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# Mannheim, OPAL, Oper am Luisenpark, NABUCCO – Giuseppe Verdi, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/mannheim-opal-oper-am-luisenpark-nabucco-giuseppe-verdi-ioco/
- Published: 2026-05-14T18:55:10.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:48:37.000Z
- Description: Mit einer bildgewaltigen und musikalisch packenden Neuinszenierung von Verdis „Nabucco“ überzeugt das Nationaltheater Mannheim. Zwischen Holocaust-Metaphern, Freiheitssehnsucht und überwältigendem „Va, pensiero“ entfaltet sich ein bewegendes Opernerlebnis voller politischer Sprengkraft.
- Author: Uschi Reifenberg
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Mannheim

Nabucco von Giuseppe Verdi, Oper am Luisenpark (OPAL), Nationaltheater Mannheim, Mannheim, 25.04.2026.

von Uschi Reifenberg

Nationaltheater Mannheim Neuinszenierung NABUCCO in der Oper am Luisenpark, OPAL, Premiere am 25.04.2026

**NABUCCO**  
Dramma lirico in vier Teilen von **Giuseppe Verdi** (1813-1901)  
Libretto von **Temistocle Solera** (1815-1878)

**Der ewige Traum von Frieden und Freiheit** 

Mit einer musikalisch und szenisch bewegenden Neuinszenierung von **Verdis** Frühwerk ***„Nabucco“*** überzeugte das **Nationaltheater Mannheim** und präsentierte eine bildstarke und politisch brisante Produktion mit utopischem Potenzial.

Die alttestamentarische Geschichte um die historische Figur des babylonischen Herrschers Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.) erzählt die Gefangennahme der Hebräer durch die Babylonier, die Zerstörung ihrer Kultur, ihre Befreiung durch Nabucco sowie den Sieg ihres Glaubens.

1842 in **Mailand** mit großem Erfolg uraufgeführt, bedeutete ***Nabucco*** für **Verdi** nach Jahren persönlicher Niederlagen den Beginn seiner beispiellosen Karriere als italienischer Opernkomponist, ***Nabucco*** avancierte zur Befreiungsoper schlechthin. Das Werk stellt die großen Themen von Macht, Krieg, Glauben und Liebe ins Zentrum und zeigt die Läuterung eines zunächst machtgierigen, verblendeten Despoten zum milden und mitfühlenden Herrscher. Verwoben mit dem kriegerischen Geschehen sind die familiären Streitigkeiten von ***Nabuccos*** verfeindeten Töchtern, ***Fenena*** und ***Abigaille***, die beide um die Liebe von ***Ismaele*** kämpfen. ***Fenena***, von ***Ismaele*** geliebt, wird von den Hebräern zunächst als Geisel genommen, tritt dann aber zum jüdischen Glauben über. ***Abigaille***, die machtbesessene illegitime Tochter ***Nabuccos***, erkennt ihre Verbrechen und wählt am Ende den Freitod.

Nabucco als Werk der Polaritäten bezieht seine dramatische Kraft aus der Gegenüberstellung extremer politischer Ideologien und Religionen: zwei Völker, zwei Schwestern, ein König, der zwischen Hybris und Wahnsinn changiert, zwei Götter, Jahwe und Baal. Vor allem besticht **Verdis** Musik durch kontrastreiche Darstellung zwischen hochexpressiver Dramatik und lyrischer Innerlichkeit.

Größter Magnet der Oper bis heute ist der Gefangenenchor **„Va, pensiero, sull'ali dorate“** (*Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln*), in dem die Sehnsucht der vertriebenen Hebräer nach ihrer Heimat schmerzlichen Ausdruck findet. Dieser Gesang entwickelte sich nach und nach zur heimlichen italienischen Nationalhymne des von den Habsburgern besetzten Italien und stilisierte **Verdi** zur Identifikationsfigur des „Risorgimento“.

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Sung Ha (Zaccaria) © Christian Kleiner

Der Regisseur **Christian von Götz** zeigt in ***„Nabucco“*** am Beispiel der jüdischen Bevölkerung eine durch Kriege und Gefangenschaft versehrte Menschheit, ihre immerwährende Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Freiheit, und legt den Fokus auf die 2500-jährige Leidensgeschichte der Juden in Osteuropa, die in unausweichlicher Konsequenz in die Katastrophe des Holocaust mündet. Als Zeugin dieses „größten Verbrechens der Menschheit“ fügt **Götz** dem Bühnengeschehen eine zusätzliche Figur hinzu, die ***„Frau mit der Asche“***. Sie trägt in einer kleinen Urne die Asche ihres toten Söhnchens mit sich, die ihr immer wieder entweicht und die sie panisch wieder zusammenliest. In herzzerreißender Anklage spricht sie zwischen einzelnen Szenen auf Jiddisch Texte des polnischen jüdischen Tischler-Poeten **Mordechai Gebirtig**, der 1942 im Krakauer Ghetto ermordet wurde. Sein Buch ***„Es brennt“*** nimmt antizipatorisch Bezug auf den kommenden Horror. Die Flammen der Vernichtung werden von Regisseur **Götz** leitmotivisch eingesetzt und eröffnen auch das Bühnengeschehen.

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Opernchor, Extrachor, Bewegungschor, Mitte: ****Frédérique Friess** (Abigaille) © Christian Kleiner

Stark beeindrucken die opulenten Bühnenbilder von **Lukas Noll**, die Lichtregie von **Nicole Berry** und **Florian Arnholt** sowie die fantasie- und prunkvollen Kostüme von **Sarah Mittenbühler**. Das Kollektiv der gefangenen Hebräer befindet sich zu Beginn in einer riesigen Bibliothek, Sinnbild für das geballte jüdische Wissen. Sie lesen und verpacken Bücher in Kisten, die sowohl Trümmer als auch Särge darstellen. Bilder aus dem Warschauer Ghetto flimmern über die Buchreihen, ein Benzinkanister wird von ***Abigaille*** bedrohlich geschwungen und als Waffe – am Schluss auch gegen sich selbst – eingesetzt, Rauchschwaden wabern auf, die Bibliothek wird Opfer der Flammen. Den einheitlich orthodox schwarz gekleideten Hebräern, die jüdische Symbole mit sich führen, stehen die in Gold und Weiß gewandeten Babylonier gegenüber, der Auftritt ***Nabuccos*** ist an Pomp nicht zu überbieten, er bricht fast zusammen unter der Last seines prunkvollen Ornats, eine treffende Symbolik. In seinem Gefolge umschwärmen ihn futuristisch anmutende, hell gekleidete Schlangenmenschen, die mit Messerkrallen Angst und Schrecken verbreiten. Freddy Krueger lässt grüßen. Baals Götzenbild wacht als riesiges, steinernes Gesicht von Paul Wegener in seiner Stummfilm-Rolle als Golem über der Szene, darunter eine halbrunde Mauer, über der das Postulat prangt: „Glaubt an Baal“. Der Golem zerfällt, wenn ***Nabucco***, nach seiner geistigen Verwirrung hellsichtig geworden, seine Konversion zum Judentum vollzieht, Jahwe als seinen Gott wählt und die Hebräer befreit werden.

Das hochkarätige Sängerensemble, Dirigent, Orchester und Chor sorgten für pures Verdi-Glück: Begeisterten Applaus erhielt zurecht der hervorragende **Chor**, unter der Leitung von **Alistair Lilley**, der großformatig und stimmstark seine besondere Klasse bewies und ***Nabucco*** als Choroper alle Ehre machte. Mit variabler Dynamik, wunderbar homogen, stimmten die ChorsängerInnen – zunächst auf dem Boden liegend – im Piano den Unisono-Gesang ***„Va, pensiero“*** an und ließen den Klang – sich langsam erhebend – mächtig anschwellen.

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Verena Hierholzer (Frau mit der Asche) © Christian Kleiner

**Janis Liepinš** am Pult des **Nationaltheater Orchesters** sorgte für eine facettenreiche Ausgestaltung der melodisch reichen Partitur und formte einen idiomatischen Verdi-Klang. Mit sakraler Andacht, bestens balanciert, eröffnete der Posaunen-Choral in der Ouvertüre, kontrastiert von kraftvollen Blechbläser-Attacken, federnden Rhythmen und dem fein phrasierten ***„Va, pensiero“***\-Holzbläser-Thema. Die tänzerischen, zündenden Rhythmen steigerten Dirigent und Orchester temperamentvoll mit vorwärtsdrängendem Zug, die dynamischen Kontraste wurden effektvoll, „con brio“ dargestellt, was die brillante Schlusswirkung der Ouvertüre unterstrich. Hervorzuheben sind die besonderen Soli der Celli sowie der Soloflöte. 

Allen voran **Csilla Boross** in der halsbrecherischen Rolle der ***Abigaille***, berüchtigt als schwierigste Sopranpartie Verdis. Gefordert wird ein dramatischer Sopran mit einem Umfang von über zwei Oktaven. Die Partie ist gespickt mit allen nur denkbaren Herausforderungen: weite Intervallsprünge, Geläufigkeit, dramatische Spitzentöne, Leichtigkeit, innige Pianokultur. **Csilla Boross** bewältigte diese Partie ohne Mühe, teilte sich ihre Kräfte klug ein und überzeugte mit vollendeter Belcanto-Perfektion in Phrasierung und Ausdruck. Ihre gleißenden dramatischen Spitzentöne gingen unter die Haut. Mit ihrer großen Bühnenpräsenz, gehüllt in goldfarbene Gewänder, gab sie eine zwischen Minderwertigkeitsgefühlen, und Macht- und Liebesanspruch zerrissene Frau. Als geborene Sklavin und verschmähte Liebende bleibt ihr nur noch der unbedingte Wille zur Macht, der sie mit obsessiver Stringenz zu verbrecherischem Handeln treibt. Als einzigen Ausweg wählt sie am Ende den Flammentod. Besonders in ihrer großen Szene und Arie ***„Ben io t'invenni“*** beeindruckte die Sopranistin mit einer schillernden Ausdruckspalette, aufblühenden Kantilenen und beseelten Pianissimi. **Evez Abdulla** als tragischer Herrscher ***Nabucco*** hatte seine starken Momente als gebrochener König und Vater, der die unerwartete Entwicklung vom König und selbst ernannten Gott nach seinem psychotischen Bruch zum reumütigen und empathischen Anführer mit feinen Zwischentönen darstellte.

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****Evez Abdulla** (Nabucco), dahinter Opernchor, Bewegungschor © Christian Kleiner

Die Bürde seines Amtes lastet schwer auf ihm. Klang sein edler Verdi-Bariton zu Beginn noch verhalten, sang sich **Abdulla** im Laufe seiner Metamorphose zunehmend frei, gab seinen widerstreitenden Gefühlen mit warm timbrierter Stimme und klangvollen Höhen viel Raum und offenbarte zunehmend seine Verletzlichkeit und Einsamkeit. **Sung Ha** begeisterte als würdevoller Hohepriester ***Zaccaria*** mit sakraler Aura und noblem, großformatigem Bass. Seine Arie ***„Tu sul labbro“*** im zweiten Akt mit der ergreifenden Cello-Einleitung, gestaltete er mit weit geschwungener Linienführung und viel Intensität, gab der Hoffnung auf göttlichen Beistand mit dunkel-samtigen Farbschattierungen und voluminöser Tiefe Nachdruck. **Julia Faylenbogen** als ***Nabuccos*** legitime Tochter ***Fenena***, auffallend gekleidet im silbernen Glitzergewand, verlieh der Konvertitin schöne Mezzo-Farben und sang ihr Gebet im letzten Akt mit anrührender Wärme und Innerlichkeit. Die kurze Partie des ***Ismaele*** wurde von **Sung Min Song** mit glanzvollem, höhensicherem Tenor, stilsicher und leidenschaftlich, dargestellt und fesselte in den Duetten mit seiner Geliebten ***Fenena***. **Renatus Mészár** wartete mit viel Charisma und sonorem Bass als ***Il Gran Sacerdote*** auf, **Veronika Loy** als **Anna** und **Dominic Lee** als ***Abdallo***, sangen auf hohem Niveau und komplettierten das hervorragende Ensemble. Großartig die Darstellung von **Verena Hierholzer** als ***„Frau mit der Asche“***, die nonstop das Bühnengeschehen begleitete.

Das Publikum spendete immer wieder Zwischenapplaus, am Ende viele Bravos für Chor, Sänger, Dirigent und Orchester.

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.nationaltheater-mannheim.de/spielplan/a-z/nabucco/?ref=ioco.de)

## Wie überzeugte das Sängerensemble samt Chor und Orchester bei dieser Nabucco-Premiere?

Das hochkarätige Sängerensemble, Dirigent, Orchester und der hervorragende, stimmstarke Chor sorgten für pures Verdi-Glück und idiomatischen Verdi-Klang.