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# München, Bayerische Staatsoper, Figaros Hochzeit von W. A. Mozart, IOCO Kritik, 07.11.2017
- URL: https://www.ioco.de/muenchen-bayerische-staatsoper-figaros-hochzeit-von-w-a-mozart-ioco-kritik-07-11-2017/
- Published: 2017-11-07T16:00:54.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:42:06.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Nozze di Figaro, wolfgang amadeus mozart, Mozart, München

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[Bayerische Staatsoper München](http://www.bayerische.staatsoper.de/?ref=ioco.de)

![Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/bayerische_staatsoper_muenchen_588_auss.jpg "Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl")

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

# ***Le nozze di Figaro* von Wolfgang Amadeus Mozart**

***"Schwierige Türen"***

Von **Hans-Günter Melchior**

![Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/11/wolfgang_a_mozart_neu2.jpg "Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO")

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Alle kennen ***Figaros Hochzeit.*** Alle Männer. Sei es als Traum, sei es als Realität. Ein junge Frau, die man auch gerne mal in den Armen hielte, heiratet ihren Geliebten/Verlobten. Und man hält an seinem Traum fest. Bei manchen erfüllt er sich sogar: als außereheliche Beziehung. Und alle Frauen kennen ***Figaros Hochzeit.*** Sie heiraten zwar, könnten sich aber ganz gut vorstellen, in den Armen dessen, der sie so heiß begehrt, ein wenig zu ruhen – und so weiter.

**Das ist es, was Mozart wusste!**

Und deshalb kennen – fast – alle die Geschichte, die **Mozart** und sein Librettist **Lorenzo da Ponte** daraus gemacht haben. Vor allem **Mozarts** wunderbare, erotisierende Musik, die zwischen die Zeilen des Librettos schlüpft und ins Seelenleben der Protagonisten und der Zuhörer eindringt. Dass man am Ende sagt: So ist es, genau so. Als wäre es ich.

**Ganz kurz und zur Erinnerung:**

***Susanna* (Olga Kulchynska),** Kammermädchen der ***Gräfin Almaviva* (Federica Lombardi)** heiratet ***Figaro* (Alex Esposito**), den Kammerdiener des ***Grafen Almaviva* (Christian Gerhaher**). Letzterer stellt aber der schönen ***Susanna*** nach, pocht zwar nicht ausdrücklich, aber doch faktisch auf dem ***ius prima noctis*** (*Recht der ersten Nacht),* einem *„Gesetz“,* das er gerade, offenbar in einer aufklärerischen Anwandlung, abgeschafft hat. Er verletzt dabei die Gefühle seiner Gattin auf das Nachhaltigste. Diese schmiedet mit ihrem Kammermädchen ***Susanna*** einen Plan: ***Susanna*** lockt den ***Grafen*** am Hochzeitsabend in den Park. Dort trifft er aber auf die als Kammermädchen ***Susanna*** verkleidete eigene Frau, während ***Susanna*** als ***Gräfin*** verkleidet ihren eifersüchtigen Ehemann ***Figaro*** narrt und erotisch reizt. Als der Schwindel auffliegt, zerfließen die männlichen Hauptpersonen, insbesondere der ***Graf,*** vor Reue und richten sich in der *„gottgewollten*“ Ordnung ein.

![Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/11/le-nozze-neu.jpg "Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl")

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl

Dazwischen ereignet sich allerlei komödiantischer Schnickschnack, ein wenig überdrehte Komik. ***Marcellina* (Anne Sofie von Otter,** die sehr schön **Mozarts** in den musikalischen Fluss eingebautes Lied „*Abendempfindung an Laura“* in deutscher Sprache vorträgt), eine gräfliche Angestellte, erhebt Rechte auf **Figaro,** beruft sich auf einen Vertrag, der ihr eine von Figaro zu zahlende Mitgift oder die Heirat mit diesem zuspricht. Sie wird von ***Bartolo* (Manuel Günther**), einem Arzt aus Sevilla, bei dem sie früher angestellt war, unterstützt. Als sie ihren vertraglichen Anspruch einklagen will, stellt sich heraus, dass sie **Figaros** Mutter und Bartolo dessen Vater ist. Na ja.

Durch die gesamte Oper irrlichtert – dies allerdings eine überaus wichtige Figur (eine Frauenrolle) –: ***Cherubino* (Solenn´Lavanant-Linke**) als lebendes Beispiel unerfüllter Sexualität. Die ***Gräfin*** und ***Susanna*** ordnen ihm zunächst die Aufgabe zu, als Mädchen verkleidet, den Grafen zu verführen. Als der argwöhnische Graf die Verkleidungszeremonie stört und zum Scheitern bringt, flüchtet ***Cherubino*** mit einen Sprung durchs Fenster in Garten. Er wird von dem Gärtner ***Antonio* (Milan Siljanov**) dabei beobachtet, was zu komischen Verwicklungen führt, weil ***Figaro*** behauptet, er sei es gewesen, der aus Angst vor dem wütenden ***Grafen*** aus dem Fenster gesprungen sei.

***Don Curzio* (Dean Power**), ein stotternder Richter (gibt es sowas wirklich?!), soll das Urteil vollziehen, durch das ***Figaro*** zur Heirat mit ***Marcellina*** oder zur Zahlung einer Mitgift verpflichtet werden soll. Eine kleine Partie. ***Babarina* (Anna El-Khashem**), Tochter des Gärtners ***Antonio,*** war dem Grafen bereits zu Liebesdiensten, sie stellt ihn vor der ***Gräfin*** bloß, indem sie ihre Gelegenheitsbeziehungen offenbart.

![Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/11/le-nozze-2-neu.jpg "Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl")

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Alex Esposito als Figaro © Wilfried Hösl

In der Aufführung der **Bayerischen Staatsoper** sind alle Personen nicht das, was sie sind. Der ***Graf*** ist kein richtiger, autoritärer und über den Dingen stehender Herrscher, sondern ein eher Getriebener, ziemlich triebgesteuerter Wicht. Und ***Figaro*** und ***Susanna*** sind nicht so richtig geduckte Untergebene, sondern selbstbewusste Angestellte, die mit dem ***Grafen*** umspringen als befänden sie sich mit ihm auf Augenhöhe. Auch die ***Gräfin*** hat so ihre Mucken, sie macht sich mit ihrem Kammermädchen gemein und man hat den Eindruck, dass sie ***Figaro*** ganz gern sieht. Und ***Marcellina*** und ihre Helfer sind echte und moderne Bürger, die in Auftreten und Reden durchaus in der Lage sind, ihre Rechte zu verteidigen.

Alle eint so etwas wie unerfüllte Liebe. Vor allem aber ein sexuelles Bedürfnis, das quer durch die Standesränge – und durch die tradierten Ordnungscodices geht. Nicht nur der ***Graf*** verzehrt sich in einem Begehren, das ihn im Grunde erniedrigt. Selbst von ***Susanna*** hat man, folgt man dem Regisseur **Christof Loy,** durchaus den Eindruck, dass sie sich einer Liaison mit dem ***Grafen*** nicht besonders nachhaltig widersetzen würde. Die beiden turteln miteinander und kommen sich gefährlich näher. Das ist durchaus kein Fall von ***#Me Too,*** von missachteter sexueller Selbstbestimmung der Frau, nein, das alles geschieht durchaus gesetzeskonform, weil freiwillig, in beiderseitiger Übereinstimmung. Und wie ***Figaro*** seiner ***Susanna,*** die er ja für die ***Gräfin*** hält (!), an die Wäsche geht, offenbart mehr als geheime Wünsche –, Wünsche, die aus der gerade verbindlich gemachten Beziehung zur Angetrauten streben.

Das wird auch musikalisch deutlich. Schon im ersten Akt kommt es nur schwer zum Duett zwischen ***Susanna*** und ***Figaro***. Während er das Zimmer vermisst und die Maße vor sich hinbrummelt, schwärmt sie von ihrem neuen Hut. Erst nach und nach kommen die beiden musikalisch zusammen. Und so geht es durch die ganze Oper weiter, es überwiegt zwischen den beiden das Streitbar-Dialogische. Ganz offen bekennt sich freilich nur die exemplarische Figur ***Cherubino*** zur bindungsfreien sexuellen Lust –, ein allgegenwärtiger Kobold, dem **Mozart** die herrlichsten Arien zuordnete (*Non so più cosa son, cosa faccio…, ich weiß nicht, was ich bin, was ich tue…; und Voi che sapete… Sagt holde Frauen…*).

![Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Anne Sofie von Otter als Marcelline © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/11/le-nozze-4-neu.jpg "Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Anne Sofie von Otter als Marcelline © Wilfried Hösl")

Bayerische Staatsoper / Le nozze di Figaro - hier Olga Kulchynska als Susanna und Anne Sofie von Otter als Marcelline © Wilfried Hösl

Mit der erotischen Färbung des Werks haben **Mozart** und **Da Ponte** die politisch-kämpferische Vorlage **Beaumarchais** entschärft und ins Psychologische transponiert. Einzig in ***Figaros*** Arie: *"Se vuol ballare, signor Contino…Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen…",* flammt der sozial- und gesellschaftskritische Kern des ursprünglichen Stoffes auf, eine Schlüsselszene. Die einzig wirklich Kampfansage von unten nach oben.

Stilgebendes Element der Inszenierung sind die ***Türen*** *.* Im ersten Akt sind sie so niedrig, dass man nur in gebückter Haltung eintreten kann. Dann werden sie immer größer. Im dritten Akt ist die Türklinke so hoch angebracht, dass man sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um sie zu erreichen. Und im vierten Akt füllt eine riesige Tür bis unter die Decke den Bühnenraum aus, wo zuvor der Ausschnitt eines Gemäldes von **Fragonard** dominierte. Ganz klein sind die Personen vor diesem wie aus einem Vergrößerungsglas herausgefallenen Monstrum, das nur einen kleinen Spalt offen lässt, hinter dem die Schwärze der Nacht obskure Handlungen verschlingt.

Assoziationen an **Kafka** drängen sich auf. In der *„Verwandlung“* ist ständig von Türen die Rede, die schwer zu öffnen und grundsätzlich immer verschlossen zu halten sind. Und in der Erzählung *„Vor dem Gesetz“* bewacht ein Türsteher lauter offene Türen zum Gesetz hin, durch die zu gehen der einzige Besucher sich nicht traut und schließlich gleichsam unerlöst wartend stirbt. Vielleicht weil er weiß, dass er dem Gesetz nicht gewachsen wäre. Es sind bewusst schwierige Türen in dieser Aufführung. Hindernisse. Barrieren vor der Überwindung der Ordnung, vor dem, was sich hinter ihr an sie sprengenden Sehnsüchten verbirgt. Und doch lassen sie Schlupfwinkel offen. Ein philosophisch kluger Einfall der Regie, der die Ambivalenz des Geschehens verdeutlicht.

**Constantinos Carydis** leitet das hervorragend disponierte **Staatsorchester** (die Bläser!) mit anfeuernder Gestik. Die straffen Tempi schaffen es, dass die Musik ins Blut geht. Und sie treiben die Darsteller zu Höchstleistungen an. Großer und anhaltender Jubel.

***Le nozze di Figaro* an der Bayerischen Staatsoper, weitere Vorstellungen: 10.11.2017; 15.7.2018, 17.7.2018**

\---| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |---