> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# LOHENGRIN - Ein Schwanenritter für alle Fälle, Teil 5, IOCO Essay, 21.02.2022
- URL: https://www.ioco.de/lohengrin-ein-schwanenritter-fur-alle-falle-teil-5-ioco-essay-21-02-2022/
- Published: 2022-02-21T07:00:01.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:09:19.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Rigoletto, giuseppe verdi, Verdi

![LOHENGRIN - Gemälde von August von Heckel © Wikimedia Commons](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/12/august-von-heckel-lohengrin-foto-wiki-neu.jpg)

LOHENGRIN - Gemälde von August von Heckel © Wikimedia Commons

# ***LOHENGRIN: Ein Schwanenritter für alle Fälle***

[**Bereits erschienen: Teil 1 - Der Ritter mit dem Schwan - eine mittelalterliche Legende - link HIER!**](https://www.ioco.de/2021/11/22/lohengrin-ein-schwanenritter-fur-alle-falle-ioco-essay-22-11-2021/)

[ **Teil 2 - Schwanenmythen - link HIER!**](https://www.ioco.de/2021/12/06/lohengrin-ein-schwanenritter-fur-alle-falle-teil-2-ioco-essay-06-12-2021/)

[***Teil 3 - Die verhinderte Hochzeit - link HIER!***](https://ioco.de/2021/12/23/lohengrin-ein-schwanenritter-fur-alle-falle-teil-3-ioco-essay23-12-2021/?ref=ioco.de)

[***Teil 4 - Der Abschied vom Schwan oder das Lied des Exils - link HIER!***](https://www.ioco.de/2022/01/14/lohengrin-ein-schwanenritter-fur-alle-falle-teil-4-ioco-essay-14-01-2022/)

# **Teil 5 - ORTRUD - eine politische Frau**

**von Peter Michael Peters**

![Richard Wagner Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/richard-wagner-foto-ioconeuneu2018.jpg)

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

An der Oberfläche ist ***Ortrud***, die ihr Ehemann ***Telramund*** dem ***König Heinrich*** feierlich als die letzte „*Erbin* *Rabolds, eines geheimnisvollen friesischen Prinzengeschlecht“* vorstellt, bevor er seine Klage gegen ***Elsa von Brabant*** formuliert, genau der Typ von Hexe die man in allen Märchen und Fabeln begegnet. Das schreckliche Gegenteil des unschuldigen jungen Mädchens, das sie verfolgte: Eine Art böse Königin in ***Schneewittchen***! Dieser Gegensatz zwischen dem unschuldigen jungen Mädchen und der schuldigen Frau besteht in allen Kulturen, heidnisch, bevor sie christlich wird (und Teil der goldenen Legende ist), findet man sowohl im Norden als auch im Süden. So sehr, dass der Kampf zwischen der schuldigen ***Klytemnestra*** und ***Elektra***, der so gefährlich Reinen*,* als eine typische Erscheinung ihrer Varianten zu sehen ist. Die bürgerliche Aufklärung wird mit **Samuel Richardson** (1689-1761), **Gotthold Ephraim Lessing** (1729-1781) und **Pierre Choderlos de Laclos** (1741-1803) den Kontrast zwischen der angemessenen Haltung einer jungen Bürgerin und dem libertinen Charakter einer Adelsfrau zu ermessen. Bei **Lessing** z.B. ist die ***Marwood*** die extreme Gegenseite der sehr tugendhaften ***Miss Sara*** ***Sampson*** (1755).

Die deutsche Romantik wusste, wie man alle diese Faktoren ausnutzt: Von der Teufelin bis zur Heiligen! Die Natürlichkeit des jungen Mädchens wie die Artefakte einer korrupten galanten Frau. **Heinrich von Kleist** (1777-1811) verwendet in ***Das Käthchen von Heilbronn*** (1810) sehr bewusst diese Eigenschaften, fast mit einem unerträglichen Zynismus. Es wäre schwierig, naiver und unschuldiger zu leben als ***Käthchen*** und auch schwieriger, schurkischer und falscher zu sein als die bösartige ***Kunigunde***. Es war eine Oper, noch bevor Musik hinzugefügt wurde! Der ehrgeizige, schwerkranke **Carl Maria von Weber** (1786-1826) hatte hohe Erwartungen an das Libretto von **Helmine von Chézy** (1783-1856), um das sich **Franz Schubert** (1797-1828) bereits vergeblich gekümmert hatte. ***Euryanthe***, 1823 an der Wiener Oper uraufgeführt, will eine Verschmelzung romantischer Klischees sein, die der Treue der Ritter bis zum Verrat der Höflinge, der Reinheit bis zur Verleumdung, der heidnischen Verzauberung bis zum christlichen Glaubens entgegenwirken. Natürlich ist es Unschuld und Loyalität, die triumphieren! Die Farben des Orchesters und die Klangfarben der Stimmen reiner Wesen (***Adolaro*** und ***Euryanthe***) sind klar, dunkel dagegen die ihrer Gegner ***Lysiart*** und ***Eglantine***. Wenn wir an einer Aufführung von **Webers** ***Euryanthe*** teilnehmen (was sehr selten ist!), glauben wir, dass wir in die Welt von ***Lohengrin*** versetzt wurden. Es ist nicht zu leugnen, dass **Wagner** das dramatische und dramaturgische Schema verwendet hat, um seinen ***Lohengrin*** zu komponieren. Seine Figuren werden auch durch Klangfarben symbolisiert, aber noch mehr durch die Tonarten: *E-Dur* für die Welt des Grals, das sich vom *F-Moll* für die Welt von ***Ortrud*** und ***Telramund*** abhebt!

**LOHENGRIN - Waltraud Meier als Ortrud "Fahr Heim"**youtube Diadorim Riobaldo \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

Mehr als zwanzig Jahre trennen ***Euryanthe*** vom Beginn der Komposition von ***Lohengrin*** im Jahre 1845 in Marienbad, indem **Wagner** auch gleichzeitig den Grundstein für eine neue romantische Oper legt: ***Die*** ***Meistersinger von Nürnberg*** (1868). Ein Großteil des Librettos von ***Euryanthe*** ist konservative Romantik mit vielen *déjà vus!* Während jedoch ***Lohengrin*** ein Werk des Vormärz ist von durchdringender politischer Natur, das eine Zeit widerspiegelt, die zwei große europäische Revolutionen trennte (1830 und 1848). Die Deklamationen der Ritter bei **Chézy** mangelt es sowohl an Festigkeit als auch an Farbe, während bei **Wagner** die Ermahnung des Königs an seine Vasallen am Ufer der Schelde vom Atem der deutschen Vereinigung getragen wird:

- *Für deutsches Land das deutsche Schwert!*
- *So sei des Reiches Kraft bewährt!*

Der Gral selbst scheint ein deutsches Objekt zu sein. Als ***Lohengrin*** weggeht, prophezeit er:

- *Doch, großer König, lass mich dir weissagen:*
- *Dir Reinen ist ein großer Sieg verliehn!*
- *Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen -*
- *des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!*

Diese Art der Vorhersage ist offensichtlich in Dramen üblich: Es wird von jemandem geschrieben, der später lebte und natürlich den historischen Sachverhalt genau kennt. Hier spielt er auf den Sieg **König Heinrich I.** (etwa 1215-1284) über die Ungarn an! Aber der Kern der Botschaft, die **Wagner** wollte und die seine Zeitgenossen als solche wahrnahmen, ist jedoch die Forderung nach deutscher Einheit und Widerstand gegen den Zarismus, eine wichtige Unterstützung für eine europäische Restauration*.*

Mit dem Charakter von ***Ortrud*** aktualisiert und politisiert **Wagner** das alte romantische Erzählschema auf eindringlichste Weise. Auch sie ist eine bewaffnete Frau: Eine Zauberin vertraut mit den heiligen Kräften der Natur, wie andere **Wagner**\-Heldinnen: ***Venus***, ***Isolde***, ***Brünnhilde*** und ***Kundry***. ***Ortrud*** verwandelt die Menschen – was gleichbedeutend mit Töten ist – durch Magie! Denken wir nur daran, was sie ***Godefroy*** (***Gottfried***), dem ***Erben*** ***von Brabant*** und ***Elsas*** Bruder, angetan hat. Auch sie ist eine Überfrau wie ***Die Gräfin*** ***Faustina*** (1841). Der edle ***Graf Telramund*** wird während der nächtlichen Zusammenkünfte mit seiner Frau von ihr mit einer stillen Verachtung behandelt, die schließlich zu schrecklicher Verachtung wird. Was bei **Ida von Hahn-Hahn** (1805-1880) vier Jahre vor der Komposition von ***Lohengrin*** als beneidenswerter weiblicher Titanismus behandelt wird, erscheint bei **Wagner** mit einem völlig negativen Akzent. Seltsam ist, dass **Faustina* wie *Ortrud** Reaktionärinnen sind und dass bei **Hahn-Hahn** die ***Faustina*** nichts anderes ist, als die Projektion ihrer selbst zu verstehen ist. Das Elite-Bewusstsein ihres edlen Egoismus ist eine Haltung der Selbstsucht in verwandelte Progressivität! Wenn wir es aus historischer Sicht betrachten, prangert **Wagner** die Position von ***Ortrud*** als reaktionär an: Und dadurch wird er selbst reaktionär, da er in der Figur der ***Ortrud*** den Phänotyp der politischen Frau sieht (oder wahrscheinlich einer Frau mit Zugang zu gewissenloser politischer Machtbegierde).

**Wagner** sagt dies ausdrücklich in einem Brief an **Franz Liszt** (1811-1886) vom 30\. Januar 1852, kaum zwei Jahre nach der Uraufführung von ***Lohengrin*** in Weimar 1849 durch **Liszt** selbst, an dem der damals im Exil lebende Komponist nicht teilnehmen konnte. Die **Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein** (1819-1887) die mit Liszt seit der Trennung des Komponisten von der **Comtesse** **Marie d'Agoult** (1805-1876) lebte, war eine bemerkenswerte Kennerin in der dramatischen Literatur. Sie selbst hatte einen ***Faust*** geschrieben! Kaum zwei Jahre nach der Premiere von   ***Lohengrin,*** hatte **Carolyne** einen Brief an **Wagner** über eine neue Inszenierung und einen Besetzungswechsel geschrieben. Auch hat sie bei dieser Gelegenheit die Interpretation und die Interpretinnen der Rolle von ***Ortrud*** analysiert. **Wagner** antwortete in einem Brief an **Liszt**. Er lobt die witzigen Bemerkungen zur Rolle von ***Ortrud*** und fährt mit echter Boshaftigkeit gegen diesen Charakter und dieser Welt fort, die sie in seinen Augen repräsentiert. ***Ortrud*** ist für **Wagner** *„die Frau, die die Liebe nicht kennt. Damit ist alles gesagt, was am schrecklichsten ist! Ihr Sein ist politisch! Ein Politiker ist abscheulich, eine Politikerin ist schrecklich: Es ist diese Angst und dieses Grauen, das ich darstellen musste“.*

**LOHENGRIN - hier Leonie Rysanek als Ortrud** youtube Lohengrin O \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

Es kommt nicht oft vor, dass in **Wagners** reichhaltiger Korrespondenz eine Passage gefunden wird, die den bisherigen Wiederspruch und die Absurdität soweit vorantreibt. *„Der Politiker ist abstoßend, die Politikerin ist schrecklich!“* Ekel in einem Fall, Angst in dem Anderen! Es muss daran erinnert werden, dass es sich um einem im Exil lebenden Revolutionär handelt, der Begleiter von **Bakunin**, der hier spricht, der Autor von ***Kunst und die Revolution*** (1849) und ***Das Kunstwerk der Zukunft*** (1849), dessen Titel die Verbindung zu **Feuerbachs** Zukunftsphilosophie zum Ausdruck bringt?

**Wagner** sieht in einer Reihe historischer Beispiele die Bestätigung seiner Ansichten: „*In der Geschichte gibt es* *kaum eine schrecklichere Persönlichkeit als die der Politikerinnen“.* Auf wen bezieht er sich? **Queen Elizabeth I.** **of England and Ireland** (1533-1603)? **Zarin Katharina II von Russland** (1729-1796)? Er hält an den Allgemeingültigkeiten fest, charakterisiert aber dennoch die angebliche Besonderheit des politischen Handelns von Frauen: Diese würde sich naturgemäß ständig der Vergangenheit zuwenden! ***Ortrud*** liebt die Vergangenheit, ausgestorbene Linien: Sie ist *„schrecklich an den Stolz der Ahnen gebunden!“* Der reaktionäre Mann ist einfach lächerlich. „*Die reaktionäre Frau hingegen verbindet ihre politische Reaktion mit* *mörderischem Fanatismus.“* Dies ist bei ***Ortrud*** offensichtlich! *„Reaktionär, sie hat nur Gedanken für die Welt von gestern, sie ist daher im aggressivsten Sinne des Wortes der Feind von allem was neu ist. Sie wäre bereit, die Welt und die ganze Natur zu vernichten, solange sie ihre verfaulten Götter wieder zum Leben erwecken kann.“* Auffällig ist die tiefe Emotion, die in diesem Brief enthalten ist. Es ist nicht der ewig päpstliche und bettelnde **Wagner**, der hier spricht, sondern ein tief berührter und verängstigter Mann. Er fürchtet ***Ortrud***, während er sie gleichzeitig bewundert! Ihm zufolge ist sie „*schrecklich majestätisch!“* Die Ambivalenz des Gefühls, verbunden mit der Ambivalenz des Denkens, führt zu einer verwirrten Verschmelzung. In der Tat richtet sich ***Ortruds*** Reaktion gegen das Christentum, symbolisiert durch einen Gralsritter, den sie als Feigling und Scharlatan betrachtet: Genau das, was der Gott der Christen für sie ist! Gleichzeitig glaubt **Wagner**, ein Schüler von **Feuerbach**, in ***Lohengrin*** keineswegs an den zeitlosen Wert des Christentums. Gebet, Tortur, Verzauberung des Grals sind nur „*einfache romantische Verfahren*.“ ***Lohengrin*** ist kein christlicher Ritter, sondern ein genialer Künstler in einer bürgerlichen Welt, im Gegensatz zu seinen Vorgängern: ***Der fliegende Holländer*** (1843), der die Meere durchstreift oder ***Tannhäuser***, der zwischen Wartburg und Venusberg wandelt.

Die Ablehnung von ***Ortrud*** als Frau löst sogenannte politische und reaktionäre Aktionen bei ihr aus! Es ist außerdem merkwürdig, dass ***Ortruds*** Anruf an die heidnischen Götter von **Wagner** negativ dargestellt wird, während er einige Jahre später die Welt der germanischen Götter „*als Schlüssel zur bürgerlichen Gesellschaft“* interpretiert und sich selbst auf einen Schlag als ***Wanderer*** in dieses Welteninnere bezeichnet. Der Widerspruch liegt darin, dass **Wagner** ***Lohengrin*** nicht als christlichen Ritter und ***Ortrud*** nicht als heidnische Hexe betrachtet. ***Lohengrin*** verkörpert das Wunder des isolierten Künstlers in einer rationalen, skeptischen und antiartistischen Welt. ***Ortrud*** ihrerseits verkörpert den Widerstand dieses aristokratischen, bürgerlichen und berechnenden Universums.

![Richard Wagner Statue in Venedig © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/02/richard-wagner-foto-sissi-neu.jpg)

Richard Wagner Statue in Venedig © IOCO

Was **Wagner** an **Friedrich Hebbel** (1813-1863) bindet, ist hier äußert klar und gleichzeitig auch was ihn trennt! Beide sind der Ansicht, dass das Handeln einer *Politikerin* – im weitesten Sinne des Wortes – aus existenzieller Sicht mit weitgehenden Widersprüchen behaftet ist. Für sie ist „*die politische Frau eine bewaffnete Frau!“* **Hebbel** glaubt moderner als **Friedrich von** **Schiller** (1759-1805) in ***Die Jungfrau von Orleans*** (1801) zu sein! **Wagner** stellt sich vor moderner als **Beethoven** in ***Fidelio*** (1805) zu sein! **Hebbel** weiß genau, wie die Reaktion ist: Er ist sein Zeitgenosse! Aber im Gegensatz zu **Wagner,** hat er ein kaum verhülltes, fast offen zugegebenes Mitgefühl für die Ideen und der Welt, die entschwinden wird. Selbst für seinen Zimmermann ***Anton*** in ***Marie-Madeleine*** (1844), sicherlich auch für ***Königin Rhodope*** in ***Gyges und sein*** ***Ring*** (1856), die genauso, wie ***Ortrud***, unerschütterlich die alten Bräuche verteidigt und bereit ist dafür zu töten und auch selbst zu sterben, wenn es sein muss. ***König Kandaules*** setzt sich mit der Dialektik der Aufklärung auseinander, weil er es wagt den *Schlaf der Welt* zu berühren.

**Wagner** weiß, dass er in perfekter Harmonie mit ***Lohengrin*** und ***Elsa*** ist! Der Erbe von Brabant existiert nur für **Wagner** – wie er später in einer ***Mitteilung an meine Freunde*** erklären wird – „*als Bestandteils eines Ichs, das einer Mission gewidmet ist, die das in ihm enthaltene Gegenteil ist (*Lohengrin*) und zu dem sein eigenes* *männliches Wesen ganz tendiert*.“ Deshalb kann ***Elsa*** nicht mehr weiterleben, wenn ***Lohengrin*** sich dem Gral anschließt. ***Ortrud*** überlebt!

#### ***Die verbotene Frage***

Das leuchtende Flimmern der Streicher und Saiten mit jubelnden Höhen, überirdischer Sphärenmusik in himmlischen Harmonien, die aus anderen Welten zu uns herabsteigt. Alles bereitet uns vom Auftakt des Vorspiels darauf vor, ***Lohengrin*** willkommen zu heißen und in ihm das Strahlen seiner göttlichen Abstammung zu huldigen. Durch seraphische Musik öffnet sich uns das ätherische Universum des Grals, das sich an einem unzugängigen Ort mit ewiger Glückseligkeit befindet. Dies ist der Ort an dem der Schwanenritter, in den Legenden verspätet ***Lohengrin*** genannt, geschickt wurde um ein junges Mädchen zu retten und vielleicht auch selbst auf der Suche nach Liebe. *„Als meine Augen dich zum ersten Mal sahen / ich fühlte, wie die Liebe in* mir *brannte / und bald neues Glück erlebte“.* Spielt das sechste Kapitel der ***Genesis*** nicht auf die Neigung an, die die Engel, die Söhne Gottes, manchmal für die Töchter der Menschen hatten?

#### ***Ein Konflikt zwischen Glauben und Gesetz besteht nicht...***

Das Verbot der Befragung wird in einem Rahmen ausgesprochen, der darauf vorbereitet ist es zu empfangen innerhalb einer feudalen Gemeinschaft, die mit Wundern vertraut ist. Auf den ersten Blick ist das von der Gesellschaft akzeptierte und vom König kontrollierte Wertsystem, das Gerechtigkeit verteilte und auch zum Krieg aufrief wenn es sein musste, eine reine rationale Ordnung. Es wird durch die Feierlichkeit der Posaunen in *C-Dur* hervorgerufen, die dem Herrscher huldigen und durch die erhabenen Fanfaren, die das Gericht Gottes fordern. Fast eine Welt des Tages, aber ohne seine Fallen! Dennoch herrscht Verwirrung! Denn die Anwesenheit von **König Heinrich I. der Vogler** (876-936 n. J.C.) löst eine Klage aus, die das Überleben der Brabanter Dynastie beeinträchtigt und eine Osmose zwischen göttlichem Recht und königlicher Rechtsgewalt aufzeigt.

In zwei Versen macht ***Telramund*** teilweise widersprüchliche Anschuldigungen. Zunächst wird ***Elsa*** des Brudermordes verdächtigt und ***Telramund*** behauptet daher, auf das Recht verzichtet zu haben sie zu heiraten, das der Vater des Mädchens ihm gewährt hatte. Dann wird ***Elsa*** vorgeworfen, ***Telramunds*** Hand abgelehnt zu haben, einen heimlichen Freier zu haben und vor allem den Thron besteigen zu wollen. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit diesen politisch-dynastischen Verletzungen erfordert, dass die Angeklagte unbedingt erscheinen muss um die Beschuldigungen zu entkräftigen. Der König legt die Beweislast auf die Partei, die am schuldigsten erscheint! Jetzt antwortet ***Elsa*** mit einer traumhaften Geschichte im Gegensatz zu einem Plädoyer, dann mit einem Gebet in der Verschmelzung der Seele mit Gott. Sie erzählt von ihrer Versenkung in eine seltsame Welt von beruhigender Erstarrung, die die Kraft hat in der realen Welt die Präsenz eines übernatürlichen Wesen zu fühlen, um Hilfe anzurufen.

Angesichts widersprüchlicher Behauptungen und ohne Geständnis erklärt sich der König, Garant aller Gerechtigkeit – irdisch und göttlich – für inkompetent und stützt sich auf die höhere Gottesordnung: Er unterwirft die Parteien dem Gerichtsduell, in dem Gott den Besiegten entlarven wird und dessen Meineid aufdecken wird. Wir sehen dass irrationale Beweise vorherrschen und absolutes Vertrauen in die Zeichen die von der Göttlichkeit geliefert werden. Kurz gesagt: Der König und seine Untertanen akzeptieren das Geheimnis! Es gibt keinen Konflikt zwischen Glauben und Gesetz und das Wunderbare ist eine der Regeln des Universums. Es ist der Rückgriff auf das Gericht Gottes, der den Ruf an das leuchtenden Wesen auslöst und wenn der Schwan erscheint, hält der Chor ohne Angst am *Wunder* fest. Glaube und Wissen werden weder dissoziiert noch der Prüfung der kritischen Vernunft unterzogen.

—| IOCO Essay |—