> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Lyon, Opéra de Lyon, Tosca - Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 26.1.2020
- URL: https://www.ioco.de/lyon-opera-de-lyon-tosca-giacomo-puccini-ioco-kritik-26-1-2020/
- Published: 2020-01-25T14:00:49.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:01:02.000Z
- Author: Ingrid Freiberg
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Kritiken, Lyon

![Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/operaarchitecturefacade21_copyrightstoflethneu.jpg)

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

[**Opéra de Lyon**](https://www.opera-lyon.com/fr?ref=ioco.de)

#   ***Tosca -* Giacomo Puccini**

##   **\- Über das Leben einer gealterten Opern-Heroine -**

von **Ingrid Freiberg**

 ***Opéra de Lyon - Eine herausfordernde Architektur*** 

In der ***Opéra de Lyon*** bekommen die Besucher hautnah zu spüren, was das konkret bedeutet. Die Farbe Schwarz dominiert das 1993 von **Jean Nouvel** komplett entkernte und im Innern neu gestaltete Theater. Die Decken im Eingangsbereich und in den oberen Ebenen sind niedrig, Wände und Fußböden bestehen vorzugsweise aus schwarzem Metall, was zu verwirrenden Spiegelungen führt. Der Besucher läuft über Lochbleche, die beim Betreten bedrohlich schwanken. Es folgt ein Orientieren über Rolltreppen im Halbdunkel, relingartige Geländer bieten eine gewisse Sicherheit. Oben angekommen erwarten den Gast Vorräume in knalligem Rot, einer Farbe, die waghalsige Interpretationen zulässt. Komplett in Schwarz gehalten ist wieder der Zuschauerraum mit seinen sechs Rängen. Auch hier wurde viel Metall verbaut. Die Bestuhlung, getrennt durch Metallgeländer, die mit kleinen Lichtspots ausgestattet sind, ist stylisch, hart und kantig. In der ***Opéra de Lyon*** wird das Sehen und Gesehenwerden radikal unterbunden. Das kleine Foyer, das in seiner prächtigen Ornamentik erhalten blieb, wirkt fast wie ein Fremdkörper. **Jean Nouvel** ist es hier gelungen, die Aufmerksamkeit ganz auf das Bühnengeschehen zu lenken – ein Geniestreich, bei dem die Frage aufkommt, warum niemand zuvor mit einer derartigen Architektur der darstellenden Kunst Form gab...

![Opéra de Lyon / Tosca hier Catherine Malfitano als alternde Opern-Heroine  © Jean Louis Fernandez](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/tosca-1-neu.jpg)

Opéra de Lyon / Tosca hier Catherine Malfitano als alternde Opern-Heroine © Jean Louis Fernandez

***Vielbeachtete Regiekonzeption***

**Serge Dorny**, Intendant seit 2003, nun auf dem Weg an die **Bayerische Staatsoper** nach München, hat die Lokalpolitik hinter sich. 20 Prozent ihres jährlichen Budgets gibt Lyon für den Kulturbereich aus, für Musik, Museen, Bühnen und Bibliotheken. Das erlaubt, ja geradezu erfordert, die ungewöhnliche Regiekonzeption von **Christophe Honoré**: ***Tosca*** von **Giacomo Puccini** wird seit 1903 - nach der Pariser Premiere in der ***Opéra-Comique*** \- als heftige und zutiefst erschütternde Geschichte, als Musikthriller, aufgeführt, mit weltberühmten Arien wie *,,Vissi d'arte"* ***(Tosca)***, *„E lucevan le stelle" *(Cavaradossi)** und *„Ha più forte sapore“ *(Scarpia)**. So oft, dass das Geschehen über Folter, Tod, Lüge und Heuchelei Opernbesuchern hinlänglich bekannt ist, und hier auf eine genaue Wiedergabe verzichtet werden kann. **Honoré** inszeniert seine ***Tosca*** rund um die Figur einer gealterten Opern-Heroin, die **Catherine Malfitano** verkörpert. Die Sängerin feierte eine lange und schillernde Karriere als ***Tosca.*** Als Sängerin, die sich von der Opernbühne zurückgezogen hat, lädt sie im 1\. Akt junge Sänger zu sich in ihren privaten Salon ein, um mit ihnen zu proben. Zumeist unterstützend versucht sie einzugreifen, manchmal aber auch dominant und störend.

Nach Probenphase und Durchlaufprobe verselbständigen sich im 2\. Akt die Prozesse auf bedrohliche Weise. Die Welt der Künstler versinkt in einer skandalumwitterten Tragödie, die von sexueller Gewalt, Macht und Tod geprägt ist. ***Tosca*** muss mit anhören, wie im Nebenzimmer ihr ***Mario*** gefoltert wird. Immer wieder dringen seine Schmerzensschreie zu ihr, bis sie zusammenbricht und ***Scarpia*** gesteht: ***Angelotti*** hält sich im Brunnen von ***Cavaradossis*** Villa versteckt... In tiefer Verzweiflung singt sie ihren berühmten Monolog *„Vissi d’arte“:* *Ich lebte für die Kunst, lebte für die Liebe, tat keinem Lebewesen was zuleide! Mit diskreter Hand habe ich, wo ich Elend sah, geholfen. Warum, warum, o Herr dankst du mir das so?“* Im 3\. Akt führen die Nachwuchskünstler zu Ehren von ***La Prima Donna*** eine Gala auf: Die Oper ***Tosca*** als konzertante Aufführung. Unerwartet sitzt das Orchester auf der Bühne, ***Cavaradossi*** trägt einen Frack und singt *„E lucevan le stelle...: Und es leuchteten die Sterne, und es duftete die Erde … es knarrte die Gartentür und Schritte streiften über den Sand. Sie trat ein, duftend, sank mir in die Arme. Oh! Süsse Küsse... Für immer ist mein Liebestraum verflogen ... Die Stunde ist vorbei und ich sterbe verzweifelt!“* Die ***beiden Toscas*** zeigen sich in atemberaubenden Konzertroben. Ein Modell des ***Château Saint-Ange Rome*** wird an die Wand projiziert... Ein Blumenmeer, von Musikern hereingetragen, das an die Trauer über den Tod von Prinzessin Diana erinnert, kündigt die Erschießung ***Cavaradossis*** an. In einem letzten Aufbäumen schreit ***Tosca***: *„Sarpia – wir sehen uns vor Gott!“* Danach sinken beide Interpretinnen entleibt nieder...

![Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/tosca-jeanlouisfernandez-neu.jpg)

Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez

***Eifersucht, Misstrauen und Begierde***

Das alles zusammen schafft Konflikte in den menschlichen Beziehungen: Eifersucht, Misstrauen, Begierde - die Themen des Librettos. Das Unveränderliche des Werks vermischt sich mit der Wirklichkeit der jungen Künstler. Die Beziehungen, die sie zueinander entwickeln, verwachsen mit den Beziehungen zwischen den Figuren. Dem Regisseur geht es darum, das Klischee einer Diva zu erschüttern, um sie subtiler und menschlicher zeichnen zu können. Seine ***„beiden Toscas“*** bringt er auf unterschiedliche Weise zur Geltung. Für die eine ist es ein Rollendebüt, für die andere war ***Tosca*** einer der Glanzpunkte ihrer Karriere. Die Ausleuchtung der beiden Figuren ist für **Honoré** essentiell.

***Bewegte Bilder erinnern an unvergessene Tosca-Aufführungen***

Der Regisseur setzt immer wieder Videos ein. Dank umfangreichem Archivmaterial lässt er und **Baptiste Klein** die Vergangenheit sprechen: Bewegte Bilder erinnern an Stimmen, ohne sie hören zu müssen. Unterstützt wird die Wirkung durch zwei Handkameras, die mit Großaufnahmen gekonnt das umwerfende Charisma von **Catherine Malfitano** einfangen, Proben und Ablauf filmen. Erstaunlicherweise gelingt es **Christophe Honoré** trotz szenischer Wiederholungen im 1\. Akt und Videoüberfrachtung im 2\. Akt ein überzeugendes Kammerspiel, eine minutiöse Verzahnung von Text und illustrierter Musik auf die Bühne zu bringen. **Alban Ho Van *(Bühnenbild)*** gestaltet die verschiedenen Räume des Wohnsitzes von ***La Prima Donna*** liebevoll plüschig, mit zahlreichen Erinnerungen wie Bühnenkleider und -kostüme, Accessoires, Porträts, Fotoalben. Es ist eine Verehrungsstätte ihrer großen Karriere, in der sich die nachfolgende Sängergeneration ungefragt bewegen muss. Spielstätten wie die Kirche, der Palazzo Farnese und die Engelsburg entfallen. Es bleibt nur der von ihr zur Verfügung gestellte begrenzte Probenraum. **Die *Kostüme*** von **Olivier Bériot** decken das gesamte Spektrum des Spiels im Spiel ab und unterstützen das Verstehen des Tathergangs. Im 1\. Akt treten die ausgewählten Talente in üblicher Probenkleidung auf. Erst im 2\. Akt darf die junge ***Tosca*** das nachempfundene rote Kleid der **Callas** tragen und erst im 3\. Akt in einer festlichen Robe glänzen. Nur ***La Prima Donna*** ist stets außergewöhnlich und dem Anlass entsprechend gekleidet. **Die auf der Bühne geführten Handkameras,** als optisches Hilfsmittel für die Reflexioneingesetzt, agieren sensibel und wirkungsvoll. Die ***Lichtregie*** von **Dominique Bruguière** zeigt besonders im 2\. Akt, dass die Probensituation mit der inneren Struktur des Dramas vereinbart werden kann.

**Elena Guseva** verkörpert die junge ***Floria Tosca***. Trotz des Regiekonzepts gelingt es ihr, sich voll und ganz auf die exquisite Schönheit ihrer Stimme zu konzentrieren. Sie ist wunderbar strömend, den Sog dieser Musik aufs Schönste evozierend. Beeindruckend sind auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. **Guseva** wird sich in die Reihe der berühmten *„*Tosca*\-Interpretinnen“* einreihen. Ein wahrer Glücksfall und eine Bereicherung ist **Catherine Malfitano** als ***La Prima Donna*.** Ohne sie hätte **Christophe Honoré** seinen Geistesfunken *„der beiden Diven“* nicht realisieren können. **La Malfitano** verfügt über eine fesselnde Bühnenpräsenz. Auch, wenn ihr Gesang teilweise durch eigene Einspielungen unterstützt wird, zu denen sie ihre Lippen bewegt, versteht sie ihrer Nachfolgerin glaubhaft zu demonstrieren, wie sie aus ihrer Rolle mehr Sinnlichkeit und Stimme schöpfen kann. Einer der Höhepunkte des Abends: Zu Beginn des 3\. Aktes erscheint sie aus dem prunkvollen Foyer, stellt die dramatische Erschießungsszene an einem hölzernen Modell nach, stimmt die schlichte Hirtenweise *„Io de‘ sospiri“*  an und betritt, weiterhin von Kamera-Großaufnahmen theatralisch begleitet, die Bühne.

![Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/tosca-jeanlouisfernandez-neuneu.jpg)

Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez

**Massimo Giordano** ist als ***Cavaradossi*** sowohl Partner der alternden Diva als auch der jungen „Gesangsschülerin“ und benötigt Anlauf, um seine Linie zu finden. Seine jugendliche Tenorstimme beginnt *„E lucevan le stelle“* fast tonlos... ist aber gefühlsbetont, beinahe liedhaft zart mit fein gesetzten Piani. Mehr und mehr gewinnt er an Kontur und überzeugt mit tenoreskem Schmelz und strahlendem Klang. **Alexey Markov** ist ein animalischer, sadistischer ***Baron Scarpia*** von erschreckender Kälte, kompromisslos und manipulativ. Er beeindruckt mit seiner sonoren, mephistophelisch bedrohlich klingenden Bariton-Stimme, die Ausschweifungen und Gewalt drastisch beschreibt. Leider verliert der Kampf zwischen ***Tosca*** und ***Scarpia*** ein wenig an Dramatik: Fächer, Passierschein und Dolch werden zwar ausgespielt, reichen aber trotz stimmlicher Höchstleistung nicht aus, um Wolllust und Ekel vollumfänglich wiederzugeben. Die „Probenkonzeption“ **Honorés** lässt auch **Simon Shibambu** *(*Cesare Angelotti)** **, Leonardo Galeazzi** ***(Mesner),*** **Jean-Gabriel Saint-Martin** ***(Sciarrone),* Michael Smallwood** ***(Spoletta)*** sowie ***Scarpias*** Schargen **Virgile Ancely** ***(Gefängniswärter)*** und **Jean-Frédéric Lemoues** ***(Bediensteter)*** nicht voll brillieren. Sie sitzen, wenn sie nicht agieren, sichtbar an Tischen in den Nebenzimmern der Villa, unterhalten sich, essen und trinken. Kommen sie zum Einsatz, nehmen sie ihre Notenständer und singen unter den wachsamen Augen von ***La Prima Donna*** ihre Rollen. Ergreifende Darstellungen, eine verzweifelt gespielte Flucht, Schlitzohrigkeit und Spielfreude müssen unterbleiben.

***Gotteslob als Anbetung einer Diva***

Das fantastische ***Te Deum*** ist eines der Beispiele, wie sich **Puccini** in die Arbeit an seiner Oper vertiefte: Er studierte die Melodie des ***gregorianischen Te Deum*** nach römischem Ritual, um möglichst viel Authentizität in seine römische Oper zu bekommen. Beim ***Lyoner Opernchor*** unter der Leitung von Chordirektor **Hugo Peraldo** ist das Gotteslob die Anbetung einer Diva. Der Chor trägt ein Plakat, das **Catherine** **Malfitano** als ***Tosca*** zeigt, und bittet sein Idol um Autogramme. Er beeindruckt mit tragischer Dichte und klanglicher Schönheit.

Das ***Orchestre de L’Opéra de Lyon*** *unter der *Musikalischen Leitung* des jungen* **Daniele Rustioni**, seit September Chefdirigent, spielt eine der Hauptrollen an diesem Abend. Bisweilen mit großem Tempo, aber auf jede Nuance achtend, entfaltet es Ausdruckskraft und Genauigkeit. Die Musiker zeigen sich in Bestform: Einem schön grundierenden satten Streicherklang stehen das Blech und die Hörner gegenüber, die geschmeidig wirken. Die feineren Zwischentöne bei den Arien „*Vissi d’arte“* und „*E lucevan le stelle“* werden wohltuend moduliert. Der Horn-Choral zu Beginn des 3\. Aktes, das berüchtigte Cello-Quartett vor ***Cavaradossis*** Sternenarie und die Soloklarinette leuchten auf.

Die Aufführung bewegt und ist nach einigem Nachdenken ein gelungener Kommentar zur ursprünglichen Opernform. Es gab viel Jubel vom Premierenpublikum und Standing Ovations.

Für Künstler und geladene Gäste fand im Souterrain des Theaters, im multifunktionalen Amphitheater, genannt Auditorium, eine Premierenfeier statt. Dabei gab es – neben einem köstlichen Buffet und Getränken – ausreichend Gelegenheit, sich mit den Künstlern zu unterhalten. Von **Catherine** **Malfitano** erfreute mich mit einen persönlichen Autogramm...

\---| IOCO Kritik Opéra de Lyon |---