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# London, Royal Opera House, Carmen - Georges Bizet, IOCO Kritik, 29.07.2019
- URL: https://www.ioco.de/london-royal-opera-house-carmen-georges-bizet-ioco-kritik-29-07-2019/
- Published: 2019-07-28T07:00:54.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:56:46.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Oper & Operette, Kritiken, London

![ Royal Opera House London ( links hinten die Paul Hamlyn Hall) © Royal Opera House](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/07/royal-opera-house-exterior-credit-roh-2012neu.jpg)

Royal Opera House London ( links hinten die Paul Hamlyn Hall) © Royal Opera House

[Royal Opera House](http://www.roh.org.uk/?ref=ioco.de)

# **Carmen** **\- Georges Bizet**

***Von Viva schreienden Todesmasken umgeben sinkt Carmen nieder ...***

von **Peter M. Peters**

Wer ist **Carmen** \- wo kommt sie her? Wenn man sich näher mit ihr beschäftigt,erkennt man die ganze Komplexität der Gestalt. **Carmen** \- lateinisch: Lied, Zauber. Mag sein, doch **Carmen** ist auch ein ganz üblicher Vorname in Spanien; jedoch etymologisch wird er abgeleitet von ... *Virgen del Carmen... der Jungfrau vom Berge Karmel* in Palästina. Der Karmeliten-Orden verinnerlicht diesen Mzthos.. Die religiöse Mystik (Teresa de Avila 1515-1582, Juan de Cruz 1542-1591) und die populären Erzählungen haben über Jahrhunderte geholfen den Mythos ***Carmen*** zu verbreitern.

**Carmen *\-* Insights into the ROH production**youtube Trailer des Rozal Opera House **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

***Carmen -*** die nach Freiheit sehnende Frau, Verführerin und Zauberin, ward geboren. Unser Dichter **Prosper Mérimée** hat in seiner Novelle alle diese Überlieferungen geschickt verarbeitet. Leider sind die Opernlibrettos nicht immer auf der gleichen Höhe wie das Original, und somit hat der australische Regisseur **Barrie Kosky** die oft seichten und versüßten gesprochenen Dialoge von **Henri Meilhac** und Ludovic Halévy radikal gestrichen. Dafür wurde der wunderbare Text von **Mérimée** in Auszügen von einer weiblichen Off-Stimme gelesen und bereicherten im **Royal Opera House** so Spiel und Darstellung.. Im Einklang mit der genialen Komposition von **Georges Bizet,** wurde großes Welttheater inszeniert:

Schon in der Ouvertüre zeigt sich eine über die gesamte Bühne verbreitete Treppe; sie wird bis zum Ende das einzige Dekorationsobjekt bleiben. Am Fuße der Treppe erscheint eine Gestalt die mit tänzelnden leichten Schritten auf und ab geht. ***Carmen*** in einem Torerokostüm, ist umgeben von wilden, brünstigen Männern, die Stieren gleich wütend und gierig in Angriffsstellung auf sie warten. Es ist eine getanzte wilde Orgie, unterbrochen nur durch Peitschenknalle der männerzähmenden Torerofrau. Das 20\. Jahrhundert hat unseren Carmen-Mythos übernommen und erweitert in Form von Frauen-Emanzipation und Frauen-Rechten.

![Royal Opera House, / Carmen - hier : Ensemble © Bill Cooper](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/157-carmen-production-image-c-roh-2019-photo-by-bill-cooper_150.jpg)

Royal Opera House, / Carmen - hier : Ensemble © Bill Cooper

Ohne weitere Inhaltsangaben zu **Carmen**  (jeder Musikfreund kennt das Werk bestens) gehen wir auf den Spuren von **Barrie Kosky:** Mit überwältigenden Massenszenen (Chöre und Tänzer) sind wir mitten im Geschehen. Auf der obersten Treppenstufe erscheint eine von Spotlight bestrahlte Schimpansenfigur, die von der Menge frenetisch umjubelt wird; die sich sogleich als **Carmen** entpuppt. Sie steigt langsam jeden Schritt messend die Treppe herunter und knistert vor Erotik, indem sie ihre weiblichen Reize in dem körpernahen Anzug schwer verbergen kann. Mit.. *amour est un oiseau rebelle ..*.hat sie die Inkarnation vollbracht: Superstar in einer Music-Hall-Show. In unseren Gedanken geht die Verwandlung weiter: **Folies Bergère, Ziegfeld Follies, Moulin Rouge, Marlene Dietrich** (*Blonde Venus*), **Seeräuber-Jenny** **( Dreigroschenoper),** Carmen Jones, und...und...

![Royal Opera House, / Carmen - Anaïk-Morel als Carmen © Bill-Cooper](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/001-Ana%C3%AFk-Morel-as-Carmen-C-ROH-2019-Photo-by-Bill-Cooper_150_2.jpg)

Royal Opera House, / Carmen - Anaïk-Morel als Carmen © Bill-Cooper

Der Schwerpunkt dieser Produktion ist die gewaltige Treppe, die einerseits Music-Hall-Atmosphäre und andererseits griechisches Theater inspiriert; dazu ***Carmen, Escamillo*** und gewissermaßen **Don José.** Nicht zu vergessen Chor und Tänzer, die in einem rasantem Tempo mit gewaltigen vulkanartigen Strömen alles mit sich fort- und niederreißen. Wie in der antiken Tragödie wird Rhythmus und Ablauf von ihnen bestimmt, nicht zuletzt wenn am Ende ihre Gesichter von Todesmasken verdeckt werden. Die restlichen Rollen der Oper, einschließlich **Micaëla** und (auch) **Don José** werden nicht vergessen aber erscheinen uns unwichtiger.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/157-carmen-production-image-c-roh-2019-photo-by-bill-cooper_150.jpg)

Royal Opera House / Carmen - hier : Ensemble © Bill Cooper

**Don José** ist im **ROH** ein guter gehorsamer Junge, weichlich und schwächlich - immer etwas Muttersöhnchen geblieben; er zeigt nur einmal Kraft und Zorn bei der Tötung seiner Geliebten. Aber auch dort greift er mit seiner Tat nicht direkt in das Geschehen ein; denn **Carmen, d**ie Allwissende hat alles vorbestimmt. Der zweite große Superstar ***Escamillo*** schreitet wie ein Crooner, man denkt an Frankie-Boy; wenn er gockelhaft die große Treppe hinunterstelzt:... *Votre toast, je peux vous le rendre..*..umgeben von einem Schwarm Torero-Frauen, die ihn gierig ergreifen wollen. Unten erwartet ihn ***Carmen,*** in großem Festkleid, übrigens das erste Mal in einem Kleid! Mit ***Escamillo*** fühlt sie sich auf gleicher Ebene, das Kräfteverhältnis ist etabliert; so kann sie das Mannweib abstreifen. Gleichzeitig besiegelt sie aber auch ihr eigenes Ende.

Die Musik weist im grossen Finale das Nahen des Todes an! Gleich einer antiken Priesterin schreitet ***Carmen*** verhüllt in einem weißen Kleid, mit eine riesigen, treppen-verdeckenden Schleppe die Stufen hinab zum Opferaltar. Eine unnahbare Schöne erwartet den Todesstoß, so wie der stolze Stier in der Arena .. *Voyez! Victoire!..*.Umgeben von .*Viva.* schreienden Todesmasken sinkt sie nieder. Vielleicht das Beeindruckendeste der ganzen Show:dieses meisterhafte Pendeln von **Barrie Kosky** zwischen Mythe und Wahrheit, Tradition und Moderne, Liebe und Tod, Music-Hall und griechischer Tragödie.

Für den Besucher des **ROH** ist diese ***Carmen*** großes zeitloses Lebenstheater. Musikalisch ist die Partition natürlich nicht angegriffen; alle Nummern sind von der jeweiligen Person nach Anweisung des Komponisten interpretiert; so begeistert, erfasst die gesamte Inszenierung in starkem musikalischen Ausdruck.

Das Solistenensemble hat leider nicht immer überzeugt, jedoch die großen Stars des Abends ueberzeugten: Chöre und Tänzer! Ein Extra-Lob dem Chordirektor **William Spaulding** und dem Choreographen **Otto Pichler,** Harmonie und Ausgewogenheit zwischen Choristen, Tänzern und Solisten verband sich nahtlos mit der anspruchsvollen Inszenierung. Desgleichen das Orchester mit Dirigent **Christopher Willis,** der mit viel Feingefühl diese verschiedenen Komponente harmonisch in die Produktion einflochtete.

**Anaïk Morel,** die französische Mezzo-Sopranisten überzeugt als ***Carmen*** in allen Registern mit ihrer tiefen samtweichen sensuellen und erotischen Stimme, die nie ins vulgäre abflacht. Gleich in der ersten **Habanera:** *...amour est un oiseau rebelle..*.zeigt die Stimme diesen unverwechselbaren verführerischen ***Carmen-***Scharm, desgleichen die Seguedille ....*Près des remparts de Séville..*.. In dem Chanson ***Bohême:*** *....Les tringles des sistres....* girrt sie wie ein Paradiesvogel von Lust, Leben und Freiheit.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/07/729-carmen-production-image-roh-2019-photo-by-bill-cooper_150.jpg)

Royal Opera House / Carmen - hier : Ensemble © Bill Cooper

Der polnische Tenor **Arnold Rutkowski** hat   **Don José** gesanglich leider nicht überzeugt, doch vom schauspielerischem brachte er such ideal in die Produktion ein. Vielleicht war er indisponiert, doch an diesem Abend war seine schmale Stimme kein Ohrenschmaus. Die berühmte Blumenarie .*.. La fleur que tu m;avais jetée* ...fehlte Projektion und Schönheit und die Stimme klang nicht im großen Saal des **Royal Opera House.** Der Applaus war kaerglich.

Die beste gesangliche Leistung brachte vielleicht die amerikanische Sopranisten **Ailyn Pérez** als **Micaëla** mit. Ihr wunderschöner Sopran klang natürlich und geschmeidig, in den Höhen niemals klirrend; keinerlei Effekthascherei wurde bemerkt. Die beiden Szenen.*.. Oui, je parlerai*.. und ...*Sa mère, il la revoit!..*..mit den Arien ...*est des contrebandiers le refuge ordinaire.*....und *Mais j;ai beau faire la vaillante.* .. sind in atemberaubender Schönheit und Vollkommenheit interpretiert.

Der neu-seeländische Bariton **Phillip Rhodes** als ***Escamillo*** sang mit einer soliden Stimme, liess aber die dazu gehörige Dreistigkeit, Festigkeit und Männlichkeit vermissen. Die wohlbekannte Bravour-Arie *(Air du toréador*): .*..Votre toast... je peux vous le rendre...* fehlte der nötige Schwung um die großen Schwärme von verliebten Frauen zu begeistern. Man glaubte ihm nicht! Die anderen Klein-und Nebenrollen sind adäquat besetzt. Hervoryuheben ist **Jacquelyn Stucker** als **Frasquita** und **Hongni Wu** als **Mercédès*,* die zusammen mit **Carmen** das wunderbare Trio des cartes .. *Mêlons! Coupons....*; interpretierten.

Regisseur **Barrie Kosky,** an der **Komischen Oper Berlin** seit 2012 als erfolgreicher Regisseur und langjaehriger Intendant etabliert, momentanes Enfant terrible der Regie. Seine Inszenierung der Zauberflöte an der Komischen Oper Berlin wird weltweit gespielt und hat überall Begeisterungsstürme von Presse und Publikum erhalten.

Somit ist dennoch an einem schwülen und seichten Londoner Sommerabend ein bemerkenswerter und belebender Opernabend zu Ende gegangen.

# **Royal Opera House - Covent Garden**

Das geschichtsträchtige **Royal Opera House (ROH) in Covent Garden,** im Zentrum Londons, ergreift seine Besucher durch seine klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „*englische“* Atmosphäre. 1732 als **Theatre Royal** eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte Bau des **ROH** wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von **Georg Friedrich Händel** – englisch **George Frederick Handel** \- aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des **ROH** fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik, wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater.

# [**Mehr zum Royal Opera House / folge diesem link HIER**](https://ioco.de/2018/07/11/london-royal-opera-house-lohengrin-richard-wagner-ioco-kritik-11-07-2018/?ref=ioco.de)

\---| IOCO Kritik Royal Opera House |---