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# Leipzig, Oper Leipzig, Die Meistersinger von Nürnberg - Richard Wagner, IOCO Kritik, 23.11.2021
- URL: https://www.ioco.de/leipzig-oper-leipzig-die-meistersinger-von-nurnberg-richard-wagner-ioco-kritik-23-11-2021/
- Published: 2021-11-23T08:00:47.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:08:30.000Z
- Author: Thomas Thielemann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Nabucco, giuseppe verdi, Verdi, Leipzig

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[Oper Leipzig](http://www.oper-leipzig.de/?ref=ioco.de)

![Oper Leipzig © Kirsten Nijhof](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/03/opernhaus_oper-leipzig_c-kirsten-nijhof.jpg)

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

# ***Die Meistersinger von Nürnberg* \- Richard Wagner**

**\- Ein Versöhnungsversuch des Regietheaters mit dem konventionellen Publikum -**

von **Thomas Thielemann**

Unser Besuch der Premiere der neuen Leipziger ***Meistersinger-***Inszenierung war[ ***Tristan und Isolde*** in Chemnitz, link HIER, ](https://www.ioco.de/chemnitz-theater-chemnitz-tristan-und-isolde-richard-wagner-ioco-kritik-26-10-2021/) **"*zum Opfer gefallen".* Die zweite Vorstellung blockierte das „Schuch-Gedenkkonzert“ in Dresden. Aber die Fachkritik der Arbeit des Briten **David Poutney** war derart differenziert, zum Teil unsicher, dass letztlich meine Neugier siegte, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen und die letzte Aufführung vor der neuerlichen Corona-Schließung zu besuchen.

Sollte am 26\. März 2022 die **Lohengrin-**Inszenierung der **Katharina Wagner** noch über die Bühne gehen, so verfügt die **Oper Leipzig** als eine der wenigen Häuser weltweit über den kompletten Reigen der Bühnenwerke **Richard Wagners** einschließlich der Frühwerke. Mithin bleibt der **Oper Leipzig** unbedingt auch die Aufführungskompetenz der Werke des Sohnes der Stadt.

![Oper Leipzig / Die Meistersinger von Nürnberg © Kirsten Nijhof](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/11/mini-mini-operleipzig-meistersinger-c-kirstennijhofneu.jpg)

Oper Leipzig / Die Meistersinger von Nürnberg © Kirsten Nijhof

Was bei den Regietheater-Aufführungen guter Häuser üblicherweise bleibt, ist der musikalische Eindruck. Die Musiker des **Gewandhausorchesters** waren vor allem professionell-souverän und das Dirigat von **Ulf Schirmer** eben wie **Ulf Schirmer,** eben etwas direkt, Wohlmeinende sagen prägnant, und nicht immer bühnenfreundlich. Herausragendes boten die Holzbläser des Orchesters und über weite Strecken die beiden Chöre dank der Einstudierung en von **Thomas Eitler-de Lint.**

Den **Hans Sachs** sang mit seiner doch in allen Lagen prachtvollen Baritonstimme **James Rutherford** als einen eloquent, altersweisen, in sich ruhenden, gradlinigen Menschen und nicht den besserwissenden Künstler. Packend beeindruckte sein Fliedermonolog und der Wahn-Monolog. Die im Haus als Hochdramatische bewährte **Elisabet Strid** bewies, dass sie ihre enorme Stimme auch mädchenhafter, lyrisch-verhaltener, zerrissener einsetzen kann und damit die Eva bravourös überzeugend darbot. Die Magdalena der Haus-Mezzosopranistin **Kathrin Göring** fand ich charakteristisch gut spielend, vor allem spannend in den Szenen mit dem bravourös-balcantisch singenden **David** von **Matthias Stier,** einem ausgesprochenen Komödianten.

Mit seiner souveränen Strahlkraft und dem verführerisch-lockerem Spiel des **Magnus Vigilius** war ein passgenauer **Walter von Stolzing** aufgeboten, der letztlich alle Wünsche erfüllte.

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Oper Leipzig / Die Meistersinger © Kirsten Nijhof

Der stimmlich gewaltige Bassist **Randall Jakobsh** aus Kanada führte die Riege der *Meistersinger* als **Veit Pogner** eher unauffällig an. Die Gruppe mit **Sven Hörleifsson** als **Kunz Vogelsang**, **Marek Reichert** als als **Konrad Nachtigall**, **Trick Vogel** als **Balthasar Zorn,** **Alvaro Zambrano** als **Ulrich Eißlinger,** **Paul** **Kaufmann** als **Augustin Moser,** **Franz Xaver Schlecht** als ***Hermann Ortel,* Roman Astakhov** als ***Hans Schwarz*** und **Jean-Baptiste Mouret** als **Hans Foltz** waren gesanglich und darstellerisch richtig in Ordnung, fielen vor allem durch ihre prachtvollen Gewänder von **Marie Jeanne Lecca** auf. Jedoch lediglich **Tobias Schnabel** konnte sich aus der Gruppe als **Fritz Kortner** profilieren.

Der **Sixtus Beckmesser**, dargestellt vom ausgezeichnet singenden **Mathias Hausmann**, gehört zwar auch, als der eigentlich gebildetere Stadtschreiber, zu den *Meistersingern*. Er war aber komplett in schwarz gekleidet und mit einem Käppchen ausgestattet. In den Premierenkritiken ist die zwielichtige Aufmachung des hervorragend agierenden **Matthias Hausmann** untergegangen, weil er da nur Playback agierte. Ein Ersatzmann sang und Hausmann begeisterte das Fachpublikum mit seiner pantomimischen Leistung. Er kann tatsächlich nicht nur singen, sondern auch Slapstick bieten Richtig gut besetzt auch war der Nachtwächter mit **Sejong Chang**

Bezüglich des Musikalischen war der Abend ein großer Gewinn.

Bleibt noch die Meinungsbildung zur Inszenierung von **David Poutney**: Natürlich ist es bei der reichhaltigen Rezeptionsgeschichte der **Meistersinger** inzwischen schwierig, etwas wirklich Neues auf die Bühne zu bringen. Das Stück auf die Dreiecksbeziehung und die Liebesgeschichten zu konzentrieren oder es als simple Volkskomödie zu inszenieren wagt heutzutage wohl kein Regisseur, der irgendwo noch weiter beschäftigt werden möchte.

Vor diesem Vorwurf hat der Brite **Leslie Travers** den Regisseur bewahrt, indem er parallel zur Handlung mit seinen Bühnenbauten eine Geschichte mit Episoden aus der deutschen Historie erzählt, (fast) ohne in die Handlung einzugreifen:

![Oper Leipzig / Die Meistersinger © Kirsten Nijhof](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/11/mini-operleipzig-meistersinger-c-kirstennijhof1neu.jpg)

Oper Leipzig / Die Meistersinger © Kirsten Nijhof

Im ersten Aufzug wurde uns ein Miniatur-Nürnberg als eine florierende mittelalterliche Stadt vorgestellt. Die einem Amphitheater nachempfundene Umrandung der Stadt wurde von Handwerkern weiter mit Patrizier-Häusern bebaut. Diese erwiesen sich dann allerdings als die Sitze der *Meistersinger,* siehe Foto. Die Singenden und Spielenden mussten sich von einer recht geschickten Personenregie ohne rechte Not in den Gassen durchwursteln lassen, aber es passte schon.

Der zweite Aufzug erlaubte uns einen Blick aus dem Vorraum des Sachs´schen Hauses auf das Mini-Nürnberg. Die an das Nürnberger Reichsparteitagsgelände erinnernde Beton-Umrandung der Stadt wirkte mit ihrer Leere schon bedrohlich. Und tatsächlich stürzten vom rechten Treppenteil schwarzgekleidete Horden auf die vom linken Treppenteil stürmende rotgekleidete Gruppe und lieferten eine deftige *„Prügelfuge“* ab, während das Nacht-gewandete Nürnberger Bürgertum von der mittleren Dammkrone, teils entsetzt, teils interessiert, zuschaute. Die Weimarer Demokratie war zerschlagen, und wer es noch nicht begriffen hatte, dem wurde ein Video vom zweiten Weltkrieg einschließlich des zerstörten Landes eingespielt.

Die Trümmer der Auseinandersetzung wurden am Beginn des Schlussbildes beseitigt und von fleißigen Handwerkern wurde eine Miniaturausführung des Berliner Reichstags, als Symbol der deutschen Wiedervereinigung in der Mitte der Festwiese aufgebaut.

Da beschlich mich sogar der Verdacht, ob bei der Betrachtung deutscher Geschichte durch die beiden britischen Herren nicht Margret Thatchers Misstrauen gegen ein einheitliches Deutschland unterschwellig zu deren Gedankengut gehört. Dieser Gedanke kam mir, als das Reichstagsmodell als Podest der Preislied-Sänger genutzt wurde und **Walter von Stolzing** beim Singen seines Triumphlieds auf *unserem* Parlament herumtrampelte.

Eine Rezensentin der Premiere beklagte, dass der historische Kontext der Inszenierung vor dreißig Jahren abschloss und regte an, dass **Poutney** die Demokratiedefizite der Sachsen hätte reflektieren oder **Beckmesser** als Querdenker aufmarschieren lassen können.

Die „*Schusterstube“* war als Kammerspiel, da wo von **Wagner** vorgesehen, zwischengeschaltet und mit den unumgänglichen Verfremdungen versehen, in dem der bis zu diesem Teil der Vorstellung in moderner Freizeitkleidung agierende ***Stolzing*** aus der Dusche des mittelalterlichen Hauses kam, sich die Haare trocknete und anschließend in Weiß gewandet wurde. Gleiches passierte auch **David,** der bis dahin mittelalterlich gekleidet war, und der **Magdalena.** Die **Eva** kam schon im Brautkleid auf die Szene, so dass das „Quintett“ nur **Hans Sachs** aus der „Orgie in Weiß“ ausschloss.

****Die Meistersinger von Nürnberg an der Oper Leipzig**youtube Trailer Oper Leipzig **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Im Finale erhielten auch die Gender-Feministen ihr Sahnehäubchen: als **Stolzing** nämlich doch noch die Macho-Meisterketteakzeptierte, verließ **Eva,** schon wieder zeitgemäß gekleidet, mit einer Gruppe junger Frauen fluchtartig die Szene.

Den Besuchern hat es offenbar gefallen. Selbst bekennende „Konservative“ äußerten sich begeistert.

Bei der Beschäftigung mit der Historie der Aufführungen des **Wagners**\-Werkes in seiner Geburtsstadt, bin ich auf ein Zitat im Programmheft der **Meistersinger*\-*Inszenierung der **Oper Leipzig** von **Joachim Herz** des Jahres 1960 gestoßen. Das war jene Inszenierung, mit der das Haus eingeweiht worden war. Es gab damals eine heftige Diskussion, ob bei der herrschenden Wohnungsnot ein Opernhausneubau dringlich wäre:

*„Das Spiel von den *Meistersingern* und ihrer Zunft wurde von *Wagner* ersonnen, um im Gleichnis einer fernen Vergangenheit ein Ziel für die Zukunft abzustecken-ein Ziel, erträumt aus den Misshelligkeiten eines Künstlerlebens und den Stürmen der Jahre 1848; ein Ziel, das auch für uns als schönste und schwerste Aufgabe noch vor uns liegt: Künstler und Volk, Kunstwerk und Gemeinde, Produzierende und Aufzunehmende zu vereinen“.*

**Die Meistersinger** in der **Oper Leipzig;** die weiteren Termine 6.11.; 21.11.; 28.11.2021; 2.1.; 3.7.2022

\---| IOCO Kritik Oper Leipzig |---