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# München, Bayerische Staatsoper, Ariadne auf Naxos - Richard Straus, IOCO Kritik, 12.04.2018
- URL: https://www.ioco.de/muenchen-bayerische-staatsoper-ariadne-auf-naxos-richard-straus-ioco-kritik-12-04-2018/
- Published: 2018-04-14T08:00:52.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:45:06.000Z
- Author: Hans Günther Melchior
- Tags: Konzert & Liederabend, Deutsche Oper am Rhein, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, München

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[Bayerische Staatsoper München](http://www.bayerische.staatsoper.de/?ref=ioco.de)

![Nationaltheater München © Wilfried Hösl](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/02/Nationaltheater-M%C3%BCnchen-c-Wilfried-H%C3%B6sl-41.jpg "Nationaltheater München © Wilfried Hösl")

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

# **Ariadne auf Naxos - *Richard Strauss***

**Dichtung - *Hugo von Hofmannsthal*** 

Von **Hans-Günter Melchior**

***„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in*** ***das Reich Gottes gelangt“***  (Markus 10,25; Lukas 18,25; Mathäus 19,24)

Es ist aber auch möglich, dass *ein Reicher das Kamel* ist, das durch das Nadelöhr eines musikalischen Kniffs ins Himmelreich der Kunst gelangt.

***\- Das Nadelöhr der Kunst -*** 

So ereignet es sich in **Richard Strauss´** Meisterwerk ***Ariadne auf Naxos.*** Dem reichen Hausherrn, der sich das Leichte und Unproblematische zum Tragischen wünscht, wird unversehens gerade im vermeintlich Oberflächlichen etwas Hochkomplexes, äußerste Kunstansprüche Erfüllendes gleichsam untergejubelt. So gelangt er, der für das Höhere im Grunde Ungeeignete und Oberflächliche, ungewollt ins Himmelreich der Kunst.

![Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/grabstaette-hugo-von-hofmannsthal-neuneu.jpg)

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Die von **Hugo von Hofmannsthal** erdichtete Handlung spielt im 17\. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Musik allenfalls Dekor bei gesellschaftlichen Veranstaltungen war. Man plauderte nebenbei, aß und trank, lief herum und begrüßte sich, während gleichzeitig bedeutende Werke der Musikliteratur so gut wie ungehört als Hintergrundskulisse erklangen. Erst als **Joseph Haydn** später in seinen Quartetten ganz am Anfang bereits die dynamische Vorschrift piano oder gar pianissimo anbrachte, war man gezwungen aufzuhorchen…,

***"Moment mal, da war doch gerade was, seid mal still"***

(Leider, dies nur nebenbei, feiert die Unsitte der rein dekorativen Musik heute wieder unfröhliche Urständ. Wenn auch ein wenig abgewandelt. Wieviele Steinreiche räkeln sich in den ersten Reihen der Festspielstädte, ohne die geringste Ahnung von dem zu haben, was sich vor ihren Augen und Ohren abspielt. Sie sind nur da, weil sie es sich leisten können und sich zeigen wollen, spielen Kultur, ohne ihrer je habhaft geworden zu sein. Wer aber redet noch von den Reichen, die sich aufplustern wie für die Ewigkeit. Während der Ruhm der zu Lebzeiten verachteten Künstler Jahrhunderte überdauert).

![ Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: Gun-Brit Barkmin als Ariadne © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/5m1a-ariadne-foto-wilfried-hoeslneu.jpg)

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: Gun-Brit Barkmin als Ariadne © Wilfried Hösl

**Strauss´** Oper besteht aus einem Vorspiel und der eigentlichen Oper. Es handelt sich um eine Oper in der Oper.

Der reichste Mann Wiens bestellt zu einer Abendveranstaltung eine Opera seria: ***Ariadne auf Naxos.*** Diese Aufführung wird im Vorspiel vorbereitet. Nun fällt aber dem kulturfernen Pfeffersack ein, dass ein Drama seinen mit einem frugalen Mahl gemästeten Gästen zuviel abverlangt. Er ordnet an, dem Drama müsse ein Lustspiel mit Tänzen und allerlei Tingeltangel folgen, um den Tiefsinn aufzulösen und die Gäste zu erheitern. **Gun-Brit Barkmin** stellte die ***Ariadne*** mit dunkler Wärme stimmlich eindrucksvoll und darstellerisch mit tragischer Schönheit vor. Der ***Komponist*** (**Angela Brower,** die mit Bravour für die erkrankte **Daniela Sindram** einsprang) empört sich über die seinem Jahrhundertwerk angesonnene Konkurrenz mit einem Werk der leichten Muse. *Was hält uns noch hier?*, fragt er den ***Musiklehrer*** (**Martin Gantner**) und der zuckt mit den Schultern: *was uns hier hält, fragst du?* Nun: die 50 Dukaten, von denen wir ein halbes Jahr leben können.

Aber nicht genug damit: der reiche *Veranstalter* gerät in Zeitnot. Um genau 21.00 Uhr soll ein Feuerwerk stattfinden. Er ordnet deshalb über seinen ***Haushofmeister*** (**Markus Meyer,** eine Sprechrolle) an, dass Opera seria und Lustspiel *gleichzeitig* aufgeführt werden müssen, um die Einhaltung des Zeitplans zu gewährleisten. Was die Empörung der wahren Künstler steigert, aber letztlich nichts nützt. Wer das Geld hat, hat die Macht. Auch über die Kunst. Schließlich fügt sich der ***Komponist. Zerbinetta* (Brenda Rae**), die leichtlebige, nur sich selbst spielende Protagonistin der Lustspiel- und Gauklertruppe überzeugt ihn einigermaßen, dass sich Freude und Leid, Komödie und Drama durchaus in einem Werk vereinen lassen. Wie überhuapt das Komische nahe beim Tragischen steht.

![Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: das Ensemble als Schauspieltruppe © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/ariadne-neu-2.jpg)

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: das Ensemble als Schauspieltruppe © Wilfried Hösl

In der eigentlichen Oper beklagt nun ***Ariadne*** auf einer „wüsten Insel“, von ihrem Geliebten ***Theseus*** verlassen, ihr Leid. Zergrübelt wünscht sie sich den Tod und erwartet ***Hermes*** als Todesboten, der sie abholen soll, assistiert von den drei Nymphen ***Najade, Dryade*** und ***Echo* (Siobhan Stagg, Rachael Wilson, Laura Tatulesen**), die an die ***Rheintöchter* Wagners** gemahnen. Statt ***Hermes*** erscheint jedoch ***Bacchus,*** den sie zunächst mit ***Hermes*** verwechselt, ihn schließlich aber in seiner Göttlichkeit erkennt. Die beiden verlieben sich, ***Ariadne*** wird dem Leben zurückgewonnen.

Dies alles wird umrahmt von ***Zerbinettas*** ständige Versuche, ***Ariadne*** davon zu überzeugen, dass Liebe und Treue viel zu schwergewichtige Begriffe für die Menschen sind, den Menschen gemäßer sei der Wechsel von einem Liebhaber zum anderen. Wie um das zu beweisen, wird sie ständig umschwärmt von vier Herren, vor denen sie ein ganzes Arsenal erotischer Kunstgriffe darbietet…

Die Besonderheit des Werks besteht darin, dass die Idee des oberflächlichen Lustspiels durch die Komposition von **Strauss** unterlaufen wird. Das Lustspiel ist ein durchkomponiertes, hochkomplexes Werk eigenen und dem Drama ebenbürtigen Charakters, das in der langen Koloraturarie ***Zerbinettas*** seinen Höhepunkt findet. Diese stellt höchste sängerische Anforderungen an einen Sopran**. Brenda Rae** stemmt tapfer ihre Stimme in die Höhe bis an den Rand des Schreiens – *voilà geschafft!, die Höhe gewonnen –*, man merkt ihr die Mühe an. Und die Erleichterung nach dem Gelingen. Aber sie macht dies alles mehr als wett durch ihre Ausstrahlung. Wunderbar ihre erotischen Tanzschritte, Drehungen und Gesten, ihre umschmeichelnden und aufreizenden Gebärden, mit denen sie Männer verrückt macht.

![Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: das Ensemble © Wilfried Hösl](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/ariaqdne-neu-3.jpg)

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: das Ensemble © Wilfried Hösl

Die Regieleistung **Robert Carsens** verdient hervorgehoben zu werden. Schon der Anfang. Die Zuschauer kommen herein und sehen das Ensemble bei der Arbeit. Werkstattatmosphäre. Eine Ballettgruppe probt in Straßenkleidern, lange bleibt das Licht im Zuschauerraum an. Man begreift: das Vorspiel ist eine Probe, in der um die Aufführung gerungen wird. Das Bühnenbild in der nachfolgenden Oper hat psychologische Tiefe. Die Bühne ist vorwiegend dunkel, nur bestimmte Personen werden vor weißem Hintergrund hervorgehoben. Die mythologische Bedeutung gewinnt dadurch an Einsichtigkeit. Im Schlussbild umarmen sich **Ariadne** und **Bacchus** vor grellhellem Hintergrund, der die Gestalten wie Scherenschnitte hervorhebt und dem zeitbedingten Kontext ins Zeitlose und Exemplarische hinein transponiert. Das alles ist einsichtig, klar und schnörkellos genau und ordnet sich sinnvoll dem musikalischen Werk unter.

Über das **Bayerische Staatsorchester** zu schreiben, ist müßig. Ein brillantes Orchester unter der kundigen Leitung von **Lothar Koenigs,** das dem Werk bis in die Nuancen hinein gewachsen ist.

Warum nur gibt es in München keine Strauss-Festspiele, die nur dem umfangreichen Werk dieses Komponisten gewidmet sind, wie etwa die **Bayreuther Festspiele** dem Werk **Wagners**?

\---| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |---