> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Klosterneuburg / Wien, Kaiserhof, La Bohème - Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 16.07.2022
- URL: https://www.ioco.de/klosterneuburg-wien-kaiserhof-la-boheme-giacomo-puccini-ioco-kritik-16-07-2022/
- Published: 2022-07-16T07:00:52.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:10:49.000Z
- Author: Anna Kaiser
- Tags: Konzert & Liederabend, Kritiken

![Kaiserhof im Stift Klosterneuburg © operklosterneuburg / Roland Ferrigato](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/07/kaiserhof-c-operklosterneuburg-roland-ferrigato-neu.jpg)

Kaiserhof im Stift Klosterneuburg © operklosterneuburg / Roland Ferrigato

[operklosterneuburg](https://www.operklosterneuburg.at/?ref=ioco.de)

## ***La Bohème -* Giacomo Puccini**

#### *\- Erschütternder Totentanz im Kaiserhof des Stiftes Klosterneuburg bei Wien -*

von **Anna Kaiser**

Seit über 20 Jahren steht die [ **operklosterneuburg**](https://www.operklosterneuburg.at/?ref=ioco.de) für einzigartige Opernerlebnisse und Sommertheater auf Spitzenniveau. In der malerischen Kulisse des barocken **Kaiserhofes** in Klosterneuburg bei Wien können sich zeitgemäße Inszenierungen der großen Werke der Opernliteratur sehen – und hören lassen: 2022 steht die Oper **La Bohème** von **Giacomo Puccini**  im Mittelpunkt des Opernfestivals.

In der Inszenierung des Franzosen **François de Carpentries** spürt man seine Liebe zu den SängerInnen. Er führt das Ensemble aus dem von Komik dominierten ersten und zweiten Akt in die Tragik des dritten und vierten Aufzuges.

**De Carpentries’** offensichtlich sehr differenzierter Personenführung ist es zu danken, dass in der Inszenierung die vielen kleinen Dilemmata der einzelnen Protagonisten deutlich zu Tage treten können: **Rodolfos** Unfähigkeit mit **Mimis** Krankheit umzugehen, **Marcellos** begründete Eifersucht und Ungeduld, **Mimi**s Naivität und Zerbrechlichkeit, **Musettas** Überspanntheit und Wildheit.

![Kloterneuburg / La Boheme hier das Ensemble © operklosterneuburg / Roland Ferrigato](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/07/operklosterneuburg-2022-marc-olivier-oetterli-alcindoro-foto-roland-ferrigato-neu.jpg)

Kloterneuburg / La Boheme hier das Ensemble © operklosterneuburg / Roland Ferrigato

Optisch unterstützt wird **de Carpentries’** Konzept durch **Csilla Domjan** (Maske), **Lukas Siman** (Licht) und die kluge Auswahl von glücklicherweise der Zeit der Handlung entsprechenden Kostümen der Belgierin **Karine van Hercke.** Ausgelassen überspielen die vier Bohemiens anfangs ihre tatsächliche - materielle - Not. Überschattet aber wird alles vom omnipräsenten Hauch des Sterbens, eindrucksvoll personifiziert durch Tänzerin **Liviana Degen.**

Aus diesem Hauch lässt **de Carpentries** am Ende des vierten Aktes den Tod selbst werden, der am Kutschbock eines Leichenwagens stehend, darauf wartet, die soeben verstorbene **Mimi** ins Jenseits zu führen. Durch das Herz zerreißende „*Coraggio“ (Sei mutig*) von ***Marcello* (Thomas Weinhappel**) und die beeindruckenden *„Mimi*“-Rufe von **Rodolfo (Clemens Kerschbaumer**) wird so das Ende der Oper zu einem ungeheuer packenden, einprägsamen Bild. **De Carpentries** und sein hochkarätiges Sängerensemble machen aus der Klosterneuburger **Bohème** dank ihrer brillanten gesanglichen und schauspielerischen Leistungen einen erschütternden Totentanz, der dem Zuschauer unglaublich unter die Haut geht, weil es einem immer mal wieder schwer fällt, zu entscheiden, wer von ihnen das traurigste Los gezogen hat:

Ist es ***Colline* (Dominic Barberi)**, der in seiner meisterhaft gestalteten *Mantelarie* mit profundem Bass die personifizierte Melancholie zu sein scheint? Ist es ***Marcello* (Thomas Weinhappel**), der – schauspielerisch exzellent und stimmlich um ein Vielfaches dünkler und mächtiger geworden – bis in die kleinsten Facetten beeindruckend zeigt, wie sehr ihm die Kränkungen durch **Musetta** und das traurige Schicksal seines Freundes **Rodolfo** zusetzen? Oder ist es gar die höhensichere **Aleksandra Szmyd** als **Musetta,** die ihre raffiniert dargestellten Eskapaden im zweiten Akt angesichts des Schicksals von **Mimi** im 4\. Akt bühnensicher reuen? Vielleicht der meist in sich gekehrte ***Schaunard* (Aleš Jenis**)? Oder sind es doch ***Rodolfo* (Clemens Kerschbaumer**) und ***Mimi*** (Einspringerin **Camille Schnoor**), die ein wunderbares Puccini-Pärchen wie aus dem Bilderbuch sind?

**Kerschbaumer,** der sich als Tenor ganz eindeutig für das italienische Fach empfiehlt, vermag mit seinen sicheren und überaus strahlenden Höhen und seiner von rührender Ehrlichkeit geprägten Darstellung, **Schnoor** mit ihrer dramatischen Mittellage und einem erstklassigen Piano zu imponieren. Sie alle bilden ein stimmlich wie schauspielerisch ausgezeichnet aufeinander abgestimmtes Ensemble, was dem Kammerspielcharakter der **Bohème** perfekt gerecht wird.

![Klosterneuburg / La Boheme © operklosterneuburg / L Beck](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/07/operklosterneuburg-2022-szmyd-weinhappel-foto-l-beckneu.jpg)

Klosterneuburg / La Boheme © operklosterneuburg / L Beck

Der Kunst des in Wien geborenen Bühnenbildners **Hans Kudlich** ist es zu danken, dass sowohl die intimen Sequenzen im ersten, dritten und vierten Akt, als auch das geschäftige Treiben im zweiten Akt trotz eines sich nur um Nuancen verändernden Bühnenbildes raffiniert und stimmig in Szene gesetzt werden.

Einziger fallweise zu bemerkender Schwachpunkt ist die vom musikalischen Leiter, dem aus Linz stammenden **Christoph Campestrini,** forcierte Lautstärke des Orchesters (hier im Besonderen jene der Bläser), unter der die Balance zwischen Orchester und SängerInnen stellenweise leidet; daran können auch die sonst guten akustischen Verhältnisse des Klosterneuburger Innenhofes nichts ändern.

Wenn auch – wie **Claude Debussy** meinte – **Giacomo Puccini** in seiner Bohème die Pariser Atmosphäre besser als jeder andere beschrieben hat, gelingt es **Campestrini** nicht immer, der **Beethoven Philharmonie** und dem gründlich studierten Chor (Chorleitung **Michael Schneider**) diese Atmosphäre bei derart forcierter Lautstärke zu entlocken.

***Eine Bohème und Bohèmiens, die unsere Aufmerksamkeit verdienen!***

\---| IOCO Kritik Operklosterneuburg |---