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# Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, IOCO Kritik, 26.05.2018
- URL: https://www.ioco.de/mannheim-nationaltheater-mannheim-tannhaeuser-oder-der-saengerkrieg-auf-der-wartburg-ioco-kritik-26-05-2018/
- Published: 2018-05-25T17:00:46.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:45:53.000Z
- Author: Uschi Reifenberg
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Pressemeldungen & Nachrichten, Mannheim

![Nationaltheater Mannheim](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/01/nationaltheater_annheim_.jpg)

[Nationaltheater Mannheim](http://www.nationaltheater-mannheim.de/?ref=ioco.de)

![Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/02/nationaltheater_mannheim_c_hans_joerg_michel.jpg "Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel")

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

# ***Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg* \- Richard Wagner**

***\- Gefangen im Spannungsfeld der Extreme -***

Von **Uschi Reifenberg**

Die ***Tannhäuser*** Aufführung am **Nationaltheater Mannheim** (NTM) machte wieder einmal deutlich, welch außerordentlichen Rang das **Haus am Goetheplatz** in der Wagner-Rezeption einnimmt.

![Richard Wagner Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/05/richard-wagner-foto-ioconeuneu2018.jpg)

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

**Richard Wagner,** Bayreuth und Mannheim stehen seit etwa 150 Jahren in enger Verbindung, erfolgte doch bekanntlich die Gründung des ersten ***Wagner Verbandes*** 1871 durch den Mannheimer Musikalienhändler und glühenden Wagner Anhänger **Emil Heckel** (1831-1908). Bis heute ist der Wagner Verband Mannheim-Kurpfalz einer der größten weltweit.

Aber auch als **Wagner** Talentschmiede ist das **NTM** an vorderster Stelle zu nennen, denn regelmäßig wirken Dirigenten, Sänger oder Orchestermusiker bei den Bayreuther Festspielen als unverzichtbarer Bestandteil der dortigen Besetzung mit und starten oftmals internationale Karrieren.

***Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg*** ist **Richard Wagners** fünftes Werk und sollte - bedingt durch vielfache Umarbeitungen - sein Sorgenkind bleiben, denn wenige Wochen vor seinem Tod 1883 bekannte **Wagner,** dass er „*der Welt noch den *Tannhäuser* schuldig“* sei.

Uraufgeführt in Dresden 1845, beschreitet **Wagner** mit dem ***Tannhäuser*** konsequent den Weg zum Musikdrama, auch wenn Arien und Ensembles als geschlossene Form noch erkennbar sind, aber die dramaturgische und musikalische Verbindung der einzelnen Teile bereits auf die durchkomponierte Form hinweisen. Neben der Urfassung und der späteren Wiener- sind die Dresdner - und die Pariser Fassung von 1861 die am häufigsten gespielten Fassungen.

Die Wiederaufnahme der Inszenierung von **Chris Alexander** aus dem Jahre 1996 zeigt die Pariser Fassung mit der nachkomponierten Bacchanal- Musik und der Venusberg Szene von 1861\. Das ***Walther Lied*** im 2\. Akt der Dresdner Fassung wurde beibehalten.

![Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/05/tannhaeuser_-hier-joachim-goltz-andreas-hermann-raphael-wittmer-patrick-zielke-astrid-kessler-frank-van-akenfoto-hans-joerg-michel-neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.) © Hans Joerg Michel

Die Figur des **Tannhäuser** stellt sicher eine der komplexesten Charaktere im Wagnerschen Figuren Kompendium dar und ist in seiner Ambivalenz und psychologischen Vieldeutigkeit von äußerster Aktualität. ***Tannhäuser,*** der Künstler, der wie ein Getriebener sich nirgends zugehörig fühlt, der Rebell, der das eine will, aber das andere nicht lassen kann. Der die Gesellschaft der Wartburg und ihre Regeln verachtet und sich hemmungsloser Selbstverwirklichung im Venusberg hingibt, auf der Suche nach der eigenen Identität, der künstlerischen Wahrheit, der allumfassenden konkreten Liebesutopie. Der, zwischen den extremen Polen der körperlichen und vergeistigten Liebe zerrieben, als Außenseiter zum Scheitern verurteilt wird, aber am Ende durch die wahre Liebe einer opferbereiten Frau Erlösung im Tod findet.

So betrachtet steckt viel Autobiografisches in ***Tannhäuser* \- Wagner,** dem Revolutionär von 1848, dem in Paris gescheiterten Musiker **Wagner,** dessen Hauptthema der Erlösung durch die Liebe sich durch sein Leben wie durch das gesamte Schaffen vom Holländer bis zum Parsifal zieht.

Die Inszenierung von **Chris Alexander** hat auch nach mehr als zwanzig Jahren nichts von ihrer Lebendigkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt und besticht durch ihre überzeugende Personenführung sowie der räumlichen Fokussierung auf das Wesentliche.

![Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/05/tannhaeuser-hier-tannhaeuser-und-venus-neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Der 1\. Akt im ***Venusberg*** ist ein weiter, klar strukturierter, dunkel gehaltener Raum (Bühnenbild: **Maren Christensen**), in dessen hinterem Bereich sich die Venusberg Gesellschaft in historisch vielgestaltigen Kostümen (**Susanne Hubrich**) in reizvollen choreografischen Formationen (**Jaqueline Davenport**) erotischem Treiben hingibt. Schemenhaft ist im hinteren Raum eine Statue erkennbar, ***Venus - Maria***? Im vorderen Teil der Bühne ist ein Bett aufgestellt, von welchem aus der Künstler ***Tannhäuser*** das dionysische Treiben unbeteiligt beobachtet. Die femme Fatale ***Venus*** gesellt sich zu ihm, wo sich vor schwarzem Vorhang ein typischer Wagnerscher Geschlechter Diskurs über ***Tannhäusers*** Freiheitsbestrebungen entspinnt. Auch unter Aufbietung ihrer sämtlichen Reize gelingt es Venus nicht, ***Tannhäuser*** zu halten. Sie verliert, er entscheidet sich gegen sie und ihre Welt. Nach seiner Flucht aus dem künstlichen Paradies des *Venusbergs,* findet er sich in einem frühlingshaften Tal wieder, die Statue wird nun als Marienstatue sichtbar und der Bühnenraum ist in hellem grün ausgeleuchtet (Licht: **Eduard Roth**).

***Tannhäuser*** ist in der Realität angekommen. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn der junge Hirt als Mutter mit Baby dargestellt wird und im Kreis ihrer Familie von Erneuerung und Glück singt.

Die Jagdgesellschaft um den ***Landgraf Hermann*** ist eine honorige Gruppe von Künstlern mit der charismatischen Figur des Wolfram von Eschenbach an der Spitze. Mit der Erinnerung an Elisabeth überredet er freudig ***Tannhäuser*** zum Bleiben und die ehemaligen Sangeskollegen nehmen ihn gern wieder in die Reihen der Wartburggesellschaft auf.

Die *Sängerhalle* auf der Wartburg des 2\. Aktes ist ganz in leuchtendem rot gehalten, seitlich sind zwei Tribünen mit ansteigenden Sitzreihen zu sehen, auf welchem die Gäste im Lauf ihres Einzugs Platz nehmen und von dort aus den Sängerwettstreit um das Thema „*Liebe“* kommentieren. Diese Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, amüsierfreudig, und in feine Abendrobe gewandet. **Chris Alexander** spiegelt das Theaterpublikum, indem er die noble Abendgesellschaft den Theaterbesuchern gegenüber positioniert. Wenn Tannhäuser seinen Skandal provoziert, bewerfen sie ihn dann empört mit Programmheften.

![Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/05/tannhaeuser-hier-astrid-kessler-foto-hans-joerg-michel-neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Die hingebungsvolle und aufrichtige ***Elisabeth*** \- Gegenpol zur ***Venus*** \-, ist eine kompromisslos liebende junge Frau, die Inkarnation des christlichen Ideals der Nächstenliebe, unverrückbar eingegliedert in das Regelwerk der Wartburgwelt. Die Demütigung, die ***Elisabeth*** durch ***Tannhäusers*** Geständnis seiner Venusbergerfahrung und der hemmungslosen Hinwendung zu Eros und Sexus erfährt, verwandelt sie gegen jeden Widerstand der Wartburggesellschaft in Opferbereitschaft für ***Tannhäuser.*** Fortan weiht sie ihr Leben diesem selbstgewählten Erlösungsauftrag und hofft mit Tannhäuser auf Vergebung seiner Schuld durch den Papst in Rom.

Im 3\. Akt sieht man ***Elisabeth*** betend an die Marienstatue angeschmiegt, *„dahingestreckt in brünst‘gen Schmerzen*“ wie **Wolfram von Eschenbach** aus schützender Distanz und wissendem Mitleid kommentiert.

Als **Elisabeth** klar wird, dass Tannhäuser nicht unter den heimkehrenden und erlösten Pilgern ist und sie sich für den Opfergang bereit macht, legt sich ***Wolfram*** zu ihr auf die Erde - ein schönes Bild der Entsagung und der Liebesutopie. Im Lied an den Abendstern hüllt er sich zärtlich in den Schleier ***Elisabeths*** ein. Zum ergreifenden Höhepunkt wird die Romerzählung ***Tannhäusers,*** in welcher er das Trauma seiner Pilgerfahrt nach Rom noch einmal durchlebt. Bei der Anrufung der Venus steigen aus *„milden Lüften“* rote Nebel auf und ***Venus*** erscheint in der Marienstatue aus deren Sockel sich eine Tür zum Venusberg öffnet. ***Wolfram*** kann ***Tannhäusers*** erneutes Eintauchen in die Sinnenwelt gerade noch verhindern, Elisabeth wird als Heiligenfigur über die Bühne getragen, ***Tannhäuser*** ist erlöst und die Pilger mit ergrüntem Bischofsstab und leuchtenden Kerzen künden von Gnade und Erlösung in einem beeindruckenden Schlusstableau.

**Frank van Aken** bewältigte die extrem anspruchsvolle Partie des **Tannhäuser** mehr als beachtlich. Sein baritonal gefärbter Tenor ist zu groß angelegten heldischen Aufschwüngen wie zu lyrischer Verhaltenheit fähig. Er zeichnet die psychologische Zerrissenheit der Figur mit schonungsloser Emphase, geht bis an die Grenzen des Ausdrucks und findet - trotz leichter Ermüdungserscheinungen in den *„Erbarm dich mein“*\- Rufen im 2\. Akt, in der Romerzählung zu glaubhafter plastischer Darstellung und großer Intensität.

**Astrid Kessler** beschreitet mit der Partie der ***Elisabeth*** konsequent den Weg ins jugendlich-dramatische Sopranfach und ist in dieser Rolle eine Offenbarung. Ihr heller Sopran strahlt in der Hallenarie mühelos in jubilierende Höhen, überzeugt am Ende des 2\. Aktes mit unforcierter Dramatik und besticht im Gebet mit beseelten piani und zu Herzen gehender Innerlichkeit. Ihre Rollengestaltung ist darüberhinaus durch jugendliche Natürlichkeit geprägt.

![Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/05/tannhaeuser-hier-nikola-diskic-und-chor-foto-hans-joerg-michel-neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

*Wolfram *von Eschenbachs** Haltung zu ***Tannhäuser*** ist die eines verstehenden und mitfühlenden Freundes. **Thomas Berau** gibt dieser Figur genau jenes *„mitleidvoll entsagende Wissen*“, was **Wolfram** als reifen intellektuellen Künstler ausmacht. Sein weicher, voluminöser Bariton besticht im Minnelied des 2\. Aktes durch unprätentiöse und anrührende Darstellung. Das "*Lied an den Abendstern"* ist frei von Manierismen und beeindruckt durch gelungene Balance zwischen liedhafter Einfachheit und arioser Entfaltung.

Die edle Liebesgöttin von   **Heike Wessels** weiß mit erotisch aufgeladenen Mezzo- Tiefen und strahlenden Spitzentönen zu verführen. Berührend ist, wenn sie im Duett mit Tannhäuser als Verzweifelte vergeblich versucht, den Geliebten an sich zu binden.

**Patrik Zielke** mit wohlklingender Bass wirkt als ***Landgraf Hermann*** allerdings etwas zu distanziert. **Joshua Whitener** ist ein hell auftrumpfender ***Walther von der Vogelweide,* Joachim Goltz** gestaltet den ***Biterolf*** mit viel Ausstrahlung und Kampfgeist. Ebenso glänzend besetzt sind **Raphael Wittmer** als ***Heinrich der Schreiber*** und **Philiop Alexander Mehr** als ***Reinmar von Zweter***. Auffallend schön singt **Amelia Scicolone** den *jungen Hirt.* **Gerda Maria Knauer, Angelika Krieger, Regina Kruszynski** und **Rica Westenberger** gefallen in den Rollen der ***Edeldamen.***

Mit seiner Interpretation des Tannhäuser hat sich Generalmusikdirektor **Alexander Soddy** als hervorragender **Wagner** Dirigent unter Beweis gestellt. Er versteht es, das Potenzial des Nationaltheater - Orchesters zu entfalten und Spielfreude und Begeisterung der Musiker zu entfesseln. In der Ouvertüre erklingt das *Pilgerthema* feinsinnig und introvertiert, Holzbläser und Hörner phrasieren wunderbar homogen, strukturell klar und ideal balanciert. Die Gegenwelt der ***Venus*** \- Sphäre mit ihrem Klangfarbenreichtum, der Chromatik und der vorwärtsdrängenden thematischen Verdichtung, entlädt sich im hymnischen Loblied auf ***Venus,*** von **Soddy** in eindrucksvoller Weise umgesetzt, ebenso das Duett ***Venus - Tannhäuser,*** welches in der Pariser Fassung deutlich Züge der **Tristan** Komposition trägt. Hervorzuheben sind die bestens disponierten Hörner und die elegisch zart gestaltenden Oboen.

Chor, Extrachor und Bewegungschor waren in Hochform zu erleben, lediglich der *Chor der Sirenen* im 1\. Akt war nicht ganz auf diesem Level.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus spendete nach jedem Akt heftigen Beifall und entließ am Schluss Sänger und Dirigent erst nach langen Ovationen.

**Nationaltheater Mannheim - *Tannhäuser*** *:* letzte Vorstellung der Spielzeit **14.6.2018**

\---| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |---