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# Hannover, Staatsoper Hannover, La Juive - Fromental Halévy, IOCO Kritik, 10.10.2019
- URL: https://www.ioco.de/hannover-staatsoper-hannover-la-juive-fromental-halevy-ioco-kritik-10-10-2019/
- Published: 2019-10-09T15:00:33.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:56.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Hannover

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[Staatsoper Hannover](http://www.staatstheater-hannover.de/?ref=ioco.de)

![Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/01/staatsoper-hannover_-foto-marek-kruszewski.jpg)

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

# ***La Juive -* Fromental Halévy - *Die Jüdin***

## **\- Liebe unter dem Schatten der Intoleranz -**

von **Hanns Butterhof**

Die neue Spielzeit an der **Staatsoper Hannover** beginnt unter der neuen Intendantin **Laura Berman** mit einem szenisch-musikalischen Großereignis. **Fromental Halévys** tragische Oper **La Juive (Die Jüdin)** von 1835 erzählt eine Liebesgeschichte, auf die tödlich der Schatten konfessioneller Intoleranz und barbarischer Gewalt fällt. **Lydia Steyer** inszeniert in opulenten Bildern, ein tolles Ensemble und die von **Valtteri Rauhalammi** souverän geleitete musikalische Handlung stimmen zu einem eindringlichen, aufwühlenden Opernabend zusammen.

 **La Juive - Fromental Halévy**youtube Trailer der Staatsoper Hannover **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Fromental Halévys *La Juive*** mit dem Libretto von **Eugène Scribe** spielt eigentlich in Konstanz des Jahres 1414 zur Zeit eines Konzils, das um die Einheit der Katholischen Kirche und gegen Reformer wie **Jan Hus** kämpft. Die aufgeregte Zeit voller Intoleranz dehnt Lydia Steyer bis in die Gegenwart. Sie lässt jeden Akt einen Zeitsprung rückwärts machen, von den 50er Jahren in den USA zum Ende der 20er-Jahre nach Deutschland und dort in das barocke Stuttgart, bevor die Oper über die spanische Inquisitionszeit schließlich in Konstanz ankommt. Dass dieser Verweis auf die Aktualität des Stoffs erstaunlich glatt gelingt, hat nicht zuletzt darin seinen Grund, dass sich das Geschehen so erschreckend unverändert durch die Historie zieht.

So beginnt das Unheil nicht erst, als die junge Jüdin ***Rachel* (Barno Ismatullaeva**) eine Liebesbeziehung zu dem katholischen ***Prinzen Léopold* (Matthew Newlin**) eingeht. Es wird immer schon dort ausgebrütet, wo niemand derjenige sein kann, der er ist, sondern von starren Konventionen überformt und gefesselt wird.

Als Bühne für die eindringliche Handlung hat **Momme Hinrichs** eine große Video-Wand wie eine Mauer gebaut, auf die mittelalterliche Kreuzigungsszenen mit Juden als Tätern projiziert werden. Video-Technik lässt die Mauer wie durch die Posaunen von Jericho zerstieben und malt einen künstlichen Heiligenschein um den Versöhnung predigenden, aber Unterwerfung fordernden ***Kardinal Brogni* (Shavleg Armasi**). Aus der Wand lassen sich auch Tribünen für die üppigen Volksszenen und das symbolisch stimmig in Flammen aufgehende Häuschen **Éléazars** herausschieben.

![Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/la-juive_rachel-c-sandra-thenneu.jpg)

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Poppig bunt beginnt die Oper im Amerika der 50er Jahre. Hier fährt ***Léopold*** in Elvis-Pose und verkleidet als der Jude **Samuel** im Straßenkreuzer vor, bei seiner Serenade *„Loin de mon amie*“ werden die Mädchen in Petticoats (Kostüme: **Alfred Mayerhofer)** schwach. Sein werbendes Lied aber gilt der ***Jüdin Rachel.*** Sie ist das Kind christlicher Eltern, das der jüdische Goldschmied ***Éléazar* (Zoran Todorovich**) aus einem brennenden Haus gerettet und in seinem Glauben aufgezogen hat. Eine fromme Menge, die sich für eine Prozession mit Panzern, Wagen mit Gehenkten und Geräderten versammelt hat, ist umstandslos bereit, **Éléazar** wegen Störung der Festtagsruhe zu lynchen, und stimmt dazu ein mächtiges Tedeum (Choreinstudierung: **Lorenzo Da Rio**) an. Dass ***Léopold*** als Samuel ihn schützen kann, kommt einem Wunder gleich.

Die gedrückte Stimmung einer Kirche im Untergrund breitet der düstere zweite Akt aus, der Ende der 20er Jahre in Deutschland spielt. Im Hause **Éléazars** wird mit Samuel das Pessach-Fest zur Befreiung von der Herrschaft der Ägypter gefeiert, als es beängstigend kräftig an der Türe klopft. Hastig werden alle rituellen Gegenstände abgeräumt, die Gäste versteckt und der Raum wieder in **Éléazars** Goldschmiede-Geschäft zurückverwandelt. Doch harmlos erscheint mit Hündchen die aufgedonnerte ***Prinzessin Eudoxie* (Mercedes Arcuri**), die Gattin Léopolds, um für ihn eine Goldkette zu kaufen. Sie verlässt, ohne in Samuel ihren Mann erkannt zu haben, das Haus, das mit bedrohlichem Vorschein in Video-Flammen aufgeht. Léopold gesteht ***Rachel*** seine Täuschung und erwägt, mit ihr vor der drohenden Todesstrafe für die „Rassenschande“ irgendwohin zu fliehen. Als **Éléazar** in Unkenntnis der Täuschung zustimmt, dass die beiden heiraten, bekommt der Prinz kalte Füße und flüchtet sich in die Residenz zu seiner Gattin.

![Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/jacques-halevy-foto-ioconeu2019.jpg)

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Hier ist alles voller barocker Leichtigkeit und Glanz, die Kostümabteilung prunkt mit rauschenden Röcken, glänzenden Uniformen und phantasievollen Frisuren. Vor einem Wandschirm mit dem pornographischen Boucher-Gemälde *„Leda und der Schwan“* macht sich ***Eudoxie*** für ihren Gatten schön, der sich von ihr recht widerstandslos flachlegen lässt. ***Rachel***, die ihm nachgegangen ist, macht den Skandal öffentlich, dass sich der christliche Prinz mit einer Jüdin eingelassen hat. Sofort fällt die ganze Gesellschaft, die sich zur Feier **Léopolds** um die üppigst beladene Speisetafel versammelt hatte, demütigend über die beiden her. Das Geständnis bringt alle vor Gericht, **Rachel, Léopold** und **Éléazar** \- ein Anklang an das Schicksal von *„Jud Süß“* **Oppenheimer,** der im Stuttgart von 1738 unter obskuren Anklagen zum Tode verurteilt wurde. Kurz scheint zwar ein Happy-End möglich, als ***Éléazar*** mit sich ringt, ob er nicht offenbaren sollte, dass **Rachel** ein Christenkind ist. Das würde der Anklage den Boden entziehen. Aber **Éléazars** Fesseln aus bitterem Hass und religiösem Fanatismus lassen das nicht zu.

Deren Quellen liegen tiefer in der Vergangenheit. In Rom war einst unter dem damaligen Magistrat ***Brogni*** die Familie **Éléazars** getötet, er selber verbannt worden. Jetzt ist **Brogni** als Kardinal und Präsident des Konzils Chefankläger gegen **Éléazar** & Co. Doch **Brogni** weiß nicht, dass **Rachel** seine Tochter ist, die er mit seiner ganzen Familie verbrannt glaubt.

![Staatsoper Hannover / Die Jüdin -  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/la-juive_eleazar-2-c-sandra-thenneu.jpg)

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

**Rachel** wartet 1492 in dem Gefängnis der spanischen Inquisition am Fuße einer hohen Treppe auf den Ausgang des Prozesses. Dem Flehen **Eudoxies,** ihre Anschuldigung zu widerrufen und so wenigstens **Léopolds** Leben zu retten, kommt sie aus Liebe nach; Léopold ist ein Großer, das Gericht lässt ihn laufen. Doch auch für Rachel scheint noch Hoffnung auf**. Brogni** hat von **Éléazar** erfahren, dass seine Tochter noch lebt, aber nicht, wer sie ist, und bietet ihm als Rettung den Übertritt zum Katholizismus an. Doch ist dieser Weg durch **Éléazars** Hass auf die Katholiken und seinen fanatischen Glaubenseifer versperrt. Nur für **Rachel** erwägt er in tragischer Zerrissenheit diese Möglichkeit. Als er ihr die Alternative eröffnet, für eine kurze Spanne Lebens das Seelenheil auf ewig zu verlieren, wählt sie mit ihm den Tod.

Die Hinrichtung findet schließlich im Rahmen eines Volksfestes beim Konstanzer Kirchenkonzil 1414 statt. Die Menge in den Kostümen jetzt aller vorherigen Akte, mit *Go-go-Tänzerinnen* in *Stars-and-Stripes-Bikinis*, erfreut sich wieder an dem Schauspiel einer Prozession. Ein riesiger Globus als Zeichen der katholischen Weltherrschaft, Menschenfresser und Henker in Micky-Maus-Kostümen ziehen vorbei. Und in dem Moment, in dem Rachel zur Belustigung des Volks in kochendes Wasser geworfen wird und nicht mehr zu retten ist, verrät Éléazar dem Kirchenfürst in Befriedigung seines alten Rachegelüstes, dass sie seine Tochter war. Mit dem zusammenbrechenden Brogli fällt der Vorhang.

**Lydia Steyer** schafft mit klaren, teilweise witzigen und bunten, auch erschreckenden ganz der Grande Opéra gemäßen Bildern trotz der schwierigen Zeitsprünge eine schlüssige Erzählung, der man gebannt bis zum tragischen Ende folgt. Für ihre große Neigung, Kinder einzusetzen, finden sich nicht unbedingt zwingende Anlässe. Im Großen gelingen ihr jedoch ergreifend menschliche Figuren und die Entwicklung von Rollenträgern zu Menschen in all ihrem Zwiespalt, wie sie eine Zeit fortlebender Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und gewaltbereitem Fanatismus hervorbringt. Die Regie ergreift keine Partei und erlaubt so dem Publikum nicht, sich beruhigt auf der richtigen Seite zu fühlen. Das reißt aktuell die in jedem vorhandenen Vorurteile, Ressentiments und Zerrissenheiten auf, so dass man **La Juive** aufgewühlt betroffen verlässt.

Die Gesangspartien sind durchwegs hervorragend besetzt. Die junge usbekische Sopranistin **Barno Ismatullaeva** begeistert mit einem überaus gelungenen Rollendebüt. Mit ihrem warmen jugendlichen Sopran, sicheren Höhen und eindrucksvoll stimmlicher Gestaltung ihrer Rolle ist sie eine nahezu ideale, bis in den Tod liebende ***Rachel.*** Auch die Argentinierin **Mercedes Armasi** überzeugt als **Eudoxie.** Anfangs mit ihrem sehr beweglichen Koloratursopran noch etwas veralbert, gewinnt sie an Format und rührt als flehende Gattin. Der Amerikaner **Matthew Newlin** passt als **Léopold** mit seinem leichten, hellen Tenor perfekt als Bruder Leichtfuß, und der Georgier Shavleg Armasi entwickelt sich mit profundem Bass von einem empathielosen Kirchenfunktionär zum gebrochenen Vater. Der serbische Tenor **Zoran Todorovich** ist ein gesanglich ungeheuer eindringlicher **Éléazar** von starker Bühnenpräsenz. Beeindruckend sein großes Gebet im zweiten Akt, erschütternd sein inneres Ringen um den rechten Weg für **Rachel**, der er allerdings ihre Herkunft verschweigt.

![Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/la-juive_leopold-eleazar-rachel-c-sandra-thenneu.jpg)

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Wuchtig und klangschön hat der von **Lorenzo Da Rio** einstudierte Chor prächtige Szenen, und im Orchestergraben leitet Valtteri Rauhalammi das Niedersächsische Staatsorchester bei einigen kleinen Unstimmigkeiten mit der Bühne umsichtig. Die großen musikalischen Ausbrüche wie beim schrillen Entsetzen der Festgäste macht er so hörbar wie das feine Schlagen von **Rachels** Herz, und horcht musikalisch tief in die Seele des Volks und der Protagonisten hinein.

Die unbedingt sehens- und hörenswerte Oper **La Juive** endet nach dreieinhalb fesselnden Stunden und einer langen Pause betroffenen Schweigens mit großem Jubel, teils stehend dargebrachtem Beifall für **Valtteri Rauhalammi** und das Niedersächsische Staatsorchester, großem Beifall für Chor und das Sängerensemble,Trampelbeifall für **Barno Ismatullaeva** und **Zoran Todorovich.**

**La Juive** an der **Staatsoper Hannover;** die nächsten Termine:12.10 um 19.30 Uhr, 31.10.2019 16.00 Uhr

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