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# München, Bayerische Staatsoper, Der Rosenkavalier - Empfindungen und Betrachtungen, IOCO-Essay, 15.04.2021
- URL: https://www.ioco.de/muenchen-bayerische-staatsoper-der-rosenkavalier-empfindungen-und-betrachtungen-ioco-essay-15-04-2021/
- Published: 2021-04-15T07:00:44.000Z
- Updated: 2023-12-22T20:31:30.000Z
- Author: Adelina Yefimenko
- Tags: Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Oper & Operette, München

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/01/bayerische-staatsoper-logo.jpg)

[Bayerische Staatsoper München](http://www.bayerische.staatsoper.de/?ref=ioco.de)

![Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/bayerische_staatsoper_muenchen_588_auss.jpg)

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

## ***Tiefsinnige Inszenierung des ROSENKAVALIER***

an der Bayerischen Staatsoper in München [(IOCO Rezension HIER](https://ioco.de/2021/03/25/muenchen-bayerische-staatsoper-der-rosenkavalier-regie-barrie-kosky-ioco-kritik-25-03-2021/?ref=ioco.de)) inspirierte IOCO Autorin Prof. Adelina Yefimenko, ihre Betrachtungen über die metaphysischen und vielschichtigen Hintergründe der Inszenierung in der hier folgenden offenen Danksagung an [Vladimir Jurowski,](https://www.staatsoper.de/biographien/detail-seite/jurowski-vladimir.html?ref=ioco.de) dem designierten Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, auszudrücken.

Empfindungen und Betrachtungen - Adelina Yefimenko ***Der Rosenkavalier* \- Bayerische Staatsoper - Click and Meet HERE!** 

***Der Rosenkavalier* \- eine Einführung von Vladimir Jurowski** youtube Trailer Bayerische Staatsoper **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

***Sehr geehrter Herr Jurowski,***

Gerne würde ich, aus der Ukraine stammend, mit Ihnen auf Russisch oder Ukrainisch kommunizieren. Erst recht, wenn die Rede über die Werke von **Prokofjew** oder **Schostakowitsch** u.a. wäre.

Ihre **Richard Strauss** Produktion des ***Rosenkavalier***  an der **Bayerischen Staatsoper** hat mich tief beeindruckt. Doch hat mich die Hintergründigkeit der Produktion so überwältigt, dass ich hier, bei ***IOCO***, einiger meiner Gedanken vorstellen und Fragen stellen möchte.

Die erste, mich seit Wochen beschäftigende Frage ist, ob es **Barrie Kosky** bewusst war, dass er mit Ihnen eine für die heutige Zeit so zutreffende, und, wenn ich ein bisschen übertreiben darf, geniale Interpretation für solch ein Heiligtum im Repertoire der Bayerischen Staatoper wie den ***Rosenkavalier*** geschaffen hat?

Als ich am Premierenabend das Interview von **Barrie Kosky** hörte, vor der Premiere geführt, glaubte ich, dass ich zusätzlich noch etwas Anderes in Ihrer Interpretation wahrgenommen habe, als es **Barrie Kosky** vor hatte und darstellte. Womöglich hat der Regisseur absichtlich zuerst nur die Spitze des Eisbergs gezeigt, damit bei der Premiere noch weitere Ideen ans Licht kommen. Sicher wollte **Barrie Kosky** im **Strauss’schem** Sinne so ähnlich handeln wie der Komponist selbst: „*Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche“.* Aber dann drängt sich in mir die zweite Frage auf, ob **Barrie Kosky** in dieser Konstellation „*Tiefe – Oberfläche“* durch seine Neudeutung damit gerechnet hat, die Welt-Uhr der Rezeptionsgeschichte kardinal umzudrehen und möglicherweise eine neue Ära des ***Rosenkavalier*** zu eröffnen?

![Prof. Adelina Yefimenko © AYefimenko](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/04/adelina-yefimenko_bsoneu.jpg)

Prof. Adelina Yefimenko © AYefimenko

**Adelina Yefimenko**, Professorin, lehrt als Musikwissenschaftlerin an der **Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie** **Lviv** (Lemberg) und der **Ukrainischen Freie Universität München** (UFU) 

Schon in meinem Artikel über[ **Der Feurige Engel** ](https://www.staatsoper.de/stueckinfo/der-feurige-engel.html?ref=ioco.de)an der **Bayerischen Staatsoper** wird deutlich, wie mich Ihre Zusammenarbeit im „*Jurowski-Kosky-Team“* erstaunt war, wie Sie perfekt in Ihren radikalen Neudeutungen gemeinsame Lösungen findet. Das Wagnis, von den Musikkritikern verpönt bzw. angegriffen zu werden, hindert Ihr Team nicht, zu riskieren und damit zu gewinnen. Ihr habt ein Kunst-Juwel mit der Produktion **Franz Schrekers** ***Die Gezeichneten*** an die **Oper Zürich** erschaffen und damit die Rezeptionsgeschichte dieses Werkes komplett umgedreht und geprägt, die vor allem Ihrer neuen Redaktion der originalen Partitur zu verdanken ist.

Inwieweit hat die jetzige Produktion diese genuine Strauss’sche Tiefe im Klang und Bild Ihre gemeinsame Arbeit geprägt? Mit der Frage meine ich, ob Sie die Spuren der 50-jährigen Rezeptionsgeschichte des **Rosenkavalier** an der **Bayerischen Staatsoper** endgültig hinter sich gelassen haben? Ob Ihre Zuwendung zur **Eberhard Klokes** Orchesterversion endgültig für diese **Koskys** Deutung des ***Rosenkavalier*** bleibt?

![Bayerische Staatsoper / Der Rosenkavalier hier Samantha Hankey als Octavian, Christof Fischesser als Baron Ochs auf Lerchenau, Johannes Martin Kränzle als Herr Faninal, Ensemble © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/04/rosenkavalier_c_w_hoesl__6neu.jpg)

Bayerische Staatsoper / Der Rosenkavalier hier Samantha Hankey als Octavian, Christof Fischesser als Baron Ochs auf Lerchenau, Johannes Martin Kränzle als Herr Faninal, Ensemble © Wilfried Hösl

Wenn Sie doch nach der Pandemie die originäre Partitur von **Richard Strauss** zum Regie-Konzept von **Barrie Kosky** dirigieren möchten, versuche ich meine Meinung dazu zu äußern. Als treue Anhängerin der Regieoper bin ich erstaunt, dass diese Premiere ***Rosenkavalier*** unter Ihrer Musikleitung an eine andere kongeniale Strauss’sche Rezeptionen erinnert. Das ist ***Salome*** in München mit **Kirill Petrenko** und **Krzysztof Warlikowski.** Der Dirigent hatte es damals noch nicht nötig, die reduzierte Version des Strauss-Orchesters anzuwenden. Aber er hat das vollbesetzte Orchester **Richard Strauss‘s** als Kammerorchester erklingen lassen und dadurch den „kulinarischen“ Genuss und erotischen Reiz dieser Partitur reduziert. Für das trocken anlegte Orchester ***Salome,*** für akribisch gezogene Linien an Stelle der üppigen Farben, für straffen Tempi, für die Deutung der **Strauss’sche** Breite als Kammerorchesterklang wurde er kritisiert. Aber genauso so einen Klang passte für **Warlikowski‘s** Leseart dieser Oper, was aber gegen die die gewöhnliche Rezeptionsgeschichte ***Salome‘s*** stand.

*Zurück zur *Barrie Koskys* Regie-Konzept*: Erstaunlich, wie klar und deutlich der Regisseur die drei Opernakte als Personenwelten der **Marschallin, Sophie** und **Octavian** glänzend, „silbern“ konzipiert hat. Aber das *„Theater im Theater“* der Finale liefert nicht nur eine klare Botschaft der Zeitvergänglichkeit, die alle Musikkritiker *via unisono* an dieser Produktion gepriesen haben. Die Idee des ewigen Zeitverlaufs wäre auch nicht das Neue daran. Der reduzierte, von Ihnen genau und präzis artikulierte Orchester Klang, in dem jedes Instrument als Solo sehr empfindlich und differenziert wahrzunehmen ist (ein Kritiker hat Ihre Interpretation als *Anti-Kleiber* bezeichnet) korrespondiert ausnahmslos mit dem Verlauf der fragilen silber-dunklen Schattenwelt auf der Bühne.

 **Der Rosenkavalier - Bayerische Staatsoper** youtube Trailer   **Bayerische Staatsoper \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der Raum der Protagonisten ist weder von dieser oder jener Zeit, noch von romantischen, realistischen oder surrealistischen Klischees geprägt, sondern von einer genuin theatralischen Existenz. Auch deshalb sind die „Kitsch“-Elemente, wie z.B. die versilberte Kutsche König Ludwig II von Bayern willkommen. Die Tautologie „artifizielle Art“ würde zum Bühnenbild sehr passen. Eine wunderbare und passende Prägung, die **Barrie Kosky** für nostalgierendes Publikum – die Liebhaber des Münchner Schenk-Rosenkavaliers – sind die bewegliche silberne Kulissen, die im schwarzweißen (auch silbernen) Licht alte Fotos der früheren Dekorationen im ersten Akt imitieren. Oder die Welt des Museums und der Bildgalerie als ein Teil der süßen schönen Idylle mit Nymphen, Schafen und Ziegen der ***Sophie-Welt*** im zweiten Akt. Solche humorvolle Auseinandersetzung mit der musealen Tradition der alten Inszenierung verabschiedet sich von der alten patriarchalischen Oper Rezeption.

*Aber der Humor *Barrie Koskys* ist für mich mit tiefer Tragik verbunden.* Auf jeden Fall in dieser Inszenierung. Im dritten Akt wirkt die Bühnenprojektion des leeren Zuschauerraums auf jeden Fall freudlos. Diese Lösung der Finale war unerwartet. Unterwartet war auch die starke Wirkung dieser klischeehafte Bühne des *„Theater im Theater“.* Die ganze Vorstellung begleitet ein echter Engel als mitwirkender und stummer Zeuge zuerst in die Fantasiewelt der Schatten der ***Marschallin*** und **Octavian,** dann der Träumen Sophie, die offensichtlich nur als Vorbereitung zu dem echten Vorstellung dienen, die einer alten Regie-Tradition „*Theater im Theater*“ treu bleibt. Ob der Engel als *Cupido* oder *Chronos* genannt und wahrgenommen wird, ist die persönliche Sache jedes Rezipienten.

![Bayerische Staatsoper / Der Rosenkavalier hier Katharina Konradi als Sophie, Samantha Hankey als Octavian, Statisterie © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2021/04/rosenkavalier_c_w_hoesl__22neu.jpg)

Bayerische Staatsoper / Der Rosenkavalier hier Katharina Konradi als Sophie, Samantha Hankey als Octavian, Statisterie © Wilfried Hösl

*Aber warum sitzt dieser Engel immer wieder und im dritten Akt – zuerst ganz allein im Zuschauerraum hinblickend?* Dann findet er einen höheren Platz auf der großen Standuhr, um die Pfeile dieser Weltuhr abzubrechen und die Zeit zu stoppen. Seine Mitwirkung an der Vorstellung ist aktuell wie es noch nie war und strahlt das Komische wie Tragische parallel aus. Er beobachtet nur diese Welt, kraftlos, ohne etwas ändern zu können. Dieser 110-jährigen Engel des ***Rosenkavalier*** ist der einzige mysteriöse Gast dieser neuen Premiere und stumme Zeuge des leeren Raums der **Bayerischen Staatsoper.** Alle Opernfans des Theaters dürfen **Jurowski - Kosky** im TV-Sessel zu Hause genießen. Für mich wurde diese Gestalt zum Symbol des Engels, des Chronos der zeitlosen Pandemie, die langsam unendlich zu werden scheint. Kein *Feuriger Engel,* aber ein *Ewiger, nie Sterbender und immer Begleiter.*

Nachdem alle wunderbaren Protagonisten *(absolutes Bravi für das Sänger-Team und für den höchsten Vokal-Genuss von* **Marlis Petersen** *als *Marschallin,* *Samantha Hankey** *als *Octavian,* *Katharina Konradi** *als *Sophie,* *Johannes Martin Kränzle* als *Faninal* und* **Christof Fischesser** als **Baron Ochs auf Lerchenau*)* die Bühne verlassen haben, bleibt der Engel allein zurück, auf der gestoppten Uhr sitzend und wartend. Er blickt stumm ins Leere des Zuschauerraums der Bayerischen Staatsoper. Man denkt klar, dass alle Protagonisten ihren Frieden, ihre Liebe, Ihre Zufriedenheit oder auch ihren Frust hinter den Kulissen im ?realem’ Leben stillen werden. Und wir auch. Es ist auch gut so. Aber dieser stumme Zeuge wirkte für manche Zuschauer beklemmend. Ein Image des Engel oder des Chronos in Ihrer neuen Leseart des ***Rosenkavalier*** die Werktreue des Strauss’schen Werk huldigt, einerseits, aber, andererseits eine aktuelle und traurige Botschaft, die unseres Warten andeutet – das Warten auf die Zeitpunkt, wann die Türen unserer Opernhäuser wieder geöffnet werden.

Für Ihre unglaubliche Arbeit in dieser Pandemie-Zeit, X-Zeit des ewigen Wartens möchte ich mich mit diesen Gedanken bei Ihnen, lieber Herr **Jurowsky,** bei **Barrie Kosky** und allen weiteren Beteiligten für Ihre ergriefende ***Rosenkavalier*** Produktion an der **Bayerischen Staatsoper** auch öffentlich herzlich bedanken.

**Adelina Yefimenko**

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