> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Jules Massenet - Visions / Brumaire / Espada / Les Érinnyes, IOCO CD-Rezension, 18.11.2020
- URL: https://www.ioco.de/jules-massenet-visions-brumaire-espada-les-erinnyes-ioco-cd-rezension-18-11-2020/
- Published: 2020-11-18T11:00:43.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:05:28.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Deutsche Oper am Rhein, Pressemeldungen & Nachrichten

![Naxos CD 8.574178, 2020 - Jules Massenet ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/11/massenet-cover-gut-neu.jpg)

Naxos CD 8.574178, 2020 - Jules Massenet

# **Jules Massenet *\- Royal Scottish National Orchestra - Jean-Luc Tingaud***

# **Vi*sions - Symphonic Poem, Brumaire - Overture, Espada - Suite, Les Érinnyes - Incidental Music, Phèdre - Overture***

**Jules Massenet Naxos CD 8.574178 - 2020**

von **Julian Führer**

![Jules Massenet Grab in d'Égreville - Seine-et-Marne -Paris © Wikimedia Commons - Gegeours ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/11/grab-von-_jules_massenet-neu.jpg)

Jules Massenet Grab in d'Égreville - Seine-et-Marne -Paris © Wikimedia Commons - Gegeours

**Jules Massenet** (1942-1912) war ein ausgesprochener Vielschreiber. 27 Opern, 200 Lieder, dazu Ballette und diverse Schauspielmusiken zeugen von seiner ungebremsten Schaffenskraft. Heute sind nur noch die Opern **Manon** und ***Werther*** bekannt (beide zuletzt am **Opernhaus Zürich - siehe Trailer unten -**  zu erleben), allenfalls noch **Thaïs.** Vorliegende Aufnahme präsentiert weniger bekannte oder auch ganz vergessene Werke des französischen Komponisten. Mit **Jean-Luc Tingaud** steht ein ausgewiesener Spezialist für das französische (Opern-) Repertoire des ***Fin de Siècle*** am Pult. Aufgenommen wurden diese Stücke am **27\. und 28\. August 2019** im New Auditorium der **Glasgow Royal Concert Hall.**

**Werther von Jules Massenet mit Diego Florez in Zürich**youtube Trailer Opernhaus Zürich **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

1899 veröffentlichte **Édouard Noël** das weitschweifige Schauspiel ***Brumaire,*** das den damals genau ein Jahrhundert zurückliegenden Staatsstreich **Bonapartes** am 18\. **Brumaire** des Jahres *VIII (= 9\. November 1799*) zum Thema hatte. **Massenet** komponierte hierzu eine 1901 aufgeführte mitreißende Ouvertüre. Zunächst dräuen Bläser und Pauke, dann folgt in den Streichern ein Seitenthema in Moll, gestopfte Hörner und brummende Bässe künden von drohendem Unheil. Punktierte Rhythmen vor allem der Celli künden von Rastlosigkeit – ein effektvolles Stück Gebrauchsmusik, sicher nicht für die Ewigkeit komponiert. Nach gut der Hälfte des Stückes hört man die kleine Trommel und Trompetenfanfaren aus der Marseillaise *(„Aux armes, citoyens!“*), die von Glocken, Flöten und Harfen abgelöst werden (eine Apotheose von **Gounodschem** Format kündigt sich an). Die Bläsersätze werden üppiger, von Becken und Trommel untermalt, und münden in einen wahrhaft großen Schluss. So kam **Napoleon** musikalisch in der Rückschau an die Macht – die **Marseillaise** freilich ließ er nach seiner Kaiserkrönung 1804 verbieten. Ein effektvoller, gelungener Auftakt.

![ Visions - poëme symphonique - Handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Massenet © Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/11/visions___poeme_symphonique_pour_massenet_jules-neu2.jpg " Visions - poëme symphonique - Handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Massenet © Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France")

Visions - poëme symphonique - Handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Massenet © Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

**Massenet : Die Wiederentdeckung eines vielseitigen Vielschreibers** **Massenet mit unbekannten Stücken auf neuer Naxos CD**

Es folgt die symphonische Dichtung Visions von 1891, die eigenhändige Reinschrift der Partitur Foto links. Über lange Zeit dominieren Streicher, besonders im hohen Register (*ein Hauch von Brünnhildenfelsen im dritten Akt *Siegfried* weht über das Orcheste*r), eine rhythmische Flötenmelodie kommt hinzu, von Oboen und Klarinetten übernommen (eine recht deutliche Reverenz an **Wagners *Waldvogel***). Nach sechs Minuten lösen Solovioline, Harfe und Harmonium das Orchester ab (mit viel Nachhall aufgenommen). Erst zweieinhalb Minuten später setzt mit einem *ppp-Schlag* des Tamtam das Orchester wieder ein, das in den nächsten Takten zu großem Volumen findet, bevor es wieder zur friedlichen Anfangsstimmung zurückfindet. Massenet hat noch einmal eine Solovioline vorgesehen („*Ce solo sera choisi par le chef d’orchestre parmi les meilleurs artistes des seconds violons*“), eine Sopranstimme (*Poppy Shotts*) mischt sich mit Vokalisen in die musikalische Stimmung, die den Mittelteil wiederaufnimmt, diesmal aber mit Stützakkorden der Posaunen im *pppp,* natürlich eine sehr effektvolle Mischung. In den Passagen mit vollem Orchester ist der Einfluss von **Franz Liszts** symphonischen Dichtungen unüberhörbar.

Die folgenden vier kurzen Stücke sind Auszüge aus der Ballettmusik ***Espada*** von 1908 – wie andere Werke **Massenets** auch von einem spanischen Sujet inspiriert. Instrumentierung (Englischhorn, Kastagnetten) und Molltonleitern erinnern je nach musikalischem Hintergrund entweder an Spanien oder an **Bizets *Carmen,*** wobei **Massenet** bei diesem Handlungsballett natürlich auf illustrative und ‚tanzbare‘ Musik geachtet hat. Toreador und Andalusierin tanzen einen aus der französischen Balletttradition kommenden *Pas de deux,* **Giselles** (Ur-)Enkelin hat eine schöne Orchesterpartie – Harfen und Violintriller lassen es erahnen: *„Ils se donnent un long baiser.*“ Die vier Stücke der Suite enden mit dem Tanz der ***Mercedes*** – Schellen, Harfenakkorde, Dreivierteltakt, alles leicht orientalisierend parfümiert. Vielleicht sollte man das ganze Ballett einmal wieder zur Aufführung bringen, das mehr als eine musikalische Kostbarkeit zu enthalten scheint.

![Naxos CD 8.574178, 2020 - Jules Massenet ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/11/massenet-back-naxos-neu.jpg)

Naxos CD 8.574178, 2020 - Jules Massenet

**Charles Marie René Leconte de Lisle** (1818-1894) war einmal Schulautor – diese Zeiten sind vorüber, seine Werke wohl vergessen. Er gehörte zu den **Parnassiens,** einer französischen Schule, zu der auch **Théodore de Banville** und der **Wagner**\-Verehrer **Théophile Gautier** gehörten. Seine Werke waren von formaler Strenge geprägt und behandelten oft antike Stoffe, so auch **Les furies**, von **Massenet** als **Les Érinnyes** in Musik gesetzt. Die *Erinnyen* (bei **Aischylos** und anderen auch *Eumeniden*) sind drei Rachegöttinnen der Antike. **Massenet** schrieb zunächst eine Version für Streicher, die er 1876 für volles Orchester erweiterte. Das Vorspiel quasi *alla funebre* schreitet im Marschtempo voran. Ein Mittelteil *Allegro con fuoco* mit Tamtam geht einer Reprise des Trauerkonduktmotivs im ppp voran. Mit relativ einfachen musikalischen Mitteln ist **Massenet** hier ein sehr stimmungsvolles Stück gelungen. Die folgende Invocation beginnt sehr ruhig mit Harfen und Flöten. Dem kultischen Charakter des Bühnengeschehens angemessen, bleibt die Musik in einem ruhig fließenden Tempo, bis ein Solocello einen elegischen Gesang anstimmt (während auf der Bühne **Elektra** ihr Opfer darbringt). Danach wird die musikalische Anfangsstimmung der Stimmung wiederholt. Es folgt ein ebenfalls sehr elegisch gehaltener Entr’acte, in dem einzig ein Unisono der Violinen etwas hellere Färbungen aufkommen lässt. Diese Zwischenmusik klingt in düsterem Moll mit Posaunen aus. Die folgenden drei Divertissements hingegen sind deutlich lebendiger, das erste (Allegro) mit Terzenketten der Flöten, die jeweils unterschiedlichen Stimmungen des restlichen Orchesters gegenübergestellt werden. Das zweite Divertissement im Andante, in den Noten mit *„La Troyenne regrettant la patrie perdue“* überschrieben, verwendet wieder Molltonleitern, die uns fremd oder alt vorkommen. Recht üppige Harfenarpeggien werden einer repetitiven Taktstruktur vorangestellt (vier Achtel – Sechzehnteltriole – punktierte Viertelnote). Abschließend (*Allegro très décidé)* ein letztes Divertissement, wieder über die Molltonleiter Fremdheit herstellend, doch mit dem spätromantischen Orchester und viel Einsatz der Harfen liebliche und schnellere Passagen gegenüberstellend. Der effektvolle Schluss ist nicht alles, was Massenet hierzu geschrieben hat – auf dieser CD ist die Bühnenmusik zu ***Les Érinnyes*** mit ca. 30 Minuten das längste Stück, es sind aber noch mehr Stellen dieses teilweise als Melodram komponierten Werks in Musik gesetzt worden, vor allem große Chorpassagen.

Das letzte Stück auf dieser CD ist die Ouvertüre zu **Jean Racines** Tragödie ***Phèdre*** von 1873\. Die Atmosphäre ist von Anfang an lastend, die knapp zehn Minuten lange Ouvertüre setzt Motive in Beziehung, aber es bleibt der Eindruck, dass Massenet hier nicht seine ganze kompositorische Energie eingesetzt hat und dass in diesem Fall das Schauspiel doch profunder ist als die vorangestellte Musik. Es mag auch an der Aufnahmetechnik liegen, dass dieses Stück nicht sehr differenziert wirkt; technisch sind **Espada** und **Erinnyen** besser gelungen.

**Die vorgestellten Stücke, vor allem die Musik zu Les Érinnyes, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Massenet sollte nicht nur auf der Opernbühne, sondern auch im Konzertsaal – und im Ballett! – wiederentdeckt werden. Diese CD leistet ihren Beitrag dazu.**

\---| IOCO CD-Rezension |---