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# Heidelberg, Stadthalle, Heidelberger Frühling - Thomas Hampson, IOCO Kritik, 28.04.2018
- URL: https://www.ioco.de/heidelberg-stadthalle-heidelberger-fruehling-thomas-hampson-ioco-kritik-28-04-2018/
- Published: 2018-04-27T06:00:13.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:45:20.000Z
- Author: Uschi Reifenberg
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Oper & Operette, Ballett, Tanz & Bewegungskunst, Konzert & Liederabend, Premiere, Klassik, johannes brahms, Richard Strauss, wolfgang amadeus mozart, giacomo puccini, giuseppe verdi, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Puccini, Premieren, Heidelberg

![Heidelberger Stadthalle © studio visuell](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/2015_stadthalle-innen_studio-visuell-klneu.jpg)

Heidelberger Stadthalle © studio visuell

[Stadthalle Heidelberg](http://www.heidelberg-kongresshaus.de/?ref=ioco.de)

# **Thomas Hampson und Wolfram Rieger - Heidelberger Frühling**

 **Lieder im Geist des Humanismus**

Von **Uschi Reifenberg**

Mit ihrem programmatischen Postulat *„Freiheit!“* nahmen der Bariton **Thomas Hampson** und der Pianist Wolfram Rieger mit ihrer Liederauswahl Bezug auf das diesjährige Motto des **Heidelberger Frühling:** ***Eigen-Arten***. Fragen und Themen zu Identität, Menschenrechten, Demokratie und Freiheit folgen dem ersten Teil des Heidelberger Leitgedankens von 2017: ***In der Fremde.*** Dieser setzte sich mit der Aufklärung auseinander, mit Toleranz und dem Kampf gegen Vorurteile.

*„Der Blick auf uns selbst, wer wir sind und was uns ausmacht, wirft auch einen Blick auf uns als Europäer, sowie auf unser sich stets wandelndes Verständnis von Identität“*, so der Intendant des *Heidelberger Frühling,* **Thorsten Riehle.** Identitätsstiftend ist für die Universitätsstadt Heidelberg auch die Kunstform Lied mit einer Tradition, die sich vom **Codex Manesse** im Mittelalter über die Veröffentlichung der Liedsammlung ***Des Knaben Wunderhorn*** im 19\. Jahrhundert bis zur 2018 gegründeten Festival-Akademie ***Neuland.Lied***  erstreckt.

Lieder sind nicht nur dem *„Kunst-Bereich“* zuzuordnen, sie erzählen von den verschiedensten Bereichen menschlichen Lebens in unterschiedlichen Stilen und in allen Kulturen. Weltweit.

![Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson © studio visuell](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/thomas-hampson-foto-heidelberger-fruehling-studio-visuell-neu.jpg)

Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfram Rieger © studio visuell

**Thomas Hampson** und **Wolfram Rieger** haben sich auf die Suche nach Liedern von der Romantik bis in die Gegenwart begeben, die von der Sehnsucht des Menschen nach einem freien und selbstbestimmten Leben handeln. Das preisgekrönte Lied-Duo, das mittlerweile eine fünfundzwanzig-jährige Zusammenarbeit verbindet, hat mit seinem breit gefächerten Repertoire, weltweiten Konzertauftritten und CD- Einspielungen Maßstäbe gesetzt. Auch in der Nachwuchsförderung sind die beiden Weltstars unermüdlich unterwegs. **Hampson** leitet seit 2011 die Heidelberger *Lied-Akademie*, **Rieger** ist Professor an der **Hochschule für Musik *Hanns Eisler*** in Berlin.

Im ersten Teil des Programmes *“Freiheit!“* kommen in erster Linie deutsche, im zweiten Teil amerikanische Lieder zur Aufführung. Einen Höhepunkt bildet der Liederzyklus *„Civil Words“* der amerikanischen Komponistin und Pulitzer Preisträgerin **Jennifer Higdon** (\*1962). Er entstand anlässlich des 150\. Gedenktages des amerikanischen Bürgerkrieges (2015) und ist dem Lied- Interpreten **Thomas Hampson** gewidmet. **Thomas Hampson** innerstes Anliegen ist es, die verschiedenen Spielarten von Freiheit in seinen Liedern zu beleuchten, sei es die persönliche Freiheit des Einen, die dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt, die Freiheit der Gedanken, die Sehnsucht der Unterdrückten nach Freiheit, oder auch die politische Freiheit.

Mit der Kraft des Liedes, das lebendiger und allgemeingültiger Ausdruck menschlicher Empfindungen ist, die Welt besser zu machen, die Menschen zueinander zu führen, das ist die Botschaft des Humanisten und Sänger-Philosophen **Thomas Hampson.** Diese Erkenntnis bestätigte sich im Laufe des zutiefst bewegenden Abends. **Hampson** verlieh dieser Maxime mit seiner Stimme, seinem Charisma und seiner Wahrhaftigkeit in imponierender Weise Ausdruck.

Als kongenialer Partner stand ihm der grandiose **Wolfram Rieger** zur Seite und in perfekter Symbiose verwandelten die beiden Ausnahme -Künstler das Podium der Heidelberger Stadthalle in einen Ort der Intimität und der Erschütterung.

![ Gustav Mahler Gedenkplatte an der Hamburger Staatsoper © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/mahler-gustav-hamburgneuneu2017.jpg)

Gustav Mahler Gedenktafel an der Hamburger Staatsoper © IOCO

Das Konzert begann mit dem *Lied des Verfolgten im Turm* aus der Sammlung ***Des Knaben Wunderhorn*** in einer Vertonung von **Gustav Mahler.** Diese Sammlung wurde von **Achim von Arnim** und **Clemens Brentano** 1806 in Heidelberg veröffentlicht, zwölf Gedichte vertonte **Gustav Mahler.** Das düstere Lied führte in seiner inneren Zerrissenheit direkt hinein in die Kernbotschaft des Programms, das mit den Versen des Volksliedes beginnt: *“Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten...*“. Den inneren Dialog eines Gefangenen mit seiner Freiheitssehnsucht verkörperte **Hampson** mit nuancenreichen Farb- und Gestaltungswechseln seines weichen Baritons und mit plastischer Diktion, sprachlich detailliert ausgeleuchtet mit differenzierter Konsonantenbehandlung.

**Alexander Zemlinskys** Lied *„Mit Trommeln und Pfeifen“* nach einem Gedicht von Detlev von Liliencron führt das Kriegsthema um gebrochene und verwundete Seelen weiter. Mit opernhafter Emphase und heldischen Aufschwüngen ging Hampson an die Grenzen des Ausdrucks und Wolfram Rieger unterstrich am Flügel mit energischen Marschrhythmen, Trillern und klarster Skalen-Trennschärfe den militärischen Gestus, zarteste pianissimi verhauchten ins Nichts.

*„Der Tambour‘gsell„* und *„Revelge“,* beide aus der ***Wunderhorn*** \- Sammlung von **Mahler,** offenbarten alle Facetten unbarmherziger Kriegsszenarien wie Trostlosigkeit, Alptraum, Kampf und Tod. Diese Entwicklungen wurden von Hampson erschütternd dargestellt, jede feine Regung, jeder Gedanke hinter dem Wort fand eine eigene Entsprechung in der klanglichen Ausdeutung, ebenfalls von Wolfram Rieger am Flügel. Bassregister dröhnten in schwärzesten Farben, trügerische Hoffnung strahlte in tenorale Höhen. Der Pianist verstand es, am Flügel das ganze Spektrum orchestraler Klangfarben zu zaubern und jenseits des gewohnten Klavierklangs die dynamische Bandbreite auszuloten von leisesten pianissimi bis zu gewaltigen fortissimo Ausbrüchen, immer in idealer Harmonie mit dem gesungenen Wort.

**Paul Hindemiths** Hymne „*O, nun heb du an, dort in deinem Moor“*, geriet zu einer Miniatur der totalen Verinnerlichung und zu einer Feier der piano Kultur, anrührend, weltentrückt. Ebenfalls von tiefster Empfindung durchdrungen, mit hinreißenden Legatobögen zelebriert, war das kurzfristig ins Programm aufgenommene Lied von **Michael Daugherty** (\* 1954) *„Letter to Mrs. Bixby“.*

![Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfram Rieger © studio visuell](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/thomas-hamson-foto-heidelberger-fruehling-studio-visuell-neu.jpg)

Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfram Rieger © studio visuell

Der mit Spannung erwartete, **Thomas Hampson** gewidmete Liedzyklus anlässlich des 150-jährigem Endes des amerikanischen Bürgerkrieges von Jennifer Higdon *„Civil Words“* erzählte in fünf Gedichten von verwundeten Seelen, vom Unrecht des Krieges, von der Trauer der Zurückgebliebenen über die Gefallenen, von Friedenssehnsucht, aber auch vom Glück des Kriegsheimkehrers. Mit dramatischer Gestaltungskraft des Opernsängers und der totalen Identifikation mit den Gequälten, führte **Hampson** das Publikum in die Abgründe dieses amerikanischen Traumas. Auch die afro- amerikanischen Themen fehlten nicht, mitreißend interpretiert in den Liedern von **Henry Burleigh** „*Ethiopia Saluting the Colors*“ und **Margarete Bonds** „*The negro speaks of rivers“,* beide mit deutlichen Spiritual Anklängen.

Mit einem Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter und einem Aufruf zur Toleranz in dem Gedicht von **Walt Whitman,** vertont von **Leonard Bernstein** „*To what you said*“, endete das außergewöhnliche und ergreifende Konzert.

Das restlos begeistere Publikum entlockte den Künstlern drei Zugaben und **Thomas Hampson** und **Wolfram Rieger** ließen keinen Zweifel, dass das Lied auch im 21\. Jahrhundert „*Ein Fest der Feier des menschlichen Geistes“* und „*Spiegel der Welt ist“*.