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# Klaus Tennstedt, The Complete Warner Classics Edition 41CD, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/klaus-tennstedt-the-complete-warner-classics-edition-41cd-ioco/
- Published: 2026-09-25T11:19:49.000Z
- Updated: 2026-09-25T12:16:29.000Z
- Author: Michael Stange
- Tags: Kritiken

**Ein Leben für die Suche nach der Seele der Musik – Warner würdigt Klaus Tennstedt zum 100 Geburtstag mit 41 CDs**

Warner erinnert mit der Edition der Aufnahmen der EMI an Klaus Tennstedt. Mit seinem Dirigierstil soll er einen EMI-Produzenten an einen dementen Storch erinnert haben. Seine äußere Erscheinung gleicht auf Fotos abseits des Podiums teils einen Professor auf der Suche nach dem verschwundenen Buch. Höre ich seine Aufnahmen, sehe ich einen in der Luft gleitenden Greifvogel. Tennstedt musiziert frei, erhaben, furchtlos, konzentriert und kompromisslos. Seine fulminante Karriere und die grandiosen Konzerte, die er im Laufe seiner Karriere leitete, spiegeln sich in dieser Box.

Klaus Tennstedt war lebenslang ein Außenseiter. Dies galt für seinen Lebensweg, seine Schicksalsschläge und seine Karriere. Nur durch die Liebe der Musiker in Großbritannien und den USA, die ihn wie einen Messias empfingen, der aus den Noten einzigartige Klänge hervorzauberte, kam seine Karriere rasch in Schwung und nahm einen kometenhaften Lauf. Er verlangte den Musikern bedingungslosen Einsatz ab. Seine große Karriere und einen wesentlichen Teil seines Ruhmes erwarb er in England und den USA. Dort hatte er eine glühende Gemeinde und die „Klauseteers“, die ihm zu jedem Konzert nachreisten. Klaus Tennstedt hat einen weiten Weg bis zum Ruhm zurückgelegt.

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Klaus Tennstedt mit dem Kieler Generalintendanten Joachim Klaiber copyright WIKICOMMONS

In eine Musikerfamilie hineingeboren, konnte er nur aufgrund seiner schwachen Gesundheit dem Wehrdienst und dem Krieg entgehen. Sein Vater war 2\. Konzertmeister am Opernhaus Halle. Klaus Tennstedt musste in seiner Kindheit ein strenges Programm an Geigen- und Violinstunden absolvieren, das ihn auf seine Zukunft als Geiger vorbereiten sollte. Das Geigenspiel musste er nach wenigen Jahren infolge einer Erkrankung aufgeben. So entschied er sich, seine Musikerlaufbahn als Korrepetitor und Dirigent fortzusetzen. Nach seinem Dirigier-Debüt in Halle folgten Stationen in Chemnitz und als Generalmusikdirektor der Landesbühne Radebeul. Die gleiche Position übernahm er am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin von 1962 bis 1971\. 

Durch die Aufführung von Rolf Liebermanns *Die Schule der Frauen* kam Tennstedt schon 1959 in Kontakt zu Rolf Liebermann und gab auch Gastspiele in Hamburg. In der DDR galt der Dirigent wegen seiner freimütigen Äußerungen als politisch unzuverlässig. Versuche, die DDR zu verlassen, schlugen fehl. Seit Ende der sechziger Jahre dirigierte Tennstedt in Salzburg und Göteborg, weil die Behörden wohl annahmen, er werde die DDR nicht ohne seine Frau verlassen. Anfang der siebziger Jahre hing Klaus Tennstedt förmlich in der Schwebe. Der Schweriner Vertrag war ausgelaufen, größere feste Engagements waren in der DDR nicht in Sicht. Tennstedt war in einer Sackgasse und wusste, dass die DDR ihm niemals die nötige künstlerische Freiheit für seine Entfaltung geben konnte. Seine Rettung war der Intendant der Kieler Oper, Joachim Klaiber. Er hörte Tennstedt in einer *Fledermaus*\-Premiere in der Komischen Oper in Berlin und bot ihm ein Engagement in Kiel an. 

Den Ausschlag zu seiner Flucht gab, dass er sich aufgrund eines überlangen Visums in Berlin für seine Frau einen professionellen Fluchthelfer organisieren und nach der Flucht seiner Frau selbst im Ausland bleiben konnte. Nach deren Gelingen stand der Karriere Tennstedts nichts mehr im Wege. Seinen Lebensweg und die internationale Karriere hat der Regisseur Georg Wübbolt in seinem ungemein lesenswerten Buch *Klaus Tennstedt – Besessen von Musik* profund, teilnahmsvoll, packend und lebendig nachgezeichnet. Bei allen Erfolgen blieb er trotz seines Rolls Royce bodenständig. Bis zu seinem Tode wohnte er in seinem Penthouse in Kiel-Heikendorf, bewunderte stundenlang Himmel, Meer sowie Schiffsverkehr und trug seine Liebe zur Kieler Förde in die Welt.

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Wohnhaus Klaus Tennstedt Kiel-Heikendorf

Die Veröffentlichung ist auch deswegen so verdienstvoll, weil Klaus Tennstedts Spuren in Deutschland ein wenig verweht sind. Die Edition enthält Live- und Studioaufnahmen von Mahlers Sinfonien sowie Werken von Beethoven, Brahms, Wagner, Bruckner, Richard Strauss und weiteren. Neu in HD remastert vom Art & Son Studio, die schon die Warner-Furtwängler-Box und zahlreiche weitere Editionen aufpoliert haben, wurden Tennstedts Aufnahmen von Griegs Klavierkonzert in a-Moll, Schumanns Klavierkonzert in a-Moll mit Horacio Gutiérrez sowie von Brahms’ Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll mit Garrick Ohlsson. Letzteres wird hier zum allerersten Mal auf CD veröffentlicht. Auch zwei Sinfonien Bruckners und die Live-Aufnahmen der Mahler-Sinfonien wurden von Warner Japan klanglich überarbeitet.

Klaus Tennstedt steht für einen Dirigententyp, der sich außerhalb des Mainstreams und der in seiner Ära bevorzugten "Objektivität" bewegte. In keinem Teil des geteilten Deutschlands fand er eine musikalische Heimat. Klaus Tennstedt war ein hypersensibler Sucher nach der Wahrheit in der Musik. Vieles hat an seiner seelischen Stabilität gerüttelt. Neben den Erfahrungen von Kriegs- und Nachkriegszeit, den Kämpfen um Anerkennung in der DDR war der einschneidendste Schicksalsschlag der Suizid seiner einzigen Tochter als Folge einer unglücklichen Liebe. Er war hypernervös, rauchte Kette, sagte unzählige Konzerte und einmal sogar eine Tournee aus Angst vor dem Erscheinen eines Kritikers ab. Proben zu *Elektra* in Kiel sollen aufgrund von Konflikten mit dem Orchester in Tränen und einem Nervenzusammenbruch Tennstedts geendet haben. Ähnliches wird aus seiner Zeit beim NDR und von späteren Proben kolportiert. 

Wer sich ein Bild von den Orchestern jener Jahre machen möchte, kann erleben, wie Carlos Kleiber mit dem Orchester des SWR probt. Dort ist in einzigartiger Weise zu sehen, wie Kleiber die knarzig spielenden, oft bieder wirkenden älteren Herren von beamtischen Musikanten zu feurig auftrumpfenen Virtuosen formt. Im Buch *Corresponding with Carlos: Carlos Kleiber* des Dirigenten Charles Barber kommentiert Kleiber, der ein großer Perfektionist und kritischer Beobachter war, Tennstedts Dirigat einer Video-Aufnahme von Mahlers 1\. Sinfonie mit dem Chicago Symphony Orchestra. Er schrieb Barber: „Ich finde ihn einen sehr sympathischen Dirigenten. Körpersprache ohne Show, es ist alles da! Kurz gesagt: Endlich jemand, den man bewundern kann! Echtheit, die nervöse Energie, das Dämonische und die Liebe zur Musik, alles ist da.“ Tennstedts nach Wahrheit suchende Interpretationen hatten ihn wohl zutiefst bewegt.

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Klaus Tennstedt copyright Klaus Hennch/Warner Music

Schon bei überschlägigem Hören zeigt sich, dass die Warner-Edition von Klaus Tennstedts Einspielungen ein großer Wurf und unglaublich verdienstvoll ist. Neben den Warner-Ausgaben Wilhelm Furtwänglers und Otto Klemperers ist sie eine der wichtigsten Gesamtausgaben eines Dirigentennachlasses auf Tonträgern bei Warner.

Tennstedt steht im Wesentlichen für das europäische romantische Repertoire und auch für seine umjubelten Mahler-Aufführungen. Bei Mahler ist Tennstedts Ansatz der subjektiven Lesart am ergreifendsten. Tennstedt konfrontiert die Hörer mit seinem Fragen und Zweifeln und seiner ergreifenden persönlichen Auffassung von Mahlers Kompositionen. Kennzeichnend ist primär sein meditativer und suchender Ansatz, der sich durch teilweise langsame Tempi und mächtige auftrumpfende Ausbrüche auszeichnet. Die innere Welt Mahlers, die Suche nach Klang und Ausdruck und Wahrhaftigkeit trafen Tennstedts innersten Nerv. Sie führten zu unvergleichlich intensiven Interpretationen, die auch auf den Tonträgern mit unglaublicher Präsenz nachklingen.

Seine Interpretationen sind völlig konträr zu denen Giuseppe Sinopolis. Den Italiener zeichnen sein analytisches Herangehen und seine rhythmische Präzision aus. Er interpretiert Mahler eher aus der Sicht eines Psychiaters, der Mahlers Werke seziert und in der Größe der Musik nach Brüchen sucht und ihn auch als Brücke zwischen Tradition und Avantgarde begreift.

Tennstedt erweckt bei seinen Dirigaten sein inneres Erleben von Mahlers Musik in jeder Nuance der Partituren. Tennstedts inneres Gespür und seine Fähigkeit, mit dem Orchester Mahlers Sinfonien als architektonische Schöpfungen in einzigartiger Dichte wie aus einem Guss erstehen zu lassen, sind immer noch von singulärer Suggestivität. Vergleichbar ist sein Musizieren mit dem organischen Ausbruch eines Vulkans von den ersten Erschütterungen bis zur Feuersbrunst.

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Klaus Tennstedt, Ortrun Wenkel, John **Willan* copyright Reg Wilson/Warner Music

Zentrale Elemente von Mahlers Musik wie Leid, Erlösung, Erinnerung, Verklärung, aber auch die Sehnsucht nach dem Jenseits sind besonders plastisch hervorgehoben. Dirigenten, die wie Tennstedt Leid und Brüche im Leben erfahren haben, mögen durch diese individuellen biografischen Erfahrungen besonders für Mahler prädestiniert sein.

Der für die EMI eingespielte Zyklus entstand in einem Zeitraum von neun Jahren zwischen 1977 und 1986\. Der Klang ist hervorragend. Die Sinfonien 4, 6, 7, 8 und „Das Lied von der Erde“ sowie die drei Live-Aufnahmen der Nr. 5 von 1988, der Nr. 6 von 1991 und der Nr. 7 von 1993 wurden bereits digital aufgenommen. Diese Aufnahmen sind von großer Wärme im Klang, verfügen über beeindruckende Dynamik und bestechen auch durch räumlichen Klang. Trotz des Alters zählen sie auch klanglich zu den Referenzaufnahmen der Digitalära. Die Remasterings der analogen Aufnahmen, wie beispielsweise in der 1\. Sinfonie, bieten ein weit aufgefächertes räumliches Klangbild mit ausgezeichneter Dynamik und Wärme. Dem ausgezeichneten Mahler-Zyklus unter Eliahu Inbal bei Denon, einem der herausragenden Pioniere der Digitalära, der heute noch als Referenz für digitale Mahler-Aufnahmen gilt, sind diese Aufnahmen klanglich vollständig gleichwertig.

Die Sinfonien 1., 5., 6\. und 7\. liegen in zwei Einspielungen vor. Dadurch ergibt sich die Gelegenheit, der These nachzugehen, ob Tennstedt ein größerer Live-Dirigent war. Der gesamte Zyklus zeigt, wie innig die Verbindung zwischen Orchester und Dirigent war. Sowohl im Studio als auch live ist ein eingeschworenes und eingespieltes Team zu hören, das emotional zutiefst berührende Einspielungen von tiefer Wahrhaftigkeit hinterlassen hat.

Für Tennstedt war das London Philharmonic Orchestra das weltbeste Mahler-Orchester. Insbesondere Flöten und Oboen, aber auch die Holzbläser und Hörner leisten Unglaubliches und ihnen gelingen zutiefst betörende Momente von grandioser Intensität. Präzision und Glanz des Orchesters und seine technische Meisterschaft lassen so außergewöhnliche Momente entstehen. Tennstedts Mahler-Aufnahmen sind eine Bereicherung sowohl für den erfahrenen Sammler als auch für den Neuling, der in die Herrlichkeiten von Mahlers sinfonischer Welt eingeführt werden möchte.

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Klaus Tennstedt Kiel copyright WIKICOMMONS

Tennstedt entwickelt den Beginn der Ersten Symphonie mit enormer tastender Zartheit und gleichsam suchenden Tempi. Mit der Trompetenfanfare wird Dringlichkeit eingeläutet, die zu einem ergreifenden Höhepunkt entwickelt wird. Erneut punkten Blech und Hörner mit Schwung und Klangschönheit. Ein wesentlicher Faktor der Stärke der Aufnahme ist Tennstedts Gespür für Tempo und Timing. Auch an den Rubati zeigt sich seine Fähigkeit, Entspannung und Schwung gegeneinander abzuwägen und an den entscheidenden Punkten dynamische Akzente zu setzen, die Dramatik und das innere Wesen der Komposition zutage treten lassen.

Die Zweite Sinfonie wirkt überaus dicht und tragend, mit großer Energie musiziert. Doris Soffel liefert ein glänzendes Solo. Insgesamt ist die Einspielung von Opulenz und grandiosen Momenten geprägt.

Die Dritte Sinfonie ist klanglich und interpretatorisch unglaublich stark. Die verschiedenen Farben der Komposition zwischen brütender Mystik und dunkler Mahnung erhellen Ironisches und zeichnen sich durch eine klug disponierte Bedächtigkeit aus. Tennstedt schafft mit dieser Aufnahme einen Meilenstein der Mahler-Diskografie und eine Aufnahme, die auch beim wiederholten Hören immer wieder Neues offenbart.

Die Vierte Symphonie geht Tennstedt mit lyrisch feinsinnigem Ansatz an und überzeugt erneut durch emotional berührende Gestaltung. Tennstedts Tempi variieren zwischen elegisch und rasant zupackend. In der Summe ist seine Einspielung eine zarte, emotional anrührende Darstellung, die den Anblick des ewigen Lichts vermittelt. Lucia Popp überzeugt durch ihre sprühende, betörende Anteilnahme und ihren ätherischen Tonansatz.

Mit der Fünften Sinfonie ist Tennstedt gleichfalls ein großer Wurf gelungen. Seit ihrer Erstveröffentlichung ist sie eine Referenz in der Mahler-Diskografie. Das Orchesterspiel ist interpretatorisch geschlossen und von glühender Intensität. Das zentrale Scherzo, aber auch die übrigen Sätze glänzen durch die Virtuosität der Hörner und des Blechs. Gerade diese Aufnahme verdeutlicht Tennstedts Leidenschaft in besonderer Weise.

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Klaus Tennstedt copyright Klaus Hennch/Warner Mucic

Die Sechste Sinfonie ist eine der langsamsten Aufnahmen aller Mahler-Einspielungen. Tennstedt erreicht hier eine berückende Dynamikbeherrschung. Er webt das Werk wie einen Teppich mit einem in sich verschlungenen Webmuster. Seine Aufnahme ist voller Elegie ohne die Hektik und Dringlichkeit anderer Einspielungen. Hier kommen sich die Welten Tennstedts und Bernsteins am nächsten. Beide sind voller Grandeur, aber Tennstedt wirkt abgeklärter und dadurch näher an der Ewigkeit.

Auch die Siebte kommt mit immenser Ruhe, aber ungemein fesselnd Kraft daher.

In der monumentalen Achten Sinfonie bündelt, inspiriert und entfesselt Tennstedt alle Kräfte. Mit Macht und Gespür für die dramatischen Wendungen zählt sie zu den subtilsten und eindringlichsten Aufnahmen dieses großen, aber zerklüfteten und teils unorganisch oder sperrig anmutenden Werkes. Die Solisten sind exzellent. Edith Wiens als Una Poenitentium ist ungemein intensiv. Elisabeth Connell punktet mit prächtigem Organ und Richard Versalle mit heldentenoraler Pracht. Der Klang ist sehr fein. Der Chor ist fein in das Gesamtgefüge eingebettet. Tennstedt gelingt dadurch größte Klarheit, wobei die Interpretation Gewicht und Macht verströmt. Seine Tempi sind wohlbedacht. Erneut beweist er seine klare, weite und übergreifende Vision, wie die Musik verlaufen soll. Die Chöre sind mitreißend und singen mit Emphase und brillanter Intonation.

Die Neunte Sinfonie versteht Tennstedt als großes, grandios-düsteres Monument. So wirkt sein Ansatz ein wenig verloren, punktet aber mit herrlichen Spielstellen und eindrucksvollen Momenten.

Das Adagio aus der Zehnten Sinfonie klingt exzellent und ist voller Spontaneität und fesselnder Momente.

„Das Lied von der Erde“ punktet durch Tennstedts leidenschaftliches Dirigat. Spannung und furiose Wucht kennzeichnen das glänzende Spiel des Orchesters. Den Streichern gelingt ein schimmerndes Spiel mit großen Bögen. Klaus Königs Tenor ist von heroischer Kraft und verfügt über die nötigen Spitzentöne. Agnes Baltsa punktet durch große Melancholie.

Tennstedts tief empfundene Liebe zu Mahler und seine Gestaltungskraft sind sicher auch Spiegel seines eigenen seelischen und körperlichen Leidens. Dadurch sind die Interpretationen nie glatt und technisch perfekt. Ihre Meisterschaft liegt in Tennstedts seelenvoller Involviertheit und der Fähigkeit, dies mit dem Orchester in Klang zu gießen. Dadurch hat er einen Platz unter den größten Interpreten Mahlers errungen.

Ein weiterer Höhepunkt der Edition sind Tennstedts Einspielungen mit den Berliner Philharmonikern. Dies war eine ungewöhnliche Kooperation. In jenen Jahren wurden kaum Aufnahmen der Berliner Philharmoniker mit anderen Dirigenten als Herbert von Karajan, Karl Böhm und einige Bruckner-Sinfonien unter Eugen Jochum eingespielt. Karajan hatte insbesondere mit seinen Opernaufnahmen seine Fühler zur EMI ausgestreckt, um mehr Projekte zu realisieren und seinen Einfluss in der Musikwelt auszuweiten.

Neben Klaus Tennstedt kam es sehr selten zur Zusammenarbeit von EMI-Dirigenten und den Berliner Philharmonikern für Tonträger. Ein Grund mag sein, dass Karajan das Orchester ein wenig als seine Privatkapelle behandelte. Klaus Tennstedt war ein Sonderfall. Karajan hörte eine Aufnahme und wollte ihn kennenlernen. So wurde ein Treffen in Karajans Suite im Berliner Hotel Kempinski, in dem er bei seinen Berlin-Aufenthalten residierte, arrangiert. Tennstedt war vor dem Treffen furchtbar nervös. Die Begegnung war aber sehr herzlich. Beide saßen bis in den frühen Morgen zusammen, tranken und lachten. Karajans Wertschätzung führte zu rund 25 Konzerten und mehreren Studioaufnahmen von Karajans Kernrepertoire. Die Einspielungen entstanden von 1978 bis 1984\. Sie umfassen unter anderem Schumanns „Rheinische“, Mendelssohns „Italienische“ und Schumanns Vierte, Orchesterstücke aus Wagners *Ring des Nibelungen* und *Tannhäuser*, Bruckners Vierte „Romantische“, Schuberts „Große“ C-Dur-Sinfonie und Dvořáks „Neue Welt“.

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Klaus Tennstedt copyright Klaus Hennch/Warner Music

Tennstedt gelang es, neben der von Karajan geforderten Geschmeidigkeit und Brillanz dem Orchester erdverbundenere Wärme zu entlocken. Bruckners Vierte versieht Tennstedt mit großzügigem Klang, erhabener Wucht und starken Kontrasten. Schumanns „Rheinische“ wird kräftig und lebendig interpretiert. Besonders wirkungsvoll ist der feierliche, prozessionsartige Charakter des vierten Satzes und der jauchzende Schwung des Finales. Auch in der Vierten Sinfonie gelingt die Gegenüberstellung des gleichsam getriebenen Untertons und der romantischen Wärme. Schuberts „Große“ verfügt über eine breite Palette an Farben und große Wirkung. Wegen der Expressivität der Einspielung und des furiosen Finales ist diese Aufnahme auch heute noch ein großer Wurf. Die Aufnahmen der Wagner-Orchesterstücke sind durchwachsen. Der Walkürenritt wirkt, wie bei Karajan, lyrisch und wenig martialisch. Siegfrieds Rheinfahrt besitzt einen verhaltenen Schwung, der nicht recht zündet. Orchestrale Pracht und Düsternis kommen erst im Trauermarsch auf. Hier werfen Orchester und Dirigent Wucht und orchestrale Pracht in die Waagschale.

In Dvořáks „Neue Welt“ zeigt sich Tennstedts Gespür für dramatische Spannungsbögen und klangliche Differenziertheit. Sie bildet einen starken Kontrast zur glatteren Karajan-Ästhetik. Leidenschaftlich, energiegeladen und klanglich opulent lässt Tennstedt das Orchester erklingen und betont die dramatischen Kontraste und die emotionale Direktheit des Stückes. Das Largo prunkt mit Innigkeit und das Scherzo mit rhythmischem Biss. Im Finale werden feurige Intensität und orchestrale Pracht entfesselt. So ist die Aufnahme nicht mit „böhmisch-volkstümlich“ gelabelt, sondern eine groß angelegte, romantisch-expressive Deutung, die das Werk eher in die Nähe von Brahms und Bruckner rückt.

In allen Aufnahmen spielen die Berliner Philharmoniker mit enormer Klangschönheit und Präzision. Manchmal, gerade bei Bruckner, schimmert noch der Furtwängler-Sound durch.

Die Richard Strauss-Aufnahmen Tennstedts mit dem London Philharmonic Orchestra sind gleichfalls beeindruckend. In Also sprach Zarathustra, Don Juan und Tod und Verklärung entfaltet er seine charakteristische Mischung aus dramatischer Wucht, klanglicher Opulenz und seelischer Intensität, die ihn so unverwechselbar machten. In Zarathustra besticht die organische Bogenführung. Die berühmte Sonnenaufgangs-Fanfare ist nicht nur Effekt, sondern organischer Beginn einer existenziellen Reise. Die Vier letzten Lieder mit Lucia Popp sind von einer tiefen, fast magischen Innerlichkeit geprägt. Lucia Popps gelingt eine ätherische Erdenferne, die mit einem Schritt im Jenseits steht. Tennstedts behutsam fließende Begleitung schafft dazu eine Atmosphäre von stiller Verklärung und von Abschied. Hier zeigt sich erneut, wie sehr Tennstedt die spätromantische Sehnsucht und die Todesnähe bei Strauss nachfühlen und in Klang verwandeln konnte. 

Eine weitere beeindruckende Einspielung sind die Opernszenen und Arien mit Jessye Norman mit dem London Philharmonic Orchestra. Sie fanden 1987 in London statt undJessye Norman war stimmlich vollends auf der Höhe. Mit dunklem Samt, großem Volumen und ihrem einzigartigen warmen Timbre interpretiert sie Wagner Arien, die sie oft nur im Konzert sang. Isoldes Liebestod, Elisabeth (Dich, teure Halle und Allmächt’ge Jungfrau), Senta (Ballade) und Brünnhilde (Schlussgesang aus der *Götterdämmerung*). Der Klang ist warm und von starker Präsenz. Jessey Norman war ein Stimmwunder mit souveräner Atemtechnik und einem samtigen tiefen Register. Unerreicht ist auch ihre strahlende Höhe. Tennstedt und das LPO liefern ein Orchester, das im Tristan Vorspiel zwischen seidigem Fluss und dramatischer Wucht variiert. Tennstedt liefert mit dem Orchester einen immensen Farbreichtum und dramatisch packende Momente. Die Produktion war laut Darstellung von Georg Wübbolt von großen Konflikten überschattet, weil Norman eine Klavierprobe mit Tennstedt verweigerte. Heute zählt die Aufnahme zu einem Klassiker.

Die gesamte Edition ist von immenser emotionaler Intensität. Tennstedt arbeitete mit deutlichen agogischen Freiheiten. Dehnungen und langsame Tempi führten zu emotionalen Höhepunkten. Das Vorwärtstreiben in dramatischen Passagen oder auch abrupte Tempowechsel sind weitere Merkmale seiner Interpretationen. Bei Tennstedt dominiert der dunkle Orchesterklang. Die Streicher singen und das Blech hat Gewicht und Farbe. Daneben verfügte Tennstedt über einen starken architektonischen Instinkt. Davon profitieren insbesondere die Mahler-Sinfonien, weil Mahlers Impulsivität und seine Seelenqualen musikalisch einzigartig gestaltet werden. Tennstedt vermittelt eine existenzielle Dringlichkeit und sucht in der Musik nach der Wahrheit und dem philosophischen Kern. So erleben er und das Orchester innere Konflikte. Sie durchleben Freude, Schmerz, Sehnsucht und Erlösung.

Diese Intensität beinhaltete auch extreme Steigerungen und Momente tiefer, verletzlicher Innigkeit. Für Tennstedt war, wie für Carlos Kleiber, das Musizieren ein Ringen um letzte Wahrheiten und eine Sache auf Leben und Tod. Dies fangen die Aufnahmen in immenser Dichte ein. Diese Edition würdigt einen Dirigenten, der schon in seiner Zeit ein Außenseiter war, der nur der Musik und nicht dem Kommerz verpflichtet war.

Neben der Edition existieren zahlreiche Live-Aufnahmen von berückender Qualität. 

Für mich ist Klaus Tennstedt einer der bedeutendsten Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts, Mit seiner kompromisslosen Suche nach Seele und Wahrheit der Musik hat er wie ein Vulkan die Kräfte aller Beteiligten entfesselt und einen betörenden Nachlass hinterlassen. Seine Dirigaten folgen immer dem Fluss der Musik. Exzentrische Allüren oder die Absicht im Vordergrund zu stehen, sind im fremd. Er war kein mythischer Maestro sondern der Klaus, der kam um Musik zu machen und das Publikum in fremde Welten und Ekstase zu versetzen. Dies macht alle Aufnahmen der Edition hörenswert und sie klingen lange nach.

Eine wichtige Veröffentlichung, die einen reichen Musikschatz und das Andenken an Klaus Tennstedt in einer kleinen schmucken Pappkiste birgt. Ein großer Dank an Warner für diese phantastische Edition!

[The Complete Warner Classics Edition 41CD | Warner Classics![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/icon/favicon_2-26cbe16a-fe65-4c81-8d99-604d8c5cd1a5.ico)Warner Classics![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/thumbnail/5026854201443-20Klaus-20Tennstedt-20--20Complete-20Warner-2041CD_preview-4f760610-feba-487d-bdaa-95ea4b214fda.jpg)](https://www.warnerclassics.com/de/release/complete-warner-classics-edition-41cd?ref=ioco.de)