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# Mörbisch, Seefestspiele Mörbisch, Anatevka - Wenn ich einmal reich wär.., IOCO Kritik, 30.07.2014
- URL: https://www.ioco.de/moerbisch-seefestspiele-moerbisch-anatevka-wenn-ich-einmal-reich-waer-ioco-kritik-30-07-2014/
- Published: 2014-07-31T16:00:58.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:23:17.000Z
- Author: Viktor Jarosch
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Kritiken, Mörbisch

![seefestspiele-moerbisch_logo](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/seefestspiele-moerbisch_logo.png)

[**www.seefestspiele-moerbisch.at**](http://www.seefestspiele-moerbisch.at/?ref=ioco.de)

***Musical Anatevka* von Jerry BockAufforderung zu Menschlichkeit, Humor und Aufbruch**

![Panorama des Bühnenbilds Anatevka © Seefestspiele Mörbisch](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/Panorama-des-B%C3%BChnenbilds-Anatevka_Foto_Seefestspiele-M%C3%B6rbisch.png "Panorama des Bühnenbilds Anatevka © Seefestspiele Mörbisch")

Panorama des Bühnenbilds Anatevka © Seefestspiele Mörbisch

***Sommerzeit ist Festspielzeit.*** Millionen von Menschen besuchen jeden Sommer spannendes, originelles, kultiges Theater. 600.000 Besucher verzaubert seit 1913 jedes Jahr der Belcanto in der **Arena di Verona,** Königin aller Festspiele. 58.000 verklärte Wagner-Fans besuchen seit 1876 jährlich die **Festspiele Bayreuth**. Doch auch die **Seefestspiele Mörbisch,** malerisch am Neusiedler See, sind mit großen Operetten- oder Musicalproduktionen in der Liga großer Festspiele seit Jahren fest etabliert. 2014 wird dort vom 10\. Juli bis 23\. August das melancholische Musical   **Anatevka** aufgeführt.

![Seefestspiele Mörbisch / Anatevka / Bühne und Seekulisse © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/anatevka_buehne-und-seekulisse_foto-ioco.jpg "Seefestspiele Mörbisch / Anatevka / Bühne und Seekulisse © IOCO")

Seefestspiele Mörbisch / Anatevka / Bühne und Seekulisse © IOCO

200.000 Besucher jährlich, 6.000 open-air Besucherplätze, eine riesige 2.600m² fassende Bühne und 62 Meter Portalweite sind markante Eckpunkte der **Seefestspiele Mörbisch**. 140 Lautsprecher ermöglichen „richtungsbezogenes Hören“. Orchester und Chor produzieren aus einem separierten Orchestersaal ein Klangerlebnis in Studioqualität. Dazu Wasserfontänen, 16 Meter hohe Kulissen und mehr… **Dies alles ohne öffentliche Subventionen!**

![Anatevka und Wasserfontänen © IOCO](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/Anatevka-und-Wasserfont%C3%A4nen_Foto-IOCO.jpg "Anatevka und Wasserfontänen © IOCO")

Anatevka und Wasserfontänen © IOCO

Als ***Anatevka*** 1968 im Hamburger Operettenhaus mit **Shmuel Rodensky** in der Hauptpartie seine deutsche Uraufführung hatte, war es bereits weltbekannt; als **Fiddler on the Roof** hatte es 1964 in New York seine spektakuläre Uraufführung. Choreograph und Regisseur des Stücks, **Jerome Robbins**, hatte bereits mit **Leonard Bernsteins** **West Side Story** (1957) Welterfolge produziert. **Joseph Stein** schrieb die Handlung zu **Anatevka,** **Jerry Bock** die den Ostjuden so typische Musik und **Sheldon Harnick** die Liedtexte.

![Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Fiedler auf dem Dach © Seefestspiele Moerbisch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/anatevka-fiedler-auf-dem-dach_seefestspiele-moerbisch.jpg "Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Fiedler auf dem Dach © Seefestspiele Moerbisch")

Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Fiedler auf dem Dach © Seefestspiele Moerbisch

**Anatevka** alias **Fiddler on the Roof** ist die 1905 entstandene Geschichte über Menschlichkeit, Humor und Vertreibung. Der 1859 in der Nähe von Kiew geborene **Yakow Rabinowitz** beschreibt in seinem Buch ***Tevje, der Milchmann*** Leben und Vertreibung einer jüdischen Enklave aus ihrer Heimat, dem ukrainischen Ort **Anatevka,** zu Beginn des 20\. Jahrhunderts zum Russischen Zarenreich gehörig. **Rabinowitz** nahm später den Künstlernamen **Scholem Alejchem** an: Hebräisch für „*Friede sein mit Euch“*. Als sein Stück um 1916 erstmals erschien hatte **Scholem Alejchem** wegen judenfeindlicher Pogrome seine russische Heimat längst verlassen. In New York fand der Bewahrer jiddischer Kultur seine neue Heimat und literarischen Erfolg. Sein Buch „***Tevje“*** war die Basis für **Stein, Bock, Sheldon** und **Robbins** und ihr erfolgreiches Musicals. Für den deutsche Sprachraum bedeutet **Anatevka** mehr als ein Musical: Nach Jahren der Unsicherheit beflügelte **Anatevka** seit 1968 im deutschen Sprachraum den entspannten Umgang mit jüdischen Künstlern und jüdischer Kunst.

![Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tevje der Milchmann © Seefestspiele Moerbisch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/anatevka_moerbisch_tevje-der-milchmann_foto-seefestspiele-moerbisch.jpg "Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tevje der Milchmann © Seefestspiele Moerbisch")

Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tevje der Milchmann © Seefestspiele Moerbisch

Auf der großen **Seebühne Mörbisch** zeichnen Regisseur **Karl Absenger** und sein Bühnenbildner **Walter Vogelweider** eine mitreissende, von Menschlichkeit, Humor und Wehmut geprägte Inszenierung. Ein authentisch jüdisches **Schtetl Anatevka** des Jahres 1905, mit Holzhäusern, Türmen und seinen Bewohnern in damaliges Leben stimmt die Besucher ein: Betende orthodoxe Juden, Seilchen springende Kinder, lebhafte Frauen. Der **Milchmann Tevje** (**Gerhard Ernst)** erklärt mit Beginn des Stückes die Tradition als zentrales Überlebensprinzip der Ostjuden in den schon damals brisanten Zeiten. Tradition, so **Tevje,** erhält Gleichgewicht, Friede und Eintracht der jüdischen Gemeinde, Tradition hilft, mit dem schweren Leben fertig zu werden. Sanfter jiddischer Humor ist in der Inszenierung allgegenwärtig, **Tevje** klagt: "*man lernt hebräisch nur schwer als Kind"*. Ein Fiedler spielt dazu in luftiger Höhe Klezmermusik. **Tevjes** Frau **Golde** **(Dagmar Schellenberger**) macht sich derweil kauzige Gedanken über möglichst gute Partien für ihre Töchter; „.*.willst Du einen mit Haaren, so heirate einen Affen.*.“; und beschwört die Heiratsvermittlerin ***Jente*** **(Maria Mallé)**: „*Jente, o Jente, bring uns einen Mann.*.“. Während **Tevje** seine Alltagssorgen mit Hilfe des Himmels heilen möchte, *„Herr, schick uns die Medizin, die Krankheit haben wir schon!*“ träumen die heiratsfähigen Töchter ***(Chava,*** **Iris Graf**; ***Hodel,*** **Maria Ladurner; *Zeitel,* Bele Kumberger**) von Heiratswünschen, welche denen der Eltern so gar nicht entsprechen. Bedrohliche Pogrom-Meldungen aus dem Nachbardorf, dort wurden alle Juden vertrieben, gehen unter im bunt gelassenen dörflichen Treiben. Melancholisch jiddischer Humor mit häufigem wie liebevollem Widerspruch zum *„guten Buch“*, der Bibel, machen die Inszenierung zu einer Erfahrung höchster Toleranz: „*Moses hat allerhand geredet...“; „Gott hat gesagt, es werde Licht! …Aber nicht zu Dir!“; „Was lehrt die Bibel? Traue nie deinem Arbeitgeber!“; „Gott, wenn Du in der Nähe bist, mein Pferd lahmt noch!“*.

![Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tanz der Dorfbewohnerinnen © Seefestspiele Moerbisch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/anatevka_moerbisch_tanz-der-dorfbewohnerinnen_foto-seefestspiele-moerbisch.jpg "Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tanz der Dorfbewohnerinnen © Seefestspiele Moerbisch")

Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tanz der Dorfbewohnerinnen © Seefestspiele Moerbisch

Doch dann häufen sich im Leben des **Schtetl Anatevka** unerwartete Wendungen: Tochter **Zeitel** fleht darum, nicht den vom Vater erwählten Mann heiraten so hören; und wird erhört. Die dann folgende Hochzeitsfeier **Zeitels** mit dem armen Schneider **Mottel** **(Erwin Belakowitsch)** wird jedoch von marodierenden Soldaten gestört. Auch die beiden anderen Töchter von **Tevje** setzen ihre Liebesheiraten, selbst mit Andersgläubigen durch. Doch die Pogrome bedrohen nun auch **Anatevka,** die jüdischen Bewohner müssen ihr Dorf binnen drei Tagen verlassen. **Tevje** und die Dorfbewohner stellen sich den Gefahren pragmatisch wie weise. Sie entscheiden nicht zu kämpfen sondern **Anatevka* auf immer* zu verlassen. „*Was ist *Anatevka?* Nur ein Dorf! Vielleicht haben wir Juden deshalb immer einen Hut auf!*“ Einer: „*Wir ziehen nach Amerika!*“, ein anderer, *„Wir ziehen ins gelobte Land*!“. Das Musical endet mit dem Abschied einer immer um körperliche wie kulturelle Existenz ringenden Dorfgemeinschaft aus **Anatevka.** Doch die Bewohner werden von Vertreibung nicht nieder gerungen: *"*Anatevka* ist nur ein Dorf!"*

![Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tanz der Flaschentraeger © Seefestspiele Moerbisch](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/07/anatevka_tanz-der-flaschentraeger_foto-seefestspiele-moerbisch.jpg "Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tanz der Flaschentraeger © Seefestspiele Moerbisch")

Seefestspiele Mörbisch / Anatevka Tanz der Flaschentraeger © Seefestspiele Moerbisch

Imposante Kulissen verwandeln die riesige **Seebühne von Mörbisch** in das **Schtetl Anatevka**. Originelle, große und kleine Regieeinfälle, sprachlicher Charme und perfekte, textverständliche Akustik nehmen den Besucher mit. Die Inszenierung breitet die großen wie kleinen Geschichten jüdischen Alltags filigran aus. In **Anatevka** mischt sich menschlicher Alltag immer mit List, Humor und lebensfrohem Überlebenssinn, dem kraftmeierisches „*Auf-den-Tisch-hauen“* wesensfremd ist, den nur das Streben um eine bessere, harmonische Zukunft leitet.

Die Vorstellung endet gegen 24 Uhr. Ein buntes Feuerwerk vor der nächtlichen Naturkulisse des **Neusiedler See** verabschiedet tausende Besucher stimmunsvoll wie nachdenklich aus **Anatevka**. **IOCO** / Viktor Jarosch / 31.07.2014