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# Linz, Landestheater Linz,  Le Prophète  -  Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 05.11.2019
- URL: https://www.ioco.de/linz-landestheater-linz-le-prophete-giacomo-meyerbeer-ioco-kritik-05-11-2019/
- Published: 2019-11-05T08:00:10.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:59:25.000Z
- Author: Marcus Haimerl
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Beethoven, SemperOper, Linz

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[Landestheater Linz](http://www.landestheater-linz.at/?ref=ioco.de)

![Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/07/neues-musiktheater-linz-volksgarten-c-sigrid-rauchdobler.jpg)

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

# ***Le Prophète* \- Giacomo Meyerbeer**

## ***Die Wiedertäufer - im Wettstreit der Unrechtssysteme***

von **Marcus Haimerl**

![Die Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/meyerbeer-giacomo-berlin-neuneuneu.jpg)

Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Die erste Premiere der Saison im **Landestheater Linz** galt **Giacomo Meyerbeers** selten aufgeführter grand opéra ***Le Prophète (Der Prophet).*** **Giacomo Meyerbeer** und sein Librettist **Eugène Scribe** unterschrieben bereits 1838 den Werkvertrag über den ***„Propheten“*** und hinterlegten im März 1841 eine provisorische Partitur bei einem Pariser Advokaten; in weiser Voraussicht, dass es mit der Direktion bereits vor der Premiere zu heftigen Auseinandersetzungen kommen könnte. Und so kam es auch: Direktor **Léon Pillet** weigerte sich, die von **Meyerbeer** für die zentrale Partie der ***Fidès*** vorgesehene, äußerlich weniger attraktive Altistin **Pauline Viardot-Garcia** zu akzeptieren. In Folge zog der Komponist die Partitur zurück und es kam erst mit dem Amtsnachfolger **Edmond Duponchel** 1847 zu einer Einigung. Bis zur Premiere im April 1849, hatte **Meyerbeer** ausreichend Zeit, letzte Hand an die Partitur zu legen und die Proben mit enormem Arbeitsaufwand – allein dreiundzwanzig Orchesterproben – zu leiten. Wie bei seinen ***Hugenotten*** musste auf Grund der Überlänge eine Dreiviertelstunde Musik gestrichen werden. Auf das Endergebnis hatte die Kürzung jedoch keinerlei Auswirkung, war doch der Erfolg genauso sensationell wir bei ***Robert le Diable.***

**Le Prophete - Giacomo Meyerbeer** youtube Trailer Landestheater Linz **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Die Beliebtheit der Werke von **Giacomo Meyerbeer** zeigt sich auch an der Tatsache, dass am Premierentag, dem 16\. April 1849, die Deputiertenversammlung im Pariser Parlament nicht beschlussfähig war, da zu viele Abgeordnete in der Opéra saßen.

**Eugène Scribes** Libretto behandelt eine Episode aus der Geschichte des **Täuferreich von Münster,** der ***Wiedertäufer,*** deren Anführer   **Johann von Leyden** (in der Oper **Jean de Leyde**) in den Jahren 1534/35 die **Stadt Münster** beherrschte, Katholiken sowie Protestanten vertrieb, das **Reich Zion** wurde ausrief, das Privateigentum abschaffte und Vielweiberei einführte. Das **Täuferreich von Münster** endete im Juni 1535 in einem Blutbad, als kaiserliche Truppen unter **Franz von Waldeck** Münster eroberten. **Johann van Leyden** und andere Anführer wurden auf dem Prinzipalmarkt von Münster öffentlich gefoltert, Zungen mit glühenden Zangen heraus gerissen; nach ihrem Tod wurde **van Leyden** sichtbar in einem eisernen Korb an der Lambertikirche aufgehängt. Die Körbe hängen bis heute dort.

Anders als bei den **Hugenotten** sperrte **Scribe** alles Gewalttätige der Szene aus und ließ auch keine Diskussion der messianischen und sozialrevolutionären Aspekte der Wiedertäuferbewegung zu. Stattdessen rahmt, wie auch schon bei den ***Hugenotten,*** die historische Handlung eine Privathandlung, die Beziehung **Jeans** zu seiner ***Mutter Fidès*** und seiner **Braut Berthe**, ein:

Die **Waise Berthe** ist mit **Jean** verlobt. **Jeans** Mutter **Fidès** kommt zu ihr, um diese zu ihrem Bräutigam zu führen. Die beiden treffen auf **Zacharie, Jonas** und **Mathisen,** drei Anhänger der Anabaptistenbewegung, die aus ihren religiösen Ansichten heraus das Volk zum Kampf gegen die Obrigkeit anstachelt. Die Anhänger des **Grafen von Oberthals,** der über diese Gegend herrscht, können den Aufstand noch einmal verhindern.

Beide Frauen nutzen die Gelegenheit, das Einverständnis **Oberthals** für die Hochzeit zu erbitten. Doch **Oberthal** schleppt beide, **Fidès** und **Berthe**, die sein Begehren geweckt hat, mit sich fort.

![ Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/6565_300dpineu.jpg)

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Während **Jean** auf Braut und Mutter wartet, erkennen die drei Täufer in ihm einen ausstrahlungsstarken Führer. Dieser lehnt jedoch ab. Als **Berthe** auf der Flucht vor Oberthals Zudringlichkeiten Schutz bei **Jean** sucht, dieser aber von **Oberthal** vor die Wahl gestellt wird, entweder seine Braut herauszugeben oder den Tod seiner Mutter miterleben zu müssen, entscheidet sich Jean für die Mutter. Er ist nun auch bereit, sich den Täufern anzuschließen und – als selbsternannter ***Prophet*** die Führung der ***Täufer*** zu übernehmen.

**Mathisen** meldet, dass der Kaiser mit einem Heer im Anmarsch ist, um der Stadt Münster, die von den Täufern belagert wird, zu Hilfe zu eilen. **Zacharie** befiehlt im Namen des Propheten, ohne sich mit Jean abzusprechen, den Sturm auf die Stadt. **Oberthal** wird von den Täufern aufgegriffen. **Jean** fragt nach seiner Braut und erfährt, dass **Berthe** nach Münster geflohen ist. Es wird gemeldet, dass der Angriff fehlgeschlagen ist. Die Soldaten revoltieren gegen **Jean,** da sie ihn für den Urheber dieses missglückten Angriffs halten. Mit einer charismatischen Ansprache vermag der **Prophet** die Soldaten zu besänftigen und bricht nun gemeinsam mit ihnen auf, um die Stadt zu erobern.

**Die Täufer** haben die **Stadt Münster** eingenommen, in welche es auch **Fidès** verschlagen hat. Sie trifft auf ***Berthe,*** beide wissen nicht, dass ***Jean*** der **Prophet** ist, vielmehr vermutet **Fidès**, der Prophet habe **Jean** getötet. Als sie **Berthe** davon erzählt, will diese den Propheten töten. Als sich **Jean** zum König seiner Bewegung krönen lässt, erkennt **Fidès** in ihm ihren Sohn und ruft entsetzt „*Mein Sohn!“. (*Meyerbeer* beachtet hier geschichtliches: Auch Wiedertäufer *Johann von Leyden* ließ sich 1535 zum "König" von Münster krönen)*

Daraufhin behauptet **Jean,** dass ***Fidès*** wahnsinnig sei und ihn verwechsle. In einer Rede an das Volk bietet er seinen Tod an, falls er doch der Sohn von **Fidès** sei, da ansonsten der Einsturz des Propagandagebäudes der Täufer droht. Der Trick gelingt, **Fidès** revoziert und die Anhänger des **Propheten** glauben an ein Wunder.

Der **Kaiser** hat **Zacharie, Jonas** und **Mathisen** freies Geleit für die Auslieferung ***Jeans*** zugesichert. Diese wollen das Angebot annehmen. **Fidès** ist bereit ***Jeans*** Verhalten zu verzeihen, wenn er sich von den Täufern lossagt. Alle drei wollen ein gemeinsames Leben in der Abgeschiedenheit beginnen. Als ein Getreuer **Jeans** den Verrat der drei Täufer meldet, erkennt **Berthe** in Jean den verhassten Propheten, das kann sie nicht ertragen und nimmt sich das Leben. Da **Jean** nun nichts mehr bleibt, reißt er sich, seine Anhänger und Feinde in den Untergang, als er bei einem Fest ein Pulvermagazin, das sich unter dem Saal befindet, in Brand setzt.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/le-prophete-foto-barbara-palffyneu.jpg)

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und die Täufer © Reinhard Winkler

In seiner Arbeit setzt Regisseur **Alexander von Pfeil** auf Zeitlosigkeit. Das Einheitsbühnenbild von **Piero Vinciguerra** zeigt das Halbrund einer außer Betrieb genommenen, verfallenen Fabrikshalle in einer postapokalyptischen Zeit. In jener Fabrikhalle herrscht der **Graf von Oberthal,** ehe sich die Machtverhältnisse in diesem Mikrokosmos verschieben und die Täufer eine andere Form von Schreckensherrschaft ausüben. Hier dominieren brennende Kreuze, Hinrichtungen stehen an der Tagesordnung, tote Körper hängen von der Decke und die ehemaligen Begleiterinnen des ***Grafen von Oberthal*** werden gezwungen, den Boden zu waschen. Ku-Klux-Klan und die Behandlung der jüdischen Bevölkerung im dritten Reich sind nur einige Bilder, die dem Zuseher hier in den Sinn kommen.

**Alexander von Pfeil** verzichtet auf die szenische Umsetzung der für die Grand Opéra typischen Balletteinlage und setzt von Beginn an auf projizierte Bibelstellen und Zitate („*Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe*.“ **Matthäus 7,15**). Mit diesen düsteren Bildern gelingt es **Alexander von Pfeil,** den Kern des Werks freizulegen und zu zeigen, wie ein Unrechtssystem durch ein viel Schlimmeres ersetzt wird.

Die Titelpartie des **Jean** singt der amerikanische Tenor **Jeffrey Hartman** mit samtenem Tenor, sorgt für schöne Momente und kann im Finale überzeugen. Die heimliche Titelrolle, jener von **Jeans** Mutter ***Fidès,*** wird von der amerikanischen Mezzosopranistin **Katherine Lerner** mit großer Leidenschaft und höchster Präzision verkörpert, besonders intensiv im Finale des vierten Aktes. Herausragend die **Berthe** von **Brigitte Geller,** die mit ihrem großen, leuchtenden Sopran eine überzeugende Wandlung vollzieht. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz wird die Partie der **Berthe** der ansonsten dominanteren Rolle der **Fidès** ebenbürtig.

Stimmstark auch das Täufer-Trio **Dominik Nekel *(Zacharie***), **Matthäus Schmidlechner** (**Jonas**) und **Mathisen (*Adam Kim***). Als Bösewicht **Graf von Oberthal** begeistert **Martin Achrainer** mit seinem schönen, ausdruckstarken Bariton und intensivem Spiel.

![Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/11/6569_300dpineu.jpg)

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Auch das restliche Ensemble konnte mit soliden Leistungen aufwarten: **Markus Schulz *(ein Bauer)*, Csaba Grünfelder (*ein Soldat)*, Marius Mocan (*ein Bürger*), Tomasz Kovacic (*ein Offizier*), Jonathan Whiteley und Markus Raab *(Wiedertäufer)*** und **Danuta Koskalik** und **Yoon Mi Kim-Ernst** (***zwei Bäuerinnen)***. Größtes Lob auch für die Leistungen des Chors, des Extrachors und des Kinder- und Jugendchors des Landestheater Linz.

Am Pult des Bruckner Orchesters Linz versteht **Markus Poschner** über knapp vier Stunden die musikalische Spannung zu halten und die teils aufrüttelnde Musik von **Giacomo Meyerbeer** detailreich wiederzugeben.

Mit dieser Produktion hat das Landestheater Linz sich nicht nur eines Riesenwerks angenommen, sondern auch bewiesen, dass **Giacomo Meyerbeer** auch heute noch Aktualität besitzen kann.

\---| IOCO Kritik Landestheater Linz |---