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# Linz, Landestheater Linz, The rape of Lucretia - Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.10.2019
- URL: https://www.ioco.de/linz-landestheater-linz-the-rape-of-lucretia-benjamin-britten-ioco-kritik-12-10-2019/
- Published: 2019-10-11T14:00:29.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:58.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Carmen, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Linz

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[Landestheater Linz](http://www.landestheater-linz.at/?ref=ioco.de)

![Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/07/neues-musiktheater-linz-volksgarten-c-sigrid-rauchdobler.jpg)

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

# ***The rape of Lucretia* \- Benjamin Britten**

## ***\- Too late, Lucretia, too late!*** \- or - **I refuse! -**

von **Elisabeth König**

![ Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/03/benjamin-britten-denkmal-neuneu.jpg)

Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

**Benjamin Brittens** dritte Oper, die Kammeroper rund um Ehre und Vernichtung einer treuen Frau wurde 1946 in Glyndebourne mit **Kathleen Ferrier** in der Titelrolle uraufgeführt. Das Libretto der Oper in zwei Akten schrieb Ronald Duncan nach dem Schauspiel ***Le Viol de Lucrèce*** von **André Obey.** Die Kammeroper arbeitet mit minimalen Mitteln zu großem Effekt; der griechische Chor ist auf zwei Erzähler reduziert und auch das nur 14 Instrumente umfassende Kammerorchester erzielt überraschend volle große Klangmomente.

Dennoch sollte der Oper historisch nur geringer Erfolg beschieden sein. Die Abstraktion der Handlung, die hochkomplexe Tonwelt, in die nur selten melodische Stimmführung einbricht, und die Bezugnahme auf christliche Mythologie und Erlösungsmetaphern (in einer Handlung ca 500 Jahre vor Christi Geburt), schaffen ein höchst vielschichtiges Werk, in welchem **Britten** nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung erzählt, sondern auch anschließt an den Gründungsmythos der römischen Republik und des christlichen Abendlandes.

In der in der **Black Box** des **Landestheater Linz** zur Aufführung gebrachten Produktion der Oberösterreichischen Opernstudios gelingt es der Inszenierung von Opernstudiochef **Gregor Horres**, mit simplen Mitteln szenenweise ungeheuer starke Momente auf die Bühne zu bringen.

**The rape of Lucretia - Benjamin Britten**youtube Trailer des Landestheater Linz \[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]

Auf der als Laufsteg zwischen zwei Publikumstribünen konzipierten Bühne mit dem Orchester an der einen Längsseite und einem simplen Bühnenbild bestehend aus drei Zugtüren auf der anderen, spielten die SängerInnen mehr oder minder von allen Seiten umzingelt. Dies ermöglichte gewisse szenische Freiheiten und band das Publikum gelungen in das Stück mit ein, ließ es sozusagen zu Mitleidenden und Mittätern werden. Es erschwerte jedoch auch in manchen Momenten die emotionale und dramatische Steigerung. Die schauspielerische Stringenz war stellenweise unterbrochen durch Momente nicht inszenierten Stillstands bzw. Spannungsabfalls. In den Momenten der inszenierten Paralyse jedoch beginnt das Stück zu atmen und die SängerInnen schaffen große emotionale Momente, die sich auf das Publikum übertragen.

Die jungen SängerInnen waren durchweg von hohem Niveau, und meisterten akustische Herausforderungen des nicht unkomplizierten und trockenen Raumes ebenso mit Bravour wie mit musikalischer Präzision.

![Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/timothy-connor-und-svenja-isabella-kallweit-foto-petra-moser-neu.jpg)

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

**Rafael Helbig-Kostka** in der Rolle des **Erzähler** /Männerchores beeindruckte mit perfekter nahezu britisch-klarer Diktion, eleganter Phrasierung und einem schönen, weichen Tenor, den man sich sowohl als **Rodolfo** in ***La Bohème*** als auch auf einer Lied-Bühne überzeugend vorstellen kann. Obgleich nur Beobachter und Berichterstatter, vermochte er es doch, mit emotionaler Tiefe und berührender Empathie mit den handelnden Personen auch dem Publikum als emotionaler Haltepunkt im Stück zu dienen.

**Svenja Isabella Kallweit** als sein weiblicher Gegenpart in der Rolle der **Erzählerin** /Frauenchores, zeigte nach einer kurzen Einsingphase einen klaren Sopran mit runder dramatischer Mittellage. Ihre perfekte Umsetzung der anfänglich unemotional beobachtenden und kommentierenden *"Nachrichtenlady"* wich mit den Gräueln gegen die weiblichen Charaktere immer mehr einem Mitleiden und empathischer Identifikation.

Generell war die Verbindung von **Erzähler** und ***Erzählerin*** mit den handelnden Charakteren ihres jeweiligen Geschlechtes, die ja auch von **Britten** so komponiert ist, szenisch gelungen umgesetzt; besonders, wenn der Erzähler zum Sprachrohr der inneren Vorgänge des Tarquinius wird, und auch im Außen als sein szenischer Spiegel dient.

Als **Prinz Tarquinius** wusste **Timothy Connor** mit einer reifen und erwachsen-profunden Stimme zu überzeugen. Er vermochte es, von Anfang an eine gewaltbereite Virilität zu präsentieren, die in ihrer Aggression jeden Augenblick hervorzubrechen droht. Hieraus seine geifernd-lechzende Anziehung zu **Lucrezia** zu entspinnen, setzte das Publikum von Anfang an gekonnt unter psychologischen Druck und warf die Schatten der Tat voraus.

**Philipp Kranjc** in der Rolle des ***Collatinus,*** des mit ***Lucretia*** verheirateten römischen Generals, besticht mit schöner, weicher Stimme, und überzeugender und eleganter schauspielerischer Leistung. Der koreanische Bariton **Seunggyeong Lee** überzeugte in der Rolle des moralisch unambizionierten und maliziös stichelnden römischen Generals **Junius.**

![Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/ensemble-6516_foto-petra-moser-neu.jpg)

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser

**Florence Losseau** in der Titelpartie der keuschen **Lucretia** begeistert mit schönem, warmen Alt, der sich stückbedingt nur selten zu dramatischen Ausbrüchen aufschwingen darf, jedoch mit klar verständlicher Diktion und Emotionalität punktet. Ihre großartige schauspielerische Leistung geht Hand in Hand mit Verständnis für die Menschlichkeit Lucretias und berührt in ihrer würdevollen Verzweiflung umso mehr. In der Rolle ihrer **Amme Bianca** weiß **Sinja Maschke** zu überzeugen und **Etelka Sellei** als Dienerin ***Lucia*** zeigt flötende Höhen und zierliche Piani.

Die feinfühlige und dynamische musikalische Leitung des Abends oblag **Leslie Suganandarajah,** dem neuen musikalischen Leiter des **Salzburger Landestheaters,** der mit seinem klaren, verständlichen Dirigat und hoher Energie Orchester wie Sänger sicher durch die trügerischen Klippen von **Brittens** Musik führte und dabei auch sichtbar gute Laune hatte und verbreitete. Das **Linzer Bruckner Orchester** spielte an diesem Abend souverän, wenn auch leider mit ein, zwei kleinen "Verstimmungen". Sehr gelungen war auch das Wechselspiel von Orchestern und Sängern, das durch die räumliche Aufteilung entstand und das Publikum in das Bühnengeschehen miteinzubinden vermochte.

Die Bühnengestaltung von **Jan Bammes,** der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, war schlicht, aber effektvoll: drei Türen, die Einblicke in das Leben der Charaktere ermöglichen, wie auch **Brittens** Oper in ihrer periodenhaften Behandlung des Stoffes Einblicke in deren Seelen bietet. Das Bühnenbild dient zusätzlich als Projektionsfläche für zwei Schlüsselszenen der Oper und wird von Regisseur Gregor Horres multifunktionell eingesetzt.

![Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/philipp-kranjc-florence-losseau-foto-petra-mosewr-neu.jpg)

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Hervorzuheben sind zwei Momente dieser Oper, die notorisch schwierig darzustellen sind und vom Regisseur meisterhaft gelöst wurden. **Tarquinius'** lustgeifernder nächtlicher Ritt nach Rom ist als projizierte Autofahrt durch die reizüberflutenden Straßen Roms dargestellt, deren stilisierte Bilder mehr und mehr den Fokus verlieren, bis er schließlich bei **Lucretia** ankommt.

Die Vergewaltigungsszene fand - entgegen befürchteter Gewaltexzesse im Stil des deutschen Regietheaters - hinter verschlossenen Türen statt. ***Lucretia*** wird an den Haaren von der Bühne geschleift, und die Türe schließt sich, um einer Projektion eines eine Gazelle jagenden Geparden Platz zu machen. Die Gleichsetzung der Vergewaltigung mit einem Tötungsakt im Tierreich ist ein eindrucksvolles Bild und kann als Metapher für den ganzen Abend dienen.

Männer werden hier mit Raubtieren gleichgesetzt, die in ihrem Egoismus über Leben und Ehre, Frauenschicksale und Tod verfügen. Die Tyrannei der etruskischen Regierung **Tarquinius** über das wehrlose römische Volk ist widergespiegelt in der Tyrannei seines Sohnes über die wehrlose und schuldlose Frau.

Vergewaltigung ist nicht nur körperlicher Besitz, es ist Besitzergreifung der Identität und Seele des Opfers und absolute Macht über dieses. ***Lucretias*** Integrität und Charakter muss nicht nur in Frage gestellt werden, sie muss vernichtet und ausgelöscht werden durch private Schmach und öffentlich-politische Demütigung. Auch die Liebe ihres Gatten vermag den traumatischen Übergriff nicht auszulöschen. Die Vergewaltigung bedeutet für sie nicht nur Schande, sie bedeutet die komplette Eradikation alles Guten in ihrer Welt, und angesichts dieser Auslöschung ist ihr einziger Weg der Tod.

Generell hervorzuheben ist die szenische Eleganz, mit der das schwierige Thema behandelt war. In einer Zeit, in der **#metoo** aus dem Theatergeschehen auf vielfältige Weise nicht wegzudenken ist, versetzte der Regisseur den Gewaltakt in die Vorstellung und Fantasie des Publikums, anstatt ihn tatsächlich auf der Bühne stattfinden zu lassen.

So dankbar das Publikums schien, nicht mit der rohen Brutalität einer aktiv sichtbaren Vergewaltigung umgehen zu müssen, und so gelungen die Bilder Ersatz und Erklärung boten, so erstaunlich wenig Schockwirkung schien die Szene tatsächlich auszulösen. Erst das Erwachen **Lucretias** am Morgen danach und ihre Reaktion lösten diese aus. Ob dies genug Appell gegen die Schändung und Auslöschung einer Frau war, möge sich jeder in den kommenden Vorstellungen selbst beantworten.

Das Nachspiel, in welchem die menschliche und drückende Hoffnungslosigkeit der Figuren durch die Erlösung durch *Jesu Tod am Kreuz* gelindert und überhöht wird, scheint angesichts der weltweiten Realität nahezu zynisch zu klingen. Und doch kann der Mensch angesichts der erschütternden Tragödie nur mit dem Glauben und der Hoffnung auf ein besseres Morgen weiterleben.

*Mit diesem Hoffnungsschimmer endete ein aufwühlender und doch toller Opern-Abend*

**The rape of Lucretia** am **Landestheater Linz;** die weiteren Vorstellungen 12.10.; 17.10.2019

\---| IOCO Kritik Landestheater Linz |---