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# Mainz, Staatstheater Mainz, Saul von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 27.09.2017
- URL: https://www.ioco.de/mainz-staatstheater-mainz-saul-von-georg-friedrich-haendel-ioco-kritik-27-09-2017/
- Published: 2017-09-27T07:00:37.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:41:14.000Z
- Author: Ljerka Oreskovic Herrmann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Karten, Mainz

![staatstheater-mainz-logo_30](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/staatstheater-mainz-logo_30.jpg)

[Staatstheater Mainz](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/io/wp-admin/Staatstheater%20Mainz?ref=ioco.de)

![Staatstheater Mainz © Andreas Etter](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/haus_mainz_aussen_01a_etter.jpg " Staatstheater Mainz © Andreas Etter")

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

# ***SAUL* \-** Oratorium von Georg Friedrich Händel

Von **Ljerka Oreskovic Herrmann**

![Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/georg-friedrich-haendelneu-1.jpg "Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO")

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Ein interessanter Saisonstart 2017/18: Das **Mainzer Staatstheater** beginnt die neue Spielzeit mit einem Oratorium von **Georg Friedrich Händel. *Saul*** – in der Regel eher konzertant aufgeführt – wird hier szenisch präsentiert. Mehr als jedes vorangehende Werk **Händels** symbolisiert es eine Verbindung von Oper, Kirche und Konzert und auch die Instrumentation ist ungewöhnlich: Harfe, Carillon (Turmglockenspiel, großes Glockenspiel bzw. Röhrenglockenspiel), Posaunen, große Trommeln neben den üblichen Orchesterinstrumenten. Es gibt lange Instrumentalpassagen, die Orgel steht für das kirchliche Moment und der Chor – ähnlich der antiken Tradition – ist dramatischer Bestandteil, der die Handlung vorantreibt und zugleich kommentiert. Diese Mainzer Inszenierung ist eine Übernahme vom **Staatstheater Oldenburg,** wo die Premiere 2012 stattfand.

Das barocke Bühnenbild nebst Kostümen (**Katharina Schlipf** und **Ursula Kudrna**) assoziiert die Epoche **Händels,** in der Opulenz und Vergnügen das vorherrschende Lebensgefühl waren, zumal am Hofe. ***Sauls*** Hofstaat lässt es sich gut gehen, gibt sich unter den kritischen Blicken des Königs zufrieden und saturiert. ***Saul,* Derrick Ballard** ist ein gefälliger Herrscher, thront wahrhaftig über allem auf einer Art goldenen Empore, die unter sich immer wieder den roten Vorhang lüftet und so zu einem handlungstragendes Element wird. Da kehrt **David** – wie es sich für einen Kriegsherrn gehört, als lebendes Reiterdenkmal – zurück und nichts wird mehr sein wie zuvor. Saul verkraftet den Erfolg des jungen **David** nicht, Neid zersetzt ihn, fatal wird es am Ende für das gesamte Gemeinwesen – den Staat.

![Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/saul_derrick-ballard-statisterie-alin-deleanu_andreas-etterneu.jpg "Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter")

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Die Auflösung der dünnen zivilisatorischen Schicht zeigt Regisseurin **Lydia Steier** sehr anschaulich: Die Wände, die Barockmöbel und Kissen, ehemals gepflegte Umgebung, werden demontiert und wie in einem kollektiven Rausch – und (leider) recht geräuschvoll – zerstört. Die Chormitglieder reißen sich die Perücken vom Kopf, entkleiden sich auch gegenseitig bis auf die Unterwäsche und legen dabei jedes standesgemäße Verhalten ab. Tatsächlich zwängen die barocken Kostüme das Individuum in ein „Korsett“, doch dieses steht im wahrsten Sinne für Haltung bzw. für das Erfassen der „*Kraft, die Kleidung verleihen kann...*“. (**Jil Sanders** prägnanter Ausspruch ist zwar auf das gegenwärtige mangelnde Bewusstsein und Wissen um Wirkung von Kleidung gemünzt, aber nichtsdestotrotz für alle Epochen gültig). Mit den entsorgten Kleidern gehen die Sitten über Bord: Die Moral ist kein gesellschaftlich einendes Band mehr. Am heftigsten bekommt das ***Sauls*** Sohn zu spüren, der Werte hochhält und einen Rest an äußerlicher Würde zu wahren versucht, für die Masse aber ein veritables Opfer und somit angreifbar wird. **Steven Ebel** ist ein berührender ***Jonathan,*** dessen Misshandlung durch den Chor einen Buhruf provozierte.

Am Ende ist ***Sauls*** Sippschaft tot, sein Neid auf ***David*** hat sie alle das Leben gekostet. Sauls Niedergang beginnt im Abstieg, d.h. beim Verlassen der Empore, die bei der Demontage einen blauen Container freigibt. Seine Kleidung weist ihn noch als König aus, aber sie wirkt deplatziert, sie kaschiert nur mühsam seine Gewaltbereitschaft und den Hass auf den Emporkömmling ***David,*** den das Volk verherrlicht. Für seine Töchter ***Merab*** – von **Marie-Christine Haase** intensiv gespielte Widerborstigkeit – und ***Michal*** führen ***Sauls*** Exzesse zu Desillusion und Verzweiflung.

![Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/saul_ensemble_c_andreas-etterneu.jpg "Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter")

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

***Michal,*** die zwar ihren **David** bekommt, aber letztlich nicht mit ihm ihr Glück erfahren wird, erhängt sich zuletzt im Container. Derweil nimmt ***David*** obenauf Platz. Ihr Tod – **Dorin Rahardja** gibt eine aus der Zeit gefallene Frau, ohne Hoffnung auf Hilfe – markiert eine neue, äußerlich zumindest wenig glanzvolle, Ära: ***Davids*** Thron ist ein weißer Plastikstuhl. Allerdings wird er nicht mehr wie Saul von den Neidfiguren gepiesackt – aber worauf sollte man auch neidisch sein?!

Aus dem opulenten Chor ist eine einheitliche Masse geworden: in dunklen Anzügen und mit schwarzen, streng wirkenden Brillen ausgestattet – man müsste eher von „bewaffnet“ reden, zu deutlich drücken sie die neue Macht und Zugehörigkeit aus. Eine Technokratie, die ihren Herrn im geschmeidigen ***David,*** von **Alin Deleanu** eher düster angelegt, gefunden hat. Es ist „moderner“, keineswegs besser geworden – im Gegenteil.

![Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/09/saul_derrick-ballard-steven-ebel-marie-christine-haase_andreas-etterneu.jpg "Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter")

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Die Musik behauptet unbedingt den Glauben an Besserung und an eine hoffnungsfrohe Zukunft, was das zupackende Dirigat von **Andreas Spering** nachdrücklich unterstreicht. Der Chor und Extrachor des **Staatstheater Mainz** unter der Führung von **Sebastian Hernandez-Laverny** leistet darstellerisch wie gesanglich herausragendes und erhielt großen Zuspruch vom Publikum. Dass sich in diesem Punkt, eine in sich schlüssige und gelungene Inszenierung nicht mit der Musik verbündet, ja übereinstimmt, ist ein kleiner Wehmutstropfen. **George Frideric Handel,** so sein Name auf dem englischen Einbürgerungsantrag von 1727, war sich der Virtuosität, Kraft und Wirkungsmacht seiner Musik sicher.

Weitere Mitwirkende sind **Alexander Spemann** (Hexe von Endor), **Georg Lickleder** (Samuel)**, Augustín Sánchez Arrelano** (Abner), **Dennis Sörös** (Bass im Terzett), Tänzer (Neidfiguren mit Hakennasen und Hörnchen auf den kahlen Schädeln) verkörpert von **David Krohn, Lászlo Nágy, Léonard Schindler, Carolina Völker** und **Miro Yilmaz** (Kind) und die Kinderstimme von Band gehört Florian Scholz, der ein Mitglied des Mainzer Domchors ist. Großer Applaus.

***Saul*** am **Staatstheater Mainz:**  Weitere Vorstellunstermine: 30.9.2017, 8.10.2017, 17.10.2017, 4.11.2017

\---| IOCO Kritik Staatstheater Mainz |---