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# Mannheim, Nationaltheater, Die Meistersinger von Nürnberg - Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.11.2018
- URL: https://www.ioco.de/mannheim-nationaltheater-die-meistersinger-von-nuernberg-richard-wagner-ioco-kritik-29-11-2018/
- Published: 2018-11-30T09:00:02.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:50:36.000Z
- Author: Uschi Reifenberg
- Tags: Konzert & Liederabend, Kritiken, johann sebastian bach, Mannheim

![Nationaltheater Mannheim](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/01/nationaltheater_annheim_.jpg)

[Nationaltheater Mannheim](http://www.nationaltheater-mannheim.de/?ref=ioco.de)

![Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2014/02/nationaltheater_mannheim_c_hans_joerg_michel.jpg)

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

# ***Die Meistersinger von Nürnberg* \- Richard Wagner**

**\- Der Aufmarsch der Marionetten -**

Von **Uschi Reifenberg**

Das **Nationaltheater Mannheim** hat wieder eine ***Meistersinger*** Inszenierung, die Spaß macht, und das im doppelten Wortsinne. Die verschiedenen Spielarten des Komischen stehen für den englischen Regisseur **Nigel Lowery,** der ebenso für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet, im Vordergrund seiner Inszenierung von **Richard Wagners** einziger komischen Oper ***Die Meistersinger von Nürnberg.***

Was **Lowery** vorführt, ist Theater auf dem Theater im besten Sinne*, episches Theater im Stile *Brechts,** ein Spiel mit Masken und Spiegeln, eine Verbindung aus Märchen-Puppen und Marionettentheater mit Anleihen bei der *Commedia dell‘arte.*

***Die Meistersinger von Nürnberg -* Richard Wagner** **Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim** **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Karikatur, Parodie, Ironie, Slapstic, comicartige Szenen, gewürzt mit einer Prise englischen Humors à la ***Monthy Python*** ergeben pralles, sinnliches Musiktheater, das nie ins Lächerliche abdriftet.

**Lowerys** Verkleinerungen, Perspektivwechsel und ironische Brechungen weiten und multiplizieren die Wahrnehmung, was zwar faszinierend ist, aber auch die Distanz vergrößert.

In **Wagners** menschlichstem Werk wünscht man sich, näher an die innerseelischen Vorgänge der Figuren herangeführt zu werden, was zumindest am Beginn des 3\. Aktes in der Schusterstube gelingt. Wenn alle Hüllen gefallen sind und die Privatperson ***Hans Sachs*** nach den Ausschreitungen der Johannisnacht in Freizeitkleidung den Boden wischt, wird klar, dass **Sachs** nicht nur im entfesselten Gewirr der künstlerischen Ergüsse für Ordnung sorgt, sondern auch im realen Alltag den Überblick behält. Sichtbar wird ein einsamer, resignierter Mann, der über den wahnhaften Zustand der Welt reflektiert, der Abschied nimmt vom eigenen Liebesglück und sich zu der Erkenntnis durchringt, dass er sowohl der nächsten Generation als auch den künstlerischen Errungenschaften zur Weiterentwicklung und zum Fortbestand verhelfen muss.

![Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Ensemble © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/12564_meistersinger_hjm_08neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

***Die Meistersinger,*** **Wagners** bürgerliche Festoper, konzipiert als (heiteres) Satyrspiel, das nach antikem Vorbild auf die Tragödien folgte, sind angesiedelt im Nürnberg des 16\. Jahrhunderts, zur Zeit der Reformation, mit der historischen Figur des Schuster-Poeten Hans Sachs an der Spitze. ***Die Meistersinger*** sind alles andere als rückwärtsgewandtes Historiendrama, der Ort

Nürnberg fungiert hier als Metapher für die Auseinandersetzung von Tradition und Fortschritt, Gegenwart und Zukunft, Politik und Staat. Über allem geht es in **Wagners** philosophischer Komödie um die Kunst. Sie erscheint hier als das Bindeglied der bürgerlichen Gemeinschaft und vermag- anders als die Politik- mit ihren Regeln Ordnung zu gewährleisten und Anarchie und „Wahn“ in Schach zu halten. **Wagners** gesellschaftsutopischer Entwurf, wie in seiner Schrift *“*Das Kunstwerk der Zukunft“** thematisiert, findet hier seine ideale Entsprechung.

Das Spiel im Spiel findet in einem Guckkasten Rahmen mit Brecht-Gardine statt, in welchem sich die Akteure einfinden und den Darstellern die passenden Kostüme anprobieren. Ebenso werden verschiedene Bühnenbilder ausprobiert, beispielsweise ein großformatiges Tableau vom ***Moulin Rouge,*** das aber dann doch dem Inneren der Katharinenkirche weichen muss. **Beckmesser** entscheidet sich nach Anprobe einer Naziuniform und jüdischer Kippa mit Locken (man denkt an ***Beckmesser*** als viel gescholtene Judenkarikatur), schließlich für das Gewand eines evangelischen Priesters. Im schön gemalten gotischen Kirchenraum sieht man Eva- puppenhaft herausgeputzt- in träumerischer Haltung. Wie ihre Leidensgenossinnen ***Senta*** und ***Elsa*** sehnt sie sich heftig einen Retter herbei. Da schwebt plötzlich - man traut seinen Augen kaum — am oberen Bühnenrand das Raumschiff *Enterprise l* vorbei. Jetzt wissen wir: Erlösung naht aus den unendlichen Weiten des Weltalls. Und tatsächlich erscheint ein ***Stolzing/ Lohengrin*** Verschnitt in silbernem Gewand und blonder Haarpracht, direkt von der Enterprise in die Kirche gebeamt.

![Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/12558_meistersinger_hjm_02neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Da wird nicht lange gefackelt, kaum haben sich ***Eva*** und ***Stolzing*** kurz beschnuppert, sind die beiden auch schon ein Paar, das ziemlich genau weiß, was es will und sich um Regeln und Vorschriften herzlich wenig kümmert. Dies nämlich ist vor allem Sache der **Meistersinger.** Diese kommen daher als putzige Karikaturen in detailverliebten Renaissancekostümen mit diversen Altersgebrechen, ein seniles Häuflein beflissener Nürnberger Handwerker, das keine neuen Impulse von Außen zulässt und sich verzweifelt an das Regelwerk der Tabulatur klammert. Die Kunstausübung ist erstarrt und hängt sozusagen am Tropf der tradierten Norm. Vielleicht wird deshalb immer wieder ein Sarg über die Bühne getragen, mal beerdigt man symbolisch die Kunst, oder was von ihr übrig geblieben ist, oder auch die Hoffnung-wer weiß...

Die aber stirbt bekanntlich zuletzt, was auch dadurch gezeigt wird, dass die Meister bei Stolzings überschwänglichem Probelied plötzlich wie in Trance zu tanzen beginnen und Wände in Bewegung geraten. Ein witziges Leitmotiv ist der Busch, der verschiedene Metamorphosen durchläuft. Zuerst fährt er als Dornenhecke ***Beckmessers*** über die Bühne, dann ist er Fliederbusch, der sich vermehrt und als Requisit für ***Sachsens*** Monolog dient, dann mobiles Versteck für das Liebespaar im 2\. Akt oder gar brennender Dornbusch am Ende der Prügelfuge.

Am Schluss des ersten Aktes, wenn ***Stolzing*** gegen den Protest der Meister sein Kunstlied durchgesetzt hat, verstopfen sich die Meister die Ohren mit Zeitungspapier, ein bedrohliches Bühnenbild mit schwarzem Gewölk wird dazu heruntergefahren, das sogleich wieder verschwindet, stattdessen erstrahlt ein klarer Sternenhimmel, in welchen Stolzing hinaufgezogen wird. Nicht im Venusberg, sondern im Parnass hat der Künstler geweilt und vermag auf der Festwiese von jenen Wonnen zu singen, die ihm dort widerfahren sind ... Möglicherweise ist dies aber auch ein Verweis des Regisseurs auf **Wagners** eigene Inspiration, die ihn 1861 in Venedig nach dem Anblick des Bildes von **Tizians *Assunta,*** der Himmelfahrt Marias, zur Vollendung der **Meistersinger** animiert haben soll.

Der Sternenhimmel wölbt sich auch über das Bühnenbild des 2\. Aktes, ergänzt durch einen Dorfbrunnen mit Johannes Figur und einem Häusereck im bayerisch-barocken Stil. Eine klare Verortung der Szene mit liebevollem bis kitschigem Lokalkolorit. **Sachs -** detailgetreu historisch kostümiert, mit weißer Perücke, singt seinen Fliedermonolog auch tatsächlich unterm Fliederbusch und hat mit ***Eva*** ein sehr inniges Verhältnis, was am unkomplizierten Körperkontakt zu erkennen ist. ***Beckmesser*** wird in seinem Ständchen von einer aparten Harfenistin mit veritabler ***Beckmesser-*** Harfe unterstützt, die jedoch um ihre wohlverdiente Gage geprellt wird. Bemerkenswert ist auch der Nachtwächter mit Totenkopfmaske, Laterne und Kegel, ein mittelalterlicher Sensenmann, der allgegenwärtig ist und wahllos zuschlägt.

Zum Ende von ***Beckmessers*** desolatem Ständchen verirren sich ***Sachs*** und ***Beckmesser*** in die erste Reihe des Zuschauerraumes und schaffen es gerade noch rechtzeitig zur Prügelfuge auf die Bühne, die von lustigen Kasperle Figuren angezettelt wird. Lowery inszeniert die Kontrapunktik der Prügelfuge, indem er der größtmöglichen musikalischen Verdichtung ein Puppentheater entgegensetzt. In der Tat ein interessanter Kunstgriff.

![ Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/12576_meistersinger_14neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Die *Schusterstube* im 3\. Akt ist in schwarz gehalten, kräftige weiße Pinselstriche deuten die Innenarchitektur an, ein Kamin, ein Schreibtisch und eine Katze komplettieren Sachsens gemütliches Zuhause. ***Sachs*** und ***Stolzing*** sind während ihres philosophischen Diskurses über Leben und Kunst in rote Bademäntel gehüllt, trinken Punsch und lassen in schönster Harmonie eines der genialsten Lieder entstehen, die je geschrieben wurden. ***Beckmesser*** darf noch einen Kampf mit ***Sachsens*** Katze ausfechten, der für Lacher sorgt. Im 3\. Akt ist die Guckkasten-Bühne mit überdimensional gespiegelter Laute, riesiger Ritterrüstung und bunten Mittelalter- Wimpeln ein Eyecatcher.

***David*** darf noch seinen Junggesellen Abschied im zwielichtigen *„Haus zum Schwanen“* feiern, (***Parsifal*** lässt grüßen), dann fährt **Lowery** zum großen Festwiesen Finale zusätzlich zum Puppen Arsenal noch mal sämtliche Geschütze auf, die der **Wagner** Fundus zu bieten hat. Stolzing bringt zum Gesangswettbewerb gleich den Gralskelch mit, der die Kunst- Erlösung garantiert und lässt ihn - ganz im **Wagnerschen** Sinne -bei der Festwiesen Gesellschaft rumgehen. Bei **Sachsens** Schlussansprache ziehen - synchron zur berüchtigten c-Moll Stelle - wieder die dunklen Wolken herauf. Keiner will ***Sachs*** zuhören, alle Anwesenden verschwinden, zu schwer wiegt die Bürde der Vergangenheit. ***Sachs*** bleibt zunächst im Regen stehen, da erscheint der versöhnte ***Beckmesser,*** den Sachs zu sich unter den Schirm holt. „Zweieinig“, unter dem Jubel aller Beteiligten feiern die beiden Kontrahenten die Kunst und Sachsens integrative Gesamtleistung. Am Bühnenhimmel wartet schon die Enterprise. ***Stolzing*** und ***Eva*** machen sich aus dem Staub und dringen womöglich in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch das Wagnerensemble, Orchester und Chor des **NTM** sind überzeugend aufgestellt.

![Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Hans Joerg Michel](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/12573_meistersinger_01neu.jpg)

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Der Bayreuth- erprobte **Thomas Jesatko** als ***Sachs*** stattet die Riesen- Partie mit allen Facetten seines variablen Baritons aus, wortverständlich, sensibel, mit großer Emphase, berührend in den resignativen Momenten, ein beeindruckendes Rollenportrait. Als ***Beckmesser*** steht **Joachim Goltz** ihm nicht nach. Sein klarer, tragfähiger und höhensicherer Bariton besticht mit präziser Deklamation, **Goltz‘** darstellerische Fähigkeiten geben der vielschichtigen Figur nicht nur Witz, sondern auch Tiefe. **Tilman Unger** ist vom Erscheinungsbild her ein idealer **Stolzing.** Er teilt sich die Partie klug ein, lässt aber bisweilen heldische Strahlkraft und Durchsetzungsfähigkeit vermissen. **Astrid Kessler** überzeugt als mädchenhafte, quirlige ***Eva,*** mit klangvoller Mittellage und Tiefe sowie mit dramatischen Aufschwüngen in der Schusterstube. **Christopher Diffey** singt als ***David*** die Weisen differenziert, lebendig mit schönem Timbre und mühelosen tenoralen Spitzen. Der **Pogner** von **Sung Ha** erscheint als seriöse Persönlichkeit, mit kultiviertem, sonorem Bass. Die **Magdalene** wird von **Marie-Belle Sandis** mit resoluter Mezzo-Attitüde versehen. Als ***Nachtwächter*** lässt **Bartosz Urbanowicz** aufhorchen. Chor und Extrachor unter der Leitung von **Danis Juris** präsentieren sich in Bestform, homogen und klangexpansiv.

GMD **Alexander Soddy** geht das Vorspiel mit straffen Tempi, schwungvoll, pathosfrei, mit viel Sinn für die Mittelstimmen von Wagners komplexer kontrapunktischer Partitur an. Der 1\. Akt kommt allerdings wirkt wie mit angezogener Handbremse; die Balance zwischen Bühne und Graben lässt ab und zu wünschen übrig, ebenfalls vermisste man diesmal die Trompeten, dafür überraschte das überaus engagierte Solohorn umso mehr. Im Laufe des Abends gleichen sich diese leichten Unstimmigkeiten; **Soddy** findet- bei aller kammermusikalischen Behandlung - zu schwebendem Fluss und sinfonischem Aufblühen der Komposition. Im 3\. Akt vereint **Soddy** Orchester, Chor und Solisten zu einer eindrucksvollen Schlussapotheose in strahlendem C-Dur.

Das enthusiasmierte Publikum spendet lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten und Jubelrufe für die Solisten. Mit dieser Meistersinger Inszenierung kann man die kommenden Jahre wunderbar leben!

\---| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |---