Strauss** die Partie ausschließlich für sie geschrieben. Da fehlte keine Nuance der in jeder Hinsicht hochkomplizierten Rolle. Die sinnlichen, hocherotischen Aktionen fügten sich bei ihr bruchlos dem musikalischen Geschehen –, als wüchsen sie gleichsam aus diesem mit Notwendigkeit heraus.

Hinreißend der Schleiertanz. Assistiert wurde **Salome** von einem Tänzer mit Totenmaske. Sehr eindrucksvoll bildhaft begleitet wurde der Tanz von einem im Hintergrund ablaufenden Band, auf dem Szenen mit mythischen Tieren einander abwechselten. Hier gelingt der Blick ins Archaische, ins Prinzipielle der Schicksalhaftigkeit.

Neben der **Salome** von **Marlis Petersen** fallen naturgemäß die anderen Darsteller ein wenig ab. Das liegt an der Konzeption der Partitur, deren zentrale Figur nunmal die Königstochter ist.

Dennoch sind die anderen Protagonisten ausnahmslos zu rühmen. Der ***Jochanaan*** von **Wolfgang Koch** wartete mit einem starken Bassbariton auf, während der Tenor des ***Herodes* Wolfgang Aldinger-Sperrhackes** jederzeit auf der emotional und gesanglich schwierigen Höhe des Geschehens war. Nicht anders als die ***Herodias*** der **Michaela Schuster.** Darstellerisch und gesanglich überzeugend bewältigte **Pavol Breslik** die Partie des **Narraboth.**

*Einhelliger Jubel am Schluss – nein, ein einziges Buh, vom Beifall an den Rand geschwemmt.*

Dirigent und Sänger entzogen sich bald dem Beifall. Sie mussten nach draußen, vor das **Nationaltheater,** wo eine beachtlich große Menge Besucher auf dem Pflaster des Münchner **Max-Joseph-Platzes** auf einer riesigen Video - Leinwand die Auffführung der Salome kostenlos verfolgt hatte und nun die Künstler ebenso begeistert feierte.

**Salome** an der **Bayerischen Staatsoper, München;** die weiteren Termine 10.7.; 5.10.; 10.10.; 13.10.2019

\---| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |---