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# Mainz, Staatstheater, LOHENGRIN – Richard Wagner, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/mainz-staatstheater-lohengrin-richard-wagner-ioco/
- Published: 2026-10-11T19:41:19.000Z
- Updated: 2026-10-11T19:41:19.000Z
- Description: Richard Wagners „Lohengrin“ am Staatstheater Mainz: Erik Raskopf setzt auf eine bildstarke, weitgehend werkgetreue Inszenierung. Corby Welch und Nadja Stefanoff glänzen in den Hauptrollen, während Gabriel Venzago mit dem Philharmonischen Staatsorchester für musikalische Höhepunkte sorgt.
- Author: Ingrid Freiberg
- Tags: Oper & Operette

***von Ingrid Freiberg***

Die erste Idee zur Oper kam **Wagner** 1842 in Paris. Durch eine Abhandlung von **C.T.L. Lucas** über den ***Sängerkrieg auf der Wartburg*** wurde er auch auf das ***Lohengrin-Epos*** und die damit verbundene ***Parzival-Dichtung*** von **Wolfram von Eschenbach** aufmerksam. Einzelne Züge des Werks entnahm **Wagner** auch anderen Quellen. So ist der Konflikt zwischen **Elsa** und **Ortrud** vor dem Münster dem Streit der beiden Königinnen im **Nibelungenlied** nachgebildet und das Frageverbot der griechischen Mythologie entliehen *(*Zeus, Semele*). *Lohengrin** ist eine romantische Oper. Die Uraufführung fand am 28\. August 1850 am **Großherzoglichen Hoftheater in Weimar**unter der Leitung von **Franz Liszt** statt.

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Lohengrin: Julija Vasiljeva, Nadja Stefanoff © Andreas Etter

***„Ein Wunder, ein Wunder!“***

Brabant steckt in einer Krise. Das Herzogtum soll sich einem weit entfernten Krieg anschließen, der Herzog ist tot und der Thronfolger ***Gottfried*** – noch ein Kind – verschwunden. Seine Schwester **Elsa** soll ihn ermordet haben. Da hilft nur eines: *„Ein Wunder, ein Wunder!“* Und das kommt in der ikonischen Gestalt des Schwanenritters ***Lohengrin***. Dieser verteidigt ***Elsa*** unter der Bedingung, dass sie ihn heirate und nicht nach seinem Namen und seiner Herkunft frage. ***Lohengrin*** bringt das utopisch Neue in die Gesellschaft, doch das politische Intrigenspiel lässt den Neubeginn scheitern. **Richard Wagner** schuf mit **Lohengrin** ein Werk, das zu immer neuen Deutungen anregt. Zwischen ätherischer *Gralsmusik* und militärischen Fanfaren bewegt sich **Wagners** revolutionäre Musik, die den vielschichtigen Text zu einem überwältigenden Gesamtkunstwerk macht, zu einem durchkomponierten Musikdrama. In ***Lohengrin*** sind große arien- und ensembleartige Fragmente enthalten, so zum Beispiel **Elsas** *„Traumerzählung“* und **Lohengrins** *„Gralserzählung“*, die an die Form der klassischen Soloarie erinnern.

***Furchtbares Geheimnis …***

Das Frageverbot ***Lohengrins*** übersetzt in aller Radikalität eine tiefe Sehnsucht nach Angenommensein in der Musikliteratur. **G**lücklicherweise hält sich **Erik Raskopf** (Inszenierung und Kostüme)**,** der schon ***Das schlaue Füchslein*** bildstark in Szene setzte, nicht daran.Er nimmt sich der mythologischen Sage an und spürt in tieferen Lagen unbeantworteten Fragen nach, findet in seiner fast werkgetreuen Interpretation aber auch Überraschungen, nimmt die Sehnsucht nach Machtanspruch auf, findet einvisuelles und ästhetisches Konzept in Abstimmung mit einem streng reduzierten Bühnenbild (**Christoph Schubiger**), das mit den historischen Kostümen ein unaufgeregtes Ganzes bildet, eine mittelalterliche Ästhetik, die die Handlung intensiviert. Der düstere Einheitsraum mit blauschwarzen Wänden, subsidiären nebligen Videoprojektionen (**Frederik Wollek**), ein sinnbildlich angeordneter Scherbenhaufen reißt nach **Elsas** Ruf *„Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein!“* das hintere Prospekt auf, ***Lohengrin*** betritt als Hoffnungsträger, flankiert von zwei maskierten Begleitern, deren Identität zunächst im Dunkeln bleibt, die absterbende Welt. **Raskopf** verzichtet weitgehend auf provokante Moderne und Gegenwartsbezüge.

***König Heinrich*** ist ausgelaugt, geht am Stock. In einem letzten Kraftakt will er das Land retten. ***Elsa*** trägt ein Geheimnis, ihr Vater, der ***Herzog von Brabant***, hat ihren Bruder ***Gottfried*** und sie missbraucht, was ihren Bruder zum Mörder werden ließ, als Wissensbürde mit sich. Sie sucht mit ihrer berühmten Frage ***Lohengrins*** Vertrauen zu erkunden, indem sie ihm dieses furchtbare Geheimnis anvertrauen will, um zu prüfen, ob er es bewahren kann. Ihr Entschluss verändert die Entwicklung der Liebesbeziehung. ***Elsa*** ist ganz und gar nicht die bemitleidenswerte, zurückgelassene Adelstochter, die nicht weiß, warum sie angeklagt wird, und ***Ortrud*** nicht nur die machtbesessene Manipulative, die ihren Gatten ***Friedrich von Telramund*** anstachelt, schlecht und bösartig, sondern ***Ortrud*** ist auch eine Liebende mit Sehnsüchten. **Gottfried* (*Elsas Bruder*)*,gespielt von **Lennard Simon**, kommt eine besondere Rolle zu: Als ***Lohengrin*** Brabant wieder verlässt, wird der Zauber ***Ortruds*** gebrochen. Von den beiden Wachen (mit Gesichtsschilden) entpuppt sich einer als der vermisste Bruder von ***Elsa***. Erwird als der neue rechtmäßige Herzog und Herrscher von Brabant gekrönt.

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Lohengrin: Nadja Stefanoff, Corby Welch © Andreas Etter

***Stimmgewalt und Bühnenpräsenz***

Für die Titelpartie des ***Lohengrin*** muss ein Sänger außergewöhnliche stimmliche und darstellerische Qualitäten mitbringen. Die Rolle steht an der Schwelle vom lyrischen zum heldenhaften Fach und gilt als eine der anspruchsvollsten Aufgaben für einen Tenor. **Corby Welch** hat trotz seiner Erfolge als Heldentenor seine lyrische Flexibilität und Leichtigkeit nicht verloren und erfüllt in dem *Tenor-Marathon* die *„Zärtlichkeit“* der Figur. Seine hervorragende Legato-Kultur mit Tragfähigkeit im Piano sind Schlüsselmomente *„Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“,* *„Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!“*und die *Gralserzählung „In fernem Land“,* der Höhepunkt der Oper, sind ein geheimnisvoller Lichtbringer mit perfekter Phrasierung und makelloser Gesangslinie, strahlend, glanzvoll - ohne hörbare Anstrengung. Eine weitere Glanzbesetzung ist **Nadja Stefanoff** als ***Elsa von Brabant***. Sie nimmt dieser Rolle mit darstellerischer Tiefe die weitverbreitete Süße, ohne dabei mit makelloser **Belcanto-Technik** die jugendliche Unschuld zu vernachlässigen. In *„Elsas Traum“* überzeugt ihre Stimmführung, die zu feinster Phrasierung, schwebenden Piani und lyrischem Legato fähig ist. **Stefanoff** verkörpert die dramatische Wandlung der ***Elsa*** glaubhaft. Zu Beginn steht sie als die zu Unrecht angeklagte, verträumte und fast kindlich-naive Jungfrau auf der Bühne. Im Verlauf der Oper entwickelt sie sich zu einer zutiefst zweifelnden, zerrissenen und letztlich starken, tragischen Frauenfigur, die an der unbeantworteten Frage nach der Identität ihres Retters zerbricht. Mit ihrer exzellenten Diktion, tiefen Nuancierung, rhythmischer und intonatorischer Präzision begeistert sie auch in den Ensembleszenen.

**Brett Carter** als ***Friedrich von Telramund*** bringt die stimmlichen, darstellerischen und psychologischen Qualitäten, die diese Partie erfordert, mit. Seine tragfähige Stimme mit einem metallischen Kern kommt trotz der geforderten Höhe ohne zu forcieren gegen das große Orchester an. **Carter** beherrscht das „Wort-Ton-Drama“, klagt an, flucht, tobt und verzweifelt. Trotz aller Härte und Kantigkeit gelingen ihm lyrische Momente „*Ich kenne dich als aller Tugend Preis, jetzt rede, dass der Drangsal Grund ich weiss“, er* findet zu einer fließenden Gesangslinie. Sein **Telramund** ist kein flacher Bösewicht, sondern eine zutiefst tragische und gebrochene Figur. Er stellt die Dynamik eines Mannes dar, der aus vermeintlicher Liebe in eine moralische Falle tappt. Mit *„Du fürchterliches Weib …“* glückt ihm der Übergang von blinder Wut über tiefe Scham bis hin zu absolutem Kontrollverlust und Unterwürfigkeit. Mit physischer Wucht ist er ein gefährlicher Gegenspieler zur Lichtgestalt ***Lohengrin***. Während die Sagenfiguren ***Lohengrin*** und ***Elsa*** schon im Mittelalter existierten, ist die Intrigantin ***Ortrud*** keine klassische Sagengestalt. **Wagner** erfand sie als heidnische Gegenspielerin, die die Handlung durch psychologische Manipulationen antreibt. Das ***Staatstheater Mainz, Opernhaus des Jahres,*** gewann mit **Julija Vasiljeva** eine Sängerin mit großem Stimmumfang und unverwechselbarem Timbre, ein Mezzosopran mitmühelos strahlender Höhe, aber auch profunder Tiefe und dramatischer Ausdruckskraft in allen Registern *"Entweihte Götter!", "Fahr heim!"*. Sie ist die intellektuelle und manipulative Drahtzieherin im Hintergrund, die die Schwachstellen ihrer Gegner\*innen bedrohlich ausnutzt. Das manipulierende Zwiegespräch mit ***Elsa*** täuscht Reue vor … **Vasiljeva** und **Stefanoff** bannen das Publikum. Bei Verbesserung ihrer Diktion, für eine Fremdsprachlerin bei **Wagners** Kunstsprache äußerst schwierig, wäre sie fast eine Idealbesetzung für die Rolle der ***Ortrud***.

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Lohengrin: Stephan Bootz, Tim-Lukas Reuter, Brett Carter, Julija Vasiljeva. Herrenchor © Andreas Etter 

**Stephan Bootz** als ***König Heinrich*** bringt inszenierungsbedingt ein sehr spezifisches Profil mit, gebrechlich und resigniert hat er eine starke szenische Wirkung. Seine Autorität, Würde und Herrschermacht ist merklich am Verblassen.Bereits zu Beginn mit *„Gott grüß euch, liebe Männer von Brabant!“* „*Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich. Was deutsches Land ist, stelle Kampfesscharen. Dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich.“* muss er gegen monumentale Choreinsätze und schmetternde Bühnenfanfaren ansingen. Dabei bleibt er in der Belcanto-Tradition des deutschen Fachs deklamatorisch sauber, mit kantablem Klang**.** Sein Bass hat ein tiefes, dunkles Fundament, das der phasenweise hoch liegenden Partie gewachsen ist. **Tim-Lukas Reuter** als ***Heerrufer des Königs*** ist der rote Faden im Geschehen: Er ist von zentraler Bedeutung, verkündet die Beschlüsse des Königs, ruft das Gottesgericht ein und leitet das Volk. Mit seinem hohen, flexiblen Bass kommt **Reuter** mit seinen Proklamationen über das Orchester, über die Fanfarenstöße *(die berühmten Heerhornbläser)* und gegen den großen Opernchor „*Hört! Grafen, Edle, Freie von Brabant!"* hinweg.

***Junge Sängerinnen und Sänger bekommen eine Bühne***

Das ***Staatstheater Mainz***, ***Opernhaus des Jahres***, gibt in dieser Produktion Sängerinnen und Sängern des ***Jungen Ensembles*** in Zusammenarbeit mit der ***Hochschule für Musik Mainz***, dem ***Peter-Cornelius-Konservatorium*** und der ***Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt*** eine Bühne. Die vier ***Edeldamen***, **Dohyun Lee*, *Jeeho Anja Park*, *Paula Maria Müller* und *Luisa Sagliano** verkörpern die **höfische Gesellschaft** von Brabant, dienen als Kontrapunkt zu den politischen Konflikten der Männer und bilden ein kleines, eigenständiges Ensemble. Es gelingt ihnen, sich mit ihren Stimmen vom großen Opernchor abzusetzen. Sie verleihen den Szenen rund um ***Elsa*** eine intime, weibliche und feierliche Atmosphäre. Auch die ***brabantischen Edlen***, **David Jakob Schläger**, **Nikolas Groth**, **Luis Gehrmann** und **Hyeongho Lee**, die lautstark Zweifel an der Herkunft von ***Lohengrin*** äußern und sich aufgestachelt von ***Telramund*** und ***Ortrud*** bereiterklären, sich gegen **Lohengrin** zu stellen, gewinnen. Ihre kriegerischen Einwürfe bringen Unruhe und dumpfes Misstrauen in das Volk, wodurch sich die dramatische Spannung vor dem großen Finale zuspitzt. Sie sind dafür verantwortlich, das *„Recht des Friedens“* am Kampfring mit ihren Speeren physisch zu sichern. Sie beeindrucken gut aufeinander abgestimmt und ausbalanciert.

***Tragende Säule der Aufführung***

Aufgrund der kompetenten Einstudierung, der notwendigen Chorstärke und dem erarbeiteten ausgezeichneten Zusammenspiel wird der *Chor und Extrachor des Staatstheaters Mainz* unter der Leitungdes *Chorleiters* Sebastian Hernandez-Laverny - mit wenigen Abstrichen – der Herausforderung (80 % Bühnenpräsenz) von Wagners großer Choroper stimmlich wie darstellerisch gerecht und ist eine tragende Säule der Aufführung.

***Das Orchester gewinnt durch Balance***

Schon das Vorspiel zum 1\. Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie **Wagners**: *„Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt(...) für mich ist es ein Meisterwerk.“* (**Hector Berlioz**).

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Lohengrin: Nadja Stefanoff, Julija Vasiljeva © Andreas Etter

Das ***Philharmonische Staatsorchester Mainz*** unter der ***musikalischen Leitung*** von **Gabriel Venzago** lässt die mystische *Grals-Atmosphäre* in blau-silberner Schönheit aufleuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten Piani bis zum überschwänglichen Höhepunkt des **Grals-Themas**. Lyrische Streicherklänge, warmes Holz, rundes strahlkräftiges Blech und wohlklingende Klangmischungen lassen das Orchester aufblühen, erfolgreich im berühmten Vorspiel zum 1\. Akt, dem extrem hohen Streichersatz (A-Dur), der makelloses *Pianissimo* einfordert. Die gewaltigen Fanfaren und die Blechbläser hinter und abseits der Bühne überzeugen mit Präzision. Das berühmte *Frageverbot* wird klar herausgearbeitet. Das exakte Austarieren der Lautstärke zwischen dem wuchtigen Chorklang, den Solisten und dem Orchester gewinnt durch Balance.

Fußnote***:* Charlie Chaplin**verwendet das Vorspiel von **Wagners Lohengrin** als Untermalung von zwei berühmten Szenen in seinem Film ***Der große Diktator*** (1940), wenn der **Diktator Hynkel** mit der Weltkugel tanzt, und bei der Schlussansprache des (ebenfalls von Chaplin verkörperten) Friseurs. Beim Tanz mit der Weltkugel bricht die Ouvertüre unvermittelt vor dem Höhepunkt ab, und der Weltkugel-Ballon zerplatzt. Bei der Schlussansprache hingegen erreicht die Ouvertüre ihren Höhepunkt und kommt zu einem musikalisch befriedigenden Abschluss.

Während die Musik und das Ensemble beim Schlussapplaus begeistert gefeiert wird, gab es für das Regieteam vereinzelte Buhrufe.

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.staatstheater-mainz.com/veranstaltungen/oper-26-27/lohengrin?ref=ioco.de)